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Bildende Kunst

Malermeese – Meesemaler: der Bilderkosmos des Jonathan Meese

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Geschrieben von Christel Busch  -  Freitag, den 24. Januar 2014 um 11:04 Uhr
Malermeese – Meesemaler: der Bilderkosmos des Jonathan Meese 4.6 out of 5 based on 270 votes.
Malermeese – Meesemaler: der Bilderkosmos des Jonathan Meese

"Malermeese – Meesemaler" zeigt in einer chronologisch konzipierten Ausstellung im Museum der Moderne in Salzburg das malerische Œuvre des 1970 in Tokio geborenen Künstlers.
In dem bunten, neo-expressionistischen Kosmos des Adidas-Jackenträgers tummeln sich bitterböse Helden der germanischen Sage, Götter der ägyptischen Mythologie, Adelige und Monster. In seiner Bilderwelt sind Echnaton, Nero, Mussolini, Göring und Hitler als Diktatoren der Weltgeschichte präsent sowie Swastika, Hakenkreuz, Eisernes Kreuz und Hitlergruß als Symbole totalitärer Regime.

Seine These von der Diktatur der Kunst hat er in großformatigen Bildern manifestiert. Hinzu kommt seine Liebe zur Selbstdarstellung. In zahlreichen Portraits mit adaptierten Posen und Rollen inszeniert er sich: den Maler Meese. Mit einer salonartigen Rauminstallation erweist er dagegen dem großen französischen Maler Balthus seine Referenz.

Jonathan Meese ist ein schillernder, kontrovers diskutierter Künstler der zeitgenössischen Kunst. Ist er ein Provokateur? Das Enfant terrible der Kunstszene? Oder doch nur der Märchenprinz?

Er ist der Märchenprinz, wie es die Video-Inszenierung zu Beginn der Ausstellung andeutet. Die Installation "Der Märchenprinz (Das Lied der Salonfähigkeit)" von 2007 zeigt den Künstler in seinem Berliner Atelier im Postfuhramt. An den Wänden stehen fünf Leinwände. Vom CD-Player erklingt der Musiktitel "Märchenprinz" der bayerischen Popgruppe „Erste Allgemeine Verunsicherung". Wie ein Gummiball hüpft und tanzt Meese durch den Raum, singt den Text lautstark mit: „Ich bin der Märchenprinz, ich bin der Märchenprinz, in der Provinz bin ich der Märchenprinz." Fröhlich und ausgelassen wie ein Kind tobt er durchs Studio. Intuitiv, scheinbar ohne bildnerisches Konzept quetscht er aus der Tube Farbe auf die Leinwände oder trägt sie mit den Händen auf. Ist diese kindliche Attitüde das Erfolgsgeheimnis des Künstlers, der von sich behauptet, er habe noch nie eine künstlerische Blockade gehabt? „Wenn ich erwachsen werde, höre ich sofort auf mit der Kunst. Es wäre das Ende“, erklärt Meese in einem Interview.

Erwachsen wird er nie, denn Meeses Bilderkosmos erfindet sich immer neu, wie der Besucher beim Rundgang feststellt. Die Ausstellung setzt mit frühen Arbeiten von Mitte bis Ende der 90er-Jahre ein, als er bei Franz Erhard Walter an der Hochschule für Bildende Kunst in Hamburg studiert. Er schmeißt sein Studium ohne Abschluss, pfeift auf alle akademischen Traditionen, entwickelt seine originäre, unverwechselbare Formensprache. "Kunsthochschulen gehören abgeschafft, die sind meine Feinde", formuliert er später.

Neben seiner prägnanten Bildsprache erfindet er sich als Gesamtkunstwerk. Schwarze Cordhose mit Schlag, Adidas-Sportjacke mit Streifen, Bart und Frisur à la Rasputin werden sein Markenzeichen. Nachdem er auf der ersten Berlin Biennale 1998 die Rauminstallation "Ahoi der Angst" – gewidmet dem Marquis de Sade – präsentiert hat, erhält er einen Vertrag bei der renommierten Berliner Galerie Contemporary Fine Arts. Innerhalb kürzester Zeit avanciert er zum Shootingstar der Kunstszene. Er macht Installationen, Performances und Lesungen, Skulpturen, Collagen, Videokunst sowie Theaterinszenierungen. Er malt in einem unglaublichen Tempo.

Sind seine in der Schau präsentierten Akademiearbeiten noch inspiriert von der klassischen Moderne und der Dada-Bewegung, wendet sich der Künstler mit dem egomanischen Naturell dem Selbstbildnis zu. Messe in verschiedenen Rollen und Posen: „Der junge Messe" mit erigiertem Penis und Hakenkreuz auf dem Oberarm, „Selbst als Capitalis Anjou" mit Orden geschmückter Brust oder „Selbstportrait mit Eisernem Kreuz". In späteren Bildern „Balthysmeese" und „Keinerlei Mickrige Selbstsuche" reduziert er sein Konterfei auf die langen schwarzen Haare, den Bart und die Adidas-Jacke mit den Streifen.
Zeitgleich beschäftigt er sich mit militärischen Führern, Benito Mussolini, Hermann Göring, Adolf Hitler und deren faschistischer Symbolik sowie Rittern und Soldaten, hierarchisch untergeordnete Befehlsempfänger. In einer 12-teiligen Bildserie stellt er den Portraits preußischer Heerführer aus dem 18. Jahrhundert eigene Portraitskizzen gegenüber.

