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Literatur

Dirk C. Fleck: Feuer am Fuß

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Geschrieben von Dirk C. Fleck  -  Freitag, den 27. November 2015 um 11:05 Uhr
Dirk C. Fleck: Feuer am Fuß 4.4 out of 5 based on 56 votes.
Dirk C. Fleck: Feuer am Fuss12

Die Straße war in einem erbärmlichen Zustand. Die Busse hatten das Tempo entsprechend gedrosselt, sodass man sich in Ruhe der Ödnis Oklahomas widmen konnte, die sich durch die Dürren der letzten Jahre in Richtung Wüste orientierte. Die Wälder auf den abgewirtschafteten Feldern und verdorrten Maisplantagen bestanden aus jenen Bohrtürmen, von denen Ted Holcomb gesprochen hatte. Menschen sah man dort draußen kaum, nur Bauarbeiter mit roten, gelben, blauen oder grünen Schutzhelmen, je nachdem, für welche Firma sie die Erde schändeten. Zu einer Kontaktaufnahme mit seinem Sitznachbarn war es gestern Abend nicht gekommen, der Penner war sofort auf sein Zimmer verschwunden.
„Warum waren Sie nicht im Restaurant?“, fragte Cording. „Die Speisen waren vorzüglich, superb, wie wir Clochards zu sagen pflegen…” Mit dem Verständnis der Worte superb und Clochard schien der Mann keine Schwierigkeiten zu haben.
„Verzeihen Sie”, bemerkte der Hobo, „ich möchte nicht unhöflich sein, wäre Ihnen aber zu großem Dank verpflichtet, wenn Sie mich in Ruhe lassen würden.”
Wäre Ihnen zu Dank verpflichtet… Cording erwiderte den strengen Blick des Mannes, nicht im stummen Dialog, eher forschend, was den Herrn sichtlich nervös machte. Dauert nicht mehr lange, dann hab ich ihn, dann erzählt er mir seine ganze elende Geschichte.
Cording wandte sich wieder dem trostlosen Anblick eines von Heuschrecken, Tornados, Dürrekatastrophen, Ölmultis und Monsanto heimgesuchten Bundesstaates namens Oklahoma zu. Früher gelb und grün und endlos eben, heute ocker und grau und endlos eben. Das machte schon einen Unterschied. Sein Nachbar, das konnte er in der Fensterspiegelung sehen (zu hören war es auch), blätterte den ST. LOUIS STAR durch, als gelte es, einen Weltrekord im Zeitungslesen aufzustellen. Er schien erleichtert. Aber worüber? Da er nicht wirklich gelesen, sondern eher gesucht hatte, musste ihn etwas zufrieden gestellt haben, das keine Erwähnung gefunden hatte, eine Nichtnachricht sozusagen. Cording wurde immer neugieriger auf den Mann, dem das Kostüm eines Landstreichers ebenso gut stand, wie einem Flusspferd die Badehose.
Sie erreichten Oklahoma City. Der Busbahnhof der Greyhound Lines befand sich in der East Reno Avenue unterhalb eines gigantischen Highwayviadukts am Ufer des Oklahoma Rivers. Der Aufenthalt, so wurde ihnen über Lautsprecher mitgeteilt, würde eine Stunde betragen. Cording schloss sich dem Tross seiner Mitreisenden an, die sich auf der anderen Straßenseite entweder im Supermarkt oder im Schnellrestaurant verloren. Am Eingang des Restaurants gab es einen Drehständer mit Postkarten und Broschüren zur Stadt. Er steckte eine davon ein, reihte sich in die Schlange, lud eine Pappschüssel mit gemischtem Salat aufs Tablett, zahlte und nahm an einem Vierertisch Platz, der erstaunlicherweise frei blieb. Die Peperoni brannten wie Feuer, jetzt rächte sich, dass er auf die Flasche Wasser verzichtet hatte. Nachdem er ein paar matschige Scheiben Tomaten nachgeschoben hatte, ging es einigermaßen. Wo war sein Sitznachbar aus dem Bus? Nicht zu sehen.
Als er nach einer Stunde wieder den Bus bestieg, musste er feststellen, dass außer seinem eigenen kein freier Platz mehr zu finden war. Und bis Flagstaff waren es noch ein paar Meilen. Zwei bis drei Tage, wenn sie nicht angegriffen wurden. Nächster Halt war Amarillo. Oklahoma - Amarillo vierhundert Kilometer, also fünf bis sechs Stunden. Er bat die Frau und ihre rothaarigen Zwillinge, jeweils einen Sitz nach rechts zu rücken, sodass er neben seinem Freund dem Hobo zu sitzen kam, was diesem merklich missfiel. Jetzt waren sie auf Tuchfühlung.
„Einen schönen Koffer haben Sie da”, bemerkte Cording. „Krokodilleder, nicht schlecht.”
Sein Nachbar klappte das Magazin zu – EMERGENCY! Er las doch tatsächlich EMERGENCY! – und wandte sich Cording mit dem Ausdruck eines Mannes zu, der bereit war, die Kapitulation zu unterschreiben. „Was um Himmels willen wollen Sie?”, fragte er in einem Ton, der darauf schließen ließ, dass er an einer ehrlichen Antwort interessiert war. „Wer sind Sie?”
„Mein Name ist Cording. Ich schreibe für die Zeitschrift, die Sie gerade lesen. Die Todesliste. Der Artikel ist von mir.”
Sein Begleiter wurde blass, die Hände fuhren über seine Handgelenke, als wollte er sich die Manschettenknöpfe öffnen, als sei ihm plötzlich alles zu eng, dabei trug er reinsten Schlabberlook. „Kommen Sie heute Abend in mein Hotelzimmer”, presste er hervor. „Fragen Sie nach Whitman. Walt Whitman.”
Cording sagte zu und benahm sich für den Rest der Strecke.

