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Literatur

Dirk C. Fleck: Feuer am Fuß

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Geschrieben von Dirk C. Fleck  -  Montag, den 23. November 2015 um 11:05 Uhr
Dirk C. Fleck: Feuer am Fuß 4.5 out of 5 based on 51 votes.
Dirk C. Fleck: Feuer am Fuß10

Andrew Blair musste sich eingestehen, dass er nervöser war, als gedacht. Zwar hatte er die Gepflogenheiten der Zielperson in den letzten Wochen genauestens studiert, aber jetzt, da es zum Showdown kam, schien ihm die Entschlossenheit auf mysteriöse Weise abhandengekommen zu sein. Zum wiederholten Male putzte er den Lauf seiner Beretta, als wollte er sich die Waffe zum Freund machen. Schließlich setzte er ihr den Schalldämpfer auf und verstaute sie in dem Trenchcoat, der griffbereit über der Stuhllehne lag. Aufbrechen aber mochte er noch nicht. Er legte sich aufs Bett und lauschte dem Straßenlärm, der durch das geöffnete Kippfenster ins Zimmer drang.
Amsterdam hörte sich anders an als die Großstädte, die er bisher bereist hatte. Als seien die Geräusche hier in Watte gepackt. Selbst das Quietschen der Straßenbahn, die vor dem Hotel eine enge Kurve nahm, wurde von dem Vogelgezwitscher übertönt, das aus den Bäumen des Leidseplain herüber drang.
Blair erhob sich und ging hinüber zum Schachbrett, auf dem er seit einigen Tagen eine Partie nachspielte, die beim Duell zweier Großmeister im November 2026 neue Maßstäbe gesetzt hatte. Ihr Krieg endete nach dem vierundachtzigsten Zug Remis. Es war die überflüssigste Vergeudung menschlicher Intelligenz seit Erfindung der Werbeagenturen. Aber wenn man berücksichtigte, dass sie eine äußerst beruhigende Wirkung auf ihn ausübte, hatte sie im Nachhinein durchaus Sinn …
Er griff zum Telefon und rief bei Waterstones an. Dorthin war er der Zielperson gestern gefolgt. Er ließ sich zur Auslieferung durchstellen, nannte den Namen Pieter van Doorn und teilte der Dame mit, dass die bestellten Bücher heute durch einen Bekannten abgeholt würden, wodurch sich die Lieferung an seine Adresse erübrigte. Er erinnerte sich an die Titel, er stand bei der Bestellung ja direkt daneben.
Gegen Mittag schnappte er sich den Regenmantel, warf noch einen Blick auf das Betonwerk der Schachmeister, die ihre Figuren in eine unerschütterliche Position gebracht hatten, und verließ das Hotel in Richtung Prinsengracht. Er war sicher, dass er die Zielperson antreffen würde, denn nach allem, was er bisher beobachtet hatte, verließ der Mann sein Hausboot nur donnerstagmorgens, um sich im nahe gelegenen Supermarkt mit Lebensmitteln für die Woche einzudecken. Der Besuch bei Waterstones war eine Ausnahme gewesen.
Auf einer Brücke hielt Blair inne. Unter ihm glitt ein Sightseeingboot vorbei. Die Köpfe der Passagiere drehten sich wie auf Befehl einer alten Häuserzeile zu, die nur deshalb noch stand, weil die einzelnen Gebäude so ineinander verkeilt waren, dass sie sich gegenseitig stützten. Merkwürdig, dachte Blair, diese Stadt schien aus der Zeit gefallen, sie ließ so gar nichts von den chaotischen Verhältnissen erkennen, die von fast jeder Großstadt der Welt Besitz ergriffen hatten. Seine Zielperson wird schon gewusst haben, warum sie sich ausgerechnet an diesem Ort versteckte.
