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Im Gespräch: Theater- und Opernregisseur Hans Neuenfels mit Hans-Juergen Fink

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Geschrieben von: Hans-Juergen Fink   
Montag, den 26. Juli 2010 um 16:21 Uhr
Im Gespräch: Hans-Juergen Fink mit dem Theater- und Opernregisseur Hans Neuenfels, Foto © Monika Rittershaus

"In Bayreuth zu inszenieren bedeutet, sportiv zu sein."
Das Enfant terrible des Theaters, Hans Neuenfels, über sein Verhältnis zu Richard Wagner, die Aktualität von "Lohengrin" und Merkels Politik.

Was dringt im Umfeld der Proben zum neuen Bayreuther "Lohengrin" aus dem Festspielhaus auf dem Grünen Hügel? Nur wenig - über die legendären Wut- und Verzweiflungsanfälle des Regisseurs Hans Neuenfels, einer der Väter des deutschen Regietheaters, über seinen Genauigkeitswahn. Und wilde Bilder, die er auf die Bühne bringt. Die Gerüchte kochen hoch, schließlich war Neuenfels für einige der wirkungsvollsten deutschen Theaterskandale verantwortlich: den Thalia-"Hamlet" von 1978, vor dem Klaus Maria Brandauer floh und in dem die verwirrte Ophelia als uralte Dame in einem Laufställchen saß; die Frankfurter "Aida" 1980, die als Putzfrau auftrat (zum Triumphmarsch flogen Brathähnchen in die Luft); den Berliner "Idomeneo" 2003, der wegen der abgeschlagenen Köpfe von Religionsgründern (auch Mohammeds) 2006 zu Bombendrohung, Absage und einem Fundamentalstreit über die Freiheit der Kunst führte. In Hamburg inszenierte Neuenfels 2004 Beethovens "Fidelio" an der Staatsoper. Zum Interview in der Open-air-Kantine des Festspielhauses kommt zu Beginn der letzten Probenwoche ein freundlicher, konzentrierter, älterer Herr, deutliche Ringe unter sehr wachen Augen, mit einer unverwechselbaren tiefen Reibeisenstimme, die kräftiges Rauchen in Form hält.

Hans-Juergen Fink (HJF): Herr Neuenfels, in Ihrem Buch "Wie viel Musik braucht der Mensch?" erzählen Sie, dass Sie 2007 beim ersten Besuch in Bayreuth den sonst eher toten Richard Wagner getroffen haben.

Hans Neuenfels (HN): Er hat mich ganz schön überrascht. Er ließ mich in einen Konferenzraum holen und hat die Aufgaben, die seine Musik an den Regisseur stellt, verdoppelt, verdreifacht, verhundertfacht. Hier in Bayreuth zu inszenieren bedeutet, sportiv zu sein, dabei aber auch unglaublich listig und genau ...

HJF: Warum listig?

HN: Damit nicht innerhalb der überwältigenden Organisation, die das Festival aufgebaut hat, der Inhalt und die Absicht der Werke verloren gehen.

HJF: Es ist ein besonderes Haus hier?

HN: Es ist außergewöhnlich. Das hat mit der Ausschließlichkeit zu tun, mit der man sich hier um einen einzigen Komponisten kümmert. In einer Zeit, in der Fachwissen als Schimpfwort behandelt wird oder als Manko oder lästig, ist es grandios, mit welchem Enthusiasmus, welcher Genauigkeit und auch Impertinenz das Ganze geführt wird. Diese permanente Auseinandersetzung bringt Herz und Hirn in Wallung - das ist schon sehr gut.

HJF: Wie gehen Sie mit der Tradition des Hauses um, die durch die lang nachwirkende Nähe von Teilen der Wagner-Familie zum Nationalsozialismus belastet ist?

HN: Wir haben - ich und mein Bühnenbildner Reinhard von der Thannen, ohne den das hier gar nicht möglich wäre, denn es ist eine von ihm stark optisch geprägte Arbeit - schon vor 17 Jahren in Stuttgart bei den "Meistersingern" Wagner für uns entnazifiziert. Will sagen: Es gibt keine einzige Note von Wagner, die mit Antisemitismus oder mit reaktionärem Sinn zu tun hätte ...

HJF: ... gerade im "Lohengrin"-Libretto gibt es aber eine ganze Menge Heil und Sieg, Führer, Horden des Ostens, deutsches Land und dergleichen ...

HN: Ja, ganz wilde Dinge. Man sieht Wagner ja noch immer als Romantiker, der nicht durch den Rausch zur Aufklärung kommt. Wenn man ihn nur wortwörtlich nimmt, was ja auch Hitler getan hat, kann man ihn so sehen. Wenn man aber seine Musik analysiert, merkt man, wie raffiniert er solcher Denke Fallen stellt. Für mich ist die Musik entscheidend.

HJF: Sie suchen verborgene Handlungen, die sich unterhalb der sichtbaren abspielen.

HN: Die wichtigste ist, dass hier ein Mensch, Lohengrin, eine radikale These stellt, von der er weiß, dass sie unmöglich bestehen kann. Er versucht sie dennoch mit Mühe und Leidenschaft zu leben - es ist unglaublich modern, dieses: Ich weiß, es ist eigentlich unmöglich, aber ich versuche es trotzdem. Und er muss aushalten, dass er scheitert, weil Elsa die verbotene Frage natürlich stellt.


 

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