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Christiane Florin: „Warum unsere Studenten so angepasst sind"

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Donnerstag, den 04. September 2014 um 10:02 Uhr
Christiane Florin: „Warum unsere Studenten so angepasst sind" 4.5 out of 5 based on 142 votes.
Christiane Florin: Warum unsere Studenten so angepasst sind

Vom WIR zum ICH-ICH-ICH.
"Oh“, meinte erstaunt ein mir bekannter junger Student, als ich ihm von dem Büchlein mit dem Titel „Warum unsere Studenten so angepasst sind“ erzählte. „Das will ich auch lesen!“, rief er interessiert. Das vorneweg: Diese Schrift wird ihn, ebenso wie hoffentlich zahlreiche Leser, nicht enttäuschen.
Allein das Reizwort „angepasst“ provoziert Nachdenklichkeit, prägt es doch einen pejorativen Beigeschmack. Keiner will als angepasst gelten. Weder Studenten noch Bürger. Das ist Mitläufertum, nachäffen wollen, willenloses Nachahmen, Vorgekautes schlucken müssen, blind gehorchen und, und, und... Nicht zu verwechseln mit dem Denken und Tun aus tiefster innerer Überzeugung.

Angepasst-Sein – zwei Seiten einer Medaille. Die Machthaber, wer auch immer, als auch die Ausführenden. In diesem Fall die Studenten. Christiane Florin weiß, wovon sie erzählt. Sie ist seit über zehn Jahren Lehrbeauftragte am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn. Sie lehrt Medienpolitik und Medienkultur. Bis 2010 leitete sie das Feuilleton des „Rheinischen Merkur“, heute ist sie die Redaktionsleiterin von „Christ und Welt“ in der „Zeit“.

altIhr Büchlein von nur 80 Seiten explodiert nahezu von persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen. Es seien Notizen, die nie für die Öffentlichkeit gedacht waren, nun aber notwendig erscheinen und den Charakter eines Protokolls einer Anpassung, einer Kommunikationsstörung und einer Sehnsucht haben, wie die Autorin im Vorwort schreibt.

Der Ist-Zustand einer jungen Generation steht im Fokus. Wissenschaftler, die mit an der Zukunft basteln, die Wege zu bereiten haben für ein friedvolles Wachsen im Interesse aller. Sie sollten sich, so die Hoffnung der Christiane Florin, einen eigenen Standpunkt erarbeiten, sollen als Individualitäten gelten und nicht der Ich-Hätschelei unterliegen. Ja, sie mögen gleichzeitig Widerstand leisten. Aber wogegen? Wie gegen die Ängste vor einem Nuklearkrieg angehen, wie gegen die Alternativlosigkeit des Systems?

Die Umstände sind es, die das Denken und Handeln der Studenten in eine Richtung lenken, die alles andere als kreativ und verändernd auf die Gesellschaft wirken. So liest man im Buch mit Schrecken von dem Unwillen vieler, Neues entdecken zu wollen, von dem einzigen Interesse, die Rohstoff-Menge an Lehrmaterial in der festgelegten Zeit zu bewältigen, von der Ablehnung von Diskursen, die ja altmodisch seien, von der Anspruchslosigkeit, was Inhalte betrifft, von der Abneigung politischen Denkens, von der Geübtheit, die Anforderungen des Arbeitsmarktes zu berücksichtigen, geleitet von dem Motiv, zur Leistungsgesellschaft dazuzugehören. Was bleibt? Die Intelligenz im Gleichschritt mit einer Macht, die wiederholt die Welt in Kriege getrieben hat und nun deren „Neuvermessung“ anstrebt.

Ergänzend hierzu eine Überlegung von Samira Manthey im Augustheft der Monatszeitschrift RotFuchs: Politik sei unnütz. Man müsse sich also gar nicht informieren. Man achtet weder auf Fakten noch auf Gerechtigkeit. So werde ein Verständnis der aktuellen Weltlage nicht erreicht. „Es werden die vielfältigen Erscheinungsformen betrachtet, die man nach ihrer Meinung so oder so bewerten kann, aber die Fähigkeit, Zusammenhänge auf der Basis des Nicht-Gelogenen zu erkennen, geht schon in meiner Generation verloren.“

Dieser Druck des Marktes, sich verkaufen zu müssen, der ist es, der Blüten der Absonderlichkeiten treibt. Mehr scheinen zu wollen als zu sein, jegliche äußere Statements zu bedienen, an den Beruf mit dem Slogan „Irgendwas – mit Management tun zu haben“, das eigene Ich in den Mittelpunkt zu stellen, das Private, keine Fragen stellen zu wollen, das Bemühen um ein eigenes Urteil als lästig zu empfinden, die Überschätzung der sogenannten Selbstverwirklichung, die fast minütlich erfolgende Erkundung der eigenen Befindlichkeit, das Shoppen als das eigentlich Politische zu betrachten, die Erwartung vom Lehrkörper, er möge bitteschön eine fertige „Welterklärung“ liefern. Die Autorin zitiert auf Seite 40 eine Studentin mit Namen Jukiane Löffler mit folgenden Worten: „Die Zukunftsangst meiner Generation ist zum Motor unserer standardisierten Leistungsbereitschaft geworden“.

