Kultur und Management

Nachwuchskunst bei der „add art“ in Hamburg

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Freitag, den 24. November 2017 um 22:00 Uhr
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Nachwuchskunst bei der „add art“ in Hamburg

Das macht Mut: Immer mehr Unternehmen kümmern sich um junge Kunst und Nachwuchsförderung. Bei der Hamburger „add art“, die an diesem Wochenende zum fünften Mal ihre Türen für die Kunst und das breite Publikum öffnet, tragen neun der 20 Teilnehmer aus allen Wirtschaftszweigen den Stempel „Nachwuchskunst“ auf ihrem Logo.

Vom ADAC bis zu VATTENFALL, vom Grand Elysee Hotel und der Handelskammer bis zum Ostasiatischen Verein und der Sparkasse Holstein – rund um die Alster laden Hamburger Unternehmen an diesem Wochenende zu Ausstellungen. Die einen präsentieren ihre eigene, oft über Jahrzehnte gewachsene Sammlung, die anderen kooperieren mit der HAW Hamburg, stellen interessante Nachwuchskünstler aus und freuen sich auf kunstinteressierte Besucher, die sich ohne die „add art“ wohl kaum in so exklusive Büroräume, wie der Kanzlei Vangard, Neuer Wall 43, trauen würden. Vangard von Avantgarde – denn die auf Arbeitsrecht von Unternehmen spezialisierte junge Kanzlei, will in ihrem Metier Vorreiter sein. „Etwas bewegen, ganz bewusst auch etwas wagen“, wie Fachanwalt und Partner Henning Müller sagt. In seiner nunmehr vierten „add art“-Ausstellung fiel die Wahl auf die abstrakten, leuchtenden Farb-Landschaften von Pauline Munique (1.900 bis 2.300 Euro) und die stark gestischen Museumsszenen von Marlen Schulz. Die junge Künstlerin hat Menschen in Ausstellungsräumen beobachtet (offenbar ihre Klasse und HAW-Professor Christian Hahn bei Besuchen der Kunsthalle, der Deichtorhallen, etc.) und in einem spannungsgeladenen Kontrast aus konturgebender Linie und malerischer Fläche in Schwarz und Pink auf die Leinwand gebannt. (580 bis 1.600 Euro). Obwohl sich die Kanzlei noch nicht lange mit Kunst befasst, „ist es für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir von den Künstlern und Künstlerinnen, die wir für unsere jährliche Ausstellung gewinnen konnten, auch Bilder erwerben“, so Hennig Müller. Und noch etwas ist (A)Vangard(e) und hervorragende Künstlerförderung: Die Kanzlei finanziert den Ausstellenden jedes Jahr einen Katalog.

Ein weiterer Hotspot der Nachwuchskunst ist in diesem Jahr in Hammerbrook zu finden. Alphabeta, die Verlagsagentur unterm Dach des denkmalgeschützten Industriehofs in der Hammerbrookstraße 93, ist das erste Mal dabei. „Wir wollten unbedingt eine Nachwuchskünstlerin, für die es auch eine Premiere ist“, sagt Objektleiterin Kessy Suelzer, die gemeinsam mit David Grossmann (Medienvorstufe) die Auswahl unter den Studierenden der HAW Hamburg traf, mit der die „add art“ kooperiert. „Wir haben uns sofort beide auf ein Bild von Ariane Emmerich gestürzt, leider das einzige Bild, das in dieser Ausstellung unverkäuflich ist“. Die ungewöhnliche Materialwahl habe sie so fasziniert, ein Mix aus Ritztechnik und Malerei auf Metallplatte. Ariane Emmerich studiert im 8. Semester Illustration am Department Design an der HAW, hat sich jedoch ganz der Malerei verschrieben. Bei Alphabeta zeigt sie Landschaften, wie auch Stadtlandschaften und Interieurs (zwischen 500 und 1.400 Euro), die durch Präzision und Liebe zum Detail bestechen. Für Alphabeta hat sie eigens ein surrealistisch anmutendes Interieur entworfen: Ein Ausschnitt aus dem Büro-Loft mit einem Zebra unter der Treppe. Mit bildender Kunst hatte die Agentur zuvor nur wenig Berührungspunkte, erzählt Suelzer. Der Kontakt sei durch persönliche Beziehungen zu Hubertus von Barby, dem Mit-Initiator von „add art“ zustande gekommen. „Wir dachten, das ist so eine tolle Veranstaltung, die muss man unterstützen.“ Und dabei hat sie festgestellt: Kunst bringt was. „Seit die Bilder hängen, findet tatsächlich mehr Interaktion und Kommunikation unter den Mitarbeitern statt. Die Leute stehen vor den Bildern und tauschen sich aus. Genau das war unser Ziel und es funktioniert“.

