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Literatur

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller: „Ich bin nicht als Schriftstellerin hier...

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Geschrieben von Claus Friede  -  Mittwoch, den 28. Oktober 2009 um 18:49 Uhr
Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller: „Ich bin nicht als Schriftstellerin hier... 4.7 out of 5 based on 265 votes.
Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller: „Ich bin nicht als Schriftstellerin hier...

Schriftstellerin bin ich am Schreibtisch und dort bin ich allein“, sagte sie zu Beginn der ersten Lesung nach Bekanntgabe, den Literaturnobelpreis gewonnen zu haben.
Herta Müller präsentierte am 27. Oktober im Rolf-Liebermann-Studio des NDR in Hamburg ihren aktuellen Roman „Atemschaukel".
Voll wurde es bei der Veranstaltung, zu der das Literaturhaus Hamburg und NDR Kultur einluden, und nicht jeder Interessierte konnte eine der knapp 450 Karten erhalten.
Bevor Herta Müller zwei Kapitel las, sprach der Journalist und Literaturkritiker Hubert Winkels mit ihr über den momentanen Seinszustand der Preisträgerin, er fragte nach Dazugehörigkeiten, nach herzlichen Gratulanten und Neidern - und er sprach mit ihr über ihre rumänisch-deutschen Wurzeln.
Hier findet man dann auch den Übergang zu ihrem aktuellen Buch „Atemschaukel“, denn der Roman erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der am Ende des Zweiten Weltkrieges von Rumänien in die Sowjetunion, in die Ost-Ukraine, in ein Internierungslager deportiert wird. Er ist Deutscher und das ist in jener Zeit Grund genug. Stalin lässt nicht nur jene bestrafen und verschleppen, die als Rumäniendeutsche, Siebenbürger und Banatschwaben in den Kampftruppen am Krieg direkt teilnahmen und nun in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern sind, sondern die deutsche Bevölkerung generell, ob 14 oder 45 Jahre alt. Der Paradoxie, alle auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu bestrafen und nicht auf Grund von Taten und Verbrechen werden weitere hinzugefügt: Die Arbeitslager sind so schlecht versorgt, dass viele der Deportierten gar nicht arbeiten können. Besonders perfide ist die Tatsache, dass die russische Lagerführung Monate vor Entlassung der Gefangenen so viel Nahrung organisierte, dass diese scheinbar wohl ernährt in ihre Heimat zurückkehrten und kaum jemand glauben konnte, was sie fünf Jahre lang durchmachen mussten. Das Resultat ist Schweigen, nichts erzählen.

Da die Quellen des authentischen Erzählens versiegen, hat Herta Müller in Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior und weiteren ehemaligen Internierten und Überlebenden ihr Material gesammelt und zum Roman werden lassen. Auch Herta Müllers Mutter war eine jener unzähligen, die ins Lager kamen. Es ist, als ob die Schriftstellerin aus vielen einzelnen Erzählungen und individuellen Erlebnissen ihre Romanfiguren zusammengesetzt hat. Und vielleicht beherzte sie auch den einen Satz Pastiors, den er ihr an einem gut gelaunten Abend sagte: "Komm, lass uns ein wenig flunkern".
Sie reiste mit Pastior in den kleinen ukrainischen Ort des Lagers und konnte dort erleben wie der Lyriker weitere Erinnerungen vor Ort wachrufen konnte, aber auch, dass er Irrtümern erlegen war und es Erinnerungstrugschlüsse gab. Und sie erlebte wie ihr Schmerz auf Pastiors Euphorie prallte: jene Euphorie die ein Triumph des Überlebens ist.

Nach dem Tod Oskar Pastiors im Jahr 2006 war sie wie gelähmt, monatelang unfähig weiterzuarbeiten und mit dem Gedanken beseelt, den Roman nicht fertig zu stellen, sondern stattdessen das ganze Material ins Pastior-Archiv nach Marbach am Neckar zu geben. Da sollte es dann ruhen. Doch Herta Müller schöpfte neue Kraft aus dem Gedanken: „Jetzt bin ich das wir“ und später dann konnte sie sich schließlich auch von dem „wir“ verabschieden und den Roman in ihrem Sinn zu Ende bringen.

„Das Erlebte ist eine blasse Vorlage“, sagte die Schriftstellerin „und es ist notwendig ein vollständiges und neues Bild zur entwerfen“. Eines das aufzeigt, dass es im Lager eine Neucodierung von Wertesystemen gab, Verhaltensweisen an den Tag gelegt wurden, die unter anderen Umständen undenkbar waren und dass dort gelitten, gehungert, gestorben wurde, aber auch, dass dort getanzt und gesungen wurde, obwohl das Gefühl der Ausweglosigkeit ein Permanentes war. Der täglich wiederkehrende Rhythmus der Fremdbestimmtheit konnte immer wieder unterbrochen werden. Hier geht die „Atemschaukel“ ein wenig parallel zu Imre Kertész „Roman eines Schicksallosen“. Kertész lässt seinen aus dem Konzentrationslager Befreiten sagen, dass das Lager nicht die Hölle war, die Hölle kenne er nicht, es war das Lager! Langeweile sei auch ein Teil des Lagers gewesen. So wie das seltene Singen und Tanzen im Arbeitslager bei Müller. Das Diktat und die Entmündigung machen die Lagerinsassen zu Schicksallosen, sie sind als Gefangene nie selbstbestimmt, auch wenn die Vernichtungslager der Nationalsozialisten nicht in einem Atemzug zu nennen sind mit den Arbeitslagern der Sowjets. Und so verwehrt sich Herta Müller zu Recht auch gegen den Begriff der „Lagerliteratur“. „Es gibt keine Lagerliteratur, wir würden mit dem Begriff den Lagerinsassen Unrecht tun.“ Und darüber hinaus wäre auch lediglich nur eine thematische Verbundenheit augenscheinlich, eine stilistische in keiner Weise.

Herta Müller: Atemschaukel
Roman, Fester Einband, 304 Seiten
ISBN 978-3-446-23391-1
Erschienen im Hanser Verlag, München

Foto-Copyright: Annette Pohnert / Carl Hanser Verlag
Die Aufzeichnung der Lesung sendet NDR Kultur im "Sonntagsstudio" am 13. Dezember um 20 Uhr.

alt

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