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Literatur

Dirk C. Fleck: Feuer am Fuß

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Geschrieben von Dirk C. Fleck  -  Montag, den 30. November 2015 um 11:00 Uhr
Dirk C. Fleck: Feuer am Fuß 4.4 out of 5 based on 41 votes.
Dirk C. Fleck: Feuer am Fuß13

Steve konnte es nicht erwarten, Maeva wiederzusehen. Kaum hatte der Reva Tae die Endstation in Tautira erreicht, begann er seine Schritte zu beschleunigen. Im Vaiami-Tal fing er an zu laufen, und weil ihm der Weg am Flussufer zu steinig war, lief er dort entlang, wo das Wasser drei Zentimeter hoch war und unter seinen Schritten gehörig spritzte. Dass Rudolf ein anderes Tempo angeschlagen hatte, bemerkte er nicht einmal. Nach fünfhundert Metern hockte er sich atemlos ins Gras, Rudolf setzte sich zwei Minuten später dazu.
„Was glaubst du?, fragte Steve keuchend. „Wie wird sie reagieren?”
„Wie würdest du reagieren?”, fragte Rudolf zurück.
„Komm weiter, Tahitianer! Du gehst vor.”
Und da nun Rudolf das Tempo diktierte, kamen sie entspannt an. Da lag es, das Gästehaus. Es wehte sogar die polynesische Flagge auf dem Dach: die rote Piroge auf dem blauen Meer, umfächert vom Strahlenkranz der goldenen Sonne. Omai kam auf die Terrasse und dann Rajani Bala. Sie breiteten die Arme nach ihnen aus und umarmten sie. Steve sah über die Schulter Rajanis hinweg in Maevas strahlendes Gesicht.
„Malcolm macht es”, sagte Steve und wurde rot bei ihrem Anblick. Maeva drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Sie setzten sich zu den anderen auf die Terrasse. Rudolf erzählte vom Parque Pumalín, von den Menschen, die dort arbeiteten, von den Bäumen, die man züchtete und von Double U, der vorzüglich zu kochen wusste. Rudolf erzählte sehr ausführlich und sehr plastisch und Steve wurde klar, was er alles nicht gesehen hatte. Er fand, dass die Natur im Parque Pumalín in Ordnung war, während Rudolf von ihr eher wie von einem Patienten auf der Intensivstation sprach.
„Und, Steve, was war dein Gewinn auf dieser Reise?”, fragte Omai und alle lachten.
Steve war auf diesen Moment vorbereitet. Er griff in seine Jackentasche und zog ein beigefarbenes Couvert hervor, das er Maeva reichte. Maeva führte es unter die Nase, wie ein Duftstäbchen im Parfümladen, dann reichte sie den Umschlag an Steve zurück und bat ihn, den Brief laut vorzulesen, was dessen Nervosität nicht gerade minderte.
„Liebe Maeva!”, begann er. „Willkommen zurück! Ich werde Ihnen helfen. Mein russischer Freund Timofejew ist mit von der Partie und andere werden dazu kommen. Wenn ich Steve richtig verstanden habe, ist der Einsatz der Schamanen noch immer ein logistisches Problem. Ich kann der URP sofort zwölf Flugzeuge zur Verfügung stellen, Privatmaschinen, neuester Standard. Wir Weltenretter sollten uns schon einen gewissen Luxus gönnen, dann geht das Geschäft leichter von der Hand…”
Omai fiel fast vom Stuhl vor Lachen. Rajani und Maeva ließen sich anstecken und auch Steve konnte nun nicht mehr an sich halten.
„Das war’s?!”, fragte Omai, immer noch nach Luft schnappend.
„Ihre Einladung nach Tahiti, liebe Maeva”, las Steve weiter, „nehme ich gerne an. Ich werde genügend Zeit mitbringen, um mir Ihre umfangreichen Wünsche gelassen anzuhören. Dann wird man sehen, wozu ich gut sein kann. Grüßen Sie Ihren Bruder recht herzlich und alle, die jetzt bei Ihnen sind.
Ihr Malcolm.”
Steve faltete das Schreiben zusammen. Eine Papaya fiel vom Baum und sandte ihre Gravitationswellen.

