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Literatur

Stefan Zweig: „Ich habe das Bedürfnis nach Freunden“

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Geschrieben von Mirjam Kappes  -  Donnerstag, den 11. Juli 2013 um 10:17 Uhr
Stefan Zweig: „Ich habe das Bedürfnis nach Freunden“ 4.5 out of 5 based on 152 votes.
Stefan Zweig: „Ich habe das Bedürfnis nach Freunden“

Stefan Zweig zählt zu den wohl wichtigsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts, der vor allem durch seine Novellen (Die Schachnovelle) und historischen Biografien (Marie Antoinette) bekannt geworden ist.
Der neu erschienene Band „Ich habe das Bedürfnis nach Freunden“, herausgegeben vom langjährigen Leiter des Salzburger „Stefan Zweig Centre“ Klemens Renoldner, versammelt nun beliebte Erzählungen des Literaten mit seinen noch weitgehend unbekannten Kurzgeschichten, Aufsätzen und Essays.

Das schriftstellerische Werk von Stefan Zweig stellt eine Art kursorischen Erkundungsgang durch verschiedene (literarische) Gattungen dar: Als Autor verfasste er Gedichte, Dramen, Essays, Romane, Kurzgeschichten, historische – sowie seine eigene – Biografie(n), ja sogar ein Libretto, und war außerdem viele Jahre als Übersetzer und Feuilletonist tätig. Einen besonderen Stellenwert in Zweigs fast 45-jährigem literarischem Schaffen nehmen jedoch die Novellen ein: Von allen Prosaformen war sie dem Schriftsteller die liebste, weil sich dort das Geschehen sprachlich versiert und in pointierter Zuspitzung zu einem einzigen Augenblick komprimiert, in dem das Schicksal der Figuren entschieden wird. Die virtuose Beherrschung der Gattung hat nicht nur den Weltruhm des Autors begründet; die Novellen durchziehen Zweigs Werk auch wie einen roten Faden: Vom ersten Band „Die Liebe der Erika Ewald“, der 1904, also nur drei Jahre nach Zweigs allererster Publikation überhaupt veröffentlicht wird, bis zur „Schachnovelle“, die der jüdische Autor 1942 im brasilianischen Exil fertigstellte – kurz bevor er Suizid beging. So überrascht es nicht, dass gerade diesen Erzählungen einer „unerhörter Begebenheit“ (nach Goethe) ein Großteil der literarischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Stefan Zweigs Werk gewidmet ist.

Gerade in den letzten Jahren erleben Zweigs Novellen „eine grandiose Renaissance“, so schreibt es auch der österreichische Literaturwissenschaftler Klemens Renoldner. Mit dem vom ihm herausgegebenen Lesebuch „Ich habe das Bedürfnis nach Freunden“ (2013; Styria Verlag) ist Renoldner nun dem gestiegenen Interesse einer neuen, internationalen Leser- und Wissenschaft an Zweigs Texten nachgekommen: Der Band vereint bekannte Erzählungen wie „Angst“, „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“, „Verwirrung der Gefühle“ und die „Schachnovelle“ mit bisher noch weitestgehend unbekannten Aufsätzen, Essays und Porträts des Schriftstellers. Angesichts der „Textunsicherheit“, die Renoldner vielen bisherigen Zweig-Ausgaben attestiert, wurde zudem für diesen Band die Quellenlage neu studiert und die Typoskripte und Erstveröffentlichungen vergleichend herangezogen, um vorgenommene Abänderungen im Originalwortlaut zu revidieren.

Was erwartet den Leser nun? Zwar nicht „528 Essays“, wie es einige Anbieterseiten noch fälschlicherweise ausschreiben, dafür aber neun Erzählungen Zweigs, die hier nach der (teilweise noch unbekannten) ersten Fassung erscheinen, sowie neunzehn weitere seiner Kurztexte, wobei letztere größtenteils Reminiszenzen des Autors an seine Freunde darstellen (daher auch der Titel des Buchs): darunter Joseph Roth, Siegmund Freud, Arthur Schnitzler, Theodor Herzl und Otto Weininger. Angereichert wird der Band zudem mit mehreren fotografischen Abbildungen des Literaten und seiner Manuskripte. Im umfassenden Nachwort setzt Renoldner die ausgewählten Schriften in Bezug zum literarischen Schaffen und der Biografie Stefan Zweigs.

Zu den bekannteren Erzählungen des Schriftstellers soll hier nicht viel gesagt werden; Zweig-Liebhabern sind sie wahrscheinlich ohnehin geläufig. Nur so viel: Wiederkehrende Themen seiner Novellen sind libidinöse Verirrungen, innere Abgründe und psychische Erschütterungen der Menschen, ebenso wie die gesellschaftlichen (Geschlechter-)Verhältnisse und ihre Abhängigkeiten – dies machte unter anderem Siegmund Freund zu einem begeisterten Zweig-Leser. Zweigs bekanntes Interesse für die Psychoanalyse spiegelt sich in vielen seiner Erzählungen wieder: In der Novelle „Angst“ zum Beispiel betrügt eine wohlhabende Frau der Wiener Bourgeoisie ihren Mann mit einem jungen Pianisten, wird aber eines Tages von dessen vermeintlicher Freundin erpresst. Das innere Getrieben-Sein der Protagonisten und ihre zunehmend rasende Verzweiflung endet fast im Suizid. Ähnlich geht es in „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau“ und „Verwirrung der Gefühle“ um gebrochene Ehegelübde, Verzweiflung und Schuld. In diesen Themenkreis passt die bisher noch kaum bekannte Geschichte „Vergessene Träume“, einer von Zweigs ersten Prosatexten, den er im Alter von nur 18 Jahren schrieb. Auch wenn man hier noch die Unerfahrenheit des Autors spürt, der sich teils in weitschweifigen Beschreibungen verliert, so ist doch die erzählerische Eloquenz des jungen Zweigs bemerkenswert, mit der er beschreibt, wie eine inzwischen verheiratete Frau und ihr früherer Geliebter sich nach vielen Jahren unvermutet wiedersehen und gemeinsam träumerisch ihrer nie eingelösten Leidenschaft nachhängen – für einen Moment, bevor die Realität sie wieder einholt. Ganz ähnlich handelt die fragmentarisch gebliebene Novelle „Widerstand der Wirklichkeit“, die Ende der 1920er in Salzburg entstand, von verhinderter Liebe und einem Wiedersehen nach vielen Jahren. Liebes- und Lebensglück sind in Zweigs Erzählwelt untrennbar mit tragischer Resignation verbunden.