Er schlenderte betont langsam an den Hausbooten entlang, die durch breite Metallstege mit der Straße verbunden waren. Die meisten lagen frisch lackiert im öligen Brackwasser, das ihnen träge an die Planken klatschte und dessen fauliger Geruch sich mit dem süßen Duft der Linden mischte, die zu dieser Jahreszeit in voller Blüte standen. Das Boot mit der Nummer 47 wollte nicht so recht in das saubere Ensemble passen. Sein blättriger Anstrich musste mindestens zehn Jahre alt sein, statt eines gesicherten Metallstegs führten zwei wacklige Bohlen an Deck. Blair jonglierte hinüber und klopfte an die Kajütentür. ‚Pieter van Doorn’ stand auf einem Stück Pappe, das sich unter einer Heftzwecke krümmte. Als keine Reaktion kam, klopfte er erneut, diesmal etwas energischer als zuvor. Auf dem Nachbarboot hatte sich ein Köter breitbeinig aufgebaut und verzog knurrend die Lefzen.
„Wer ist da?!”, hörte Blair eine Männerstimme aus dem Inneren des Bootes rufen.
„Buchhandung Waterstone, Sir. Ich bringe die Bücher, die Sie gestern bei uns bestellt haben.”
Es entstand eine kleine Pause. Dann meldete sich die Stimme erneut: „Nennen Sie mir die Titel.”
„Moment, Sir, ich muss nachsehen… also, was haben wir denn hier? Duty von Robert Michael Gates und We are our Brains von… Moment… von D. F. Schwab…”
Es dauerte noch eine Weile, bis sich die Tür einen Spaltbreit öffnete. Als der Mann sah, dass der Besucher weder ein Päckchen noch sonst ein Behältnis bei sich trug, versuchte er die Tür wieder ins Schloss zu werfen, aber Blair hatte bereits seinen Fuß in die Schwelle gesetzt. Er schubste den Mann zurück und trat ein. Dann zückte er die Beretta und setzte sie seinem Opfer auf die Stirn.
„Leroy Panetta? Vorstandsvorsitzender von Global Energy?”
„Nein! Um Gottes Willen, NEIN!”, stammelte der Mann mit angstverzerrtem Gesicht. „Mein Name ist Pieter van Doorn, Sie müssen sich irren. Sie irren sich. Bitte nehmen Sie die Waffe runter…”
Blair blickte der zitternden Person durchdringend in die Augen. Dann griff er in die Manteltasche und holte seinen Scanner hervor, mit dem er der Zielperson übers Gesicht strich.
„Trefferquote 97 Prozent”, las er vom Display, „da sind wohl keine Zweifel erlaubt, Mister Panetta. Sie stehen auf der Todesliste von 43 a. C. Ich bin hier, um das Urteil zu vollstrecken.”
„Okay, okay”, rief der Mann. „Sie haben recht, ich bin Leroy Panetta. Ich gebe Ihnen Geld. Eine Million Dollar? Sagen wir zwei Millionen. In Gold! Wir können sofort zur Bank gehen. Das ist keine große Sache, in einer halben Stunde sind Sie reich. Was meinen Sie?”
Andrew Blair drückte ab. Es machte nur leise plopp und einer der ehemals mächtigsten Männer Amerikas sackte zu seinen Füßen zusammen. Eine Blutspur bahnte sich von der Stirn des Hingerichteten ihren Weg über dessen Gesicht, in dem der Schrecken nistete, als sei er dort eingemeißelt worden. Blair warf seinem Opfer eine Decke über den Kopf und verschwand. Das heisere Bellen des benachbarten Köters verfolgte ihn bis zur nächsten Kreuzung, wo er die Tram zum Leidseplain bestieg. Die Beretta hatte er zuvor in der Prinsengracht versenkt.

