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Literatur

Mein Bonaviri

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Geschrieben von Dagmar Reichardt  -  Freitag, den 11. Juli 2014 um 10:27 Uhr
Mein Bonaviri 4.7 out of 5 based on 211 votes.
Mein Bonaviri

Heute ist der 90. Geburtstag von Giuseppe Bonaviri – von Freunden liebevoll Peppino oder Pippino genannt – und unsere Freundschaft währt auf das Jahr genau ein Vierteljahrhundert.
Mein halbes Leben lang kenne ich Pippino! Das letzte Mal, als wir uns in einem besonders vertrauten Rahmen trafen, liegt zehn Jahre zurück. Es war auf der 56. Frankfurter Buchmesse 2004, und der Ehrengast war die „Arabische Welt“. Es stimmte einfach alles: Die Gastregion, zu der Bonaviri als Sizilianer eine tiefe Verbundenheit verspürte, die vitale Stimmung auf der Buchmesse, Peppinos eigene gute Verfassung und der freundliche Empfang seitens des Leiters des italienischen Kulturinstituts in Frankfurt, Dr. Piero Di Pretoro, der sich unverdrossen um Bonaviris Sonderwünsche kümmerte, von der Unterbringung des mitgereisten ältesten Enkels Gianluigi bis hin zum rohen Ei, das sich der magenempfindliche Schriftsteller zum Abendessen beim Luxus-Italiener in Sachsenhausen bestellte.

Ich erinnere mich, wie herzlich der Empfang zwischen dem Direktor des Kulturinstituts, der Familie Bonaviri – Peppino hatte außer seinem 18-jährigen Enkel auch seine Frau Lina mitgebracht, die ihn immer und überall hin begleitete – und mir ausfiel. Es war ein großes Hallo, ein familiäres Wiedersehen, auf dem Mitbringsel, warme Worte, Rechts-Links-Küsse sowie aufgeregte Umarmungen ausgetauscht wurden, wie es zwischen Italienern und alten Bekannten so üblich ist. Ganz besonders aber war es Bonaviris physische Erscheinung, seine ruhige, abwartende Art, seine schweifenden Blicke, die manchmal um den Brillenrand herum zu blinzeln schienen, sein zurückgenommenes Lächeln, seine feinen Kommentare und das Stille in ihm und zwischen uns, wenn wir gemeinsame Momente genossen, die meine geistige Verbundenheit mit diesem empathischen, verschmitzten, grundbescheidenen und schriftstellerisch substanziellen, wahnsinnig produktiven, beharrlichen und doch vielseitigen, einfallsreichen, träumerischen und phantasievollen Dichter ausmachten.


Ich war im Rahmen der Präsentation „Italienische Autoren auf der Frankfurter Buchmesse“ gebeten worden, Bonaviri auf dem „Forum Belletristik“ vorzustellen, und begann, auf Deutsch in sein Leben und Werk einzuführen, bevor er selbst das Wort ergriff und das Publikum bereits mit seinem ersten Satz in den Bann zog. Er fischte aus seiner Sakkotasche drei mittelgroße Steine, legte sie vor sich auf einen Tisch und begrüßte die Zuschauer mit nüchternen Worten: „Ich komme aus Mineo, einem kleinen Bergdorf im Osten Siziliens. Und diese Steine habe ich euch von dort mitgebracht“. Ich erinnere mich noch, wie er zuvor geduldig neben mir auf dem Podium saß und schmunzelnd meiner Vorstellung und den Geräuschen aus der Messehalle lauschte. Als sprach- und kulturverliebter, aber nicht wirklich sprachbegabter Italiener verstand er meine Rede gar nicht, aber er saß da, als würde ich tausend und eine Geschichte erzählen, als gäbe es für ihn unendlich viel aufzunehmen und als würde er sich von meiner Stimme emotional treiben lassen, während er doch körperlich ganz gelassen, durchaus zerbrechlich, gleichzeitig nonchalant und sehr präsent von seinem Platz aus das Publikum betrachtete.

