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Die 56. Nordischen Filmtage Lübeck – ein Resümee

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Geschrieben von Christel Busch  -  Donnerstag, den 06. November 2014 um 11:04 Uhr
Die 56. Nordischen Filmtage Lübeck – ein Resümee 4.5 out of 5 based on 124 votes.
Nordische Filmtage Lübeck

Die Nordischen Filmtage Lübeck – das europaweit größte Festival für Filme aus Skandinavien und dem Baltikum – sind zu Ende.
Vom 29. Oktober bis zum 2. November 2014 zeigten die Filmtage ein buntes Potpourri aus skandinavischen und baltischen Filmen, norddeutschen Filmen und NDR-Produktionen: insgesamt 173 Filme, darunter Spielfilme und Kurzfilme, Retrospektiven, Kinder- und Jugendfilme sowie Dokumentationen. Ausstellungen, Konzerte und Lesungen boten ein attraktives Rahmenprogramm.


Es sind nicht nur die Spielfilme, welche den Reiz der Nordischen Filmtage ausmachen, sondern auch die Dokumentarfilme. Spannend, informativ und authentisch thematisierten sie dieses Jahr die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges, Probleme von Migranten und Flüchtlingen. Insgesamt standen 27 Produktionen auf dem Programm.
 

Einige herausragende Dokumentarfilme – die leider keinen Preis erhalten haben – sollen hier vorgestellt werden. Dazu gehört „Himmlers Instrument" (Himmlerin Kanteleensoittaja). Der Finne Heikki Huttu-Hiltunen erzählt die skurrile Geschichte des finnischen Anthropologie-Studenten Yryö von Grönhagen, den Heinrich Himmler nach Karelien in Nordosteuropa schickt, um die Kultur des Runengesanges zu erforschen. Auf Anregung von Himmler wird im Juli 1935 das "Deutsche Ahnenerbe" gegründet. Die Organisation soll den „wissenschaftlichen Beweis für die Überlegenheit des deutschen Ariers durch Forschungen, insbesondere zur germanischen Vorgeschichte, erbringen." Im Frühjahr des selben Jahres verlässt von Grönhagen die Pariser Sarbonne und will zu Fuß von Paris nach Helsinki wandern. In Deutschland schreibt er für das Frankfurter Volksblatt einen Aufsatz über die Kalevala, ein Nationalepos finnischer Mythen. Der Artikel erregt Himmlers Aufmerksamkeit. Er beauftragt den jungen Mann nach Karelien zu reisen, um den arischen Ursprung des Runengesanges und der Kantele, ein seit mythischen Zeiten benutztes Zupfinstrument, zu erforschen. Von Grönhagen macht sich auf den Weg, besucht Schamanen und Sänger, fertigt Bild- und Tonmaterial der Runengesänge an. Nach dem Krieg wird er als Nazi-Kollaborateur verhaftet. Im Alliierten Gefängnis von Oslo schreibt er 1946 seine Lebenserinnerungen. Anhand der archivierten Dokumente und originalem Filmmaterial erzählt Heikki Huttu-Hiltunen die Geschichte dieser seltsamen Expedition.

Reklame in der ehemaligen UdSSR? Bereits in der Ära Nikita Chruschtschow, Leonid Breschnew und Michail Gorbatschow gibt es in der Sowjetunion Reklame, wie die estländische Dokumentation „Die Gold-Spinner" (Kullaketrajad) von Kiur Aarma und Hardi Volmer beweist. Der Film erzählt die Lebensgeschichte von Peedu Ojamaa, einem ehemaligen Eishockeyspieler und Reporter, der im Estland der Sechzigerjahre das Studio „Eesti Reeklaamfilm“ gründet. In den späten 60er-Jahren beschließt der Kreml Werbung für Konsumgüter herstellen zu lassen. Den Auftrag erhält „Eesti Reeklaamfilm“, das als einziges Unternehmen Werbefilme für die UdSSR produzieren wird. Das Filmstudio expandiert, Filialen in Moskau, Leningrad und Riga entstehen. In Anlehnung an amerikanische Vorbilder werben – allerdings mit sozialistischem Touch – Spots für Elektrogeräte, Unterwäsche, Schuhe, Margarine oder Marmelade für Astronauten. Was spielt es für eine Rolle, wenn einige Produkte gar nicht existieren oder in den Verkaufsregalen fehlen: Die Werbung jedenfalls erreicht über das Fernsehen ein Millionenpublikum. Der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutet auch das Ende von Studio „Eesti Reeklaamfilm“.