Elijah Pinter war in Sicherheit, die Tore ECOCAs hatten sich problemlos für ihn geöffnet. Wohingegen Cording sein Anliegen zurückstellen musste. Auf jeden Fall war die Anfrage an die Informationsministerin unterwegs, er brauchte hier in Yuma nur auf ihre Nachricht zu warten. Seltsamerweise zweifelte er keinen Augenblick daran, dass Tanith Agosta seiner Bitte um ein persönliches Gespräch stattgeben würde. Ein Gefühl, mehr nicht.
Er hatte dem guten Elijah zum Abschied das G-Com geschenkt, das eigentlich Knowles gehörte, der es bei ihrem letzten Treffen in einem New Yorker Hotel hatte liegen lassen. Pinter, so die Verabredung, sollte ihn anrufen, wenn er irgendwann eine Chance sah, das Refugium der flüchtigen Milliardäre im Golf von Kalifornien zu verlassen.
Dass er es dort nicht lange aushalten würde, stand für Cording fest. Baja California war härtestes Exil. Müßiggang ohne Ende, unter sengender Sonne. Und unter seinesgleichen! Der gute Elijah schien schon auf dem Weg von Flagstaff nach Yuma zu ahnen, was auf ihn zukam. Sie hatten sich einen Leihwagen genommen, anders wären sie nicht nach Yuma gekommen. Der einzige Satz, den Elijah während der Fahrt sprach, fiel kurz vor Sedona: „Ich fühle mich, als hätte man meinen Kopf in einen Schraubstock geklemmt…”
Das Gefühl hatte Cording auch, aber es war nicht mehr so schlimm. Er war schon einmal auf dieser Strecke unterwegs gewesen. Die Energie war hier quasi mit Händen zu greifen. Die Straße wurde von den Felswänden auf einer Länge von mehreren Kilometern regelrecht in die Zange genommen, selbst der reißende Bach zur Rechten schien seine Schultern ängstlich einzuziehen. Damals war er taumelnd aus dem Wagen gewankt und hatte seine Füße ins reißende Eiswasser gehalten, um sich irgendwie zu erden. Seine Gedanken, daran erinnerte er sich, rutschten, nein, glitschten zwischen zwei Magnetfeldern herum, das Herz begann zu rasen, jemand rief von oberhalb der Böschung, ob alles in Ordnung sei. Er hatte sich damals nur unter größten Mühen aufraffen können. Gang rein und weiter. Laut singend, laut singend, bis sich die Landschaft endlich wieder öffnete.
„Sehen Sie, Elijah, das da vorne ist Sedona. Die Wiege der New-Age-Bewegung”, hatte er seinem auf der Rückbank kauernden Beifahrer zugerufen, woraufhin sich dieser langsam aufrichtete und befreit durchatmete, als wollte er die ganze Ebene in sich aufnehmen.
Das war’s mit der Konversation bis Yuma. Elijah Pinter lebte bereits in einer anderen Welt, ihm war nicht einmal aufgefallen, dass sich Cording einen Abstecher ins Reservat der Papago gönnte. Der Tankwart, der ihm zum Schluss noch ein paar Früchte verkaufte, klärte ihn darüber auf, dass er dem Volk der Tohono O’Odham angehörte, was „Volk der Wüste” hieß.
Cording öffnete auf seinem G-Com eine abgespeicherte Website mit dem Titel „Der Erde zuhören”. Dort befand sich ein Artikel, der sich mit dem Magnetfeld unseres Planeten beschäftigte, das in den letzten zweihundert Jahren ein Zehntel seiner Feldstärke verloren hatte. Vielleicht war er deshalb im Tal von Sedona diesmal so glimpflich davongekommen. „Wenn das Erdmagnetfeld weiterhin so dramatisch schwindet”, las er, „sind wir der harten, radioaktiven, kosmischen Strahlung direkt ausgesetzt mit unabsehbaren Folgen für das Leben auf der Erde.”
Schon erstaunlich, dachte Cording, wie viele Informationen aus den unterschiedlichsten Richtungen das Bild vom nahenden Untergang festigten, als säße Luzifer persönlich am Werk. Er inszenierte die große Oper im Sinne Nietzsches: „Und wollt ihr denn durchaus zugrunde gehen, so tut es plötzlich und auf einmal, sodass von euch jedenfalls erhabene Trümmer übrig bleiben.”