Immer wieder findet das Geschehen in Zweigs Texten vor der Folie der beiden Weltkriege statt, die der Autor selbst hautnah miterlebt: Während er sich zum Ersten Weltkrieg noch enthusiastisch freiwillig meldet, letztlich aber nur im Wiener Kriegsarchiv Propagandaschriften verfassen muss, gehört er aufgrund seiner jüdischen Herkunft im Zweiten Weltkrieg zu den verbotenen Autoren, deren Bücher verbrannt werden. Angesichts der Schrecken des Krieges wird der anfänglich Kriegsbegeisterte zum glühenden Pazifisten. Der Schriftsteller flieht erst ins Exil in England, wandert aber 1940 mit seiner Frau in die USA und später nach Brasilien aus. In Zweigs Texten wird der Krieg viele Male zum Sujet: Als Beispiel ist hier natürlich zuerst die „Schachnovelle“ zu nennen, die von der existenziellen Krise eines Wiener Staatsanwalts berichtet, der von den Nazis verhaftet wird. Weniger bekannt dürfte die in diesem Band erscheinende Geschichte „Das Kreuz“ sein, die Zweig 1906 veröffentlichte. Sie berichtet von den Gräueltaten des napoleonischen Kriegs von 1810: Um den feindlichen Truppen zu entkommen, zieht ein französischer Offizier die Uniform eines spanischen Soldaten an, wird dann so von den eigenen Leuten nicht erkannt und erschossen – und als sie in seiner Tasche das Kreuz das vermeintlich verschollenen Offiziers finden, schänden sie seinen Körper auf bestialischste Weise. Deutlich wird: Der Autor etabliert schon in jungen Jahren seine präferierten Themen, die er in seiner schriftstellerischen Laufbahn immer wieder aufgreift, moduliert und neu zu Papier bringt.

Im zweiten Teil des Buchs „Ich habe das Bedürfnis nach Freunden“ wird Zweig vom literarischen Schriftsteller zum Feuilletonist, Rezensenten – und zur Privatperson. Den Eingang bilden publizierte Artikel zu verschiedensten Anlässen, darunter „Zehn Wege zum deutschen Ruhm“, eine Art Leitfaden des Autors an die jüngere Generation, „Bürophobie“, in der einem befreundeten Arzt die Abscheu vor der Obrigkeit als eine Krankheit geschildert wird, sowie die Rezension einer Malereiausstellung oder auch essayistische Reflektionen über die Großstadt. Spannender sind die Erinnerungsberichte des Literaten, die einen intimen Blick in Zweigs illustren Kreis von Freunden und Bekannten offenbaren.

Insgesamt betrachtet stellt der Sammelband gerade durch die umfassende Eruierung der Transskripte und Erstausgaben von Stefan Zweigs Werken eine überaus lehrreiche und bereichernde Lektüre dar, die vor allem Zweig-Kenner begeistern dürfte. Dabei richtet sich das Buch von Herausgeber Klemens Renoldner an ein anspruchsvolles Publikum – als leichte Sommerlektüre ist „Ich habe das Bedürfnis nach Freunden“ weniger zu gebrauchen. Trotz umfassendem Nachwort, der die einzelnen Beiträge noch einmal abschließend ins große Ganze einordnet, ist vor allem im zweiten Teil des Bandes die Auswahl- bzw. Anordnungslogik der Einzelbeiträge nicht immer klar ersichtlich. Nichtsdestotrotz geben gerade diese Beiträge einen erhellenden Einblick in Zweigs Lebensphase in Wien und könnten aus Forschungsperspektive für interessante Querverbindungen zum literarischen Schaffen des Autors herangezogen werden.


Der Autor:
Stefan Zweig, 1881 in Wien geboren und aufgewachsen, lebte seit 1919 in Salzburg, bevor er 1934 nach England ins Exil ging. 1940 verließ er das von Hitler zerstörte Europa und suchte in den USA und in Lateinamerika vergeblich eine neue Heimat. 1942 nahm er sich in Petropolis/Brasilien das Leben.

Der Herausgeber:
Klemens Renoldner, Dr. phil., ist Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, seit 2008 Direktor des „Stefan Zweig Centre“ an der Universität Salzburg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Stefan Zweig u. a. Bücher: Stefan Zweig – Bilder, Texte, Dokumente, 1993; Man schließt nur kurz die Augen, Erzählband 2008; Lilys Ungeduld, Roman 2011.


Klemens Renoldner (Hg.): Stefan Zweig – „Ich habe das Bedürfnis nach Freunden“. Erzählungen, Essays und unbekannte Texte. Gebunden, 521 Seiten. Format: 13,5 x 21,5 cm. Wien/Graz/Klagenfurt: Styria Verlag (premium), 2013. ISBN: 978-3-222-13372-5


Foto Buchcover: Styria Verlag
Montage: Claus Friede
 

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