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Ohnsorg-Theater: "Vor Sonnenuntergang"

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Geschrieben von: Dagmar Seifert   
Mittwoch, den 07. Oktober 2009 um 09:30 Uhr
Ohnsorg-Theater:

Bei Gerhart Hauptmanns Dramen denkt man nicht automatisch ans Hamburger Ohnsorg-Theater – und umgekehrt. Aber eine gemeinsame Tradition ist durchaus vorhanden, in den 1990ern gab es hier den ‚Bieberpelz’, ‚Rose Bernd’ und ‚Fuhrmann Henschel’.
Diesmal hat sich Chefdramaturg Frank Grupe des schweren Stoffs angenommen und ihn mit geschickter Hand zurechtgestutzt sowie geplättet: "Ehr de Sünn ünnergeiht". (Die hervorragende Regie hat er außerdem zu verantworten.)
Wie wohltuend, wenn es mal nicht darum geht, dass jemand seine ‚Auffassung’ in den Vordergrund drängelt und damit einen Klassiker bis zur Unkenntlichkeit entgrätet!

Grupe hält sich so weit wie möglich an die Vorgabe; von ursprünglich 18 Darstellern (und einer Handvoll Kinder) treten bei ihm immerhin noch 16 Personen auf – oder 17: Oberbürgermeister und braver Onkel werden beide von Peter Wohlert dargestellt.

Das Stück dauert, nach respektvollen Strichen, etwa zweieinhalb Stunden und teilweise sind sogar winzige Details erhalten; steht im Original: Einige der davoneilenden Gäste haben das Zimmer gekreuzt, darunter ein Musiker mit seinem Instrument – dann flitzt da tatsächlich kurz besagter Musikant im Hintergrund über die Ohnsorg-Bühne…

Und wo ursprünglich vom zoologischen Garten die Rede ist, da heißt es jetzt natürlich ganz treffend: Hagenbeck. Interessant, wie gut sich das Plattdeutsche in diesem Fall einpasst, wie es ohne weiteres die ernste Färbung trägt.

Ein besonderes Lob sei Félicie Lavaulx-Vrécourt gespendet, die Kostüme und Bühnenbild schuf. Modisch hat sie dem Stück einen kleinen Schubs gegeben zum Ende der 1930er, teilweise Anfang der 40er Jahre (Beate Kiupel trägt beispielsweise schon eine ‚Entwarnungs’-Frisur, die ihr reizend steht), und da sitzt es perfekt. Die Kulisse orientiert sich weitgehend an der Original-Vorgabe von Hauptmann und mit einer sekundenschnellen Stoffraffung wird aus dem feinen Bürgerheim die dürftigere Behausung von Inkens Familie. Dadurch, dass Kostüme und Hintergrund aus einer Hand kommen, entsteht außerdem eine vollendete Harmonie der überwiegenden Braun- und Blautöne in beidem.

Als der löwenköpfige Nobelpreisträger zwischen 1928 und 1931 dieses Drama verfasste, hat er es sich gegönnt, eine gängige Perspektive rigoros umzukrempeln.
Selbst im 21. Jahrhundert hätte ein erfolgreicher, geachteter Bürger mit vier erwachsenen Kindern (sowie einem voll im Familienbetrieb engagierten Schwiegersohn), der plötzlich nicht nur ein Verhältnis mit einem etwa 50 Jahre jüngerem Mädchen anfängt, sondern sie auch noch heiraten und mit ihr in die Schweiz auswandern will - und ihr obendrein kostbare Schmuckstücke der verstorbenen Gattin schenkt - bestimmt nicht die heitere, ungeteilte Zustimmung seiner Umgebung.

Wenn dann die ohnehin etwas matte Reputation des jungen Mädchens auch noch böse Kratzer aufweist (ihr Vater hat in Untersuchungshaft Selbstmord verübt), wenn man dazu rechnet, dass der alte Herr, über den Protest seiner Kinder in Zorn geraten, den Schwiegersohn umgehend feuert, den Familienbetrieb zugunsten des Schweizer Alterssitzes verscherbeln will, das Portrait der Mutter seiner Kinder mit einem Messer zerfetzt und anschließend weitere Familienfotos und anderen Hausrat zertrümmert, dann ist die Überlegung, ob so ein wild gewordener Greis nicht in der Tat ruhig gestellt werden sollte, um die Normalwelt in den Angeln zu halten, eigentlich gar nicht so weit hergeholt. Würde unsereiner, an Stelle der Erben, Papa das späte Glück von ganzem Herzen gönnen, auf ’s Erbe pfeifen und halt nach einem anderen Job suchen?



 

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