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Literatur

Dicht am Leben: Heinz Strunk – Abhängigkeiten, Rettung und Glücksreservoire

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Mittwoch, den 10. Juli 2013 um 09:20 Uhr
Dicht am Leben: Heinz Strunk – Abhängigkeiten, Rettung und Glücksreservoire 4.4 out of 5 based on 163 votes.
Dicht am Leben: Heinz Strunk – Abhängigkeiten, Rettung und Glücksreservoire

Als er 30 Jahre alt war, hatte er die Horrorvorstellung, mit 50 immer noch im pinkfarbenen Glitzersakko Tanzmucke im Landkreis Harburg zu machen.
Dann schrieb er „Fleisch ist mein Gemüse“ und alles wurde anders: Heute gilt Heinz Strunk als einer der populärsten und produktivsten Vertreter neuer deutscher Pop-Literatur. Sein neues Buch „Junge rettet Freund aus Teich“ ist das bislang persönlichste und wohl auch deprimierendste Werk der autobiographischen Reihe.

Isabelle Hofmann (IHo): Bevor wir über Ihr Buch sprechen, ein Wort zu Ihrer Vorbereitung auf die Lese-Tour: Sie haben tagelang gefastet. Stärkt Sie das Fasten?

Heinz Strunk (HS): Ja, es macht klar im Kopf, bringt alle Organe in Topzustand und stabilisiert vor allem die Psyche. Ich faste sehr häufig. Vergangenes Jahr 60 Tage. Das hängt damit zusammen, dass meine Lebensgewohnheiten schnell verwahrlosen. Ich trink ganz gern und muss da immer gegenhalten.

IHo: Ihr jüngstes Buch, „Junge rettet Freund aus Teich“ handelt vom Zerbrechen der heilen Kinderwelt, von den zunehmenden Ängsten, Schwierigkeiten und Streitereien in der Familie und in der Schule. Sie haben gesagt, Sie könnten sich nichts von der Seele schreiben. Das klingt aber ganz danach.

HS: Das will ich auch gar nicht abstreiten, aber ich hab’s nicht so mit Psychologie. Ich habe nach dem Buch nicht das Gefühl einer besonderen Läuterung oder Reinigung gehabt. Aber es ist sicher mein persönlichstes Buch.

IHo: Sie schreiben sehr ehrlich und wahrhaftig, in Ich-Form, als Mathias Halfpape, wie Sie bürgerlich heißen. Ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen sind diesmal in drei Zeitabschnitte unterteilt: 1966, 1970 und 1974. Was hat Sie dazu gebracht?

HS: Am Anfang stand die Idee der drei unterschiedlichen Tonalitäten: Sechs, zehn, vierzehn Jahre. Das sind ja Quantensprünge in der Entwicklung, in der sich das Denken, Fühlen und Handeln total verändern. Ich habe die Zeit aber etwas zusammengerafft. Tatsächlich war ich 1974 erst 12 Jahre alt.

IHo: Sie erzählen, dass Sie mit 10, 11 Jahren anfingen zu rauchen, Alkohol tranken und eher aus Versehen Morphium ausprobierten. Und natürlich auch von der „Notgeilheit“ pickliger Jungs, die Sie schon in „Fleisch“ beschreiben. Mit Ihrer Akne waren Sie besonders geschlagen.

HS: Das war furchtbar. 14 Jahre lang! Das muss man sich mal vorstellen! Diese Akne, die ich hatte, war ja gar nicht mehr als Akne kenntlich. Das war ja eher wie eine Flechte. Abgesehen davon, dass es wehtat. Die ganze Fresse war entzündet und tat weh. Schlimm.

IHo: Das war extrem, aber ich glaube, die Erfahrung, bei Mädchen abzublitzen und nicht wahrgenommen zu werden, machen sehr viele Jungs, oder?

HS: Ja, ich habe so viele Zuschriften bekommen, von Jungs und Männern, die schreiben, ich hätte ihnen aus der Seele gesprochen. Es gibt immer ein paar Strahlemänner, aber massenweise Jungs, die übersehen werden.