Beeindruckend ist die Dokumentation „Der Weg zur Baltischen Freiheit" (Atmodas antologija), 2013 von Askolds Saulitis für das lettische Fernsehen produziert. Der Film erinnert an die Freiheitsbewegung der baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg von der UdSSR okkupiert wurden. Anhand von Zeitzeugen, darunter Politiker der lettischen Volksfront, Journalisten und Intellektuellen sowie unveröffentlichtem Filmmaterial zeichnet der Dokumentarfilm die Entwicklung der „Singenden Revolution" nach: Am 23. August 1989, am Tag des Hitler-Stalin-Paktes, bilden rund zwei Millionen Menschen eine 600 Kilometer lange Menschenkette, welche die Hauptstädte Tallinn, Riga und Vilnius verbindet. Die Menschen schwingen Nationalfahnen und singen die von der Zentralregierung in Moskau verbotenen Hymnen und Volkslieder. Versuche der Kommunistischen Partei und der Geheimdienste die Freiheitsbewegung unter Kontrolle zu bringen, scheitern. Im März 1990 erklärt Litauen als erstes Land seine Unabhängigkeit von der Sowjetrepublik, Lettland und Estland folgen kurz darauf.

Auch in diesem Jahr ging es um einen der begehrten acht Filmpreise, die am 1. November in der Filmpreisnacht im Stadttheater Lübeck verliehen wurden. Gewinner des mit 12.500 Euro dotierten NDR Filmpreises ist der Film „Straße der Hoffnung" (Vonarstræti) des isländischen Regisseurs Baldvin Z. In der Jurybegründung heißt es: „Der Film sticht vor allem durch seine ungewöhnliche, sehr besondere Schauspielleistung hervor. Eine Geschichte, die durch eine tiefe Menschlichkeit in einer durchaus kalten Gesellschaft fesselt. Ein dramaturgischer Bilderbogen, der anmutet wie ein Roman, zeichnet dem Zuschauer verschiedene Lebensentwürfe auf, die so ungewöhnlich wie ergreifend skizziert sind." Anhand von drei Menschen, drei Schicksalen zeigt der Film des 36-jährigen Isländers ein bedrückendes Porträt der isländischen Gesellschaft kurz vor dem Finanzkollaps im Jahr 2009. Reykjavik: Eine alleinerziehende Kindergärtnerin kommt mit ihrem Gehalt nicht aus und arbeitet nachts als Callgirl; ein einst erfolgreicher Autor geht an seinen persönlichen Problemen zugrunde und verfällt dem Alkohol; ein ehemaliger Fußballspieler versucht sich als Banker und verdient sein Geld mit zwielichtigen Finanzgeschäften.

Der Publikumspreis der Lübecker Nachrichten geht an „HalloHallo" (HallåHallå) der schwedischen Regisseurin Maria Blom. Eine turbulente und warmherzige Komödie über die Liebe und die Dinge, die im Leben wichtig sind.

„Schwedenbastard" (Svenskjævel), der Debütfilm des 1984 geborenen Ronnie Sandahl erhält den Preis der Baltischen Jury. Der Film erzählt die Geschichte der jungen Schwedin Dino, die als Kindermädchen eine Arbeit in Oslo findet. Ihr Chef, ein Restaurantbesitzer, verliebt sich in sie. Eine Liebesaffäre mit ihrem Arbeitgeber beginnt.

Mit dem Kirchlichen Filmpreis Interfilm wird der norwegische Eröffnungsfilm des Festivals „1001 Gramm" (1001 Gram) von Bent Hamer ausgezeichnet: Marie ist Wissenschaftlerin. Im Auftrag des norwegischen Eichamts kontrolliert sie Zapfsäulen, Postwaagen und Skianlagen. Als ihr Vater, Leiter des Institutes, erkrankt, reist sie an seiner Stelle nach Paris, um das norwegische Referenzkilo mit dem französischen Urkilogramm abzugleichen. Der Aufenthalt in Paris stellt ihr bisheriges Leben auf den Kopf. Sie lernt den ehemaligen Wissenschaftler Pi kennen und lieben. Der norwegische Film ist übrigens als Oscar-Beitrag für 2015 nominiert. Ab Mitte Dezember kommt er in die deutschen Kinos.

