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Literatur

Abseits der Metropolen – Die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein

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Dienstag, den 07. Februar 2012 um 08:07 Uhr
Abseits der Metropolen – Die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein 4.7 out of 5 based on 167 votes.
Abseits der Metropolen – Die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein / Bettina Goldberg

Es ist ein umfassendes Werk: Auf achthundert Seiten hat die Gymnasiallehrerin und Privatdozentin Bettina Goldberg für das Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte an der Universität in Flensburg die jüdische Geschichte im nördlichsten Bundesland aufgearbeitet.
Allein knapp 250 Seiten umfasst der Anhang mit Fußnoten, Zitaten, Sekundärliteratur sowie einem Personen- und Firmenregister. Wer sich nicht scheut, diesen umfangreichen und ausführlichen Band durchzuarbeiten, erhält ein umfassendes Bild des ländlichen, jüdischen Lebens seit dem frühen 17. Jahrhundert.
Bereits vor einer Dekade wurde mit der Publikation "Menora und Hakenkreuz" von Miriam Gilles-Carlebach, mit einem Epilog von Gerhard Paul, das Thema der Juden in Schleswig-Holstein vorgestellt, allerdings bei weitem nicht derartig ausführlich wie in dem hier vorgestellten Werk. Überhaupt sucht man in deutschen Landen nach vergleichbaren Bänden – ohne Erfolg. Es gibt lediglich schmale Publikationen über das ländliche Leben von Juden in Ostfriesland, jüdischen Spuren in Mecklenburg oder die nur wenig umfangreichere Chronologie zur Geschichte der Juden in Bayern.

Das Foto des Buchumschlags zielt mit seinem ruhigen, friedlichen Wattenmeer und einer Warft am Horizont auf Normalität ab und kann nur als Symbol verstanden werden. Da ist nichts Jüdisches zu entdecken, keine Collage mit Davidstern, keine Addition mit jüdischen Gegenständen oder Fragmenten. Das Bild suggeriert ein unsichtbares Eingebettet-Sein, eine harmlose Idylle. Dass die Nordsee auch ganz anders kann bleibt der Erinnerung, Erfahrung, Phantasie und Imagination überlassen.

Bettina Goldberg hat viele Gespräche und Interviews mit Schleswig-Holsteiner Juden und Nichtjuden einfließen lassen, tat neue wissenschaftliche Quellen auf, vertiefte sich in Privatarchive und publizierte Dokumente und Fotos jüdischer Familien bis hin zu einigen aus dem Privatbesitz von SA-Männern. Dabei geht es der Autorin offensichtlich nicht nur um die Fokussierung auf die kanonische Geschichtsschreibung, vielmehr setzt sie auf die Vermittlung der Erlebnisse, Lebensweisen und Blicke von Individuen, erzählt Einzelschicksale, die in den Gesamtkontext Geschichte eingebettet sind, diese komplettieren und nachvollziehbar machen.
Was leider fehlt und durchaus hilfreich für die Publikation gewesen wäre, ist eine graphische Zeitachse, die auf einen Blick das veranschaulicht, was sich aus den vielen Textseiten nicht so ohne weiteres ergibt. Ein wenig verloren wie in den Namenswäldern von Dostojewski irrt der Leser manchmal umher und sucht nach einem Aussichtsturm, um die Bleilandschaft zu überblicken und Parallelen zu begreifen.

Von Anfang an setzt die Autorin zeitliche und strukturelle Schwerpunkte in ihrer Untersuchung der Minderheit. Das Buch macht klar, dass jüdische Ansiedlungen nicht ohne weiteres möglich waren, die Rechte der jüdischen Familien im Dänischen Königreich, zu dem das Gebiet des heutigen Schleswig-Holsteins sowie Altonas, Wandsbeks und Bergedorfs gehörten, nicht die selben waren, die christliche Familien besaßen. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts ändert sich dies sukzessive, jedoch nur in der Hansestadt Lübeck hatte der Senat nachhaltig dafür Sorge getragen, dass Juden verlässliche Bürgerrechte erhielten. Die jüdische Selbstbehauptung wurde im Laufe der nachfolgenden Jahrzehnte allmählich sichtbarer, in der Gründung von Schulen, Vereinen und neuen Synagogen und endete schließlich in der Katastrophe des Völkermords, der Shoah.
Die Nachkriegsgeschichte ist nur kurz auf zwölf Seiten zusammengefasst, die 250 Personen, die nach Kriegsende keinen DP-Status (Displaced Person) hatten, in Schleswig-Holstein selbst irgendwie oder die KZs und Arbeitslager überlebten, verweilten nicht allzu lang im Land. Schon bei der Wohnungszuteilung in den Jahren 1945/46 zeigten zuweilen verschiedene Ämter wenig Feingefühl und quartierten ehemalige KZ-Häftlinge bei Täter-Familien ein.

Die Gesamtdarstellung der Geschichte der Juden in Schleswig-Holstein ist ein einmaliges Dokument, das in diesem Umfang und der Detailfülle in unser kulturelles Gedächtnis zurück geholt und verankert wird.


Bettina Goldberg: „Die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein“
Herausgeber Prof. Gerhard Paul
Verlag: Wachholtz Verlag, 2011
800 Seiten
ISBN 978-3-529-06111-0
Preis: 35,00 Euro

Zu beziehen über den Buchhandel oder direkt beim Verlag www.wachholtz.de

Inhalt:
Einleitung
Von den ersten Niederlassungen bis zum Ende der Weimarer Republik
1) Die jüdische Bevölkerung - ein Profil
2) Schleswig-Holstein - eine "Diaspora in der Diaspora"; vier Fallstudien
3) Die jüdische Gemeinschaft
4) Die jüdischen Familien
5) Jüdische Minderheit und nichtjüdische Mehrheit

Die Zeit des Nationalsozialismus
6) Wirtschaftliche Verdrängung, gesellschaftliche Ausgrenzung und politische Entrechtung 1933-1937/38
7) Jüdische Selbsthilfe und Selbstbehauptung
8) Vom Pogrom zur Vernichtung 1938-1945

Epilog
Juden in Schleswig-Holstein der Nachkriegszeit
Anhang


Bettina Goldberg wurde 1955 in Essen geboren. Sie ist Gymnasiallehrerin für Geschichte und Deutsch in Flensburg und Lehrbeauftragte am Institut für Didaktik der Universität Flensburg. An der Ruhr-Universität Bochum studierte sie Geschichte und Germanistik und promovierte 1996 in Potsdam. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt die jüdische Geschichte, Bildungsgeschichte und die Geschichte der USA als Einwanderungsland.

Wenn Sie weiteres Interesse an dem Thema haben, dann lesen Sie auch: Eine Synagoge für Bad Segebergalt

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