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Literatur

Wortkünstler / Bildkünstler. Von Goethe bis Ringelnatz. Und Herta Müller

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Dienstag, den 06. August 2013 um 09:27 Uhr
Wortkünstler / Bildkünstler. Von Goethe bis Ringelnatz. Und Herta Müller 4.8 out of 5 based on 209 votes.
Wortkünstler / Bildkünstler. Von Goethe bis Ringelnatz. Und Herta Müller

Goethe bewertete seine eigenen Zeichnungen als Pfuscherei, Victor Hugo seine Rotwein- und Kaffeebilder als Kritzeleien, Wilhelm Busch gar seine Malerei als G'schmier.
Die Ausstellung "Wortkünstler / Bildkünstler Von Goethe bis Ringelnatz. Und Herta Müller" im Museum Behnhaus Drägerhaus in Lübeck widmet sich der künstlerischen Doppelbegabung von Schriftstellern: Johann Wolfgang von Goethe, Justinus Kerner, Victor Hugo, George Sand, Hans-Christian Andersen, Wilhelm Busch, Paul Scheerbart sowie Joachim Ringelnatz. Schriftsteller, die ihren Ausflug in die bildende Kunst durchaus humorvoll und selbstkritisch gesehen haben. Hertha Müller, deren Wortcollagen im Pavillon der Overbeck-Gesellschaft im Garten des Behnhauses präsentiert werden, sieht sich ebenfalls nicht als bildende Künstlerin.

In der repräsentativen Diele des Behnhauses, eines Ende des 18. Jahrhunderts errichteten klassizistischen Bürgerhauses, empfangen den Besucher die von der Empore hängenden Konterfeis der acht Wortkünstler / Bildkünstler. Die Ausstellung im Obergeschoss beginnt mit dem Dichterfürsten der deutschen Literaturgeschichte Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). An blau gestrichenen Wänden hängen die mit Tusche lavierten oder aquarellierten Zeichnungen von seiner Italienreise sowie Handzeichnungen aus dem Jahr 1810.

Völlig überraschend bricht der 37-jährige Goethe im September 1786, damals bereits Minister in Weimar, zu einer fast zweijährigen Grand Tour nach Italien auf. In Rom teilt er sich als "Signor Filippo Miller, tedesco, pittore 32" mit den Malern Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Friedrich Bury und Johann Georg Schütz eine Wohnung. Er sucht den Kontakt zu ansässigen Künstlern, darunter Angelika Kaufmann. Als Kunststudent nimmt er Malunterricht bei Tischbein, Christoph Heinrich Kniep oder Jakob Philipp Hackert. Ist er zu Beginn seines Romaufenthaltes noch von seinem angeborenen Zeichentalent überzeugt, bezeichnet er später seine Malkunst als Pfuscherei. Bereits nach einem Jahr resümiert er "Zur bildenden Kunst bin ich zu alt, ob ich also ein bisschen mehr oder weniger pfusche, ist eins." Also pfuscht er fleißig weiter. Mit rund 900 Blättern, darunter Landschafts- und Architekturzeichnungen, verlässt der Kunststudent im April 1788 die Ewige Stadt in Richtung Weimar. Seine Karriere als Maler betrachtet er als beendet. Er wendet sich wieder der Dichtkunst zu. "Von meinem längeren Aufenthalt in Rom werde ich den Vorteil haben, daß ich auf das Ausüben der bildenden Kunst Verzicht thue." Nicht ganz, denn im Jahr 1810 fertigt er ein Album mit 22 in Tusche und Sepia lavierten Handzeichnungen mit Landschaftsmotiven aus Jena, Wismar, von der Saale und Böhmen an, welche in dieser Ausstellung erstmals komplett präsentiert werden.

In Vergessenheit geraten sind dagegen die Gedichte, Erzählungen und Romane des Arztes Justinus Kerner (1786-1862). In Erinnerung geblieben sind seine Klexographien, welche er in Alben und dem sogenannten "Hadesbuch" sammelt und die erst nach seinem Tod veröffentlicht werden. Kerner faltet Papier in der Mitte, auf das er vorher mehrere Tuschkleckse aufgebracht hat. Die so entstandenen symmetrischen Abbildungen ergänzt er durch Federstriche oder Nachzeichnungen zu skurrilen Darstellungen, die er oftmals mit Gedichten kommentiert.

Dass der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885), Autor der Romane "Der Glöckner von Notre Dame" und "Les Misérables", zeichnete, dürfte den wenigsten bekannt sein. "Diese Kritzeleien sind ganz privat und für die Nachsicht meiner nächsten Freunde bestimmt", so Hugo. Als Malmaterial verwendet er Schuhcreme, Kaffee, Tee, Rotwein und andere Getränke. Das Malen und Zeichen sei seine private Entspannung, seine Liebhaberei "Cela m'amuse entre deux strophes", an der er ein größeres Publikum ungern teilnehmen lässt. Gleichwohl werden bereits zu Lebzeiten von den Zeichnungen seiner Rheinreisen Radierungen angefertigt und als Mappen veräußert.