Cording mochte Detroit noch nicht verlassen. Das hatte nur teilweise damit zu tun, dass er sich dort in einem Wunderland wähnte. Die Menschen organisierten sich auf vielen Ebenen neu, sie fingen wieder von vorne an und es schien ihnen zu gefallen. Aber es war etwas anderes, was ihn hielt. Er vermutete, nein, er war sicher, dass hier der Schlüssel zu einer Geschichte lag, die er unbedingt in Erfahrung bringen musste. Nicht, um sie journalistisch auszuschlachten (das hätte seinen sicheren Tod bedeutet), sondern um herauszufinden, ob die Wirklichkeit seine schlimmsten Befürchtungen bereits überholt hatte oder ob ihnen allen noch eine Gnadenfrist blieb.
Die letzten drei Tage hatte er im Packard Plant vergeblich nach Martha Ausschau gehalten. Von Jayden war ebenfalls nichts zu sehen gewesen. Als er sich am vierten Tag erneut auf den Weg machen wollte, kam ihm der Zufall zu Hilfe. Zufall? Cording glaubte schon lange nicht mehr an Zufälle. Er sah Martha auf der gegenüberliegenden Seite des Hotels aus der Stadtbibliothek kommen. Sie verharrte etwas unschlüssig auf der Stelle, als wüsste sie nicht, welche Richtung sie einschlagen sollte. Cording, der direkt am Fenster saß, versuchte vergeblich, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Schließlich ließ er den Kaffee stehen und rannte ihr nach. Martha reagierte erfreut und amüsiert, als sie von dem nach Luft ringenden Deutschen gestellt wurde. Sie hörte sich an, was er ihr zu sagen hatte und versprach zu tun, was in ihrer Macht stand.
„Sagen Sie Ted, dass ein gewisser Cording ihn zu sprechen wünscht. Cording, EMERGENCY-Magazin. Das wird helfen.”
Er drückte Martha die Hand und kehrte zurück in die Lobby. Der Kaffee war abgeräumt, aber das Buch mit den Lebensweisheiten großer Dichter und Denker, das er in seinem Zimmer vorgefunden hatte, lag noch immer aufgeschlagen an seinem Platz.
„Das Rätsel dieser Welt”, las Cording, „löst weder du noch ich,
Jene geheime Schrift liest weder du noch ich.
Wir wüssten beide gern, was jener Schleier birgt,
Doch wenn der Schleier fällt, bist weder du noch ich.”
Es waren die Worte Omar Chayyams, eines persischen Dichters aus dem zwölften Jahrhundert. Die Wahrheit braucht keinen Kalender, dachte Cording, sie bleibt zu jeder Zeit aktuell…

