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Literatur

Jörgen Bracker: „Spielmanns Fluch“

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Geschrieben von Claus Friede  -  Mittwoch, den 16. September 2015 um 10:07 Uhr
Jörgen Bracker: „Spielmanns Fluch“ 4.9 out of 5 based on 86 votes.
Jörgen Bracker: „Spielmanns Fluch“

Hamburg als Umschlagplatz für Waffen zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Am 2. Juli 1622 explodierte ein Waffenschmuggler auf Reede bei Neumühlen.

„Hamburg im Dreißigjährigen Krieg: Die Truppen des Herzogs Christian von Braunschweig-Lüneburg plündern und brandschatzen die Vierlande. Festungsbaumeister Johan von Valckenburgh soll die Eindringlinge zurückschlagen und bedient sich dabei des ortskundigen Bauernjungen Jonas, um korrupte Mitglieder des Rates und Geschäftemacher im schwunghaften Waffenhandel auszuspähen. Als Jonas sich jedoch leidenschaftlich in einen jungen Spielmann verliebt, der zusammen mit dem aus Prag geflohenen Winterkönig 1621 nach Hamburg kommt, gerät er vollends in ein Netzwerk aus politischen Verwicklungen, Intrigen und Eifersucht, das ihn und seine Verbündeten an den Rand des Verderbens bringt – elbabwärts in eine Flammenhölle!
Ein fesselnder Roman um die blutigen Auseinandersetzungen im Strudel des Dreißigjährigen Krieges vor dem Hintergrund historischer Ereignisse.“

So heißt es in der Buchvorstellung des Verlages zur neuen Publikation von Jörgen Bracker, der bereits mit den hanseatisch-historischen Doku-Romanen „Zeelander“ und „Die Reliquien von Lissabon“ von sich reden machte.

Der Autor, der 26 Jahre Direktor des Museums für Hamburgische Geschichte war, hat neben einem fundierten historischen Wissen, guten Recherchemöglichkeiten auch die ganz besondere Fähigkeit Sachverhalte miteinander zu verweben und genug Raum für Phantasie zu lassen. So liegt dem Roman folgender wahrer historischer Kern zu Grunde: Eine Revolte der Prager Calvinisten und der Fenstersturz (1618) beenden die Rekatholisierung Böhmens durch König Ferdinand. Vertrieben durch die Katholische Liga flieht der calvinistische Anführer der Protestantischen Union, der in Böhmen neu gewählte Herrscher, ‚Winterkönig‘ Friedrich, 1621 aus Prag nach Hamburg und findet Unterkunft im Hamburger English House. Nur Wochen später folgt in Prag die Hinrichtung der 27 Mitglieder des Böhmer Landtages (Calvinisten). Kämpfe und gerichtliche Verfahren um Elbregulierung auf Hamburger Landgebiet (1620) erschüttern die Hansestadt ebenso wie der Religionskrieg. Philipp III. von Spanien stirbt 1621. Ihm folgt der erzkatholische Philipp IV., der den langjährigen Waffenstillstand mit den vom rechten Glauben abtrünnigen Generalstaaten sofort kündigt und damit einen Boom ohne gleichen auf dem Hamburger Waffenmarkt entfesselt. Ein Jahr später explodiert am 2. Juli 1622 auf der Neumühlener Reede ein Waffenschmuggler mit 37 Besatzungsmitgliedern und Hamburger Kaufleuten an Bord.

Brackers Erfindung sind die agierenden Figuren und deren individuelle Verwicklungen im täglichen Leben jener kriegerischen Jahre. Sie wirken in seinem Roman weder zeitlich entrückt, noch artifiziell, vielmehr sind sie verständlich und menschlich in ihrem Handeln. Und doch gibt in seinem Schreibstil durchaus auch Verweise auf jene Zeit, in der seine Geschichte stattfindet – atmosphärisch und sprachlich. Und er fungiert quasi als ein „Märchenerzähler in homerischer Tradition“, wie es Susanna Schöttmer es einmal treffend formulierte.
Mit Raffinesse hinterlegt Bracker seine schriftlichen Doppel- und Dreifachbelichtungen: Der Dreißigjährige Krieg wütet. Das sich während der Kämpfe zwielichtig verhaltende Hamburg muss nicht nur verteidigt werden, man macht darüberhinaus parallel gerne Waffengeschäfte und wickelt diese vor den Toren der Stadt ab. Dazu kommt eine homosexuelle Liebesgeschichte, eine Prise Korruption, ein explodierendes Waffenschiff und schließlich die Geschichte des eher zierlichen, schwarzlockigen Vierländer Jungmannes Jonas, der inmitten eines Vexierbildes zu stehen scheint.

Daneben verfügt Jörgen Bracker auch über musikalisches Know-How – selbst sang er viele Jahre als Chorknabe im Schleswiger Dom – das sich mit Werken des englischen Komponisten John Dowland (1563-1626) wie ein roter Faden durch die Zeit zieht. Dowland war einer der führenden Renaissance-Musiker und seine einfühlsamen Texte und gewählte Notenskala könnten zu jener Zeit so etwas gewesen sein wie die Hits.

