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Literatur

Dirk C. Fleck: Feuer am Fuß

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Geschrieben von Dirk C. Fleck  -  Freitag, den 11. Dezember 2015 um 11:01 Uhr
Dirk C. Fleck: Feuer am Fuß 4.4 out of 5 based on 32 votes.
Dirk C. Fleck: Feuer am Fuß18

Cording öffnete das Fenster und inhalierte die würzige Wald- und Wiesenluft. Zur Linken des Hotel Le Morimont stieg ein Buchenwald den Hügel hinab, um an dem markanten Gebäude mit dem Glockenturm zu schnuppern, in dem außer ihm nur noch die beiden Begleiter Running Wolfs untergebracht waren, die er aber noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und drückte das Rückgrat durch. Was für ein Platz, was für eine Aussicht!
Hinter der geräumigen Terrasse breitete sich ein grüner Gras-und Blumenteppich aus, der in sanften Wellen bis unter die Nebeldecke kroch, die das unverbaute ferne Tal bedeckte. Man müsste der Zeit in die Speichen greifen können, dachte er, den Tag ausschneiden, zusammenfalten und bei Bedarf wieder hervorholen, das wär’s. Er war wach, daran gab es keinen Zweifel, aber trotzdem nippten seine Zellen am Nachgeschmack der süßen Träume, die ihn so sehr beglückt hatten. Er betrachte die unverputzten Wände seines Zimmers, dessen Mauerwerk sich im Inneren nicht von den Außenwänden unterschied. Vielleicht lag es an den atmenden Steinen, dass dem Gast im Morimont ein solcher Schlaf beschert wurde.
Er schlüpfte in seinen Anorak, griff sich den Zimmerschlüssel und wollte gerade gehen, als ihm die Türklinke in die Jackentasche fuhr und ihn brutal ausbremste. Die Jacke war hin, er behielt sie trotzdem an, denn es war feucht draußen. Es gibt Leute, die so etwas als Zeichen werten: Geh nicht fort! Es droht Gefahr! Aber wo käme er hin, wenn er auch noch die stummen Unverschämtheiten der leblosen Gegenstände deuten wollte? Er fragte sich allerdings, was die Objekte eigentlich davon hatten, wenn sie sich derart aufführten. Was hatte die Türklinke davon, wenn sie einem in die Jackentasche fuhr, sobald man vorbeiging? Was hatte die Jackentasche davon?
Am Fuße der steinernen Wendeltreppe, die anstelle eines Geländers lediglich über ein an der Wand befestigtes Schlappseil verfügte, stieß er auf Madame Hassenforder, die Besitzerin des Hotels. Sie sah nicht etwa ihn an, sondern heftete ihre Blicke auf die zerrissene Jacke. Erst als er sie nach der Geschichte ihres Hotels befragte, schaute sie auf. Cording erfuhr nun, dass es sich bei dem Hotel um ein ehemaliges Herrschaftshaus handelte, das im Mittelpunkt eines eindrucksvollen, aus vier Gebäuden bestehenden Gehöfts gestanden hatte, von denen die imposante Scheune und die Molkerei noch heute zu besichtigen waren. Aber die eigentliche Attraktion sei die fünfhundert Meter entfernte Burgruine des Château de Morimont.
„Am besten gehen Sie durch den Wald. Immer auf dem Kamm entlang, dann kommen Sie direkt hin. Die beiden Indianer sind schon vor einer Stunde dorthin aufgebrochen…
Die beiden Indianer… Cording war gespannt, wie schnell sich ihr Besuch im Elsass herumsprechen würde. Hier im Sundgau nahe des Dorfes Oberlarg wusste man Bescheid. Soweit er es beobachten konnte, behandelten die Einheimischen die Information diskret. Allerdings, und das hatte ihm Madame Hassenforder schon gestern bei seiner Ankunft gesteckt, hatte der Bürgermeister der nahe gelegenen Gemeinde Winkel bereits eine Bitte geäußert. Die Illquelle betreffend, die seit zwei Jahren versiegt war. „Jetzt wollen sie den Medizinmann bemühen”, sagte Madame und lachte. „Also, wie gesagt: immer auf dem Kamm entlang, dann kommen Sie direkt zur Ruine … Und nachher geben Sie mir Ihre Jacke, ich mach sie wieder heil.”
