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Literatur

Eine Annäherung an das Werk Arno Schmidt in der Berliner Akademie der Künste

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Geschrieben von Thomas Janssen  -  Montag, den 28. September 2015 um 10:10 Uhr
Eine Annäherung an das Werk Arno Schmidt in der Berliner Akademie der Künste 4.6 out of 5 based on 80 votes.
Arno Schmidt. Eine Ausstellung in 100 Stationen

Fragmente, Faktoren, Facetten
„Die Katzen pulsierten im Pelz, atmeten.“ Oder: „Pan schläft im Geträum der blühen Kräuter.“ Der Mond wird zu einem „stillen Steinbuckel im rauhen Wolkenmoor“.


Wirklichkeitsbeschreibung. Mehr als das. Worte und Syntax bekannt, doch neu, Scheinbar belanglos, die Variationen, und doch alles verändernd. Was gehört dazu, damit ein Autor die Welt auf solche Weise neu erfindet. Und zugleich beschreibt? Ein Autor wie Arno Schmidt.

„Die Glut 'das rote Meer' benennen“, formulierte er in dem Gedicht „Bürgerlicher Abend“ schon 1935 seine Absicht. Ein Versuch, nachvollziehbar zu machen, welche Konstellationen für den 1979 gestorbenen Schriftsteller Basis waren unternimmt bis in den Januar die Akademie der Künste in Berlin. In ihrem Westbau am Hanseatenweg in Berlin zeigt sie eine in Zusammenarbeit mit der Arno-Schmidt-Stiftung entstandene „Ausstellung in 100 Stationen“. Ein Versuch, zwischen Biografie und Werk zu vermitteln.

Es ist ein gelungener Versuch. Ein literarisches Werk zum Ausstellungsgegenstand zu machen ist nicht einfach, wenn es nicht nur um Biografisches gehen soll. Im Fall Arno Schmidt (1914-1979), der sich einmal „ein fremder Prinz aus dem Bücherland“ beschrieb, gilt das noch einmal mehr. Und so stellt die von Susanne Fischer, Friedrich Forssmann, Petra Lutz und Bernd Rauschenbach kuratierte Ausstellung die Bedingungen des Entstehens des Textes in den Blick. Welterfindung – Weltbeschreibung: Schmidt hat in Sprache und Text Gegensätzliches zu synthetisieren vermocht. Gegensatz ist auch das Grundprinzip der Gestaltung der Ausstellung. 92 der 100 Stationen (die anderen machen anhand von sieben Büchern Schmidts und einem TV-Film über ihn das Werk greifbar) benennen Gegensatzpaare, die in Leben und Texten des Autors zu finden sind. So schafft die Ausstellung einen Kosmos aus Faktoren, Facetten und Fragmenten, in deren Organisation zum Text Schmidts Werke zu dem werden, was sie sind.

Sich auf diese Fragmente zu konzentrieren, ist ein kluge Entscheidung: jeder Versuch, das literarische Werk direkt, etwa anhand von Erstausgaben oder Manuskripten, zum Gegenstand von Darstellung zu machen wäre oder gar es zu illustrieren wäre - im ersten Fall - eher literaturhistorisch interessant und im zweiten wahrscheinlich eher peinlich (manche Graphic Novel zeugt von der Problematik solcher Versuche). Wenn aber einer von Arno Schmidt selbst gezeichneten Karte des Fantasielandes „Spensers Island“ eine ebenfalls von dem Autor in kaum merklichen Details (Standpunkte der Dorflaternen) ergänzte amtliche Katasterkarte des Ortes Alden an der Aller gegenübersteht und diese Begegnung Ideen zweier Orte in seinem Werk (in „Die Schule der Atheisten“ und „Das steinerne Herz“) kenntlich macht, dann ist das nicht Illustration, sondern lässt wie in einer Momentaufnahme aufblitzen, nicht wie, aber doch von wo aus Arno Schmidt in seinen Texten Welt erfand: „Schon winkt ein neues silberschäumendes Meer, Inseln am Horizont“. Genau wie die vom Autoren ins Typoskript von „Die Gelehrtenrepublik“ geklebten Bilder antiker Fabelwesen.