Zimmer 27. Er klopfte. Erst zweimal, dann dreimal. Das Licht im Spion verdunkelte sich, kurz darauf wurde geöffnet. Cording setzte sich an die schmale, gegen die Wand geschobene Tischplatte, auf der die Hotelunterlagen samt Block und Kugelschreiber ausgebreitet waren. Das obligate Tablett mit dem Mineralwasserset (zwei Flaschen, Glas und Öffner) hatte ebenfalls seinen Platz.
„Darf ich?”, fragte Cording, als er den Flaschenöffner bereits in der Hand hielt.
Der Mann, der sich sinnigerweise Walt Whitman nannte, nickte. Er muss eine Menge übrig haben für den Begründer der modernen amerikanischen Dichtung, dachte Cording, und er muss seine Landsleute für ziemlich dämlich halten, wenn er darauf vertraute, dass er sich hinter diesem Namen verstecken konnte, ohne Verdacht zu erregen. Alias Whitman hockte auf der Bettkante und knöpfte das blütenweiße Hemd zu, das er dem geöffneten Koffer entnommen hatte. Dass dieser Mann vor dem Schlafengehen noch einmal in die gewohnte Kleidung schlüpfte, diente allein dem Zweck, den Albtraum des Tages zu vertreiben. Der seidene Morgenmantel, in den er sich nachher hüllen würde, lag auch schon bereit. Das Hobo-Kostüm hing zum Auslüften am Fensterkreuz. Cording nahm ein Schluck von dem Wasser.
„Ich steh auf der Liste”, gestand sein Gegenüber, „ich bin auf der Flucht. Aber das haben Sie sich ja schon gedacht.” Cording nickte. „Es steht Ihnen natürlich frei, mich zu verraten”, fügte der Mann hinzu, „falls Sie es nicht bereits getan haben…”
„Was glauben Sie? Hab ich?”
„Sie haben Sympathie für diese Leute, das liest man aus dem Interview deutlich heraus.”
„Tut man das?”, fragte Cording sichtlich verärgert. „Ich bin Zeitzeuge, Mister Whitman, kein Verräter. Ich könnte eventuell zum Verräter werden, wenn ich denn der Überzeugung wäre, dass diese tödlichen Vergeltungsaktionen die Dinge zum Besseren wenden würden. Aber wissen Sie, die Lawine, die Sie und Ihresgleichen da losgetreten haben, schert sich nicht um ein paar grüne Halme am Hang. Ich verstehe, dass manche Leute die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen wollen, ich habe auch nichts gegen derart motivierte Morde. Das Problem ist nur, dass man die Scheiße nicht an einzelnen Personen festmachen kann. Es ist das System, an dem man sie festmachen muss. Die globale Machtelite ist in diesem System gefangen, und in diesem System ist jede Person austauschbar – das nämlich ist das System! Das System ist eine Hydra, deren Köpfe man nur um den Preis abschlägt, dass in besserer Qualität nachwächst, was man eigentlich bekämpfen wollte. Personen werden gnadenlos ersetzt, wenn sie nicht der Spur des Geldes folgen, wenn sie sich nicht dem Gesetz der maximalen Gewinnmaximierung unterwerfen. Auf diese Weise habt Ihr euch wie ein Heuschreckenschwarm durch die Wirtschaft armer Länder gefressen, eure marodierenden Multis haben sich die Luft angeeignet, die wir einatmen, die Erde, auf der wir stehen, das Wasser, das wir trinken, ja sogar unsere Gedanken. Und was war der Grund dafür? Angst! Aus Angst davor, in einer gesunden Gesellschaft nicht lebensfähig zu sein, habt ihr Psychopathen sie krankgemacht, flach, zweidimensional. Die kulturellen Wurzeln der Menschen wurden von Euch wie Unkraut gekappt. Aber jetzt beginnt euer System zu faulen, und es dauert nicht mehr lange, dann wird es implodieren. Die Vollstrecker des Giersystems aber drehen die Schraube bis zum Anschlag. Sie sind Schlafwandler des Todes, sie haben von Tuten und Blasen keine Ahnung mehr.”