Cording glaubte, einem schlafenden Drachen auf den Rücken zu steigen, als er den Kamm erklomm. Es war gespenstisch still im Wald, selbst die Vögel hielten die Schnäbel – oder gab es sie nicht mehr? Das opulente Blätterwerk der Buchen schirmte das Schattenreich, durch das er sich bewegte, gegen jeglichen Lichteinfall ab. Die milchige Sonne mühte sich vergebens. Bis auf einige hellere Flecken auf dem mit welkem Laub bedeckten Boden blieb ihr der Durchbruch versagt. Unter seinen Füßen brach ein Zweig, was einen Höllenlärm verursachte, wie er fand. Jeden Moment erwartete er, dass sich hinter den Baumstämmen tausend entsetzte Geister zeigten, die ihm zu verstehen geben würden, doch ein wenig vorsichtiger aufzutreten.
Cording trat gegen einen Stein, der in dumpfen Sätzen den Abhang hinunter polterte. Er beschleunigte seine Schritte, geriet gar ins Laufen. Dabei schlug er mit einem Stock gegen die Baumstämme, als benötigte er den Lärm, um sich in seinem Schutz davonzustehlen. Umdrehen mochte er sich nicht, es genügte, dass sich ihm die Nackenhaare sträubten.
Endlich erreichte er das Ende des Weges. Das Tageslicht brandete an die Steilwand, auf der er, die Hände in die Hüften gestützt, nach Luft rang. Die Wand wurde von einer Reihe beachtlicher Felsbrocken gestützt. Ein Baum war aus dem Wald getreten und hatte sich einen dieser Brocken mit den Wurzeln einverleibt. Dagegen wirkten die Bemühungen der Grasbüschel, Blumen und Weidenstöcke, die ins Mauerwerk der dahinter liegenden Ruine des Château de Morimont griffen, geradezu rührend.
Was war das eben?, dachte er, als er sich der Ruine näherte. Nicht einmal in der Hölle Mumbais hatte er eine solche Beklemmung empfunden. Das war ein Wald, Cording, ein gesunder Buchenwald im Elsass! Bist du wirklich schon so entwöhnt von der Natur, dass sie dir Angst macht? Er trat auf das Haupttor zu mit der vorgelagerten Wehranlage. Mit dem Bau dieser Burg war bereits im zwölften Jahrhundert begonnen worden. 1356 wurde das Château, wie man einer Informationstafel entnehmen konnte, durch das Erdbeben von Basel schwer beschädigt und musste wieder aufgebaut werden. Wirklich totzukriegen war das Château de Morimont aber nicht. Im Juli 1826 versammelten sich drei Schweizer Jura-Patrioten im Kellergewölbe der Ruine und leisteten den „Schwur von Morimont”, mit dem die Eigenständigkeit des Juras beschworen wurde. Die tatsächliche Loslösung des Kantons von Bern erfolgte jedoch erst hundertdreiundfünfzig Jahre später, am 1. Januar 1979.
Geschichte will Weile haben, dachte Cording und berührte die kalten Steinquader des Torbogens, durch den man auf den Innenhof gelangte, in dem sich eine stattliche Eiche breit gemacht hatte. Ihr sattes Grün korrespondierte mit der leuchtend hellen Kalksteinmauer, die ohne Anbindung, sozusagen freihändig, zwischen dem Rondell an der Ostflanke und dem an der Westseite stand, ohne dass sie bisher umgekippt wäre, was niemanden ernsthaft verwundern würde.