Es war ein sonniger, milder Morgen, die Straßen von Detroit sahen nicht aus wie offen gelegte Abwasserkanäle und die Passanten schienen derselben Spezies anzugehören wie er. Cording fühlte sich ungewohnt leicht. Seine Müdigkeit war wie weggeblasen. Damit meinte er nicht die Müdigkeit, die sich durch guten Schlaf besiegen ließ, mit dem Schlaf hatte er kein Problem. Er meinte die Müdigkeit gelebter Zeit, die sich als feinstoffliches Sediment in ihm ablagerte, das schwerer und schwerer wurde und ihn am liebsten tief unten im Mittelpunkt der Erde sehen wollte – die mit bleierner Melancholie nur unzureichend beschrieben war. Heute Morgen aber fühlte er sich wie ein Korken, der an die Oberfläche des Lebens geschwappt war. Er griff in die Jackentasche und zog die schmale Schachtel mit den Sticks hervor, die er gestern an der Rezeption gekauft hatte. Wenn einem so viel Gutes widerfährt, dann ist das schon ein Joint@Venture wert. Da stand er also vor dem Hotel und zündete sich einen akkurat gedrehten Joint an. Es war der erste Joint seit … mein Gott, wie lange war das her! Dreißig Jahre? Schmeckte nicht schlecht, schmeckte vertraut. Zwei etwa sechzehnjährige Mädchen schlenderten vorbei, blähten die Nüstern und fächelten sich den Rauch zu, den er den Vorbeigehenden freimütig in die Flanken blies. Die Mädchen kicherten und zogen Händchen haltend mit drei Hüpfschritten davon. Bevor ich mich hier draußen auf Glatteis begebe, dachte Cording, bevor die Menschen mir wieder wie Zombies erscheinen, hau ich mich doch lieber in der Lobby auf die Couch. Er drehte sich um und stolperte über die Eingangsstufe. Der Portier fing ihn auf.
„Sehr nett von Ihnen”, sagte Cording und wischte sich die Hose ab, obwohl er nicht gefallen war.
„Gut das Gras, nicht wahr…?”, bemerkte der Portier lächelnd.
„Stark…”, antwortete Cording und hielt in gerader Linie auf die Sitzecke zu, wobei er darauf achtete, dass er nicht über eine der zahlreich ausgelegten Brücken und Teppiche stolperte. Sein Gestakse sah nicht gerade elegant aus, aber er wollte auf keinen Fall riskieren, mit blutverschmierter Stirn zu Füßen der älteren Dame zu liegen, die ihm so bedrohlich in die Quere kam. Ihr Parfum war fett und süß. Cording merkte erst jetzt, dass er den Joint noch in der Hand hielt. Er nahm einen Zug und pustete den Rauch in die Abgasschwaden der vorbeirauschenden Lady. Dabei rammte er mit der Hüfte einen schweren Sessel, der bereits zum Ensemble jener am Fenster postierten Sitzgarnitur gehörte, in der er Ted erwarten wollte. Mein Gott, war das Zeug stark … Der Kellner kam vorbei, Cording bestellte einen doppelten Bourbon. Alkohol half gegen die Paranoia, die sich auf Marihuana gerne entzündete. Er erinnerte sich, dass er die Dämonen der Droge auch früher regelmäßig mit Alkohol erschlagen hatte. Irgendwann erreichte man einen Zustand, da konnte man von beidem nachlegen, ohne die Balance zu verlieren.
„Ihr Bourbon, Sir!”