Jörgen Bracker sagt dazu: „So kam mir der Gedanke, dass einer der Flüchtlinge aus der Begleitung Friedrichs, der Verwandte eines Mitgliedes des Böhmer Landtages nach dessen grausiger Hinrichtung die schärfsten Rachegedanken hegen müsste. Und weil er als Fremder in Hamburg wirkungsvolle Unterstützung für das unglaubliche Unternehmen benötigen würde, war es für ihn ein unerwarteter Glücksfall, dass ein mit allen Wassern gewaschener junger Mann durch den Vortrag des John Dowland-Liedes „Come again“ in seine Abhängigkeit geriet, ihm völlig hörig wurde.

Der von Stufe zu Stufe fortschreitende Leitgedanke, das unaufhaltsame Verhängnis, ist zwar konstruiert, aber immer wieder an der historischen Wirklichkeit orientiert - bis hin zu der Geschichte mit Jesus und Johannes. 1598 wurde in London der berühmte Bühnenschriftsteller Marlowe ermordet, weil er diese Verbindung zwischen Christus und Johannes homosexuell ausgedeutet hatte. Es kam zu einem berühmt-berüchtigten Skandal. Der Mörder blieb aufgrund einer Intervention der Königin Elisabeth straffrei.

Ich habe den Roman zwar nicht in einem Zuge durchgeschrieben, aber Schritt für Schritt, als läge das ganze Geschehen als ein undurchdringliches Dunkel noch vor mir, durchlebt und durchlitten.“

Jörgen Bracker: „Spielmanns Fluch“
Historischer Roman
Husum Verlag
223 Seiten, ISBN 978-3-89876-801-6
Zur Bestellung

Szenische Lesung: 19. November 2015, 19:30h, Logensaal der Hamburger Kammerspiele, Hartungstraße 9-11
Eintritt 10 Euro
Vorverkauf: www.logensaal-kammerspiele.de

Weitere Romane von Jörgen Bracker: „Zeelander“ (dem „Störtebeker Buch“) und „Die Reliquien von Lissabon“ und „Hinter der Nebelwand“.

YouTube-Video: William Ferguson (tenor) and David Leisner (guitarist) perform "Come Again: Sweet Love Doth Now Invite" by John Dowland. Recorded live in recital, November, 2010.

Text zu John Dowland
Come again:
Sweet love doth now invite,
Thy graces that refrain,
To do me due delight,
To see,
to hear,
to touch,
to kiss,
to die
With thee again in sweetest sympathy.

Come again
That I may cease to mourn,
Through thy unkind disdain;
For now left and forlorn,
I sit,
I sigh,
I weep,
I faint,
I die
In deadly pain and endlesss misery.

Gentle Lowe,
Draw forth thy woundling dart,
Though canst not pierce her heart,
For I that to approve
By sighs
And tears
More hot
Than are
Thy shafts
Did tempt
While she for mighty triumph laughs.


Abbildungsnachweis:
Header: Festung Hamburg. Aus: Matthias Dögen: Architectura militaris moderna variis historiis tam veteribus quam novis confirmata et praecipuis totius Europae monumentis ad exemplum adductis exornata. Amsterdam 1647. Gestochen von Joan Blaeu.
Im Jahr 1615 wurde der niederländische Ingenieur Johan van Valckenburgh (1575-1625) beauftragt, ein neues Festungswerk für Hamburg zu entwerfen. Am 11. März 1616 begannen die Bauarbeiten zur Umsetzung seines Plans. Nach dem Ausbruch des Krieges in Deutschland im Jahr 1618 (der später als der „Dreißigjährige Krieg“ in die Geschichte einging) setzte man die Arbeiten beschleunigt fort. Im Norden Hamburgs wurde die Befestigung mit Hilfe eines aufgeschütteten Damms durch die Alster geschlossen, wodurch das Gewässer in Binnen- und Außenalster geteilt wurde. Während die früheren Befestigungen aus massiven Mauern bestanden, wurde das neue Bollwerk aus Erdwällen mit schrägen Böschungen aufgeschüttet. Solche Erdwälle schützten besser gegen die neuen Kriegswaffen als Mauerwerk, denn Treffer durch Kanonenkugeln konnten zwar Mauern zerstören, aber kein Erdreich: Die grasbewachsenen Böschungen hätten die kinetische Energie der Eisenkugeln geschluckt, ohne substanzielle Schäden zu erleiden. Nach der Fertigstellung des Hauptwalls im Jahr 1625 wurden nach und nach die Außenwerke hinzugefügt. (Quelle: C. F. Gaedechens: Historische Topographie der Freien und Hansestadt Hamburg …, Hamburg 1880, S. 124ff)
Obwohl dieser Stich erst im Jahr 1647 veröffentlicht wurde, zeigt er offenbar den Zustand der Festung von 1625. Er erschien in dem Werk „Architectura militaris moderna…“ des Festungsbauingenieurs Matthias Dögen (1605 bis 1672) und wurde vom niederländischen Kartografen und Kupferstecher Joan Blaeu (1596-1673) erstellt. Quelle: Christian Terstegge
Galerie:
01. Buchumschlag „Spielmanns Fluch“
02. Schiffsexplosion auf der Elbe bei Neumühlen am 2.7.1622.
03. Faksimile „Come again“ von John Dowland. London: Humfrey Lownes, 1613.
04. Joergen Bracker, Foto: Hamburger Autorenvereinigung
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