Wo steckten Running Wolfs Begleiter? Perry Sprague und die reizende Doktor Avery Coffin? Cording näherte sich dem ältesten Teil der Burg, dem im Südosten auf einem Felskopf errichteten Bergfried, hinter dem eine hellgraue Rauchsäule aufstieg. Da saßen sie um eine Feuerstelle und winkten ihn zu sich. Steve hatte sie einander ja bereits in La Rochette vorgestellt. Perry Sprague war der Sohn Russel Means’. Means war einer der Gründer des American Indian Movements AIM, in dem der Sohn nun eine ähnlich wichtige Rolle spielte wie einst der Vater. Doktor Avery Coffin arbeitete als Psychotherapeutin im Reservat der Lakota-Sioux in South Dakota.
Cording hockte sich zu ihnen. Er warf den Stock in die Glut, mit dem er im Wald gegen die Stämme geschlagen hatte, und genoss das Schweigen, welches auf seinen Gemütszustand eine ähnlich heilsame Wirkung ausübte wie die Wärme des Feuers auf seinen Körper. Dabei musste er daran denken, was Jiddu Krishnamurti einst einem Londoner Reporter geantwortet hatte, nachdem dieser ihn nach seinem Auftritt in der Universität von Cambridge verwundert gefragt hatte, warum der Meister in seinem eineinhalbstündigen „Vortrag” kein einziges Wort gesagt habe: „Wer mein Schweigen nicht versteht, versteht auch meine Worte nicht…”
Doktor Avery Coffin hatte die Feuerstelle verlassen und pflückte ein paar Blumen aus dem Mauerwerk des Bergfrieds. Cording beobachtete, wie sie die Haarspangen entfernte und ihre glänzend schwarze Mähne kopfschüttelnd in Fluss brachte.
„Ihr eigentlicher Name ist Ehawee, das lachende Mädchen”, bemerkte Perry Sprague und rückte seinen Strohhut zurecht. „Ich bin Adahy, der im Wald lebt. Da wir uns hier auf einer Mission befinden, wäre es angemessen, uns mit den Stammesnamen anzusprechen.” Sein freundlicher Blick haftete so lange auf Cording, bis er sicher sein konnte, dass die Botschaft verstanden worden war.
„Was für ein absurdes Gebäude”, sagte er unvermittelt. Dabei machte er eine Handbewegung, als wollte er das unter Denkmalschutz stehende Mauerwerk beiseite räumen. „Diese Trümmer sind das Ergebnis eurer rationalen Denkweise. Solange ihr diese Denkweise nicht aufgeben könnt, werden von euch immer nur Trümmer übrig bleiben. Die Rationalität ist ein Fluch, denn sie veranlasst die Menschen, die natürliche Ordnung der Dinge zu vergessen – anders als die Tiere. Tiere vergessen niemals ihren Platz in der natürlichen Ordnung. Sicher vergessen auch einige Indianer gelegentlich, wo ihr Platz ist, aber Europäer vergessen es fast immer. Wir Lakota-Sioux haben einen Begriff für unsere Stammesangehörigen, die ihren Platz nicht mehr kennen: wir nennen sie Äpfel – sie sind außen rot und innen weiß. Die Schwarzen haben ihre Mohrenköpfe, die Hispanier ihre Kokosnüsse. Aber egal ob Äpfel, Mohrenköpfe oder Kokosnüsse – diese Leute gehören innerhalb ihrer Gemeinschaft zu den Ausnahmen. Bei den Europäern ist es umgekehrt. Bei euch ist derjenige die Ausnahme, der noch um die natürliche Ordnung weiß.”
Er nahm den Strohhut ab und fuhr damit solange über die Glut, bis aus ihr eine Flamme entsprang und sich an dem Stück Holz festbiss, das er ihr entgegen hielt. Kurz darauf entzog er der Flamme das Stöckchen. Er spielte mit der Flamme wie mit einem Hund, den er ein ums andere Mal nötigte, in die Luft zu springen und nach dem dargereichten Stock zu schnappen.
