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Reihenhäuser - Idylle, Klischee und Lebensform

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Geschrieben von: Isabelle Hofmann   
Montag, den 11. April 2011 um 22:21 Uhr
Reihenhäuser - Idylle, Klischee und Lebensform

„Hasenstall“. „Gartenzwergghetto“. „Brutstätte der Langeweile“. Keine andere Wohnform in Deutschland wird so verhöhnt wie das Reihenhaus.

Doch gelten die stereotypen Bauten zu Recht als Inbegriff des Kleinbürger-Klischees? Der Bildband „In deutschen Reihenhäusern“, sowie eine Ausstellung im Hamburger Völkerkundemuseum geben darüber Auskunft.

„Durch den Krieg in Serbien mussten wir 1985 flüchten, hatten kein Zuhause mehr. Unser Wunsch war es, irgendwann wieder ein Heim aufzubauen“ (Marika K aus Ilversheim). „Hier ist es urgemütlich. Alle halten zusammen - wie beim Mannschaftsport“ (Michael S. aus Speyer). „Wir wollten schon immer ein Haus besitzen, in Russland gab es ja nicht so viel“ (Irina A. aus Kaiserslautern). Drei Stimmen aus deutschen Reihenhäusern. Drei Menschen, die von der Deutsche Reihenhaus AG ihr Eigenheim erwarben. Daniel Arnold, Chef des Familienunternehmens in dritter Generation, wollte diese Menschen kennenlernen. Nicht persönlich, aber er wollte wissen, für wen er eigentlich Jahr für Jahr überall in Deutschland Wohnparks errichtet. Arnold beauftragte zwei Fotografen und eine Journalistin Feldforschung zu betreiben. Albrecht Fuchs und Inken Herzig nahmen die Bewohner von 50 Reihenhäusern quer durch die Republik unter die Lupe. Fotografierten sie an ihren Lieblingsplätzen, erforschten Biographien und Befindlichkeiten und ermöglichten somit erstmals einen Blick hinter die Kulisse. Außenansichten verschiedener Reihenhaus-Ensembles aus der Vogelperspektive ergänzte der Architekturfotograf Marc Räder.
Herausgekommen ist ein künstlerisch anspruchsvolles Fotobuch mit einem Ergebnis, das eigentlich nicht wirklich überrascht: Den „typischen Reihenhausbewohner“ gibt es nicht. Hier wohnen Dolmetscher und Dachdecker, Betriebswirte und Busfahrer, Mathematiker und Mechaniker. Das Haus von der Stange hat alle Bildungs- und Einkommensschichten erobert. Dennoch ist in der Studie eine gewisse Konformität auszumachen. Eine „Reihenhauskultur“, die sich nicht nur in Äußerlichkeiten, gleichen Grundrissen und gleichen fotografischen Perspektiven (Familie auf dem Sofa, Familie an der Terrassentür) spiegelt, sondern in Einstellung und Lebensform: Hier scheinen Menschen mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach einer heilen, bürgerlichen Welt zu wohnen. Freaks, Exzentriker oder Homosexuelle sucht man vergeblich. Die Menschen, die sich für ein Leben in Reih und Glied entscheiden, bekennen sich allesamt zur Keimzelle des Staates: Der Familie. Unabhängig von Kultur und Herkunft, denn diese Wohnform ist keineswegs so deutsch, wie sie erscheint: Erstaunlich viele Familien mit Migrationshintergrund sind hier anzutreffen und sie alle betonen den Gedanken von Zusammengehörigkeit, der in den Wohnparks herrscht.

Ein Gedanke, der noch aus der Reformbewegung Ende des 19. Jahrhunderts stammt. Damals entwickelten progressive Architekten und Stadtplaner Kleinhäuser als Alternativen zu den Mietskasernen des Proletariats. Sie propagierten menschenwürdiges Wohnen mit abgeschlossenen Einheiten, Licht, Luft und Sonne. „Die Gartenstadt wurde zum stadtplanerischen Ideal“, schreibt Hartmut Häußermann in seinem Essay „vom Reformmodell zum Townhouse“. „Stadt und Land sollten versöhnt, Industrie und Landarbeit kombiniert und gemeinschaftliche Lebensformen unterstützt werden“. Dabei zeigt der Stadtsoziologe auch die unterschiedlichen Entwicklungen in Europa auf: Während in Deutschland das bürgerliche Wohnideal die freistehende Villa im Park sei, wäre „in England und in den Niederlanden das Reihenaus selbstverständlich und erste Wahl für diejenigen, die die Annehmlichkeiten eines eigenen Hauses mit den Vorteilen eines städtischen oder wenigstens stadtnahen Standortes kombinieren wollen“,
Das wollen auch die deutschen Reihenhausbesitzer, doch sie stellen immer wieder ökonomische Zwänge heraus: „Kosten herunterfahren, die Lebensqualität erhöhen – das sind für viele Reihenhausbesitzer schlagkräftige Argumente“, erfuhr Inken Herzig. Gleichzeitig bestehe hier die Chance, neue soziale Netzwerke aufzubauen. „Reihenhäuser“, so Herzig, „sind heute Ausdruck multikultureller Gemeinsamkeiten. Die Menschen hätten alle eines gemeinsam: „Den Wunsch nach einem friedlichen Platz, an dem sie ankommen dürfen“. Die Ausstellung im Hamburger Völkerkundemuseum dokumentiert diesen Wunsch auf eindrucksvolle Weise. Wie in dem Bildband ergänzen sich hier die großformatigen Porträtaufnahmen von Albrecht Fuchs und Aussagen der Befragten. „Dieses Haus ist wie ein kleines, heiles Haus aus einem Roman“, findet beispielsweise Tuncer G. aus Bonn-Tannenbusch. „Meine Frau beobachtet aus dem Fenster, wie die Kinder zur Schule gehen, und sieht sie zurückkommen. Ein Mensch braucht dieses Gefühl von Sicherheit. Seine eigenen vier Wände, in denen er ganz bei sich ist“.

„In deutschen Reihenhäusern“, bis 13. Juni 2011, Museum für Völkerkunde, Rothenbaumchaussee 64. Di-So 10-18 Uhr, Do bis 21 Uhr. Eintritt: 7 Euro, erm. 3 Euro, Kinder frei
Der Bildband „In deutschen Reihenhäusern“ ist im Callwey-Verlag erschienen, hrsg. von Daniel Arnold, 39.90 Euro

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