„Wir führen einen Kampf um die Seele der Menschheit, das sehen Sie ganz richtig, Mister Cording. Aber unsere Delegation wird trotzdem abreisen. Gehen wir ein Stück? Die Bergluft wird uns gut tun.”
Cording hatte den Vertreter der tibetischen Bön Religion im Ritualzelt des Klosters Karma Ling kennengelernt, wo er den versammelten Schamanen erklärte, warum die Bönpos im Gegensatz zu ihnen keinerlei Zeremonie veranstalten würden, was er jedoch nicht als Kritik am Schamanismus verstanden wissen wollte. Die Bön-Religion, so der Rinpoche, verfüge über ein wesentlich ausgeprägteres Glaubenssystem, als die meisten Völker, deren Vertreter er die Ehre hatte, hier kennenzulernen. In der Bön-Religion handele es sich um eine andere Stufe des Erwachens zur Erkenntnis. Die Quelle dieser Religion habe bereits vor dreitausend Jahren im Westen Tibets gesprudelt. Das Land sei von ewigen weißen Bergen umgeben, den einzig möglichen Zugang bezeichnete man als „Weg des Pfeils”.
„Das war eine Anspielung auf den legendären Pfeil, den Tonpa Shenrab, der Gründer der Bön-Religion abschoss, als er vom Himmel stieg, um den Menschen zu helfen, die vor Armut und Leid dahinvegetierten”, sagte der Rinpoche, bevor sie auf dem steil ansteigenden Waldweg eine halbe Stunde schweigend nebeneinander hergingen. „Sie kennen Ihre Kultur, Mister Cording, und ich kenne die meine”, nahm der Rinpoche das Gespräch wieder auf. „Natürlich könnte Ihnen meine Kultur etwas bringen. Besuchen Sie uns, bleiben Sie ein Jahr bei uns in der Wüste. Das wäre schon ein kleiner Anfang. Ein Jahr ist das strikte Minimum. Alles andere ist zwecklos.”
Sie ließen sich auf einer Lichtung nieder, von der man einen herrlichen Panoramablick auf die Savoyer Alpen hatte. Unten im Tal das Dörfchen Saint Hugon. Cording versuchte das Hotel zu entdecken, in dem er untergebracht war und wo er morgen auf Steve treffen würde. Das Buddhistenkloster Karma Ling war deutlich zu erkennen, das Hotel hingegen…
„Die Dorfstraße bis zum Ende, das zweite Haus auf der rechten Seite, da wohnen Sie”, bemerkte der Rinpoche, der offensichtlich Gedanken lesen konnte.
„Warum wollen Sie abreisen?”, fragte Cording, nachdem sich seine Verblüffung gelegt hatte.
„Das hatte ich Ihnen bereits versucht zu erklären.”
„Wenn die anderen Delegationen ähnlich denken würden, wäre der ganze schöne Versuch gescheitert.”
„Sie denken aber nicht ähnlich und ich bin froh darüber. Die Idee der URP, als Erstes ihren europäischen Regionen spirituelle Hilfe angedeihen zu lassen, ist richtig. Das meiste Leid, das wir heute auf der Erde auszuhalten haben, ist von Europa aus in die Welt gekommen, also ist es nur logisch, wenn man den Hebel zuerst hier ansetzt. Ich bin sicher, dass dies gelingen wird. Es geht ja zuallererst darum, den Angstknoten in den Herzen der Europäer zu lösen, der sie letztlich in die Sicherheitsfalle gelockt hat. Menschen, die in ihrem Leben ausschließlich nach Sicherheit streben, werden auf Dauer paranoid. Sie begreifen nicht, dass das Leben ständig in Fluss ist, dass es ein Mysterium darstellt, in das man Vertrauen investieren muss. Das Streben nach Sicherheit ist aber das Gegenteil von Vertrauen. Es ist das falsche Investment…”, sagte er lachend.
„Wenn Sie einerseits an den Erfolg des Schamanenexperiments glauben”, warf Cording ein, „andererseits aber Ihren Beitrag verweigern, weshalb ist Ihre Delegation dann überhaupt nach Karma Ling gekommen?”
Der Rinpoche strich mit der flachen Hand über die Spitzen der Grashalme und schwieg.
Cording, der sich auf das Treffen mit den Vertretern der Urtradition vorbereitet hatte, wusste von der Bön Religion so gut wie nichts. Alles, was er wusste, war, dass der Religionsgründer Shenrab ein oberstes Prinzip formuliert hatte: „Gebt, aber nehmet nicht!”