Cording wunderte sich darüber, wie sehr er sich in Erregung geredet hatte. „Haben Sie in dem Artikel auch nur ansatzweise ein solches Statement herauslesen können?”, fragte er. „Natürlich nicht. Ich bin Journalist. Falls Ihnen das nichts sagt: Beim Journalismus handelt es sich um einen ausgestorbenen Beruf, von dem behauptet wird, dass er in seinen besten Zeiten von einem gewissen Ehrenkodex geprägt war, was den Umgang mit der Wahrheit betraf.”
Sie schauten sich an. Whitman hielt sich tapfer. „Ich will gar nicht wissen, wer Sie sind”, sagte Cording, der sich wieder gefasst hatte, „ich brauche Ihren Namen nicht. Aber vielleicht erzählen Sie mir von Ihrer Flucht. Ich bin Reporter…” Er tippte mit dem Finger an die Nasenspitze. „Wohin geht es? Vertrauen Sie mir.”
„Nach ECOCA. Mein Name ist übrigens Elijah Pinter. Ich bin die Nummer achtzehn auf der Todesliste.”
„Danke, Mister Pinter, ich weiß Ihre Ehrlichkeit zu schätzen. Der Name Pinter sagt mir nichts. Helfen Sie mir auf die Sprünge.”
„Werbeagentur Pinter & Middle. Wir arbeiten für die zehn größten Konzerne der Welt. Schwerpunkt ist der Energie- und Bankensektor. Und die Rüstungsindustrie. Unser jährliches Gesamtbudget beträgt zwölf Milliarden Dollar.”
Fein, das lief ja wie geschmiert. Wenn der Mann weiterhin auf Knopfdruck Informationen lieferte, wird das tatsächlich eine gute Geschichte, dachte Cording. „Energie, Banken und Rüstung”, bemerkte er, „hm, da kommt ja einiges zusammen.”
„Wir betreiben eine Art Krisenmanagement. Wir kreieren Images und lassen ihnen unsere Pflege angedeihen. Energieunternehmen und Banken sind die tragenden Säulen des Systems. Sie bröckeln, da gebe ich Ihnen recht. Wir sind zwar keine Maurer, aber wir sind Maler. Wir malen die tragenden Säulen unserer Gesellschaft in den schönsten Farben an. Anders kann man die Menschen nicht mitnehmen.”
„Entschuldigen Sie, Elijah”, warf Cording ein, „diese Äußerung war nun wirklich pervers. Aber was reg ich mich auf, Sie nehmen die Menschen ja mit. Ihnen ist nicht zufällig bewusst, was Pinter & Middle da treibt? Ihre Firma pflanzt den Menschen den Glauben ein, dass Umwelt verschmutzende, Wälder vernichtende, Atommüll produzierende, Schutthalden aufwerfende Investitionen und Spekulationen von Industriekonzernen und Banken dem Allgemeinwohl nützen.”
Wie erbärmlich der Mann in diesem kurzen Moment des stillen Einverständnisses aussah. Als wurde ihm gerade bewusst, dass auch Höllenfeuer ziemlich heiß sein können.