Die Autorin schreibt als Dozentin von „unseren Opfern“. „Sie tun brav das, was wir Dozenten (…) von ihnen erwarten und müssen sich auch noch in einem bildungsbürgerlichen Blatt für ihre Anpassungsleistung kritisieren lassen.“ Einige Zeilen weiter heißt es, man wisse „weder an der Uni noch im Rest der Gesellschaft (…) ob sich eine Haltung überhaupt lohnt“. Ihre Studenten könnten wie das entspannte Gesicht des Kapitalismus sein, „keine Systemdiskussion verzerrt ihre Züge“, so die Autorin. Einige Politikstudentinnen kontern: Wo solle die Kritik ansetzen, wenn man gar nicht über die entscheidenden Themen spreche, sondern nur danach befragt werde, wie die bisherigen Bundeskanzler hießen? Es sei der Eindruck entstanden, dass „Veränderungen heute fast unerreichbar geworden sind“. Deshalb sei es nicht verwunderlich, dass das Okaysein oberstes Lernziel geworden sei, wobei es wichtig sei, den eigenen Nutzen für sich selbst als messbar zu erkennen. Im Grunde genommen gehe man von einer Haltung aus, die da lautet, „heute so, morgen so“. Eine Haltung der Unverbindlichkeiten, des Lavierens zwischen angeblich verschiedenen Wahlmöglichkeiten, die einer sperrigen Vielfalt entsprechen. Der viel gelobhudelte Pluralismus lässt grüßen. Ich als Rezensent stimme der Samira Manthey (siehe weiter oben) auch hier zu: „Kapitalistische Ideologisierung der Eliten funktioniert durch das Säen von Zweifeln und Hoffnungslosigkeit, indem man ihnen eintrichtert, man könne alles ´so oder so´ sehen, Begriffe verlören ihre Eindeutigkeit, Möglichkeiten wären schöner als `Festschreibungen´, es gäbe keinerlei Gemeinsamkeiten zwischen Individuen und vor allem nicht die daraus resultierende Verantwortung füreinander.“

Bleibt die Frage: Wofür und warum sollen sich die Studenten danach strecken, Urteilsfähigkeit, Selbstständigkeit und Kreativität zu erlangen, wenn deren Sinn und Denken des Existenzkampfes unter ausschließlich Marktbedingungen getrimmt wird, mithalten zu können im Kampf um das große und kleine Geld? Wer von Zeitvertrag zu Zeitvertrag stolpern muss, bleibt angepasst (S. 68). Wer stellt da noch Fragen nach dem Sinn des Lebens? Nach Inhalten? Die Ursachen liegen tiefer. So schreibt Werner Seppmann in der „jungen welt“ vom 10.08.2012: „Es wird ein Menschenbild negiert, das als Gegenprinzip zur Welt der Entfremdung und Verdinglichung dienen könnte. Die theoretische Abwertung des Menschen korrespondiert mit der Weigerung, sich überhaupt noch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und den von ihnen produzierten Entfremdungsformen jenseits symbolischer Beschwörungsrituale auseinanderzusetzen.“

Die Autorin vermisst nicht die Ideologien, sondern die Ideen, nicht die Meinungsstärke, sondern die Urteilskraft. Sie wünsche sich einen „Wissenschaftsbetrieb, der Platz lässt für Abseitiges, Originelles, Widerborstiges“. Ist dies nicht zu eng gedacht? Worauf läuft dann dieses Nichtanpassen hinaus? Bei unveränderten kapitalistischen Produktionsverhältnissen darauf, die Barbarei, die Machtverhältnisse, die ja von den Studenten akzeptiert und auch kritisiert werden, zu perfektionieren. Für wen und wofür solle man sich kreativ verhalten?

Der Jurist Glenn Greenwald, er gilt als einer der einflussreichsten politischen Kommentatoren in den USA, wurde in der „jungen welt“, Beilage vom 27. August 2014 mit folgenden Worten zum Angepasst-Sein zitiert: Man habe (…) als mutige Journalisten zwei Möglichkeiten -, „Anpassung an die institutionelle Autorität oder radikalen Widerspruch dagegen“. Nicht das Letztere sei Zeichen einer Persönlichkeitsstörung, wie mitunter behauptet werde, sondern die Weigerung, Einspruch zu erheben sei Zeichen einer Charakterschwäche oder moralischen Versagens. Ich meine, wenn man weiß wofür und wogegen. Besser, man kehre die Sache um: Vom ICH zum WIR. Doch das ist eine inhaltliche Sache, ein grundlegendes politisches Anliegen, das ja verpönt ist. Darin kein Dilemma zu sehen macht bereits blind.

Im letzten Satz meint die Autorin, es sei ihr noch kein Student untergekommen, der Bundeskanzler nicht nur aufzählen, „sondern auch einen hervorbringen kann“. Hoppla, der politisch urteilsfähige anfangs von mir genannte Student (ihn gibt es wirklich) würde sich die Haare raufen, nur marktkonform und aalglatt durchs Leben zu lavieren? Wäre er in den Augen der Autorin der Idealstudent?


Christiane Florin: „Warum unsere Studenten so angepasst sind“,
Rowohlt Taschenbuch Verlag, September 2014, 80 Seiten, ISBN: 978-3-499-61741-6, 4,99 Euro, Auch als E-Book erhältlich, ISBN: 978-3-644-51831-5


Abbildungsnachweis:
Details aus Buchcover und Buchcover, Rohwohlt Verlag

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