Heute weiß ich, dass er mit seinen Gedanken durch die Frankfurter Hallen strich, die Atmosphäre der Buchmesse aufsog, die der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder noch ganz unter dem Eindruck der terroristischen Angriffe auf New York am 11. September 2001 mit der Aufforderung zum kulturellen Dialog in diesem Jahr erstmalig eröffnet hatte und die der Sprecher der Buchmesse mit dem politischen Signal verband, man dürfe „nicht nur eine Stimme hören auf dieser Welt“. Zur Bekräftigung dieser Botschaft waren rund 200 Autoren aus 21 Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens 2004 auf der Messe vertreten. Erst ein Jahr später sollte ich begreifen, dass Bonaviris Gedanken damals auf dem „Forum Belletristik“ genau in diese fernen Welten abschweiften: nach Ägypten, Algerien, Bahrain, Dschibuti, dem Jemen oder in den Irak, nach Jordanien, Katar, Kuwait, Libanon, Libyen, Marokko, Mauretanien, Oman, Saudi-Arabien, Somalia oder den Sudan, nach Syrien, Tunesien, in die Komoren oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Wer weiß? Wahrscheinlich am liebsten über Ländergrenzen hinweg und auf verschiedenen Sprachen, so wie eine zwitschernde Vogelschar, die in einem seiner Texte von einem märchenartigen Hügel auf Sizilien über den Wolken scheinbar zielbewusst nach Frankfurt zieht. Aus Bonaviris Sicht liest sich das auf Englisch dann so:

Finally they reached the Buchmesse. Professor Dagmar was just finishing her lecture. Her sweet thoughtful voice rang over the audience which included the two secretaries of the Italian Institute of Culture, Maria and Alessandra, and the boy Gianluigi Mastandrea himself.
There inside, everything seemed to be going on peacefully, when suddenly panic swept over the pavillons.
(Giuseppe Bonaviri: „Gli uccelli/The Birds“, Catania: La Cantinella, 2005, S. 23)

Diese zweisprachige, italienisch-englische Kurzgeschichte mit dem Titel „Gli uccelli/The Birds“ schickte mir Pippino zu meiner Überraschung ein Jahr, nachdem wir uns auf der Buchmesse getroffen hatten, eines Tages völlig kommentarlos zu, nachdem sie 2005 als kleines Buch erschienen war. Sie ist auf Italienisch von Gianluigi Mastandrea und Giuseppe Bonaviri verfasst und von Lorna Watson ins Englische übersetzt worden. Geschrieben zu vier Händen von Bonaviri und seinem Enkel Gianluigi, bzw. zu sechs Händen, wenn wir die Übersetzerin hinzunehmen. Der Mineole greift mit dieser Veröffentlichungspraxis, nicht ohne leichte ironische Verschiebung, ein Phänomen auf, das seit Beginn der italophonen Migrationsliteratur der 1990er Jahre in Italien Verbreitung gefunden hat: Ein des Italienischen nicht hundertprozentig kundiger immigrierter Schriftsteller sucht sich einen italienischen Muttersprachler – meist einen Journalisten – mit dem der Migrant dann seinen Erstling – meist einen Roman – auf dem italienischen Buchmarkt publiziert. Nur, dass im Fall von „The Birds“ der von Sizilien über Casale Monferrato schließlich in die Ciociaria abgewanderte Bonaviri selbst der Migrant ist, sein Co-Autor der eigene Enkel, und er anstelle eines Journalisten, eine Übersetzerin eingeschaltet hat!
Kurz und gut: Bonaviri schreibt also eine Kurzgeschichte über unsere Frankfurter Begegnung. Er siedelt den Schauplatz während jener – real stattgefundenen – Autorenpräsentation auf der Frankfurter Buchmesse an. Die Panik, die die Vögel auslösen, verweist atmosphärisch auf die terroristischen Attentate vom 11.9.2001, unter deren kultureller Nachwirkung die arabische Liga als Kooperationspartner für diese größte Buchmesse der Welt 2004 ausgewählt worden war. In einem eigenwillig hybriden Englisch erfährt der Leser in Bonaviris Geschichte, mein fiktives Pendant habe ihm zu diesem Anlass ein ungewöhnliches Geschenk nach Frankfurt mitgebracht:

Now you must know that that afternoon Ms Dagmar, the Lady Professor from the University of Brema, had arrived at the book fair to introduce the writer Bonaviri who had been invited by the Director of the Italian Institute of Culture, Piero di Pretoro.
Young Ms Dagmar had brought Bonaviri a present of two goldfinches and two canaries in a cage, and every now and then you could hear them singing chirp, chirp, chirp, whhhhhhhh.
(S. 20/21)