„An dem Tag, als die Menschen die Tiere als Ressource ansahen und nicht mehr als ihre Verwandtschaft, haben sie auch ihr Mitgefühl verloren”, hörte Cording den Mann sagen. „In vielen Sprachen der amerikanischen Ureinwohner wird dem möglichen Verlust des Mitgefühls noch heute auf ganz einfache Art begegnet. Die Yuroks zum Beispiel nennen alle Lebewesen Menschen. Es gibt die Froschmenschen, die Wolfmenschen, die Büffelmenschen, die Menschenmenschen. All diese Menschen haben ihr Mitgefühl, um all diese Menschen können sie trauern, wenn ihnen etwas Böses zustößt. Man kann um die durstigen Hirschmenschen trauern, um die Molchmenschen, die im Winter nicht genug Regen abbekommen haben, um zu überleben, um die Lachsmenschen, die es an den Staumauern vorbei nicht mehr flussaufwärts schaffen. Es ist eben immer eine Frage des Ausdrucks, wie wir unsere Welt gestalten…”
Er lächelte Ehawee zu, die ans Feuer zurückgekehrt war. Bevor sie sich setzte, steckte sie Cording eine Kornblume hinters Ohr. „Ich habe gehört, dass Sie uns eine Weile begleiten”, sagte sie, „das freut mich.”
„Ich werde Ihr Fahrer sein”, antwortete Cording schmunzelnd, „ich zeige Ihnen Ihr Einsatzgebiet. Es wird Ihnen gefallen, das Elsass ist sehr schön. Drei Sprachen, zwei Nationen, ein Schlaraffenland – so lautete bis kurz vor dem URP-Beitritt der Slogan, mit dem man hier europaweit um Touristen warb. Nach dem Reaktorunfall von Fessenheim aber traute sich niemand mehr her. Dabei ist die Strahlenbelastung im Vergleich zum englischen Nuklearkomplex Sellafield oder zur französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague extrem gering. Wann glauben Sie, dass wir zu einer ersten Rundreise aufbrechen können?”
„Das hängt davon ab, wie lange Running Wolf seine Kräfte im Mannlefelsen versammelt”, antwortete Ehawee. „Noch zwei oder drei Tage, schätze ich.”
Der Mannlefelsen war eine beeindruckende Höhle unweit des Dorfes Oberlarg. In ihm siedelten die ersten Menschen, die den Sundgau aufsuchten. Cording hatte Bilder von der Höhle gesehen. Die an einem Waldrand gelegene Kalksteingrotte, in der Running Wolf meditierte, sah aus wie ein bis zu den Augenhöhlen in den Boden gestampfter Totenkopf. Wer sich ihm näherte, wer gar die Kraft hatte, in ihm zu nächtigen, der musste schon sehr genau Bescheid wissen über seinen Platz in der natürlichen Ordnung. Ob er sich getraut hätte, in diesen geräumigen steinernen Schädel zu kriechen?