Auch seine berühmte Schriftsteller-Kollegin George Sand (1804-1876), mit bürgerlichem Namen Amandine Aurore Lucile Dupin, beschäftigt sich seit ihrer Kindheit mit Malerei. Sand, der Nachwelt als Männerkleidung tragende Femme Fatale der Pariser Bohème und Geliebte von Frédéric Chopin in Erinnerung, hinterlässt neben ihrer Literatur ungewöhnliche bildkünstlerische Arbeiten. Im sogenannten Abklatschverfahren presst sie Aquarellfarben zwischen zwei Papierblätter. Nach Abheben des Papiers bilden sich auf beiden Seiten gleiche Farbmuster. Auf diese Flächen aquarelliert sie mit dem Pinsel ihre Landschaftsbilder.

Ungewöhnlich ist auch die bildkünstlerische Gestaltung des Märchendichters Hans Christian Andersen (1805-1875). Statt Farben und Pinsel nutzt er den Scherenschnitt, eine während der Goethezeit und im 19. Jahrhundert beliebte Kunstform. "Meine Mutter hielt das für eine gute Übung, um später einmal Schneider zu werden", erinnert er sich. Die Bildmotive findet er in seinen Märchen: Schwäne, Bäume, Seiltänzerinnen, Piraten, Harlekine. Der kinderlose Dichter fertigt für Freunde und deren Kinder bunte Scherenschnitte - sogar als Weihnachtsschmuck -, die jetzt in der Schau in kleinen, weinroten Vitrinen ausgestellt sind.

Wilhelm Busch (1832-1908), berühmt geworden durch seine illustrierten Geschichten von Max und Moritz, der Witwe Bolte und anderen, begann erst im hohen Alter mit der Ölmalerei. Der niederländischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts verpflichtet, malt er Portraits, kleinformatige, naturalistische Landschaftsbilder und modelliert Portraitbüsten aus Gips. Mehr als tausend Ölgemälde umfasst sein Spätwerk, das er aber zeitlebens nicht öffentlich ausstellt. Seiner Tochter, die um ein Ölbild bat, antwortet er "Bilder, meine Tochter, nennt man nur solche Malereien, die beanspruchen fertig zu sein; von den übrigen sagt man, es seien Studien, Skizzen oder G'schmier, wo nicht viel Ehre mit einzulegen ist, was man demnach vor den Augen der Leute gerne zu verbergen sucht."

Ein unglaubliches Panoptikum skurriler Gestalten tummelt sich in den Zeichnungen von Paul Scheerbart (1863-1934). Sie scheinen seinen Sciencefiction-Erzählungen und Romane entsprungen zu sein, die in fernen Galaxien spielen, wo Fabelwesen fremde Planeten bevölkern. Er arbeitet als Journalist, schreibt Theater- und Kunstkritiken. 1892 gründet er den "Verlag deutscher Phantasten" in Berlin. Zu seinem Freundeskreis gehört auch der Lübecker Erich Mühsam. "Vor meinen Zeichnungen habe ich immer das Gefühl, als wärs ganz was Geheimnisvolles, was mir die Hand führt. Ein mystischer Zauber", schreibt er 1903 in einem Brief.

Joachim Ringelnatz (1883-1934), eigentlich Hans Gustav Bötticher, war Schriftsteller, Kabarettist und Maler. Mit seinem Gedicht über die Figur Kuttel Daddeldu ist er unsterblich geworden. Seine Malerei, mit der er als Autodidakt in den 20er-Jahren begann, sieht er humorvoll "Ich hab schon früh gemalt. Ich habe mit Aquarellen angefangen. Das ist gar nicht interessant. Das kann sehr interessant sein. Bei Corinth. Nicht bei mir." Rund zwanzig ausgestellte Bilder, darunter Ölgemälde und Aquarelle zeigen sein Faible für exotische Tiere, Hafenkneipen, bergige Landschaften oder mit Eisschollen bedeckte Meere. Ringelnatz, der eigentlich Seemann werden wollte, genießt bis zum Machtantritt der NSDAP 1933 ungeheure Popularität. Danach erhält er Berufsverbot, seine Bücher werden verbrannt. Verarmt und völlig mittellos stirbt er ein Jahr später in Berlin.

Das Highlight der Ausstellung sind ohne Zweifel die Wortcollagen von Herta Müller in der Overbeck-Gesellschaft. Rund 250 kleinformatige Collagen, alle im grauen Rahmen, hängen als Reihung an den weißen Wänden der Ausstellungsräume. Von diesen Textcollagen sind erstmalig 30 in dem Katalog abgedruckt. Müller hat Wortschnipsel verschiedener Farben und Typografien aus Bauhauskatalogen, Zeitungen und Zeitschriften zu eigenständigen poetischen Texten zusammengesetzt. Die häufig durch kleine Embleme oder Bildchen ergänzten Texte, entwickeln eine eigene bildnerische Schönheit. "Ich weiß nicht, ob die Gegend sieht wann ein Fahrer müde wird", heißt ein relativ kurzer Reim. Sie habe auf Reisen immer eine kleine Schere dabei, erklärt die in Nitzkydorf, im deutschsprachigen rumänischen Banat geborene Literaturnobelpreisträgerin. Sie sammle Buchstaben und Wörter in Kästchen und Schränkchen, um sie später in immer neuen Wortcollagen zu verwenden.