Der pharaonische Herrscher Echnaton, die Fruchtbarkeitsgöttin Isis finden ebenso Eingang in Meeses mythologische Bilderwelt wie Helden der germanischen Sage. Parzival und Hagen von Tronje, den er zum Staatsgott erhebt, widmet er mehrere Bilder. Ganz der Wagnermanie verpflichtet, ist Hagen bei ihm der düstere, maskierte Krieger, der den strahlenden Helden Siegfried heimtückisch ermordet „Hagen von Tronje's Saalgesetz". Die Figuren sind gepaart mit kryptisch anmutenden Kommentaren „ICH HAGEN VON TRONJE BEENDE DAS SIEGFRIED WAR / LIEBER STAATSGOTT, ICH WAR EIN GESETZ DEINES ERZES". Fasziniert von Wagners Musik ehrt er den großen Meister mit einem Portrait „Die Wahnaugen Bayreuths".

Parallel zu diesen Arbeiten wendet sich der Künstler dem Genre der Historienmalerei zu. Eins seiner frühen Historienbilder ist das in erdfarbenen Tönen gehaltene Gemälde „Saalstall 1926 (das Geliebte sei der Saalschrei Martin v. Essenbeck)" von 2001. Inspiriert von dem Bild „Olympia" von Édouard Manet, Viscontis Film „Die Verdammten" (1969) sowie dem Maler Balthus, vereint er inhaltliche und zeitliche Ebenen, Charaktere und Motive sowie Figuren und Symbole zu einer neuen Bildkomposition.

In seiner Rauminstallation „Chambre secrète de Balthys" aus dem Jahr 2001 setzt sich Meese mit dem skandalträchtigen, französischen Maler Balthus auseinander, welcher in altmeisterlicher Tradition erotische Portraits von jungen Mädchen in lasziven Posen malte. Der salonartige Raum vermittelt eine gutbürgerliche Atmosphäre: eine Stehlampe, ein Beistelltisch mit einer leeren Rotweinflasche, Weingläser, ein Aschenbecher voller Zigarettenkippen sowie Stühle, Sessel und Kommoden. Klein- und mittelformatige Gemälde, bei denen es sich vorwiegend um Meeses Selbstportraits handelt, hängen an den Wänden. Dominiert wird der Salon durch das Monumentalbild „Schach dem Balthys (Saalmüde Balthys)". Das Gemälde zeigt den gealterten Balthus beim Schachspiel mit seinem Bruder Pierre Klossowski. Für das leibliche Wohl sorgen Bedienstete. Als Erzähler und Beobachter der Szene steht Meese rechts im Bild, nackt in Rückenansicht mit erigiertem Penis. Mit der bühnenartigen Inszenierung erweist er dem Franzosen seine Reverenz.

Seit 2006 fordert der Pop-Star der Kunst die „Diktatur der Kunst". „Bei der Diktatur der Kunst", so Meese, „geht es um die liebevollste Herrschaft einer Sache, wie Liebe, Demut und Respekt, zusammengefasst und gipfelnd in der Herrschaft der Kunst. In der Allmacht der Kunst geht es nicht um das Machtgehabe des Künstlermenschen oder um die Machtfantasien von Selbstverwirklichern und Realitätsfanatisten, sondern um die antinostalgische, alternativlose Macht der Kunst, also der Sache. Kunst stellt die Machtfrage, nicht der Künstler."
Nach Meese ist alles Spielzeug, es ist alles gewesen. Ob Kommunismus, Nationalsozialismus, das alte Ägypten oder das alte Rom, nichts komme wieder. Folglich sind Soldaten in der Kunst keine Soldaten, Hakenkreuze in der Kunst keine Hakenkreuze, der Hitlergruß in der Kunst kein Hitlergruß, Pornographie in der Kunst keine Pornographie.
2012 äußert er auf der documenta in Kassel seinen Standpunkt zur zeitgenössischen Kunst „Ich leide darunter, dass mir irgendwelche Skulpturen als Kunst verkauft werden, aber in Wahrheit Design sind. Ich leide darunter, dass mir beschissene Malerei gezeigt wird, die in Wirklichkeit hoch gepuschte Illustration ist."