„Sie erwähnten, dass Sie nach ECOCA unterwegs sind”, sagte Cording, „aber machen Sie sich nichts vor, da kommt keiner rein. Verstecken Sie sich in Mexico, im mexikanischen Chaos findet Sie niemand. Oder warten Sie, ich hab eine noch viel bessere Idee. Und das meine ich durchaus ernst. Warum fliehen Sie nicht nach Tahiti? Tahiti ist weit ab vom Schuss, wenn ich das mal so sagen darf. Ich könnte ein Treffen mit Präsident Omai arrangieren. Sagen Sie ihm, dass Sie bereit wären, der URP eine große Summe Geld zu spenden. Tahiti ist das Herzstück der URP und die URP ist für jede finanzielle Unterstützung dankbar. Eine Milliarde Dollar. Die kratzen Sie doch locker zusammen. Oder wollen Sie etwa behaupten, dass Sie mit Ihrem Insiderwissen nicht an der Börse spekuliert haben? Es lebt sich gut auf Tahiti, glauben Sie mir. Dort passiert Ihnen nichts. Außerdem könnten Sie Ihr Gewissen erleichtern. Was meinen Sie? Oder ziehen Sie es vor, weiterhin Freiwild zu sein?”
Cording war ganz besessen von dem Gedanken, den Mann auf diese Weise in Sicherheit zu bringen. Hier bot sich ihm die Gelegenheit, Maeva über Bande mitzuteilen, dass er sich ihrem politischen Anliegen nach wie vor verpflichtet fühlte.
„Zu spät”, hörte er Pinter sagen, „ich habe bereits überwiesen. Man erwartet mich in ECOCA.”
„Überwiesen? Was?”
„Drei Viertel meines Vermögens. Das ist die Bedingung, wenn sie uns Schutz gewähren sollen.”
„Uns?” Cording mochte nicht glauben, was er da hörte.
„Der Club der Milliardäre. Wer mindestens eine Milliarde Dollar auf dem Konto hat, kann unter den genannten Bedingungen in ECOCA um Asyl nachsuchen. Sie haben uns an der Ostküste Baja Californias ein eigenes Elysium gebaut. Baja gehört ihnen ja seit einigen Jahren. Es handelt sich um große schwimmende Luxusinseln, wie man mir berichtet hat. Ein Staat im Staate. Der Ökorat mischt sich in keiner Weise ein.”
Cording blieb die Sprache weg. Im Restaurant wäre er jetzt mit dem feuchten Zeigefinger über den Rand eines leeren Weinglases gefahren und hätte ihm ein paar anschwellende Töne entlockt. Merkwürdig, dachte er, ohne offizielle Einladung war es einem Normalsterblichen nicht möglich, die Ökodiktatur zu besuchen. Es sei denn, man wurde von einem „Gerechtigkeitskommando” entführt und dort vor Gericht gestellt. Das Gerechtigkeitsempfinden der grünen Diktatoren aber war höchst zweifelhaft, wie er gerade erfahren musste. Offenbar reichte es aus, stinkreich zu sein, um sich vor Verfolgung und Strafe zu schützen. Der Deal war so genial wie einfach: ECOCA garantierte den Schutz zahlungswilliger Polit- und Wirtschaftsgangster – allerdings nur, wenn diese bereit waren, fünfundsiebzig Prozent ihres ergaunerten Privatvermögens dem Staat zu übergeben, der sie ansonsten gnadenlos gejagt hätte. Da diesen Leuten auch noch die Ökoguerilla im Nacken saß, zeigten sich die Herrschaften plötzlich äußerst spendabel. Wie erbärmlich war das denn?!
„Ich werde Sie begleiten”, sagte Cording plötzlich.
„Das dürfen Sie gerne tun”, antwortete Elijah Pinter, „aber Leuten wie Ihnen ist der Weg tatsächlich versperrt, da haben Sie recht.”
„Eine Million, dass ich es schaffe…”
„Ich würde mich jetzt gerne hinlegen, Mister Cording. Wie gesagt, es steht Ihnen frei…”
Cording erhob sich, gab dem armen Reichen die Hand und verschwand auf sein Zimmer.