„Der Grund, weshalb wir nach Karma Ling gekommen sind”, antwortete der Rinpoche lächelnd, „war die Aussicht auf positive Kommunikation und ein freundschaftliches Verhältnis zu allen Traditionen. Dieses Treffen ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, unsere Kräfte zu vereinen. Aber helfen tun wir auf unsere Art. Wir können ganz gut mit Entfernungen umgehen. Die Missverständnisse, denen wir hier in Europa ausgesetzt wären, stören nur bei der Arbeit.” Er strich erneut über die Grashalme, ohne sie allerdings zu berühren. „Ich sag Ihnen, wie unsere praktische Arbeit aussehen wird, wenn wir in unser Land zurückgekehrt sind. Um sie so effektiv wie möglich ausführen zu können, war es richtig und wichtig, dass wir der Einladung hierher gefolgt sind. Weil wir uns jetzt ein Bild davon machen können, wie die Schamanen und Weisen der anderen Urtraditionen vorgehen werden. Spirituelle Arbeit lässt sich koordinieren, und je besser die Koordination funktioniert, desto besser ist das Ergebnis. Wir sind also alles andere als Verweigerer, das wurde inzwischen von den meisten aus dem Kreis der Alten auch verstanden. Bevor die Bönpos ein Ritual beginnen, malen sie ein Mandala auf den Boden, um der Erde ihre Ehrerbietung darzubringen. Dazu muss man wissen, wo sich die Erdenbesitzer aufhalten. Sonst ist es sinnlos, sich mit ihnen versöhnen zu wollen. Deshalb vermeiden wir soweit wie möglich, Bäume zu fällen, Flüsse zu vergiften oder Feuer zu entfachen. In diesen Elementen wohnen viele Geister. Wenn man unbedingt einen Baum fällen muss, so sollte man die Geister, die darin wohnen, zuerst um Erlaubnis bitten. Viele Menschen vergessen das und leiden in der Folge an Krankheiten, die auf die Geister zurückzuführen sind, die sie vernachlässigt haben. Die Bönpos sprechen vom Menschen und seinem Haus.” Der Rinpoche hielt einen Moment inne: „Der Mensch hängt von den fünf Elementen ab”, fuhr er fort, dabei sah er Cording eindringlich an. „Das Fleisch steht mit der Erde in Verbindung, der Geist mit dem Raum, das Blut mit dem Wasser, die Körpertemperatur mit dem Feuer und der Atem mit dem Wind. Unsere Gedanken, Wünsche und Empfindungen lassen sich auf den Energiewellen dieser Elemente in alle Welt transportieren. Verstehen Sie? ›Gebt, aber nehmet nicht.‹ Die Menschen werden nicht einmal merken, wer ihnen da auf die Sprünge hilft. Diskreter kann man nicht wirken und bescheidener kann man dem Prinzip, nach dem wir leben, nicht entsprechen.”
Cording wunderte sich, dass er dem Rinpoche ohne innere Einwände folgen konnte, als würde der ihm gerade den Weg zum Kloster beschreiben. Er freute sich, dass der Skeptiker in ihm, der sich bisher allem esoterischen Schnickschnack gegenüber sehr despektierlich geäußert hatte, vorübergehend besiegt war. Mittlerweile hatte ihn das Leben ja auf einer Ebene abgesetzt, auf der man nach anderen Antworten als denen der Vernunft suchte. Auf der man durchatmen und sich neu sortieren konnte. Wo die Einsamkeit zum Freund wird, der einen daran erinnert, dass man sich schon immer in seiner Obhut befunden hatte, aber jetzt erst in der Lage sei, sich ihm voll und ganz anzuvertrauen. Wie hatte der Rinpoche gesagt? „Das Leben ist ein Mysterium, in das man Vertrauen investieren muss.” An dieser Stelle, das wurde Cording schlagartig klar, gab es keine Umkehr mehr. Jetzt galt es, den Weg so demütig wie möglich zu Ende zu gehen. Er ertappte sich dabei, wie er seine Hand über die Spitzen der Grashalme streichen ließ, und zog beschämt zurück.
„Noch mal”, sagte der Rinpoche, „aber diesmal berühren Sie sie nicht…”