IHo: Sie haben mal gesagt, dass viel Gewalt in der Welt verhindert werden könnte, wenn Männer ihre Sexualität ausleben könnten.

HS: Ich bin davon überzeugt, dass ein Großteil der kriegerischen Auseinandersetzungen und dieser männlichen Aggressionen das Ergebnis von Frustration ist: Oversexed but underfucked.

IHo: Sie hingegen gehören zu der Kategorie, die im Alter attraktiver werden.

HS: Das ist ausgleichende Gerechtigkeit.

IHo: Zurück zum Buch: Der erste Teil ist nicht nur, aber auch eine Hommage an Ihre Großeltern. Mit welchen Gefühlen denken Sie an sie zurück?

HS: Ich glaube, dass viele Leute ihre Großeltern als liebe, beste Menschen in Erinnerung haben. Sie haben’s ja auch leicht, sie müssen nicht erziehen, sondern können sich kümmern, schenken und Geschichten erzählen. Aber meine Großmutter war wirklich ein ganz besonders guter Mensch, voller Liebe und Güte.

IHo: Sie hat den schleichenden Zerfall und körperlichen Verfall ihrer Familie jedoch nicht aufhalten können: Ihre Mutter wird psychisch krank, Sie versagen in der Schule, der Großvater kommt ins Altersheim. Sie beschreiben sehr ausführlich, dass Ihre Mutter in dieser Zeit stundenlang mit Ihnen Hausaufgaben gemacht hat. War das tatsächlich so extrem?

HS: Bis zur Erschöpfung. Dieses nicht Nachlassenkönnen meiner Mutter, war schon ein Zeichen der psychotischen Störung.

IHo: Warum haben Sie nicht rebelliert? Haben Sie sie so geliebt?

HS: Nein. Das hat mit Liebe nichts zu tun. Ich habe eine unglaubliche Fremdheit dieser Person gegenüber empfunden. Schon mit zehn, zwölf Jahren. Ich fand es peinlich, neben meiner Mutter im Bus zu sitzen und habe alle Möglichkeiten genutzt, nichts mit ihr zu tun haben zu müssen.

IHo: Warum haben Sie dann das tägliche Hausaufgaben-Martyrium ertragen?

HS: Nicht aus Liebe. Es war eher eine starke seelische Abhängigkeit: Alleinerziehende Mutter, keine Geschwister, meine Mutter hatte auch keine Geschwister. Die ganze Aufmerksamkeit war ja auf mich gerichtet. Wie will man sich da als Junge oder auch als Erwachsener entziehen?

IHo: Durch die Krankheit Ihrer Mutter mussten Sie sehr früh Verantwortung übernehmen.

HS: Die hätte ich gerne abgegeben, aber nach dem Tod meiner Großeltern war ja de facto niemand mehr da.

IHo: Ihre Mutter wurde 73 Jahre alt und lebte die letzten vier Jahre bei Ihnen. Was wäre gewesen, wenn Sie geheiratet hätten und selbst Familie gegründet hätten - haben Sie jemals daran gedacht?

HS: Nein niemals. Damals nicht und heute auch nicht. Das ist zementiert bei mir.

IHo: Wie kommen Sie mit der Einsamkeit zurecht?

HS: Ich bin nicht einsam. Nullkomma Minus Tausend bin ich einsam... Was ich hier praktiziere ist ja bewusster Rückzug. Ich bin sehr gern allein und empfinde das als einen wahnsinnig komfortablen Zustand.

IHo: Sie wurden sehr christlich erzogen, auch das schildern Sie in Ihrem neuen Buch. Welche Rolle spielt Religion heute für Sie?

HS: Gar keine.

IHo: Wieso nicht?

HS: Als ich meine erste Hasch-Psychose hatte, so mit 17, 18 Jahren, da habe ich im Bett gelegen und zum lieben Gott gebetet. Nachdem das monatelang so ging und überhaupt nullkommanull besser wurde, bin ich an meinen Zerreißpunkt gekommen. Wenn man in dem Bewusstsein aufwächst, es gibt einen lieben Gott, der ist vielleicht auch für einen da, wenn man ihn ganz dringend benötigt und dann meldet er sich nicht – das war zu viel für mich. Da habe ich meinen Glauben verloren.