Ehrlich gesagt habe ich ihm keine Vögel mitgebracht, aber Bonaviri liebte Vögel und, wie bereits der Titel seiner Kurzgeschichte „The Birds“ verrät, spielen sie in der Erzählung, wie auch in vielen anderen seiner Werke, eine symbolische Rolle: In einer Hitchcock-reifen Szene, angefüllt vom vielsprachigen Stimmengewirr auf der Buchmesse, entwendet auf dem Höhepunkt der Erzählung eine Schar kooperierender Vögel das zuvor von der deutschen Polizei unter strengen Sicherheitsmaßnahmen zum Messegelände transportierte Originalmanuskript des Faust von Goethe aus Halle 4 am 6.10.2004, wie der auktoriale Erzähler in der Kurzgeschichte berichtet. Am Ende fliegen die von einem jungen arabischen Fischer namens Imru I Qais dressierten Vögel das wertvolle Goethe-Manuskript entlang des Mains und verlassen noch in derselben Nacht Deutschland, um den Hellespont zu passieren und die kostbare deutsche Handschrift nach Afghanistan zu bringen, wo sich deren Spuren für alle Zeiten verlieren. Im Schlusssatz erfährt der Leser, dass am Frankfurter Tatort ein Buch des Fischers, dessen körperliche Merkmale, so heißt es, nicht auszumachen waren, mit dem – intertextuell auf Immanuel Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ (1795) verweisenden und kapitalismuskritischen – Titel „Dal terrorismo culturale passeremo alla pace universale“ (dt. etwa: „Vom Terrorismus der Kulturen werden wir zum Weltfrieden übergehen“) gefunden worden sei.

Der Mineole entwirft hier eine philosophische Vision des Friedens, in der sich Ost und West, Natur und Kultur, europäische Moderne und abendländische Geschichte annähern, und der Literatur eine Schlüsselrolle zukommt. Bonaviris positiv weiblich und verhalten ökologisch geprägte Transkulturalität schließt seine persönliche Lebenswirklichkeit (die Autorenlesung in Frankfurt) und den Migrationsaspekt (die Buchmesse als Knotenpunkt und Transitraum für Tausende von Touristen, internationale Besucher, Leser und Studenten) ein. Unterhaltsamerweise beschreibt er in der Kurzgeschichte sich selbst bzw. sein Alter Ego als einen greisen Kauz und mich – der Schalk! – als seine Mutter:

[...] an eighty year old man who was almost blind [...] lived alone with only two Sicilian puppets for company and every now and then, when he felt depressed, he would raise the helmets of these puppets so that he could admire their womanly features [...]. The face of these lady puppets reminded him of his mother Dagmar-Maria who, when he was a baby, would sing sweet lullabies to him, and, as he got older, would tell him stories about going to sea in a boat full of silk ribbons and laughing grass.
(S. 22)

Rechnerisch gesehen gehört Bonaviri zur Generation meines Vaters und als „Gli uccelli/The Birds“ erschien, kannten wir uns bereits sechzehn Jahre. Insofern konnten wir uns getrost als „ziemlich beste Freunde“ betrachten und sieht man sich so manchen Scherz nach. Tatsächlich habe ich Giuseppe bereits 1989, nachdem ich mein Grundstudium abgeschlossen hatte, einen ersten Brief geschrieben, um ihn noch im gleichen Jahr in Italien zu treffen. Ich sehe mich noch auf dem Sofa seines Wohnzimmers in Frosinone bei Rom sitzen und, nachdem uns Lina – ganz Neapolitanerin! – argwöhnisch umkreist und mich mit einem Espresso bewirtet hatte, Peppinos Vogelnestsammlung in seinem mit Büchern vollgestopften Arbeitszimmer betrachten.

Bevor ich mit meiner Promotionsarbeit über Bonaviri überhaupt begann, reiste er schon im Jahr darauf d.h. 1990 und danach zwei Jahre später, 1992, erneut zum Gegenbesuch in Hamburg an, wo ich ihn an der Universität Hamburg und dem Italienischen Kulturinstitut vorstellte. Es musste wohl Sympathie auf den ersten Blick gewesen sein! Als wir uns dann 2004 auf der Frankfurter Buchmesse wiedersahen, erläuterte er mir, dass er für das Konzept seines „Buchs aus Stein“ ((„Il libro di pietra“; KulturPort.De berichtete) einen deutschen Dichter suche und lud mich kurzerhand nach Arpino für das nächste Jahr ein. Ich kam nicht allein und flog mit dem Lyriker Matthias Politycki nach Rom, um zu unvergesslichen Fahrten, geselligen Abenden und spannenden Gesprächen in Arpino, Latium und Süditalien aufzubrechen. Polityckis Gedichtbeitrag über Arpinos „Bar Fabbrizio“ wurde im darauf folgenden Jahr, 2006, unter Bonaviris Ägide während des dort jährlich stattfindenden Certamen Ciceronianum Arpinas in Stein gehauen der Öffentlichkeit übergeben und ist heute auf dem Rathausplatz der Geburtsstadt Ciceros aufzufinden, anzuschauen und auf Deutsch sowie in italienischer Übersetzung zu lesen.