Auch Cathleen Kliche schätzt den „inspirativen Einfluss“ junger Kunst auf die Unternehmen. Sie ist Assistentin von Nikolaus Förster, Chefredakteur des Unternehmermagazins „Impulse“, das seit 2013 in dem historischen Industriehof in der Hammerbrookstraße 93 sitzt. In ihrer Redaktion könne sich jeder an der Auswahl der Kunstwerke beteiligen, erzählt Kliche. Den Vorzug bekäme „großflächige Kunst, die für unsere Räume prädestiniert ist“. In diesem Jahr präsentiert „Impulse“ die Werke von Nathalie Hummer und Kai Balthasar Wittig. Während Wittigs farbenfrohen, texturalen Öl-, Lack- und Spray-Malereien zwischen Abstraktion und Informel changieren, oder, wie er selbst sagt, „zwischen Kontrolle und Anarchie“, breitet Nathalie Hummer in ganz unterschiedlichen Techniken ihr Forschungslabor zum Thema Kindheit, Erinnerung und Heimat aus. Dazu schafft sie ein installatives Gesamtkunstwerk aus Drahtplastiken und -Reliefs, aus Leuchtkästen, Röntgenaufnahmen und Schaukästen, in denen sie Insekten und Gräser aus Elternhaus und – Garten in Seife konserviert hat. Hummers Suche nach dem Geist ihrer Ursprünge und ihrer Heimat Österreich gehören sicher zu den spannendsten Entdeckungen der diesjährigen „add art“.

Der Nachwuchskunst widmen sich insgesamt vier Unternehmen in „Hammerbrooklyn“, wie das von Gewerbebauten geprägte Viertel östlich der City schon genannt wird. Der ADAC zeigt in seinem Kundenzentrum (Amsinckstraße 41) eine hochinteressante Installation von Simone Kesting, deren Objekte aus (zum Teil bemalten) Holzspießen wie Seeigel wirken. Und nur wenige Schritte entfernt vom Industriehof, in der Gotenstraße 11 A, in der K.D. Feddersen Holding die suggestiven Arbeiten von Marie Hoffmann und Celia Espona Pernas zu entdecken.