Steve sah blendend aus. Cording hatte ihn kaum wiedererkannt. Sein junger Freund war in den letzten sechs Jahren zum Mann gereift! Das ist mit zweiunddreißig nur in den seltensten Fällen zu beobachten. „Schön, dich zu sehen”, bemerkte Cording lächelnd und schlug vor, im Garten Platz zu nehmen. Es regnete zwar, aber das Prasseln auf dem Baldachin der Terrasse wirkte beruhigend.
„Maeva lässt dich grüßen”, sagte Steve, nachdem sie einige Minuten schweigend da saßen. Cording spürte einen Stich in der Brust, er führte die Hand unauffällig ans Herz und begann mit den Fingerspitzen Druck auszuüben. „Grüße sie ganz herzlich zurück”, sagte er. Ihre Blicke trafen sich und Cording fragte sich, warum Steve errötete.
„Am Telefon hattest du angedeutet, dass Maeva wieder aktiv ist”, Steve nickte. „Rauura ist gestorben, damit fing alles an”, sagte er.
Dass Rauura tot war, wusste Cording von Omai. Dieses Gespräch war der einzige Kontakt, den er in den letzten sechs Jahren mit Tahiti hatte. Dass Maeva der Bestattungszeremonie am Rande beigewohnt hatte, wusste er nicht. Omai hatte es ihm wohlweislich verschwiegen. Und dass der Schamane sie auf dem Sterbebett zu seiner Nachfolgerin erkor, dass dies später vom Obersten Rat der Arioi abgesegnet worden war und Maeva nun als Führerin eines Geheimbundes agierte, der ihr im Amt als URP-Vorsitzende nur zu schaden versuchte, gehörte zu den unerklärlicheren Dingen des Lebens. Die URP, so erfuhr er, hatte ihren Hauptsitz von Sydney nach Tahiti verlegt. Und Maeva hatte sich an oberster Stelle zurückgemeldet, wenn er Steve richtig verstand. Offiziell führte Rajani Bala die Geschäfte der Generalsekretärin weiter, aber es war wieder Maeva, die den Ton angab.
Cording rief dem vorbei eilenden Kellner eine Bestellung hinterher. Warum überkam ihn plötzlich ein Gefühl von Trauer und Eifersucht? Er glaubte es längst überwunden, aber es war wieder da. Erstmals hatte es sich bemerkbar gemacht, als Maeva in Sydney zur URP-Vorsitzenden gewählt wurde und es sollte nie wieder weichen. Während der gesamten Reise, die sie durch alle fünf Kontinente führte, hatte dieser diffuse Schleier auf ihrer Beziehung gelegen. Er bemerkte, dass Steve seinen Bericht unterbrochen hatte. Der Junge besaß Takt. Der Kellner brachte die Getränke. Cording führte das kühle Glas an die Wange und bat Steve, fortzufahren.
„Die Idee mit den Schamanen stammt noch von Rauura”, sagte Steve, „Maeva hat sie aber gerne übernommen.” Er berichtete von dem Treffen auf dem Marae, wo sich Maeva vor über hundert Vertretern der Urtraditionen und vielen großen Geistern des Westens zu erkennen gegeben hatte. „Rauura war der Meinung, dass man in den Regionen so etwas wie ein spirituelles Fundament legen müsste, um dem Projekt, wie er es nannte, die nötige Stabilität zu verleihen. Anders würden die Menschen die Entzugserscheinungen, welche die totale Abkehr von ihrer bisherigen Lebensweise zwangsläufig mit sich bringt, nicht überstehen. Und weißt du was? Die Schamanen sind bereit für den Job!” Cording musste schmunzeln. „Kurz darauf bin ich im Auftrag der URP zu… na, rate mal, zu wem ich geflogen bin? Zu Malcolm Double U! Zusammen mit Rudolf. Wir waren drei Wochen im Pumalín-Park.
Malcolm ist voll dabei. Der hat inzwischen sechsundvierzig Superreiche dazu gebracht, einen Großteil ihres Geldes der URP zu stiften. He, die URP verfügt inzwischen über eine eigene Flugzeugflotte! Zwölf Maschinen vom Feinsten. Alle mit Hybridantrieb ausgestattet. Damit sollen die Schamanen an ihre Einsatzorte geflogen werden. Beginnen wollen wir in Europa. Ausgangspunkt ist dieses Kloster. In den nächsten Tagen werden die Aufgaben verteilt: Friesland, Bretagne, Andalusien, Elsass, Jütland etc. Und Maevas Idee war, dass du die Schamanen begleitest, ihnen sozusagen bei der Arbeit zusiehst. Am Ende könnte doch eine fantastische Artikelserie dabei rauskommen…”
„Hat sie das gesagt? Ich meine, hat sie das ausgesprochen? Ist es aus ihrem Mund geperlt, Steve, das will ich wissen.”
„Nicht direkt. Die Idee ist eigentlich auf meinem Mist gewachsen. Sie hat es sich angehört, es wurde im Rat diskutiert und dann war die Sache durch. Aber offensichtlich hatte sie keine Einwände. Das ist doch gut, oder?”
„Ich denke darüber nach”, sagte Cording. „Wie würdest du deine Position gegenüber Maeva beschreiben? Bist du so etwas wie Ihr Sekretär?”
„Sekretär im Außendienst, so könnte man es nennen. Ich organisiere und reise überall dorthin, wo es für die URP etwas zu klären oder zu organisieren gibt.”