In zwei Tagen würden sie Flagstaff erreichen. Ein Stopp noch in Alburquerque, dann kam ihr Treck ans Ziel. Bisher war die Reise ohne Zwischenfälle verlaufen, das blieb hoffentlich so. Cording war schon einmal in Flagstaff gewesen, kurz bevor sich Arizona von den USA losgesagt und sich als selbstständige Region der URP angeschlossen hatte. Die Unabhängigkeit währte nur kurz, nach zwei Jahren kehrte man reumütig in den Schoss der Vereinigten Staaten zurück, die zuvor nichts unversucht gelassen hatten, um die Wirtschaftskraft Arizonas zu schwächen. Das eigentliche Ziel Washingtons war es, über Arizona mit dem verhassten ECOCA wieder auf Tuchfühlung zu gehen.
Cording erinnerte sich, dass er im Hotel Monte Vista gewohnt hatte, in unmittelbarer Nähe einer Bahnstrecke, auf der des nachts endlose Güterzüge rollten und ihn um den Schlaf brachten. Das Monte Vista existierte noch, es lag nur hundert Meter von der Route 66 entfernt, die sich ohne sie nach L. A. davon schleichen würde. Seit dem vollständigen Zusammenbruch des inneramerikanischen Flugverkehrs wurde dem Gros der Amerikaner erst richtig bewusst, in welch erbärmlichen Zustand ihre Bahn- und Highwayverbindungen waren. Die National Railroad Passenger Corporation (Amtrak), die den Großteil des schienengebundenen Personenverkehrs durch die USA betrieb, konnte die wenigsten ihrer zahlreichen Strecken durchgängig befahren, da zahlreiche Brücken durch Sprengstoffanschläge vernichtet worden waren. Das marode Highwaynetz brauchte solche „Hilfe” nicht, um seinen Zweck nicht mehr erfüllen zu können. Die Fahrbahnen hatten der Gluthitze der neuen Sommer ebenso wenig entgegenzusetzen wie dem Klammergriff der arktischen Winter. Die Betonpisten warfen sich von alleine auf und ihre Viadukte bröckelten unter den nicht enden wollenden Erschütterungen rapide dahin. Das Geld für Wartungsarbeiten war seit Jahrzehnten nicht mehr vorhanden und so kam es, dass manch tragender Pfeiler nur auf die nächstbeste Gelegenheit wartete, um sich seiner unerträglichen Last zu entledigen. Highway Collapse nannte man das, ein viel zitierter Begriff in Amerika.
Cording konnte nicht einschlafen und so versuchte er, sich einige frische Gedanken zu notieren, die er eventuell für „La Triviata” gebrauchen konnte – „La Triviata”, so hieß der große Sittenroman, an dem er seit zwanzig Jahren arbeitete. Im Sittenroman ist der Held immer ein Paria, ein von der kranken Gesellschaft Ausgestoßener. Der Sittenroman war als Gattung völlig aus der Mode gekommen. Umso mehr reizte es Cording, ihn am Ende der Zivilisation noch einmal aufleben zu lassen. Allerdings war ihm die Arbeit aus dem Ruder gelaufen und zu einer unendlichen Geschichte mutiert, die er durch immer neue Informationen mästete. Er war längst vom Schreiber zum Sammler geworden. Zum Glück hatte er sich für das ambitionierte Werk kein Limit gesetzt, weder zeitlich, noch was den Umfang betraf. Zum Glück? Ein Roman ist ein wildes Tier, das es rechtzeitig zu bändigen galt. Das hatte er in diesem Fall versäumt. Also musste er wohl damit leben, dass sein Projekt zu scheitern drohte. Gelegentlich warf er einen Blick in das angeschwollene Archiv. Er zapfte es auch an, um seiner journalistischen Arbeit mit der einen oder anderen Anleihe Seriösität und Stabilität zu verleihen. Dieser Auszug aus der Schrift „Tschong Lun” zum Beispiel, die der chinesische Staatsmann Tsui Schi vor genau 1884 Jahren verfasst hatte und die den Titel „Diktatur” trug, ließ sich perfekt auf die heutige Situation übertragen:
„Unordnung im Staate kommt gewöhnlich daher, wenn im Laufe langer Friedenszeiten die Sitten sich unmerklich verschlechtern und die Regierung schrittweise in Verfall gerät, ohne dass man sich zu Reformen aufrafft. Regierung und Staatsautorität sind heute angefault und ein Spielzeug geworden. In allen Kreisen herrschen Nachlässigkeit und Zügellosigkeit. Die Sitten sind heruntergekommen und verderbt. Das Volk befindet sich in Gärung.
Aber mit bloßer Ausbesserung der Risse, Bekämpfung von Verderbnis und Irrlehre ist es allein nicht getan. Die heutige Lage erfordert einschneidende Maßnahmen. Aber heute hat der Lenker des Staatswagens die Zügel zur Erde gleiten lassen. Die vier Hengste haben ihr Gebiss abgestreift und rennen quer. Die erhabene Bahn neigt sich zum Abgrund. Da kommt man nicht einfach mit den Lehren einfacher Moralweisheit aus, sondern man muss zu diktatorischen Maßnahmen greifen. Die anständige Gesinnung muss durch doppelt hohe Prämien ermuntert, das Verbrechen durch einschneidende Strafen abgeschreckt werden.”
„Geschichte wiederholt sich”, notierte Cording. „Den armen Zombies unter uns, die zu langjährigen Lebensstrafen – so tausend bis dreitausend Jahre etwa – verurteilt wurden, muss das todlangweilig vorkommen.” Elijah Pinter sollte sich am Grenzübergang bei Yuma melden, im äußersten Südwesten Arizonas und etwa vierhundertfünfzig Kilometer von Flagstaff entfernt. Wenn sie in Flagstaff früh genug losfuhren, sollte das in einem Tag zu schaffen sein. Vorausgesetzt, der Konvoi brachte sie sicher ans Ziel. Das Deckenlicht erlosch und die Nachttischlampe blieb ebenfalls dunkel. In Amarillo wurde der Strom um zweiundzwanzig Uhr abgestellt, warum sollte es hier anders sein als im Rest Restamerikas?