Während viele Firmen nur einmal im Jahr – zur „add art“ – ihre weißen Wände den Künstlern überlassen, sitzt auf der Uhlenhorst ein Unternehmen, das ohne Kunst gar nicht denkbar wäre. Bei Lohmann Konzept im Stromsweg 3 sind zeitgenössische Malerei, Arbeiten auf Papier, Skulpturen, Objekte, Fotografie allgegenwärtig. Jede Wand, jede Ecke, jedes Sideboard ist voll davon. Das liegt zum einen an der Sammelleidenschaft der Gesellschafter: Ulla und Heinz Lohmann sind weit über Hamburgs Grenzen hinaus als Mäzene bekannt. Und es kann kein Zufall gewesen sein, dass der Arzt und heutige Geschäftsführer Konrad Rippmann ausgerechnet zu dieser Consultingfirma stieß. Denn auch er ist ein Kunst-Maniac, der Gemälde und Objekte aus aller Herren Länder zusammentrug. In seinem Büro blicken Voodoo-Figuren auf die alptraumhaften Gestalten von Barbara Kathrin Möbius, einen grün eingewickelten „Wackel-Dackel“ von Maria und Natalia Petschatnikov und das im Glas gefangene „Meer“ von Sigrid Sandmann. Alle Stilrichtungen sind vertreten, viel Konzeptkunst, Mail-Art, aber auch klassische Malerei - und die farbenfrohen Licht-Klang-Objekte von Klaus Geldmacher nicht zu vergessen. Der rote Faden dieser hochkarätigen Sammlung? „Veränderung“, sagt Rippmann. „Lohmann konzept ist im Prinzip eine Netzwerk-Firma. Der eine hat ein Krankenhaus und eine Herausforderung, der andere die Lösung. Wir bringen beide Seiten zusammen. Allerdings nicht, um den alten Strickstrumpf in neuen Tüten zu verkaufen, sondern um das System voranzubringen, um Veränderungen herbeizuführen. Für uns sind Veränderungen ein ganz wichtiger Aspekt. Wir erleben momentan den gesellschaftlichen Wandel, der stark Technologie getrieben ist. Wir versuchen den Transformationsprozess zu unterstützen und da kommen wir auf die Kunst. Die Künstler unserer Sammlung sind alles Künstler, die sich mit Veränderungen beschäftigen und den gesellschaftlichen Wandel abbilden.“ Als Beispiel nennt Rippmann die Atelier- und Bürolandschaften der Zwillinge Petschatnikov, aber auch eine Arbeit des Fotokünstlers Falk von Traubenberg, der ein Wertpapier im Reißwolf geschreddert hat, es also wertlos macht, um damit den eigentlichen Wert als Kunstwerk zu generieren. Das sei so ein Beispiel für Veränderung, in der man die Dinge erst mal wieder in seine Bestandteile zerlegt, um aus ihnen neue Impulse zu schöpfen. Traubenberg sei ein Künstler, der sie in ihrer Arbeit „sehr konkret“ begleite, sagt Rippmann. Und immer wieder würden Heinz Lohmann und er die Kunden durch die Sammlung führen, in der Hoffnung, dass diese künstlerischen Impulse auch im Gesundheitswesen auf fruchtbaren Boden fallen. Man glaubt es sofort. Denn hier ist die Kunst Medizin.

„add art“
Hamburgs Wirtschaft öffnet Türen für Kunst – bis 26. November 2017.
Alle Infos über Unternehmen, Nachwuchskünstler, Podiumsdiskussionen und WhatsApp-Guide unter
www.addart.de
Broschüre

Aus organisatorischen Gründen endete die Möglichkeit, sich für Führungen anzumelden, am Freitag, 24.11.2017 um 15 Uhr.
Spontanbesucher sind bei fast allen Führungen noch willkommen – bis auf die Führungen bei Buse Heberer Fromm, Grand Elysée Hamburg, HypoVereinsbank, Le Méridien Hamburg, Vattenfall, die komplett ausgebucht sind. Bei allen anderen Unternehmen können Besucher noch zu Führungen erscheinen.
Bei vielen Unternehmen gibt es zudem die Möglichkeit für freien Zugang ohne Voranmeldung. Eine Übersicht der Besichtigungszeiten und Führungen finden Sie hier.

Freier Zugang ohne Voranmeldung:
Samstag, 25.11.2017:
ADAC Hansa: 10:00-16:00
Alphabeta: 13:00-17:00
BDO: 12:00-16:00
Ecos Office Center: 11:00-16:00
Impulse Medien: 14:00-17:00
K.D. Feddersen Holding: 15:00-18:00
KPMG: 10:30-14:00
LOHMANN konzept: 13:00-17:00
Markert Gruppe: 13:00-16:00
Ostasiatischer Verein: 16:00-18:30
SCHIPPER COMPANY: 13:30-17:00
vangard: 13:00-17:30

Sonntag, 26.11.2017:
Ecos Office Center: 11:00-16:00
Impulse Medien: 14:00-17:00
K.D. Feddersen Holding: 15:00-18:00
KPMG: 10:30-14:00
Markert Gruppe: 12:00-15:00
SCHIPPER COMPANY: 12:00-15:00
vangard: 13:00-16:00


Abbildungsnachweis.
Header: Portfolio von Pauline Munique
Galerie:
Alle Fotos: Isabelle Hofmann
01. Henning Müller, Vangard vor Bildern von Pauline Munique in der Kanzlei.
02. Pauline Munique: Küste, Acryl auf Nessel, 180 x 150 cm
03. Künstlerin Ariane Emmerich vor Bild bei Alphabeta
04. Installtion von Simone Kesting beim ADAC
05. Wandinstallation von Nathalie Hummer bei Impulse
06. Konrad Rippmann in seinem Büro bei Lohmann Konzept GmbH
 

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