„Aha… Gratuliere.” Cording winkte dem Kellner, der den Wink allerdings ignorierte. „Ich war die letzten Tage häufiger im Ritualzelt”, bemerkte Cording, „dort habe ich mich mit einigen Medizinmännern unterhalten dürfen. Nach diesen Eindrücken kann ich mir nur sehr schwer vorstellen, wie beispielsweise die friesischen Bauern auf diese Herrschaften reagieren werden. Weißt du übrigens, wie die Navajo-Indianer uns Deutsche nennen? Beschbitschai – Stahlhelmvolk. Sie nennen uns das Stahlhelmvolk. Wir haben Stahlhelme auf unsere Herzen gelegt, sagen sie, um dort nicht verwundet zu werden. Dabei hätten wir völlig vergessen, dass unser Herz nicht mehr zur Sprache kommen kann unter diesem Panzer.“ Okay, jetzt bin ich dran zu erzählen.”
Cording sparte sich die Schilderung seiner Odyssee, die ihn über Australien, China und Indien schließlich in Moskau hatte stranden lassen. Maeva musste ja von dem erbärmlichen Zustand, in dem er sich die letzten Jahre befunden hatte, nicht unbedingt erfahren. Also begann er mit der surrealistischen Begegnung, die er mit Daemon auf dem überwucherten S-Bahn-Depot in Detroit hatte.
„Die Leute auf der Todesliste drehen gerade durch”, sagte er und berichtete von seiner Reise mit dem flüchtenden Elijah Pinter im gepanzerten Greyhoundkonvoi. Steve war über die Tatsache, dass ECOCA bereit war, diesen Leuten Asyl zu gewähren, genauso erstaunt wie er damals. „Drei Viertel ihres Vermögens?”, fragte er ungläubig. „Die müssen Milliarden über Milliarden scheffeln auf diese Weise. Das ist pervers. Das Geld wäre bei uns viel besser aufgehoben.”
„Da wäre ich nicht so sicher”, antwortete Cording. „Die verwenden die Kohle für ihre internationalen Schutztruppen. Die kann man anfordern. Andalusien hat das gerade getan. Sie kommen mit den afrikanischen Flüchtlingen nicht mehr klar.”
„Von wem hast du denn den Schwachsinn? Andalusien ist eine URP-Region. Wenn so eine Anfrage ergangen wäre, wüssten wir das.”
„Den Schwachsinn habe ich von Tanith Agosta, der Informationsministerin von ECOCA. Sie berichtete übrigens von drei
gravierenden Herausforderungen, denen sich der Ökorat gegenübersieht. Als Erstes nannte sie Los Angeles. L. A. gehört, wie du weißt, nicht zu ECOCA, es ist eine Enklave mit dem Rücken zum Meer. Was seit Jahrzehnten prognostiziert worden war, ist nun eingetreten: Die Stadt hat ein nicht mehr zu lösendes Wasserproblem. Der Mono-Lake, dessen Pegel in den letzten fünfzig Jahren rapide gesunken ist, liegt leer, er fällt als Trinkwasserreservoir aus. Das Gleiche gilt für den Colorado-River, der zum Rinnsal verkommen ist. Und die Seewasserentsalzungsanlagen, die man in aller Eile vor der Küste installiert hatte, geben ihren Geist ebenso schnell wieder auf, wie sie entstanden sind. Die Zustände in der Stadt sind katastrophal. Die Leute sind von andauernder Panik ergriffen, sie rauben und morden, sie rennen sich gegenseitig über den Haufen, sie benehmen sich wie Ameisen auf einem brennenden Baumstumpf. Und natürlich versuchen sie die Barrieren zu durchbrechen, die ECOCA rund um die Stadtgrenzen aufgebaut hat, was wiederum eine enorme Militärpräsenz erfordert. Die Armee von ECOCA ist in einer Stärke von hunderttausend Mann rund um L. A. aufmarschiert, da kommt keiner durch.
Und jetzt hör zu: Entspannung, so Tanith Agosta, gibt es erst, wenn die Stadt verdurstet ist. Das hat sie gesagt, genau so. Aber dann würde eine weitere gigantische Aufgabe auf sie warten: die Entsorgung der Leichen - um Seuchen vorzubeugen. Die effektivste Methode wäre es wohl, die Armee mit Flammenwerfern einrücken zu lassen, um die Stadt in ein einziges Feuermeer zu verwandeln. Ähnlich sind sie die Chinesen nach dem Bruch des Drei-Schluchten-Damms vorgegangen. Los Angeles, das steht fest, ist seinem Schicksal hilflos ausgeliefert. Das geschrumpfte Staatengebilde der USA kann nicht helfen, es ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
Aus Steves Gesicht wich die Farbe, als hätte jemand den Stöpsel gezogen. Er war es gewohnt, als eine Art diplomatischer Grashüpfer von einer URP-Region in die andere zu springen. Einen derart harten Zusammenprall mit der Realität im Rest der Welt vertrug er nicht. Dabei gibt es einen geheimen Determinismus, der auf höheren Weltgesetzen beruht, wie der Rinpoche Cording gestern erklärt hatte. Die Stadt der Engel, so sah es aus, hatte nun die Rechnung für ihren maßlosen Lebenswandel bekommen, sie musste nur noch quittieren.