Die nächste Folge (Feuer am Fuß 13) erscheint am Montag, 30. November 2015.
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KulturPort.De bietet den Lesern zu jeder exklusiven Folge Hintergrundwissen in einer „Fact Box" an, die jeweils gemeinsam mit der Autor zusammengestellt wurde. Damit soll ein Einblick in die Arbeitsweise Dirk C. Flecks, sowie seine historischen und aktuellen Bezüge sichtbar gemacht werden, um den realen Kontext besser zu verorten.

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Eric Bihl (Equlibrismus e.V.) über "Das Tahiti-Projekt"
Eric Bihl, der Vorsitzende des Equilibrismus e.V. (www.equilibrismus.org) erklärt, wie Dirk C. Fleck als Autor gewinnen konnte

ANSELM KÖNIG, Jahrgang 1957, ist ein deutscher Komponist. Er vertont seit Anfang der 1990er Jahre erfolgreich Lyrik. Unter anderem trat er mit Projekten zu Hermann Hesse, Erich Kästner und Kurt Tucholsky hervor.


ZITAT
Ihr Roman "Das Tahiti-Projekt" war und ist für mich eine einzige Offenbarung! Es ist eigenartig: Als ich das Buch las, sagte ich als erstes zu meiner Frau "Das ist ein Roman, so wohltuend unspannend und doch fesselnd zugleich, etwas Vergleichbares habe ich seit Stan Nadolnis "Entdeckung der Langsamkeit" nicht mehr gelesen." Das wirklich geniale an Ihrem Werk ist der Friede und die Ruhe, in die ich als Leser eintauche, wenn ich mich auf die Tahiti-Reise ins Jahr 2020 einlasse... Und ich bin einfach nur froh, dass Ihnen die Jury den Sience-Fiction-Preis 2009 verlieh - allerherzlichsten Glückwunsch!


PRESSESTIMME
In den Passagen, die die Welt außerhalb Tahitis beschreiben, ist der Roman alles andere also idyllisch. Vielmehr zeichnet Dirk C. Fleck bisweilen ein düsteres Bild, und man fragt sich: Ist das Utopie oder nicht eher eine Beschreibung der Gegenwart? Ist es legitim, die Leser mit einer solch geschickten Mischung aus Fiktion und Realität zu verwirren?
„Hinter den Schlagzeilen“, Konstantin Weckers Webmagazin

Dirk C. Fleck wurde 1943 in Hamburg geboren. Nach dem Studium an der Journalistenschule in München volontierte er beim Spandauer Volksblatt in Berlin und war Lokalchef der Hamburger Morgenpost. Er war Redakteur bei Tempo und Merian, seit 1995 ist er als freier Autor für die Magazine Spiegel, Stern und Geo tätig und schreibt für die Welt und die Berliner Morgenpost. Er ist Autor des Öko-Thrillers Palmers Krieg (1992) sowie des Zukunftsromans GO! Die Ökodiktatur (1996), für den er den deutschen Science-Fiction-Preis erhielt. Dirk C. Fleck lebt und arbeitet in Hamburg.

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