Cording wusste es nicht. Besser man fragte ihn nicht danach. Tat ja auch keiner. Stattdessen schlenderten sie zu dritt den bequemen Feldweg unterhalb des Buchenwaldes zurück ins Gästehaus zu Madame Hassenforder, die gar nicht schnell genug in den Besitz seiner zerrissenen Jacke kommen konnte…

Oberlarg im Sundgau, 2. September 2035
Mike Kühling teilte mir eben mit, dass mich das Informationsministerium von ECOCA eingeladen hat, dem Tribunal gegen den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama als Prozessbeobachter beizuwohnen. Insgesamt sind nur fünf Journalisten akkreditiert worden, unter ihnen John Knowles. Der Prozess, der am 9. September eröffnet wird und für den insgesamt drei Tage angesetzt sind, findet im Orpheum Theatre von San Francisco statt, an jenem Platz also, wo Knowles und ich als Mitglieder der Maeva-Delegation schon einmal Zeuge eines Schauprozesses geworden waren, damals ging es gegen die Ball Brothers von Ball Industries. Der Konzern hatte eine Milliarde Dollar investiert, um die von der Clinton-Gore-Regierung angestrebten Klimagesetze zu verhindern. Ein Großteil des Geldes floss in eine Organisation, die sich „Americans for Prosperity” nannte und die sogar über eine eigene „Aufklärungsarmee” verfügte. Diese schwarz gekleideten „Carbon Cops” bereisten das Land bis in den letzten Winkel, um Stimmung gegen die Environmental Protection Agency zu machen, deren engagierter Einsatz für die Umwelt ihr in Washington erheblichen Einfluss beschert hatte. Gleichzeitig wurden Ball-Gelder dazu verwendet, um Wissenschaftler zu kaufen, die jede seriöse Studie des Weltklimarats, der EPA, der UNEP, von Greenpeace oder der Wilderness Society in Zweifel zogen. In Washington selbst flossen Millionen von Ball-Dollars in die Hände von Regierungsmitgliedern, Senatoren und Abgeordneten. Wer sich den Erpressungsversuchen widersetzte, war seines Lebens nicht mehr sicher. Man wusste von mindestens drei Personen, einem Senator und zwei Klimatologen, die auf offener Straße erschossen worden waren. Der Prozess gegen die Ball-Brothers endete wie jeder Schauprozess in der Ökodiktatur mit einem Todesurteil.
ECOCA verfügt über einen äußerst effektiven Geheimdienst. Anders ist es nicht zu erklären, dass es ihnen immer wieder gelingt, die Verantwortungsträger der „alten Welt”, wie sie es nennen, aufzuspüren und zu entführen. Die Riege der Angeklagten kann sich sehen lassen. Politiker und Wirtschaftsführer sind ebenso darunter wie Wissenschaftler, Finanzjongleure und Medienunternehmer. Die Verhandlungen gegen diese Leute gehören in ECOCA zu den wenigen öffentlichen Amüsements, die der Bevölkerung im Ökostaat geboten werden. Sie finden einmal pro Monat statt und werden live im Staatsfernsehen übertragen. Das Publikum der Schauprozesse wird in einer eigens dafür eingerichteten „Penalty Lottery” ermittelt. Wer das Glück hat, dabei sein zu dürfen, gehört gleichzeitig der Jury an. Denn es sind die Besucher im Parkett und auf den Rängen, die das Urteil sprechen. An jedem Sitz befindet sich eine elektronische Abstimmungstafel, auf der man zwischen drei Möglichkeiten wählen kann: zwanzig Jahre, lebenslänglich oder Todesstrafe. Ein Freispruch ist nicht möglich.
Mit Barack Obama stellt man nun den bislang prominentesten „Verbrecher” vor Gericht, wie die Angeklagten bereits im Vorwege genannt werden. Die Reaktion der US-Bundesregierung auf diesen Coup ist erbärmlich und zeigt einmal mehr die Schwäche und Ohnmacht der von Bürgerkriegen erschütterten ehemaligen Supermacht. Außer einem empörten Gebell ist aus Washington nichts zu vernehmen. Sanktionen gegen ECOCA sind nicht möglich, weil der Ökostaat ohnehin keine Handelsbeziehungen mit den Rest-USA pflegt, und ein Militärschlag würde schon deshalb nicht funktionieren, weil das US-Militär gespalten ist. Einzig die in den Städten eingesetzte Nationalgarde steht noch hinter der Regierung.