Mit Matthias Politycki erinnere ich aus dieser Zeit bestimmt auch: „Hier hab ich schallend laut gelacht“ („Bar Fabbrizio“, 2005), was auch damit zu tun hatte, dass wir das Glück hatten, über Pippino den Direktor der Stiftung Umberto Mastroianni, Massimo Struffi, kennenzulernen, jenen „wilden Kerl in gelber Jacke / mit gelber Fliege, gelbem Schuh – / wir kamen tagelang schier nicht zur Ruh, / so heftig lachten wir, daß sich der Tod / ganz von alleine ferne hielt“ (ebda.). Und obwohl Giuseppe zu dieser Zeit, knapp vier Jahre vor seinem Tod, schon schlecht beieinander war, so standen er und seine kooperative, fremden Kulturen affine Haltung doch hinter dieser Einladung, war das „Buch aus Stein“ doch ohne seine lyrische Ader und seinem künstlerischen Freundeskreis undenkbar, und war und bleibt er, jedenfalls für mich, im Hintergrund dieses Europaprojekts in Arpino omnipräsent.

Keine Frage, Peppino, du warst einer der ganz Großen, für mich der größte italienische Schriftsteller überhaupt, und das beweist nicht nur die Tatsache, dass es kaum ein anderer – wie du – geschafft hat, über einen Zeitraum von zwanzig Jahren kontinuierlich für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen zu werden und sich in der Endrunde zu halten. Zu deinen Freunden zählten nicht nur der Regisseur Federico Fellini („La dolce vita“), oder der TV-„Gottschalk“ Italiens, Pippo Baudo, sondern auch Ennio Morricone, der 2001 anlässlich der Einweihung des neuen, nach dem Komponisten Licinio Refice benannten Musikkonservatoriums in Frosinone ein Gedicht von Bonaviri vertont hat, das dieser 1999 unter dem Titel „I mille rigagnoli“ (dt. etwa: „Die tausend Bächlein“) verfasst hatte. Heute hängt es als Marmortafel unter dem Titel „Ode alla Ciociaria“ (dt. etwa: „Ode an die Ciociaria“) über dem Eingang des besagten Konservatoriums. Mit Morricone, der Bonaviris Zeilen in eine Ode für einen Sopran, eine rezitierende Männerstimme und ein Orchester verwandelte, unterhielt Peppino ebenso eine Brieffreundschaft wie mit Schriftstellerkollegen wie Italo Calvino, Leonardo Sciascia oder Elio Vittorini. Mitte des 20. Jahrhunderts galt Bonaviri als der am meisten, d.h. in viele europäische und außereuropäische Sprachen (u.a. ins Russische, Arabische und Chinesische) übersetzte italienische Autor und hinterließ über hundert Werke, darunter Gedichte, Romane, Kurzgeschichten und Theaterstücke. Er schrieb für die wichtigsten Tageszeitungen im Land und fand in Frosinone in der Ciociaria seine letzte Ruhe, wohin er Mitte der 1950er Jahre gezogen war und mit seiner Familie lebte. Seine Tochter Giuseppina und sein Sohn Emanuele riefen noch in seinem Todesjahr 2009 ein internationales Studienzentrum Giuseppe Bonaviri mit Sitz in Frosinone ins Leben, das seit 2010 offiziell als nationales Kulturgut mit historischer Bedeutung anerkannt ist. Eine Stiftung Giuseppe Bonaviri („Fondazione Giuseppe Bonaviri“) existiert bereits seit gut fünfzig Jahren in seinem sizilianischen Geburtsort Mineo auf Sizilien.

Giuseppe Bonaviris starkes Interesse für die verschiedensten Kulturen hat mich immer sehr beeindruckt. Seine Freundschaft, seine mentale Offenheit, seine uneigennützige intellektuelle Solidarität, sein freier Geist und sein Familiensinn haben mich seit 25 Jahren begleitet, getragen und geprägt. Auch wenn – dem folgenden Gedicht zum Trotz, das er 2004 verfasst hat und das ich ihm anlässlich seines heutigen Geburtstags posthum in deutscher Übersetzung widme – ich nicht seine Mutter bin, so war er mir, wenn ich es recht überlege, niemals ein Ersatzvater oder je eine Art Überfigur, sondern immer ein Seelenverwandter, ein zarter, starker, charakterfester Mensch, dessen Freundschaft mich über seinen 90. Geburtstag und über sein Ableben 2009 hinaus weiter begleitet. Das Gute daran ist, dass ich Bonaviri immer neu lese, neu übertrage, neu verstehe und neu entdecke. Und die Sanftheit, die er in mir sah, trug er in Wahrheit in sich selber. Buon compleanno, Pippino padre mio!