So stellt die Ausstellung in ihren 92 Gegensatzpaarstationen Karl May gegen James Joyce, Phantastik gegen Realismus, Poesie gegen Mathematik, Fotos, die Arno Schmidts Frau Alice von ihm und solche, die er von ihr gemacht hat, gegenüber. Sie konfrontiert Enge mit Weite. Da ist der Pedant Schmidt, der auf dem mittels einer Stecknadel mit einem Loch versehen Blatt Papier, durch das das Ehepaar die Sonnenfinsternis vom 29. April 1976 betrachtet hat, das Ereignis nicht nur selbst beglaubigt, sondern auch von seiner Frau bezeugen lässt. Da ist der Hochstapler (Ich lüg gans gern...), da stehen die selbst gebauten Modelle von schlichten Siedlerhäusern den „Großhauswelten“ des New York-Buchs des Cartonisten Robinson gegenüber, das Schmidt rezensiert hat. Der Förderer Schmidt (Peter Rühmkorf, Hans Wollschläger) ist vertreten wie der (von Alfred Döblin Geförderte), in zwei der seltenen TV-Interviews spricht der Autor über das eigene Werk und über Karl May.

Die Mittel, mittels derer die Ausstellung diese Konfrontationen zum Sprechen bringt, sind von unprätentiöser Perfektion: quadratische Objektstelen in einem dunklen Raum, in jeder zwei dezent beleuchtete Objekte, dazu so knappe wie auf den Punkt bringende Erläuterungen. An den beiden nicht von Objekt und Erläuterung mit Beschlag belegten Seiten der Seelen finden sich Zitate aus den Texten Arno Schmidts. Die Kargheit und Formenstrenge dieser Präsentation allein ist bereits ein ästhetischer Genuss. Und sie lassen Raum, sich durch die Welten Schmidts zu bewegen. Frei oder eng an das Gezeigte gelehnt, immer nachspürend.

Diese Art, die Ausstellung zu organisieren, verweist direkt auf ein für die Arbeitsweise Arno Schmidts zentrales Werkzeug: den Zettelkasten. Die Objektstelen sind zwar nummeriert, aber dieser Bezug zwischen ihnen ist beim Gang durch die Ausstellung jederzeit durch andere Ordnungen ersetzbar. In ihrem Zentrum, um das die Objektstelen gruppiert sind, kommt die Ausstellung dann doch auf jene Dinge zurück, die materielle Zeugnisse des schreibenden Erschaffens anderer Welten sind: in einer Art hufeisenförmigen Vitrinen-Tresen, hinter dem stehend die gesamte Ausstellung in den Blick genommen werden kann, finden sich Schreibmaschinen, Stifte, Papier, Manuskripte und eben einer der berühmten Zettelkästen: derjenige von „Zettel's Traum“. Darauf sind die gezeigten Objekte zu beziehen, die zeigen, was Arno Schmidt zu Literatur geträumt hat. Diesen Traum macht eine virtuelle Version eines Zettelkastens deutlich, eine Rundprojektion, mit deren Hilfe der Besucher zu 100 Worten Schmidt-Sätze projizieren kann. Der nun weiß, dass die pulsierenden Katzen wohl nicht ohne die von Schmidts Frau Alice Literatur geworden wären.

Die Ausstellung "Arno Schmidt. Eine Ausstellung in 100 Stationen" ist noch bis zum 10 Januar 2016 zu sehen
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10 (Halle 3), 10557 Berlin
Geöffnet: Di bis So 11–19 Uhr
Eintritt: € 6/4 Bis 18 Jahre und Di von 15–19 Uhr Eintritt frei.
Führungen Do 18 Uhr, So 11.30 Uhr
€ 2 + Ausstellungsticket
Kartenreservierung: Tel.: (030) 200 57-1000 oder E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Header: Arno Schmidt, 1961. © Wilhelm Michels
Galerie
01. Ausstellungsbeflaggung vor der Aklademie der Künste. Foto: Thomas Janssen
02. Rundprojektion. Ausstellungsansicht, Celle, 2014. © Roland Wehking
03. Zettelkästen. Ausstellungsansicht, Celle, 2014. © Roland Wehking
04.
Schaukasten mit Teddybär. Ausstellungsansicht, Celle, 2014. © Roland Wehking
05. Arno Schmidt, ca. 1960. Foto: Alice Schmidt. © Arno Schmidt Stiftung Bargfeld

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