Die Ausstellung, ein Projekt der Internationalen Tage Boehringer Ingelheim, wird jetzt als zweite Ausstellungsstation in Lübeck gezeigt. Kurator Dr. Ulrich Luckhardt, der zuvor die Galerie Klassische Moderne in Hamburg leitete, ist seit Juli 2012 Leiter der Internationalen Tage Ingelheim. Ein sehr guter Audioguide vermittelt dem Besucher Verbindungen von Bildkunst und Literatur anhand gesprochener Originaltexte.

Die empfehlenswerte Ausstellung "Wortkünstler / Bildkünstler Von Goethe bis Ringelnatz. Und Herta Müller" ist bis zum 20. Oktober 2013 im Museum Behnhaus Drägerhaus und der Overbeck-Gesellschaft, Königstraße 9-11, 23552 Lübeck zu besichtigen. Die Öffnungszeiten sind Di-So von 10 bis 18 Uhr.
Ein Katalog ist erschienen.

www.museum-behnhaus-draegerhaus.de
www.overbeck-gesellschaft.de

Bildnachweise
Header Key Visual der Ausstellung
Galerie:
01. Wilhelm Busch, Landschaft mit Bäumen, o.J.. © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: Elke Walford
02. Wilhelm Busch, Bildnis eines Jungen, um 1875. © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: Elke Walford
03. Wilhelm Busch: Wiedensahler Herbstlandschaft, o. J. Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst, Hannover
04. Joachim Ringelnatz, Unsicheres Wetter, 1927 © Hamburger Kunsthalle / bpk. Foto: Elke Walford
05. Joachim Ringelnatz, Fasching im Schnee, 1926. Joachim-Ringelnatz Museum, Cuxhaven
06. Joachim Ringelnatz: Eines Abends (auch: Frau mit Schaf), 1926. Kulturhistorisches Museum Wurzen
07. Hans Christian Andersen: Pirat mit grüner Jacke (Christbaumschmuck), o. J. Odense City Museums
08. Hans Christian Andersen: Frau mit schwarzgrünem Kleid (Christbaumschmuck), ohne Jahr. Odense City Museums
09. Paul Scheerbart, Jenseits-Galerie Blatt 5, 1907. Privatsammlung
10. Paul Scheerbart: Jenseits-Galerie, Blatt 8, 1907. Privatsammlung
11. George Sand: Landschaft mit Felsen, 1860. Privatsammlung Zürich
12. Johann Wolfgang Goethe: Eingang zum Park der Villa Chigi, 1787. Museum Behnhaus Drägerhaus, als Leihgabe des Landes Schleswig-Holstein aus der Sammlung Dräger/Stubbe
13. Victor Hugo: Le Burg, radiert Paul Chenay, vor 1864. Privatsammlung
14. Herta Müller, Vater telefoniert mit den Fliegen. © Carl Hanser Verlag München 2012
15. Herta Müller. Foto: Barbara Klemm
16. Dr. Ulrich Luckhardt. Foto: Joelle Weidig, HL-live

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avatar H.Heldt
+2
 
 
Wer meint, über Goethe und manche andere Größe der Literaturgeschichte schon sattsam alles
zu wissen, bekommt Appetit auf diese Vorstellung von Doppelbegabungen; Wilhelm Busch nicht
nur als Zeichner weltberühmter Figuren, war durchaus ein respektabler Maler, dessen Ölbilder
heute teuer gehandelt werden. Die Ausstellung lohnt sich.
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avatar Hinrichs, Jürgen
0
 
 
Wilhelm Busch soll eine Tochter gehabt haben? Verheiratet war er nie. Doch das schließt nicht aus, eineTochter zu haben. Der Autor scheint mit der Biografie von Busch wenig vertraut zu sein, denn eine leibliche Tochter wird nirgends erwähnt..
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avatar Christel Busch
0
 
 
Das Zitat ist aus dem Ausstellungskatalog.
Wilhelm Busch an seine Tochter Grete Meyer, 8. Oktober 1896, aus: Friedrich Bohne, Paul Mesekemper und Ingrid Haberland (Hrsg.), Wilhelm Busch. Sämtliche Briefe, Hannover 1968, S. 79.
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avatar David Böhringer
+2
 
 
Das ist dann offensichtlich im Katalog falsch wiedergegeben, denn Grete Meyer war Buschs Lieblingsnichte, die in Münster lebte. Es gibt keine Anhaltspunkte, dass Busch Vater geworden wäre - obwohl Vater werden nicht schwer ist...
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