Dagmar Dagmarìa

Dagmar Dagmarìa madre mia
quando per via suonava l’Avemaria
e cupe ombre salivano dalle valli,
a Mineo tu mi cullavi nell’amaca
fra due muri stesa con cordelle.
Il paladino Guidon Selvaggio su cavallo
andava per le fosche Ardenne, mio padre
cuciva a notte fonda; ti ricordi, madre?

Per Mineo sul monte rimontava stanco
il buio, fra gli ulivi, e riondava bianco
Fiumecaldo nella vallura. Dormiva
il corvo, crucrucru, dormiva il mandorlo.
Tu, e le altre madri, nei vicoli senza luce,
cantavate ninnenanne arabe. „Oh, dormi,
oh, dormi, mio ibn Hamdìs, la tua orma
del sonno lascia, amoruccio, nell’amaca."

Di là ad Hamburg nel mar del Nord
vanno barchette rosa con bimbi dormienti.
„Dormi, cuor mio, qui non ci sono fiordi
che impaurano, dormi ibn Hamdìs“.
La tua voce era dolce, Dagmar, ondante;
sull’orlo della rupe ascoltava la civetta,
e sui tetti la mezzaluna. Con cento colpi (1)
suonava oscura la mezzanotte sul borgo.

(1) Allora era usanza che a mezzanotte suonassero cento rintocchi dagli orologi campanari del paese.

Dagmar Dagmarìa

Dagmar Dagmarìa Mutter mein
als das Avemaria durch die Straße tönte
und dunkle Schatten talaufwärts zogen,
wiegtest in Mineo du mich in der Hängematte
an Schnüren zwischen zwei Mauern fest.
Der Paladin Guidon Selvaggio hoch zu Ross
durch die finsteren Ardennen ritt, Vater mein
bis tief in die Nacht nähte; erinnerst du, Mutter?

Müde erklomm die Dunkelheit Mineos Berge
zwischen Olivenbäumen und weiß
schäumte der Fiumecaldo im Tal. Es schlief
der Rabe, kruhkruh, es schlief der Mandelbaum.
Du und die anderen Mütter in lichterlosen Gassen
sangen arabische Wiegenlieder. „Oh, schlafe, oh,
schlafe, mein ibn Hamdìs, der Schatten des Schlafes
in die Hängematte sinke, Liebling mein.“

Dort in Hamburg in der Nordsee schaukeln
rosa Schiffchen mit schlafenden Kindern.
„Schlaf, mein Herz, hier gibt es keine Fjorde,
die dir Angst machen, schlaf ein, mein ibn Hamdìs“.
Deine Stimme war süß, Dagmar, wogend;
am Rande des Felsens der Steinkauz horchte
und über den Dächern der Halbmond. Hundertfach
schlug dumpf die Mitternacht über dem Dorf. (1)

(1) Damals war es üblich, dass um Mitternacht die Glockenuhren im Dorf hundert Mal anschlugen.

(Quelle: Giuseppe Bonaviri, I cavalli lunari, Poesia Nr. 76, Milano: Scheiwiller, 2004, S. 18; Übersetzung ins Deutsche für KulturPort von Dagmar Reichardt)


Bonaviri im WWW:
Facebookseite vom internationalen Studienzentrum Giuseppe Bonaviri
Facebookseite Giuseppe Bonaviri
Das Gründungsgedicht „Il bianchissimo vento“ (1984) des Kulturprojekts Il libro di pietra von Giuseppe Bonaviri; (auf Italienisch)
Videos zum Buch aus Stein
LE PRIME PAGINE DEL LIBRO DI PIETRA - ARPINO 1995\1996
"IL LIBRO DI PIETRA" - ARPINO (FR)


Abbildungsnachweis:
Header: Giuseppe Bonaviri (rechts) mit seinen Geschwistern in Altopiano, Mai 1959. Foto: Archiv Dagmar Reichardt.
Galerie:
01. Giuseppe Bonaviri. Foto: Silvinia
02. Buchcover: Himmelsreden (Arlecchino)
03. Buchcover Gli Uccelli
04. Buchcover: Il cavalli lunari
05. Textseite 18: Dagmar Dagmarìa
06. v.l.n.r.: Dagmar Reichardt, Giuseppe Bonaviri mit seiner Gattin Lina auf der Frankfurter Buchmesse 2004. Foto: Archiv Dagmar Reichardt

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