Am 9. September in San Francisco, also in genau fünf Wochen. Wenn Running Wolf tatsächlich nur noch zwei bis drei Tage braucht, um sich zu sammeln, könnte es noch klappen mit der Rundreise durch die Region, bevor es Obama an den Kragen geht…

„Fällt Ihnen etwas auf?”, fragte John Knowles, als sie auf dem Union Square exakt auf jener Bank Platz nahmen, auf der sie bereits vor sieben Jahren gesessen hatten. Damals waren sie dort Zeuge einer „Erziehungsrazzia” geworden, die es dem Verhaftungsservice der ECOCA-Grünhelme erlaubte, die Bürger der Ökorepublik willkürlich festzunehmen, um sie einer „Lektion” zuzuführen. Solche Lektionen fanden in stillgelegten Schlachthöfen oder ehemaligen Tierversuchsanstalten statt, wo die Menschen darüber aufgeklärt wurden, was sie den unschuldigen Kreaturen angetan hatten und außerhalb dieses Staates immer noch antun. Während ihnen die unfassbare Quälerei über Filme vermittelt wurde, waren sie den Schmerzensschreien der Tiere ausgesetzt, die über Lautsprecher übertragen wurden. So jedenfalls hatte es Julian Green, ein ehemaliges Mitglied des Ökorats, der nach Montana fliehen konnte, in seinem Buch „SECRETS – Aus dem Innenleben einer Ökodiktatur” beschrieben.
„Nun?”, hakte Knowles nach.
„Wenn Sie die Videowände meinen”, antwortete Cording, „so sind die wohl kaum zu übersehen. Aber waren die nicht immer da? Jedenfalls einige von ihnen?”
„Einige waren schon damals da, ja”, stimmte Knowles zu, „allerdings lief auf ihnen ein anderes Programm ab, nicht diese propagandistische Scheiße, mit der man auf das Obama-Tribunal aufmerksam macht. Der Prozess soll übrigens nicht nur im Staatsfernsehen, sondern auch auf diesen Wänden übertragen werden. Da steht’s.” Er deutete auf den Screen an der Außenfassade des ehemaligen Westin Hotels in der Powell Street. „OBAMA LIVE. SEVEN DAYS OF JUSTICE. FROM 10:00 a. m. TO 04:00 p. m.”
Cording erinnerte sich an die Botschaften, die bei ihrem letzten San-Francisco-Besuch auf diesen Tafeln aufleuchteten. Es waren Zitate berühmter amerikanischer Schriftsteller und Philosophen wie Walt Whitman, Mark Twain, John Dos Passos, Gore Vidal, Ernest Hemmingway, T. S. Eliot, Edward Abbey oder J. D. Salinger. Ein Spruch hatte besonderen Eindruck auf ihn gemacht, er stammte von Henry David Thoreau: „Die Natur draußen ist voller Glück, und ihre fröhlichen Würmer werden die Türme drinnen zum Einsturz bringen.“
Sie saßen eine Weile schweigend da, während auf den zwölf Screens, die rund um den Union Square installiert waren, alle zwei Minuten ein Bild des Angeklagten erschien, der mit verschränkten Armen lachend vor seinem Schreibtisch im Oval Office posierte.
„Meine Frage zielte eigentlich auf etwas anderes”, bemerkte Knowles. „Fällt Ihnen wirklich nichts auf? Schauen Sie sich die Menschen an. Sie bewegen sich noch immer wie in Trance, finden Sie nicht?”
Cording pflichtete ihm bei. Die Leute, die quer über den Platz an der vierzig Meter hohen Nadel des Dewey Monuments vorbei schlurften, setzten ihre Schritte, als seien sie ferngesteuert. Und obwohl die warme Herbstsonne ihre Gesichter wärmte, waren diese verschlossen. Die Menschen schienen von der Lethargie befallen wie von einer unheilbaren Krankheit. Das hatten sie vor sieben Jahren auch schon bemerkt und offenbar war der Grund dafür noch immer derselbe. Laut Julian Green lag das an den vegetarischen Grundnahrungsmitteln, die man den Städtern von ECOCA kostenlos verabreichte. Diese Nahrungsmittel, behauptete Green, waren aufgrund der extremen Bodenverseuchung in weiten Teilen der Ökorepublik mit Single-Cell-Proteinen angereichert, ein durch genmanipulierte Mikroben entstandenes Eiweiß, das an geheimen Orten fabrikmäßig hergestellt wurde und deren Nebenwirkungen nie erforscht, aber bewusst in Kauf genommen wurden.