Ab etwa 2011 werden Meeses Bildformate immer größer, Formate von über vier Meter Länge und mehr als zwei Meter Höhe sind keine Seltenheit. Amorphe Wesen, fratzenartige Monster, große Brüste und Penisse sowie militärische Embleme bevölkern seine Kompositionen, eigene Fotobilder oder die der Schauspielerin Scarlett Johansson als Collagen integriert. Die gedeckten Farben sind jetzt einer grellen, aggressiveren Farbpalette gewichen. Wie Parolen oder Kampfansagen klingen die Texte: „Kunst an die Macht" fordert eine rosafarbene Krake. In anderen Bildern heißt es „Kampf", "Revolution" oder „Nur nach vorne" sowie „Die Diktatur der Kunst brüllt: Vergiss die Furzdemokratie und halt Dick bereit". Die kryptisch anmutenden Bildtitel sind als Versalien, Großbuchstaben, geschrieben.
In „SPIEL DEN DRILL; DRILL DAS SPIEL" von 2012 bedeckt bis auf den letzten Fleck ein Sammelsurium von Figuren, Kreisen, Strichen und Wellenlinien die Leinwand. Sie ist übersät mit Inschriften wie „Religiöse Menschen sind leider eine Beleidigung des Tierreiches" oder „Kunst entmachtet jedes mickrige Ich". Horror vacui? Hat der Maler Angst vor der leeren Fläche?

„Malermeese - Meesemaler" ist eine spannende, sehr gut kuratierte Ausstellung, die in den, zum Teil verwirrenden Bilderkosmos eines Jonathan Meese einführt. Der Besucher kann selber entscheiden, ob er seine Kunst mag oder sie als infantile Schmiererei und Propagandageschwätz abtut. Auf jeden Fall sollte er sich Zeit nehmen, genau hinschauen und Freude an den farbintensiven, unkonventionellen Bildkompositionen haben.
Zur Entspannung bietet sich ein Besuch im Restaurant m32 an. Von der Terrasse kann der Besucher den wunderbaren Blick auf Salzburg genießen.


Die Ausstellung "Malermeese – Meesemaler" läuft bis zum 9. März 2014 im Museum der Moderne, Mönchsberg 32, in A-5020 Salzburg/Österreich.
Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag: 10.00 - 18.00 Uhr, Mittwoch: 10.00 - 20.00 Uhr, Montag: geschlossen
Ein Katalog ist erschienen.
www.museumdermoderne.at

„Der Märchenprinz (Das Lied der Salonfähigkeit)" von Jonathan Meese bei Youtube zu sehen

Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus KUNST FORMT, 2011, 3-teilig, Öl und Acryl auf Leinwand, 210,5x420,8 cm. Sammlung Ulrich Kopp. © Bildrecht, Wien, 2013. Foto: Jochen Littkemann
Galerie:
01. Eingangsbereich des Museums. Foto: Christel Busch
02. Jonathan Meese; Selbstporträt mit eisernem Kreuz, 200, Öl auf Leinwand, 80x60 cm. Deichtorhallen Hamburg - Sammlung Falckenberg. © Bildrecht, Wien, 2013 Foto: Egbert Haneke, Hamburg
03. DER HIMMLISCHSTE FEUERWEHRMENSCH „SOSPARSIFAL“, 2013, Öl und Acryl auf Leinwand, 270x180 cm, Bureau Jonathan Meese, Berlin. © Bildrecht, Wien, 2013, Photography Jan Bauer.Net | Courtesy Jonathan Meese.Com
04. Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch
05. Schach dem Balthys (Saalmüde Balthys), 2001, Öl auf Leinwand, dreiteilig, 210x420 cm, Deichtorhallen Hamburg – Sammlung Falckenberg. © Bildrecht, Wien, 2013. Foto: Egbert Haneke, Hamburg
06. HEY, QUADRATUR DES KREISES MI ON …, 2012, Öl auf Leinwand,, 210,7x140,5 cm. Bureau Jonathan Meese, Berlin. © Bildrecht, Wien, 2013,. Photography Jan Bauer.Net | Courtesy Jonathan Meese.Com
07. Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch
08. KUNST FORMT, 2011, 3-teilig, Öl und Acryl auf Leinwand, 210,5x420,8 cm. Sammlung Ulrich Kopp. © Bildrecht, Wien, 2013. Foto: Jochen Littkemann
09. Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch
10. Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch
11. HOTCOCKCOOK: AM GEILN’ KIEMNSEE HAB’ ICH’S UNTENRUM HUFEISENFÖRMIG SCHNACKSLN SEHN, SPÄTER
ERSCHIEN PASO DOBLÉBLÄH..., 2011 Öl auf Leinwand, 210,5x140,4 cm. Privatsammlung, Berlin
© Bildrecht, Wien, 2013, Photography Jan Bauer.Net | Courtesy Jonathan Meese.Com
12. Selbst als Capitaine Danjou, 2000 Öl auf Leinwand, 170x130 cm. Musées de la Ville de Strasbourg. © Bildrecht, Wien, 2013. Foto: Jochen Littkemann.

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