Cording nahm dem Kellner das Glas aus der Hand, trank es in einem Zuge aus und bestellte einen weiteren. Doppelten.
„An der Rezeption wartet ein Herr auf Sie, Sir.”
Jetzt schon? Cording blickte auf die Uhr. Auf die Minute. „Bringen Sie mir erst den Drink”, sagte er, „und dann schicken Sie ihn zu mir.”
„Sehr wohl, Sir.”
Sir. Er mochte Häuser, in denen man pausenlos zum Ritter geschlagen wurde… Also mit Ted Holcomb läuft es so: Entweder er zeigt mir das Camp oder er lässt es bleiben. In beiden Fällen werde ich morgen früh aufbrechen.
„Mister Holcomb, Sir”, sagte der Kellner und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Dann ließ er Cording mit dem schlaksigen Kerl allein, der sich verlegen den leicht ergrauten Vollbart kraulte.
„Sie wollten mich sprechen”, ließ sich der Schlacks vernehmen, dessen wassergraue Augen die gesamte Traurigkeit des Universums zu filtern schienen und auf dessen Schläfen die verseuchten Flüsse dieser Welt pochend aufbegehrten. Der Mann mochte Anfang vierzig sein. Seine gebeugte Gestalt, die hängenden Schultern, das gequälte Lächeln – all das bestätigte den Satz, den Cording solchen Leuten gerne einmal unter die Nase rieb: Bis vierzig trägt uns das Leben, ab vierzig tragen wir es. Er füllte sein Glas mit Eiswürfeln, inhalierte das Aroma, nippte dann eher am Whiskey, als dass er ihn trank, und sagte: „Sie sind aus dem Camp geflohen, Mister Holcomb, also wissen Sie, wo es sich befindet. Ich möchte, dass Sie mich dort hinführen.”
Ted Holcomb wurde bleich wie ein Embryo in Spiritus. „Auf keinen Fall”, wehrte er ab. „Unmöglich. Das werde ich nicht tun.”
„Okay. Damit wäre unser Gespräch beendet. Danke, dass Sie gekommen sind.”
„Das Lager befindet sich in Südarizona, inmitten eines Indianerreservats. Das sind fast dreitausend Meilen. Niemand weiß, ob wir da je heil ankommen werden. Ist Ihnen eigentlich klar, was in unserem Land los ist?”
„Schon gut, ich hab verstanden. Sie wollen nicht. Akzeptiert.”
„Aber selbst wenn wir es bis dahin unbeschadet schaffen würden, in das Lager ist kein Reinkommen.”
„Wo ein Rauskommen ist, ist auch ein Rankommen …”, antwortete Cording. „Entscheiden Sie sich. Die Fahrt wird bestimmt nicht langweilig. Ich höre Ihnen zu, Sie erzählen mir alles. Jedes Detail. Sie glauben gar nicht, was die Erinnerung alles hergibt. Und dann unterhalten wir uns über diese FEMA-Scheiße. Dann überlegen wir, was dagegen zu tun ist. Okay?”
Holcomb blickte Cording an, als hätte der noch nicht begriffen, worauf er sich da einlassen wollte. Dann strich er sich durch den Bart und nickte zustimmend.
Cording reservierte seinem Reisegefährten ein Zimmer, legte die Abfahrtzeit auf acht Uhr fest und zog sich in seine Gemächer zurück, wo er sich vom Alkohol beschwert auf das gemachte Bett warf. Die Marihuanafahne am Horizont hing schlaff im Wind, während der Bourbon einen üblen Tornado lostrat, dem er kurz darauf kniefällig vor der Kloschüssel begegnete…