„Selbst wenn sich die Böden eines Tages erholen werden”, sagte Knowles, „und dafür wird, ähnlich wie in den URP-Regionen, die Umstellung auf die Schwarzerde Terra Preta schon sorgen, wird das Regime wohl weiter mit einem seiner Grundgesetze brechen, welches besagt, dass Genmanipulationen an Pflanzen, Tieren oder Menschen verboten sind. Welches diktatorische Regime könnte ernsthaft etwas gegen lethargische Untertanen einzuwenden haben?”
John Knowles, dieses Schlitzohr. Genau das waren schon damals seine Worte, aber sie schienen sich ja zu bewahrheiten. Cording nahm sich vor, die Informationsministerin Tanith Agosta auf die Zusatzstoffe in der Nahrung anzusprechen. Er würde morgen neben ihr in der Loge des Orpheum Theatres sitzen. Sein Verhältnis zu der Dame hatte sich seit ihrer letzten Begegnung, als er im Gefolge Maevas durch ECOCA reiste, merklich entspannt.
Er hatte Lust auf einen Spaziergang. Sie könnten mit der Cable Car an die Küste fahren und den Strand entlang wandern, Richtung Golden Gate Bridge, die als gebrochenes Viadukt im Wasser lag. Knowles war von dem Vorschlag nicht angetan.
„Ich bin zweiundsiebzig Jahre alt, junger Mann”, sagte er, „da lernt man beizeiten, mit seinen Kräften hauszuhalten.” Er zog ein Buch aus seiner Jackentasche. Ernesto Sabato: „Über Helden und Gräber”. „Hochinteressanter Mann, Argentinier, seit vierundzwanzig Jahren tot. War ursprünglich Physiker, entsagte aber der Wissenschaft, um sich der Kunst zu widmen. Hörte irgendwann mit dem schreiben auf, weil ihm die Welt wie ein verrückter, unheilbarer Ort auf dem Pfad in die Selbstzerstörung erschien. Der Denker war dem Künstler in den Arm gefallen und hatte ihm die Naivität ausgetrieben, ohne die sich ein fiktionales Universum nicht errichten lässt. Ich denke, dass es sich hier um die perfekte Lektüre handelt, jedenfalls, wenn man sich in einem Staat befindet, der nach dem Motto verfährt: Ideen halten sich nicht, es muss etwas mit ihnen getan werden. Aber gehen Sie nur, wir treffen uns später im Hotel.”
Cording mischte sich unter die ruhig gestellten Passanten, von denen die meisten dem Rat gefolgt waren, der seit einigen Minuten auf den Videoscreens aufleuchtete: PUT ON YOUR MASK, was soviel bedeutete, dass man sein Gesicht mit einem Gazeschleier zu schützen hatte, da die Sonneneinstrahlung zu intensiv geworden war. Vielleicht war das mit dem Strandspaziergang doch keine so gute Idee, dachte Cording und sah sich nach Knowles um, der sein Gesicht bei geschlossenen Augen in die Sonne hielt. Das Buch lag aufgeschlagen neben ihm auf der Bank.

Die letzte Folge (Feuer am Fuß 19) erscheint am Montag, 14. Dezember 2015.
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Hintergründe - Bezüge - Wissen

KulturPort.De bietet den Lesern zu jeder exklusiven Folge Hintergrundwissen in einer „Fact Box" an, die jeweils gemeinsam mit der Autor zusammengestellt wurde. Damit soll ein Einblick in die Arbeitsweise Dirk C. Flecks, sowie seine historischen und aktuellen Bezüge sichtbar gemacht werden, um den realen Kontext besser zu verorten.

Videos:
Obama explains the FEMA Camps (in engl. Sprache) Obama erklärt die FEMA-Camps
Scott Nearing on The Good Life
Scott Nearing (1883-1983) war ein US-amerikanischer Autor, Pädagoge und Landwirt. In seinen Schriften und öffentlichen Reden nahm er Stellung zu den Themen Ökonomie, Politik, Ethik, Gesellschaft, Frieden, Gleichberechtigung und Ökologie.