Die nächste Folge (Feuer am Fuß 14) erscheint am Mittwoch, 2. Dezember 2015.
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Hintergründe - Bezüge - Wissen

KulturPort.De bietet den Lesern zu jeder exklusiven Folge Hintergrundwissen in einer „Fact Box" an, die jeweils gemeinsam mit der Autor zusammengestellt wurde. Damit soll ein Einblick in die Arbeitsweise Dirk C. Flecks, sowie seine historischen und aktuellen Bezüge sichtbar gemacht werden, um den realen Kontext besser zu verorten.

Im April des Jahres 1997 ergriffen der Dalai Lama und die französischen Buddhisten um Lama Denys Teundroup die Initiative zu einer völlig neuen Zusammenkunft, die dem Ende des Jahrtausends würdig war. Schamanen aus Sibirien und dem übrigen Asien, Medizinmänner aus Nord- und Südamerika, afrikanische Voodoopriester und weise Aborigines aus Australien – all diese Vertreter der Urtraditionen konnten im französischen Buddhistenkloster Karma Ling in den Savoyer Alpen eine Woche lang miteinander diskutieren und ihre Rituale feiern, um schließlich einem Publikum von siebentausend Personen feierlich ihre Sicht vom Zustand der heutigen Welt darzulegen und ihren Rat der Alten zu erteilen.
Bön KlosterUnter den Teilnehmern war auch ein Bönpo dabei. Bön ist die älteste Religion Tibets. Sie existierte in dem Himalaja-Staat bereits lange vor dem Buddhismus. Zentrum der Bön-Religion war das Königreich Shang-Shung im Westen von Tibet. Als Religionsstifter gilt Tönpa Shenrab. Auf seine Lehren berufen sich die Anhänger des Bön noch heute. Für die Anhänger bedeutet das Wort Bön so viel wie „Wahrheit, Wirklichkeit“ und „Wahre Lehre“. Mit dem Vordringen des Buddhismus in Tibet kam es zu einer gegenseitigen Beeinflussung der Religionen, wobei aus dem Bön z. B. rituelle und schamanistische Elemente oder Bön-Gottheiten in den Buddhismus gelangten, umgekehrt der Buddhismus die Philosophie des Bön tiefgehend beeinflusste. Die Bön-Religion konnte sich trotz ihrer in den letzten Jahrhunderten gegenüber der buddhistischen Staatsreligion Tibets stets benachteiligten Position aufrechterhalten und wurde 1977 als spirituelle Schule von der tibetischen Exilregierung und vom Dalai Lama förmlich anerkannt. – Quelle: „Der Kreis der Alten“, Arun Verlag und Wikipedia