Elijah Pinter bestellte seine Hausangestellten für zwanzig Uhr in die Mastersuite von Pinter Castle unweit des Old Warson Country Clubs in St. Louis/Missouri. Bis auf seinen erkrankten Sekretär waren alle erschienen: Köchinnen, Gärtner, Reinigungspersonal, der Friseur, Kosmetikerinnen und Masseure, Dienst- und Kindermädchen, Pferdepfleger, Butler, Chauffeure, insgesamt siebenundzwanzig Personen. Die Mastersuite war das Heiligtum des zweiunddreißig Hektar großen Anwesens, auf dem der Hausherr sogar eine Pferdezucht betrieb, mit eigener Rennbahn. Das dreistöckige Herrschaftshaus verfügte über einundzwanzig Zimmer, darunter fünf Schlafzimmer, drei Küchen und neun Badezimmer. Im Gästehaus am anderen Ende des Parks gab es ein Entertainmentcenter mit Kinosaal und Fitnessräumen. In sechs Garagen warteten ein Bugatti, ein Maybach, ein Ferrari, ein Bentley, eine Lexus-Limousine sowie ein Porsche Cayenne auf ihren gelegentlichen Einsatz, für den sie täglich aufs Feinste poliert wurden. Ein Hubschrauberlandeplatz war im Bau.
Während das versammelte Personal noch über den Grund dieser ungewöhnlichen Zusammenkunft rätselte, betrat der Hausherr die mit einem Magritte, einem Gauguin und einem Mondrian aufgewertete Suite und nahm an der Stirnseite des langen Mahagonitisches vor dem mit Marmor ausgeschlagenen Kamin Platz.
„Danke, dass Sie gekommen sind”, begann er, nachdem er die Gespräche der Anwesenden mit einer beschwichtigenden Handbewegung zur Ruhe gebracht hatte. „Sie alle wissen, dass mein Name auf der von EMERGENCY veröffentlichen Todesliste steht. Er befindet sich an achtzehnter Stelle. Die ersten neun Personen auf der Liste sind bereits innerhalb weniger Tage liquidiert worden. Sie werden also verstehen, dass ich mir berechtigte Sorgen machen muss. Aus diesem Grunde habe ich beschlossen, mich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und in den Untergrund zu gehen. Mit anderen Worten: Ich werde fliehen.”
Ein aufbrausendes Getuschel füllte den Raum, und Elijah Pinter glaubte, in den Wortschwaden so etwas wie echte Anteilnahme zu erkennen.
„Meine Flucht”, sagte er mit erhobener Stimme, „ist sorgfältig geplant, es gibt also keinen Grund zur Beunruhigung.” Er hielt einen Moment inne, sein Blick streifte über die Gesichter der Angestellten, in denen sich Mitleid und Entsetzen spiegelten. „Alles wird gut”, sagte der Hausherr schließlich. „Allerdings sehen wir uns heute zum letzten Mal. Höchste Zeit also, dass ich mich bei Ihnen bedanke. Für die Sorgfalt und Liebe, mit der Sie Ihre Arbeit verrichtet haben. Jeder an seinem Platz. Das war beeindruckend”, fügte er anerkennend hinzu, „es hat mir das Gefühl gegeben, Häuptling eines besonderen Clans zu sein.”
Ein Zimmermädchen wischte sich mit der weißen Schürze über die Augen, der Chauffeur hielt sich an der Stuhllehne fest und mahlte mit dem Unterkiefer, die Köchinnen verharrten mit zitternden, aufeinander gepressten Lippen in der Menge, in der nun immer mehr Leute dem Beispiel eines Gärtnergesellen folgten und rhythmisch in die Hände klatschten. In diesem Moment verschmolz Elijah Pinter zum ersten Mal mit seinen Mitmenschen. Er achtete darauf, dass der Moment sich nicht allzu sehr in die Länge zog, denn die blitzartige Erkenntnis, am eigentlichen Leben vorbei existiert zu haben, traf ihn ins Herz. Um den Gedanken zu vertreiben, gab er dem Butler das Zeichen. Kurz darauf wurde ihm ein Aktenkoffer mit siebenundzwanzig Briefumschlägen überreicht. Jedes Couvert trug den Namen eines Anwesenden.
„Als Dank für Ihre Treue habe ich jedem von Ihnen hunderttausend Dollar überwiesen”, sagte der Hausherr um Fassung ringend. „In diesen Umschlägen befinden sich die Kontoauszüge, welche darüber Aufschluss geben. Außerdem versichere ich Ihnen, dass Sie Ihre Jobs behalten. Darauf habe ich meinen Sohn, der Pinter Castle ab morgen übernehmen wird, verpflichtet. Ich hoffe, dass Sie ihm mit der gleichen Leidenschaft dienen werden, die sie bisher an den Tag gelegt haben.”
Er stand auf, nahm die Briefumschläge zur Hand und las die Namen der Reihe nach vor. Die männlichen Bediensteten verbeugten sich artig, die weiblichen machten einen Knicks. Die Köchinnen fielen ihm um den Hals. Nach fünf Minuten verließ Elija Pinter die Mastersuite in der Gewissheit, dass er Magrittes durchsichtigen Melonenmann, in dessen Silhouette sich eine Parklandschaft mit Herrenhaus zeigte, nie wieder zu Gesicht bekommen würde, nicht im Original.