ZITAT
Portrait by Benjamin D. Maxham (daguerreotype), black and white of Henry David Thoreau in June 1856. The writer-collar post a beard and is dressed in a black frock coat, a white shirt and a black bow tie.„Wir wollen uns die Ärmel aufkrempeln und unseren Weg bahnen durch den Dreck und Schlamm von Meinung, Vorurteil, Tradition, Blendung und Schein, die den Erdball überschwemmen, durch Paris und New York, durch Kirche und Staat, durch Dichtung, Philosophie und Religion, bis wir auf festen Grund und solide Felsen stoßen. Diesen Ort können wir Wirklichkeit nennen und sagen: Das IST, einen Irrtum gibt es nicht. Und dann beginne ein Realometer einzurammen, damit künftige Zeiten erfahren, wie hoch die Wellen von Trug und Schein zeitweilig schlugen.“
HENRY DAVID THOREAU (1817-1862 ) war ein amerikanischer Schriftsteller und Philosoph.

Foto: Portrait by Benjamin D. Maxham (daguerreotype), black and white of Henry David Thoreau in June 1856. The writer-collar post a beard and is dressed in a black frock coat, a white shirt and a black bow tie. (gemeinfrei)


PRESSESTIMME
Flecks Utopie beschreibt nicht nur, wie es Omai, dem jungen Präsidenten Tahitis, gelingt, Mensch und Natur in seiner mustergültigen Gesellschaft zu versöhnen. Sein eigentliches Anliegen, das macht der Roman im Anhang klar, ist die konkrete Umsetzbarkeit eines sozio-ökologischen Wirtschaftsmodells. Und diese Umsetzung soll nicht von oben, von den politisch und wirtschaftlich Mächtigen, sondern von unten ausgehen. 
Es scheint als brauchten wir immer wieder utopische Modelle wie diese, um eine kritische Folie zu haben, vor deren Hintergrund wir die eigene Entwicklung besser erkennen. Tahiti ist hier eben nicht nur Urlaubsfluchtpunkt für Touristen sondern Synonym für all jene Utopien, die sich als noch nicht eingelöste Versprechen einer besseren Gesellschaft verstehen.
Hessischer Rundfunk über das „Tahiti-Projekt“

STIMME ZUM BUCH
BeisswesserDer Autor ist Spezialist für Ökologie, Anthropologie und Quantenphysik. Und er verbindet diese scheinbar nicht zusammenhängenden Teile zu einem stimmigen Puzzle. Das ist ihm sehr gut gelungen. Gefallen hat mir das Ende - das ist wirklich stark – ein unvermeidlicher, ein stimmiger Schluss.
Gefehlt hat mir eine detaillierte Beschreibung der Ökonomie im Jahre 2035. Der Kapitalismus ist zwar zusammengebrochen, doch man erfährt leider nichts darüber, wie die Erdbevölkerung über die Runden kommt. Aber vielleicht erfahren wir darüber mehr im 4. Teil?!
Das Einzigartige und Besondere des Buches? Es ist ein Szenario, das wir uns durchaus vorstellen müssen. Leider. Einen 4. Teil würde ich auf jeden Fall lesen.
KAI BEISSWENGER, Autor
Autorenfoto von Kai Beisswenger. Quelle: Beisswenger, Wegberg


Dirk C. Fleck wurde 1943 in Hamburg geboren. Nach dem Studium an der Journalistenschule in München volontierte er beim Spandauer Volksblatt in Berlin und war Lokalchef der Hamburger Morgenpost. Er war Redakteur bei Tempo und Merian, seit 1995 ist er als freier Autor für die Magazine Spiegel, Stern und Geo tätig und schreibt für die Welt und die Berliner Morgenpost. Er ist Autor des Öko-Thrillers Palmers Krieg (1992) sowie des Zukunftsromans GO! Die Ökodiktatur (1996), für den er den deutschen Science-Fiction-Preis erhielt. Dirk C. Fleck lebt und arbeitet in Hamburg.

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