Foto: Bön-Kloster Khyungpori Tsedruk in Nord-Tibet (TAR) Foto: A. Gruschke (Freiburg). Quelle: Wikipedia CC BY-SA 3.0

Das G-com könnte die Telekommunikation revolutionieren, wird aber bis heute von kapitalen Interessen unterdrückt. Es bedient sich der in der Natur bereits bestehenden Gravitationswellen. Auf diese wird mit Hilfe von Oszillatoren Information (z.B. Sprache) aufgebracht. So kann ohne künstliche erzeugte Wellen, ohne einen herkömmlichen Sender, ohne Sendemasten und ohne Elektrosmog übertragen werden.
www.raum-und-zeit.com; dort im Archiv Heft 115 von 2002

alt„Man muss das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird und zwar nicht von Einzelnen, sondern von der Masse, in Zeitungen und Enzyklopädien, auch Schulen und Universitäten. Überall ist der Irrtum obenauf und es ist ihm wohl und behaglich im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist".
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE (1749-1832), deutscher Dichter

Abbildung: Goethe in der Campagna von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, 1787. Städel Museum, Frankfurt/M.

PRESSESTIMME
Ein Mut machender Anstoß, die Denkrichtung wenigstens versuchsweise zu wechseln. Der Roman überzeugt durch seinen ökovisionären Charakter.
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Dirk C. Fleck wurde 1943 in Hamburg geboren. Nach dem Studium an der Journalistenschule in München volontierte er beim Spandauer Volksblatt in Berlin und war Lokalchef der Hamburger Morgenpost. Er war Redakteur bei Tempo und Merian, seit 1995 ist er als freier Autor für die Magazine Spiegel, Stern und Geo tätig und schreibt für die Welt und die Berliner Morgenpost. Er ist Autor des Öko-Thrillers Palmers Krieg (1992) sowie des Zukunftsromans GO! Die Ökodiktatur (1996), für den er den deutschen Science-Fiction-Preis erhielt. Dirk C. Fleck lebt und arbeitet in Hamburg.

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