Die nächste Folge (Feuer am Fuß 11) erscheint am Mittwoch, 25. November 2015.
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Hintergründe - Bezüge - Wissen

KulturPort.De bietet den Lesern zu jeder exklusiven Folge Hintergrundwissen in einer „Fact Box" an, die jeweils gemeinsam mit der Autor zusammengestellt wurde. Damit soll ein Einblick in die Arbeitsweise Dirk C. Flecks, sowie seine historischen und aktuellen Bezüge sichtbar gemacht werden, um den realen Kontext besser zu verorten.

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Obama explains the FEMA Camps - Prolonged Detention
Christoph Hörstel über US-FEMA Camps! USA meinen, Deutschland soll mitmachen

Go die Öko-Diktatur CoverSeit Jahren haben wir uns mit immer neuen Parolen rüsten müssen: Rettet den Regenwald, rettet die Nordsee, rettet das Nashorn, rettet den, die, das...Wir haben ein Rückzugsgefecht nach dem anderen austragen müssen. Herausgekommen ist nichts. Selbst wenn der Südpol über Nacht auf zwanzig Quadratmeter schrumpfen und das letzte Dutzend Pinguine sich auf dem Kopf stehend mit den Fächerfüßen gegen die stechende Sonne zur Wehr setzen würde – das Gros der Menschen bliebe davon gänzlich unbeeindruckt. Wen wundert es da, dass die Gewaltbereitschaft unter denjenigen zunimmt, die den motorischen Wahnsinn durchschaut haben?
Damit hätte die Politik exakt jenes Problem am Hals, das Robert Jungk bereits im „Atomstaat“ beschworen hat. Seit Dezember 1994 liegt der deutschen Bundesregierung eine interne Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung mit dem Titel „Nuklearterrorismus: Fakten und Fiktionen“ vor. In ihr heißt es: „Die Kooperation mit den Nachrichtendiensten im europäischen oder transatlantischen Rahmen muss ausgebaut werden. Außerdem müssen die rechtlichen Kompetenzen der Nachrichtendienste und Ermittlungsbehörden neu überdacht werden.“
Um die wirtschaftlichen Interessen zu schützen, werden die Regierungen logischerweise dazu übergehen, die letzten demokratischen Grundrechte zu beschneiden, das wird den totalen Überwachungsstaat nach sich ziehen. In den nächsten Jahren werden unsere Demokratien schrittweise zu inhaltsleeren Gebilden verkommen, hinter denen sich autoritäre Strukturen verbergen, wie sie so bisher nur in Diktaturen möglich schienen. An dieser Stelle muss man sich die Frage stellen, was denn besser sei: Eine Diktatur zur Ausbeutung der Erde oder eine zu ihrem Schutz?
Aus dem Vortrag „Die ignorierte Katastrophe – Plädoyer für eine Ökodiktatur“, den Dirk C. Fleck 1994 an mehreren deutschen Universitäten hielt. Nachzulesen im Anhang des Romans "GO! - Die Ökodiktatur"

ZITAT
"Stellen Sie sich vor, Sie leben an einem Fluss. Sie sehen ein Kind im Wasser treiben, das mit dem Ertrinken kämpft. Was tun Sie? Sie springen hinein und retten das Kind. Kaum haben Sie es ans Ufer gezogen, entdecken Sie zwei weitere Kinder in der Strömung. Also springen Sie erneut in die Fluten, wie es ihr Gewisssen befiehlt. Nachdem Sie gerade im Begriff sind, sich von den Anstrengungen Ihrer Rettungsaktion zu erholen, bemerken Sie drei, vier weitere Kinder, die flussabwärts treiben. Wann ist für Sie der Punkt erreicht, wo Sie die Sisyphosarbeit einstellen und stattdessen flussaufwärts gehen, um die Gründe für das rätselhafte Verbrechen in Erfahrung zu bringen?"
Aus dem Roman "Das Tahiti-Projekt". Das Zitat beruht auf einem Gleichnis von Marschall B. Rosenberg

PRESSESTIMME
Dirk C. Fleck hatte schon Drehbücher geschrieben; er weiß, wie das geht. "Das Tahiti-Projekt" beginnt mit einem Killer-Einsatz auf der dänischen Insel Bornholm. Ziel: ein renitenter Wissenschaftler. Die Geschichte schneidet hinüber ins Weiße Haus. Insider-Blicke auf Geheimdienste und ein sehr illegales Wirtschaftsprojekt - die Fäden laufen in Washington zusammen. All das bedroht die aufkeimende Öko-Idylle auf Tahiti. Und verbindet sich mit einer romantischen Liebesgeschichte zum fesselnden Thriller, der seine Leser bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt. Bis die erste Konfrontation zwischen Supermächten und den Umdenkern von der Insel entschieden ist. Zentrales Thema im "Tahiti-Projekt" ist denn auch das Glück der Menschen: Was ist Glück? Welchen Preis wollen wir dafür bezahlen? Sind oder werden wir mit unserer Lebensweise glücklich, oder nehmen wir irgendwann unsere sehr wohl wahrgenommenen Defizite endlich ernst?
Hans-Jürgen Fink, Hamburger Abendblatt


Dirk C. Fleck wurde 1943 in Hamburg geboren. Nach dem Studium an der Journalistenschule in München volontierte er beim Spandauer Volksblatt in Berlin und war Lokalchef der Hamburger Morgenpost. Er war Redakteur bei Tempo und Merian, seit 1995 ist er als freier Autor für die Magazine Spiegel, Stern und Geo tätig und schreibt für die Welt und die Berliner Morgenpost. Er ist Autor des Öko-Thrillers Palmers Krieg (1992) sowie des Zukunftsromans GO! Die Ökodiktatur (1996), für den er den deutschen Science-Fiction-Preis erhielt. Dirk C. Fleck lebt und arbeitet in Hamburg.

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