Haeinsa, Tripitaka, Buddha und die Musen |
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| Geschrieben von: Claus Friede |
| Montag, den 10. Oktober 2011 um 09:01 Uhr |
![]() Dann erwachen die Mönche und beginnen ihren noch dunklen Tag mit sonoren Gesängen in den Tempeln. Tagsüber ist es dagegen umso belebter, quirliger und lauter. Mönche, Touristen und Meditationsjünger bevölkern die über 1.200 Jahre alte Klosteranlage, die durch Alter, Größe, Architektur, räumliches Verständnis und kunsthandwerkliche Ausstattung beeindruckt. Hier oben, auf über 1.800 Metern Höhe, ist das geregelte Leben von mehreren Dingen geprägt: Beten und Meditation, Arbeit und Instanthaltung sowie von der Betreuung der Touristen und Besucher. In diesem Jahr allerdings scheint alles etwas anders zu sein: 2011 ist ein Jubiläumsjahr, denn die „Tripitaka Koreana“, eine umfangreiche Textsammlung des frühen Buddhismus des Klosters wird in diesem Herbst eintausend Jahre alt. In der „Tripitaka“ – übersetzt „Drei Körbe“ – sind 81.258 Holzdruckstöcke, auf denen die Ordensregeln für Mönche und Nonnen, der buddhistischen Lehrmeister sowie eine Sammlung von systematischen Abhandlungen aufbewahrt werden. Seit 1995 ist der Schatz aufgenommen als Welterbe der UNESCO. Die teils viele hundert Jahre alten Holzdruckblöcke sind in beeindruckendem Zustand, weil die damaligen Baumeister ein System der Luftventilation mitdachten, weil die Druckstöcke lackiert wurden und weil deren Ecken mit Metall verstärkt und geschützt sind. Aus diesem Jubiläumsanlass hat der Abt des Klosters, Sun Gak, erstmalig eine zeitgenössische Veranstaltung unter dem Dach des Haein Art Project initiiert und zu einer internationalen Kunstausstellung auf das Gelände des Klosters eingeladen. Sowohl im Innen- wie auch im Außenraum finden sich Werke von gut dreißig Künstlern aus zehn Ländern Asiens, Europas und Amerikas. Unter dem Titel „Tong“ – das chinesische und koreanische Schriftzeichen (通 | 통) kann man als Link, Passage, oder Eröffnung übersetzen – hat die Chefkuratorin Yu Yeon Kim, mit ihren Beratern Martin Brauen, dem ehemaligen Direktor des Rubin Art Museums in New York und dem kubanischen Fotoexperten Gerardo Mosquer aus Madrid eine sehenswerte Ausstellung zusammengestellt. Die Annäherung allerdings von zeitgenössischer Kunst zum Buddhismus ist an einem religiös bedeutsamen und intakten Ort, der dazu noch allein durch die eigene stark visuell besetzte Prägung sich selbst schon genug ist, nicht ganz unproblematisch. Alle Beteiligten, Mönche, Veranstalter, Künstler, Kuratoren und Mitarbeiter – mussten sich zunächst auf einen bestimmten Kanon an Übereinstimmungen und Möglichkeiten einigen. Die Kompromisse kommen dann von selbst. Ganz konfliktfrei ging es weder im Vorfeld der Ausstellung noch während der Laufzeit zu. Das ganze Unterfangen kann als Experiment gesehen werden. So provozierten die zwei auseinandergezogenen Buddha-Hälften, der koreanischen Künstlerin Ahn Sung Keum mit dem Titel „Buddha Sound“, in deren Zwischenraum sich Besucher setzen können und das Bild und die Figur dadurch komplettieren, einen älteren Mönch. Er beschimpfte Besucher weil die vermeintliche Leerstelle Buddha selbst vorbehalten sei und keinem Menschen. Auch der Aufstellung des vor sich hinschmelzenden großen Buddhas aus Eis des Koreaners Atta Kim gingen Diskussionen voraus. Der glasige Buddha verändert seinen Aggregatszustand in einem der Tempel, in dem tagtäglich gebetet und meditiert wird. Die Sensibilität der Religion trifft auf die sensible Welt der zeitgenössischen Kunst, ergänzt sich, schafft eine eigene Realität oder grenzt sich auch entsprechend ab. Es sind unterschiedliche Positionen bei „Tong“ zu finden. Allen Künstlern ist jedoch anzumerken, wie ernst sie die Aufgabe an diesem Ort und in diesem Kontext nehmen. Der in Prag lebende amerikanische Künstler Kit Reisch ließ ein kleines Holzmodell eines der Pavillons, die im Umfeld der Klosteranlage stehen nachbauen. In der Ausstellung rotiert das rohe Modell eben in jenem Pavillon wie eine Gebetsmühle – allerdings horizontal – und bei jeder Umdrehung hört man ein ungleichmäßiges Klacken: Die losen Fensterläden klappen bei jeder Rotation zu. Eine beeindruckende, weil verblüffend einfach wirkende Arbeit, hat die aus Santiago de Chile stammende Künstlerin Magdalena Atria an die Mauer der Freitreppe des Klostertors installiert. Ihre aus bunter Knetmasse gefertigten Mandala-Kreise scheinen sich viral langsam aber sicher über das Gemäuer auszubreiten. Das Werk greift zwar die Tradition des Mandalas auf, entfernt sich aber von der reinen religiösen Anschauung, wirkt unaufdringlich raumgreifend, spielerisch-kindlich und wie eine Momentaufnahme eines größeren