Aus der Sparte Kinder und Jugendfilme werden „Der Junge mit den Goldhosen" (Pojken med guldbyxorna) unter der Regie von Ella Lemhagen, Schweden, und der finnische Beitrag „Der Lehrjunge" (Oppipoika) von Ulrika Bengts prämiert. Der Dokumentarfilmpreis der Lübecker Gewerkschaften geht an die finnische Dokumentation „Früher träumte ich vom Leben" (Näin Unta Elämästä) von Jukka Kärkkäinen und Sini Liimatainen. Den CineStar-Preis erhält der deutsche Spielfilm "Unter uns das Blau" von Paul Spengemann.

Sieben NDR-Produktionen zeigte das diesjährige Lübecker Festival. Darunter „Der Tatortreiniger" mit Bjarne Mädel und Fritzi Haberlandt, „Altersglühen" mit Senta Berger und Mario Adorf und die wunderbare Dokumentation „Bonne Nuit Papa – Meine Familie in Kambodscha", Buch und Regie Marina Kem.

Das Highlight des Begleitprogrammes ist die Vorführung des schwedischen Stummfilms „Erotikon" von Mauritz Stiller in der Musikhochschule Lübeck gewesen. Stiller, als Sohn russischer Juden in Helsinki geboren, ist einer der ganz großen schwedischen Filmregisseure. 1920 inszeniert er „Erotikon", eine bissige, erotisch aufgeladene Stummfilmkomödie: Der Insektenforscher Leo Charpentier ist mehr an dem Paarungsverhalten von Hirschkäfern interessiert, als an dem eigenen Liebesleben. Seine junge, attraktive Ehefrau Irene trifft sich mit ihren Verehrern, dem Bildhauer Preben Wells – der beste Freund des Hausherrn – und dem Playboy und Piloten Baron Felix. In der herrschaftlichen Villa des Professors lebt zudem seine Nichte, die ihren Onkel anhimmelt und ihm seine Lieblingsspeise, Kohlsuppe, kocht. Ein turbulentes Bäumchen-wechsle-dich-Spiel beginnt, an dessen Ende Irene ihren Bildhauer, der Professor seine Nichte bekommt.
Nicht nur der Stummfilm beeindruckte, sondern auch die musikalische Untermalung für Stimme, Klavier, Harmonium, Schlagzeug und Melodika, die von der Kirchenmusikstudentin Natalia Uzhvi unter Anleitung ihres Professors Franz Danksagmüller komponiert und live zum Film interpretiert wurde.

Die Festivalleiter Linde Fröhlich (Artistic Director) und Christian Modersbach (Managing Director) zogen nach dem Ende der 56. Nordischen Filmtage eine positive Bilanz: Mit rund 28.000 Zuschauern erreichte das Festival einen neuen Besucherrekord. Schauen wir einmal, wie es nächstes Jahr weitergeht. Der Termin steht bereits fest: Die 57. Nordischen Filmtage Lübeck starten am 4. Und enden am 8. November 2015.
www.luebeck.de/filmtage


Abbildungsnachweis:

Header: Logo NFL
Galerie:
01. Heikki Huttu-Hiltunen: Instrument of Himmler. © Foto: IllumeOy. Himmler, Yrjö von Grönhagen and a woman.
02. Kiur Aarma und Hardi Volmer: Die Gold-Spinner. © Foto: EFI. An Estonian racing car.
03. Askolds Saulitis: The Path to Baltic Freedom. © Foto: Terra Europa. Latvians are demonstrating.
04. Askolds Saulitis: The Path to Baltic Freedom. © Foto: Terra Europa. A huge crowd of people has assembled.
05. Life in a Fishbowl © Foto: IFC. The girl walks along the dark streets.
06. Publikumspreis-Ziehung der Lübecker Nachrichten. Foto: NFL
07. Maria Blom: HelloHello. © Foto: Peter Widing/Memfis Film. Disa (Maria Sid) is sliding on a jump.
08. Marina Kem: Bonne Nuit Papa. © Foto: Sterntaucher Filmproduktion. Marina Kem travels to Cambodia to find out more about her father.
09. Live-Improvisation Mauritz Stiller "Erotikon"-Vorführung. Foto Malzahn
10. Mauritz Stiller: Erotikon. © Foto: SFI. Actors on stage.

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