IHo: Ihre Mutter war Musiklehrerin, bevor sie ihre Psychose bekam und in die Psychiatrie musste. Hat Sie Ihnen auch Klavier und Querflöte beigebracht?

HS: Ja. Nein. Eigentlich nicht. Wir haben es mal probiert, aber es ging nicht. Klavier und Querflöte habe ich woanders gelernt.

IHo: Es gibt von Ihnen Stücke auf „YouTube“ zu hören. Sie spielen ausgezeichnet. Warum haben Sie keine Karriere als Flötist in einer Rockband angestrebt?

HS: Das passt bei Jethro Tull und sonst nicht. Hat es ja auch seitdem nicht wieder gegeben. Die Vorstellung Berufsmusiker zu sein, hätte mich auch völlig angeödet.
Damals, mit 20, 25 Jahren, da habe ich mir sehnlichst gewünscht, ein Star zu sein. Aber heute? Nein! Dafür bin ich nicht geeignet. Das Starmäßige, das ich als Schriftsteller auf die Bühne bringe, reicht mir.

IHo: Damals hießen Sie noch Mathias Halfpape und tingelten mit der Band „Tiffanys“ durch die norddeutsche Provinz. Das trostlose Leben haben Sie mit melancholischem Witz in „Fleisch ist mein Gemüse“ beschrieben. Sie litten damals unter schweren Depressionen. Wie konnten Sie in dem Zustand überhaupt auf der Bühne stehen?

HS: Nur unter großen Ängsten und Aufbietung aller vorhandener Restkräfte. Ich wollte nicht auch noch die Niederlage erleben, dass ich berufsunfähig bin. Es ging mir so sagenhaft schlecht, das kann man sich nicht vorstellen. Das kann ich mir selbst kaum noch vorstellen.

IHo: Wie haben Sie das überwunden? Waren Sie auch in der Psychiatrie?

HS: Ich war noch nie in der Psychiatrie. Nur in einer Quatsch-Therapie, die nichts gebracht hat. Es gibt ein paar Tricks, die sind so banal, dass ich sie kaum aussprechen mag: Fasten, Sport machen, früh aufstehen – ein strukturierter Tagesablauf.

IHo: Als Mathias Halfpape waren Sie ein ziemlich unglücklicher Mensch. Ist Heinz Strunk glücklicher?

HS: Ich glaube, dass jeder Mensch ein bestimmtes Glücks-Reservoir zur Verfügung hat. Ob jemand eine rheinische Frohnatur oder ein grüblerisch-melancholischer Typ ist, liegt am genetischen Code... Durch „Fleisch ist mein Gemüse“ habe ich kurzzeitig viele Glücksmomente empfunden. Aber auf Dauer pendelt sich das Glücksniveau unabhängig vom jetzigen Erfolg – depressionsbereinigt – dort ein, wo es immer war.

IHo: Was tun Sie dagegen?

HS: Gar nichts. Das nehme ich als Gegeben hin.

IHo: Es gibt ja die Ansicht, man könne nur mit einem gewissen Quantum an Unglück kreativ sein. Gilt das auch für Sie?

HS: Vielleicht? Das ist sehr spekulativ. Ich weiß nicht, wie hoch der Anteil an depressiven Schriftstellern ist. Für meinen jetzigen Lebensabschnitt kann ich sagen: Wenn ich zu unglücklich bin, hemmt mich das eher. Ich halte mich an den schönen Satz von Philipp Roth, der da lautet: Amateure setzen sich hin und warten auf Inspiration. Profis setzen sich hin und arbeiten.


Heinz Strunk: „Junge rettet Freund aus Teich“.
Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2013. 288 S., geb., 19,95 €.

Foto Heinz Strunk: Isabelle Hofmann 

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