Systems. „Big Numbers“ nennt der japanische Videokünstler Yu Araki seine Installation aus mehr als 80.000 naturgeschliffenen Steinen. Die Anzahl entspricht in etwa der, der Holzdruckstöcke der Tripitaka Koreana. Ein ganzes Team von Mitarbeitern sammelte, wusch und nummerierte tagelang die verschiedenfarbigen Kiesel und legte diese dann feinsäuberlich nebeneinander zu einem großen rechteckigen Feld aus. Der Künstler bezeichnet sein Werk als „collected moment“. In Annäherung an japanische Zen-Gärten in buddhistischen Tempeln und Shintō-Schreinen, in denen man Ruhe und Kontemplation finden soll, wählte Araki für sein Werk einen Ort am Rande eines Waldes. Der wohl bekannteste teilnehmende Künstler ist Bill Viola. Der Amerikaner ist im Haeinsa Seongbo Museum mit der Videoarbeit „Three Women“ aus dem Jahr 2008 vertreten, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Auf einem ins Hochformat gestellten langgezogenen Bildschirm sieht man die grobkörnigen Schwarz-Weiß-Figuren dreier Frauen. Anika, Cornelia und Helena Ballent, jede eine Generation von einander entfernt, kommen zeitlupenhaft auf den Betrachter zu. Jede der Frauen – die Älteste zuerst – verwandeln sich zu farbigen, scharf und brillant fokussierten Personen, sobald sie eine hauchdünne Wasserwand durchschreiten und quasi vor dem Betrachter stehen. Als ob sie die Membran zweier Welten durchschritten hätten und zwischen dem Hier und dem Jenseits hin und her wandeln, spielt das Werk mit den Grundbegriffen von Leben und Tod, von Erinnerung und Erleben. Am gleichen Ort, in einem anderen Raum, ist die Arbeit der in der Schweiz lebenden tibetischen Künstlerin Sonam Dolma zu sehen. „The Red Carpet“ wird aus einem Kreis von weißen, stupa-förmigen „Tsa Tsas“ gebildet, religiösen Objekten aus dem tibetischen Buddhismus. Die Mittelachse halbiert durch einen weinrot gespannten Stoff eines buddhistischen Mönchgewandes die beiden aus den Votiv-Gegenständen bestehenden Teile. Sie spielt mit diesem Werk einerseits auf die tibetische Tradition an, andererseits mutet das Werk wie ein Modell einer Promi-Erwartung an einem roten Teppich an. Es ist alles eine Frage der Interpretation. Wie unterschiedlich das Ergebnis sein kann, ist in diesem Werk verdeutlicht und gewollt. Sonam Dolma positionierte das Werk genau unter der fast geschlossenen runden Museumskuppel, die einen schmalen Lichtstrahl in den Innenraum lässt und setzt so weitere Bezüge zur Architektur, die ihre künstlerische Intension noch verstärken. Die ungewöhnliche Ausstellung, das Experiment, ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch ein Beispiel dafür, dass zwei sensible Systeme miteinander umgehen können. Sun Gak ist jedenfalls von der positiven Wirkung überzeugt und arbeitet an einer zweiten Auflage. Eventuell als Bi- oder Triennale. Außerdem gibt es die Überlegung und erste Vorgespräche, in Haeinsa ein buddhistisches Filmfestival zu initiieren. Buddha scheint die Musen zu lieben und diese ihn. 通 | 통 | TONG Internationale Ausstellung für zeitgenössische Kunst Haeinsa Temple, Süd Korea Chefkuratorin: Yu Yeon Kim Veranstalter: Haeinsa Temple Organisation: Haein Art Project Association, Inc. Sponsoren: Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus, Gyeongnam Provinz, Hapcheon Landkreis der Republik Korea. Beteiligte Künstler: Ahn Doo-Jin, Miya Ando, Ahn Sung-Keum, Magdalena Atria, Bill Viola, Blake Carrington, Chang Yoonseong, Cho Duck Hyun, Chong Woon Choi, Rodney Dickson, DMP, Sonam Dolma, Buhm Hong, Hey-yeun Jang, Heon Joonho & Kyungwon Moon, Shi Jing, Sun Mu, Atta Kim, Kim Seong Young, Tammy Kim, Igor & Svetlana Kopystiansky, Hyunseok Lee, Young Sun Lim, Malini Nalini, Kit Reisch, Faisal Samra, Wang Zi Won, Xu Bing, So Young Yang, Yu Araki und Zhang Huan. haeinart.wordpress.com Zu sehen bis 6. November 2011 Fotonachweis: Header: „Tong“-Eröffnungszeremonie im Haeinsa Kloster, Foto: © Claus Friede Galerie: 01. Logo Haein Art Projekt 02. Haeinsa Kloster, zentraler Platz mit Pagode, Foto: © Claus Friede 03. Tong-Ausstellungstransparent, Foto: © Claus Friede 04. Ahn Sung Keum (Korea): „Buddha Sound“ , Foto: © Claus Friede 05. Atta Kim (Korea): „Melting Buddha“, Eisskulptur, Foto: © Claus Friede 06. Kit Reisch (USA/Tschechien): „Microcosm“ , Fotos: © Claus Friede 07. Magdalena Atria (Chile): „Kalchakura“, Foto: © Magdalena Atria 08. Magdalena Atria (Chile): „Kalchkura“ (Detail), Foto: © Magdalena Atria 09. Yu Araki (Japan): „Big Numbers“, Foto: © Claus Friede 10. Bill Viola (USA): „Three Women“, Foto: © Kira Perov 11. Sonam Dolma Brauen (Tibet/Schweiz): „“The Red Carpet“ 12. Der Abt des Klosters Haeinsa, Son Gak, Foto: © Claus Friede |




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