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Das Chinesenviertel auf Hamburg St. Pauli

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Donnerstag, den 23. November 2017 um 09:36 Uhr
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Das Chinesenviertel auf Hamburg St. Pauli

„Haus bei Haus ist von der gelben Rasse bewohnt, jedes Kellerloch hat über oder neben dem Eingang seine seltsamen Schriftzeichen. Die Fenster sind dicht verhängt, über schmale Lichtritzen huschen Schatten, alles trägt den Schleier eines großen Geheimnisses“, schrieb 1930 der Hamburger Autor Ludwig Jürgens. Gemeint ist die Schmuckstraße, welche die Große Freiheit mit der Talstraße verbindet. Sie war das Zentrum einer kleinen chinesischen Kolonie in Hamburgs Hafenviertel St. Pauli – vom späten 19. Jahrhundert bis zu dessen Auflösung im Dritten Reich als das Viertel von der Gestapo durchkämmt wurde.

Die Schmuckstraße war Ende der 1910er-Jahre eine zwielichtige Straße. In den oberen Etagen der Häuser wohnten Prostituierte, Arbeiterfamilien und Witwen. Die billigen Souterrains waren dagegen an Chinesen vermietet. Es ist nicht klar, wie viele Chinesen bis zur Säuberungsaktion der Nazis in St. Pauli wohnten. Es mögen Hunderte gewesen sein, schätzt der Historiker Lars Amenda. Eine offizielle Registrierung gab es nicht.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigten deutsche Reedereien, wie die Hapag (Hamburg-Amerika-Linie) aus Hamburg oder der Norddeutsche Lloyd aus Bremen billige asiatische Arbeitskräfte als Heizer und Kohlezieher zum Befeuern ihrer Dampfschiffe. Etwa eine Woche hielten sich die Schiffe im Hamburger Hafen auf, bis die Ladung gelöscht und die neue Ware verstaut war. Während des Aufenthaltes war für chinesische Matrosen die Schmuckstraße oft die einzige Anlaufstelle. Hier gab es die „Chinese Seamen's Employment Agency“ für Arbeitssuchende, Quartier und Frauen, heimisches Essen in den Chop Suey-Lokalen. Aber auch das Hafenviertel St. Pauli, schon damals ein Schmelztiegel verschiedener Nationalitäten, bot mit seinen urigen Kneipen, Lokalen und Prostituierten jedwede Abwechslung.
Zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs achtete die Hafenbehörde strikt darauf, dass keine chinesischen Seeleute illegal einwanderten. Dennoch tauchten viele Chinesen unter und siedelten sich heimlich in St. Pauli an. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen chinesische Migranten aus London oder Liverpool hinzu, offiziell um Verwandte zu besuchen. Aber im Netzwerk chinesischer Seeleute hieß es, dass die wirtschaftlichen Chancen in Hamburg gut wären. Und so versuchten sie ihr Glück auf St. Pauli. „Seit 1919 ziehen Chinesen niederen Standes hier in ständig wachsender Zahl zu“, heißt es in einem Polizeibericht von 1922. Unter argwöhnischer Beobachtung der Polizei und vieler Hamburger entstand rund um die Schmuckstraße ein Chinesenviertel. Mehrere Lokale – sehr beliebt war das „Chop Shuy" in der Schmuckstraße 18 – Tabakläden, Wäschereien, Gemüsehändler, Kneipen und Wohnungen reihten sich in den Kellerwohnungen aneinander. Neben den Gewerbetreibenden gab es Kleinhändler oder Hausierer, die Porzellanwaren auf Märkten und an Haustüren verkauften. Asiaten, fremde Schriftzeichen an den Eingängen und Düfte von exotischen Gewürzen; mit Kisten beladene Karren bestimmten das quirlige Straßenbild. 1924 hieß es in einem Bericht „die Chinesen, die in Kellerlokalen hausen, seien zu einer Plage geworden.“ Doch eine Ausweisung war aufgrund der wirtschaftlichen Beziehungen zur Chinesischen Republik sowie der deutsch-chinesischen Kooperation von 1920 schwierig geworden. Zudem standen die Chinesen unter dem Schutz der chinesischen Gesandtschaft und des Auswärtigen Amtes in Berlin.

Die Hamburger Bevölkerung und Touristen nutzten das Chinesenviertel einerseits als beliebte Flaniermeile; anderseits sahen die Hamburger die Fremden aus Fernost als „hinterhältig, verschlagen und kriminell“ an. Lancierte Berichte in der Presse förderten die Vorurteile: Von Opiumhöhlen und Spielhöllen war die Rede, von angelegten Tunneln chinesischer Schmuggler, von kriminellen Aktivitäten und unaufgeklärten Morden. Viele Hamburger meinten, St. Pauli könne in die Hände von chinesischen Kriminellen und Banden fallen. Rassistische Diskriminierungen und entsprechende Polizeiaktionen waren daher an der Tagesordnung. Von einer „Gelben Gefahr“ in St. Pauli sprach die Deutsche Zeitung im Jahr 1925.

Es dürfte stimmen, dass chinesische Seeleute und Migranten Opium geraucht haben, da dies zur Tradition ihrer Kultur gehörte. Dass aber Chinesen den Opiumhandel auf St. Pauli kontrollierten, bleibt fragwürdig, auch wenn der Hamburger Hafen bis 1932 ein wichtiger Umschlagplatz für den weißen „Mohnsaft“ war. In einem Polizeibericht vom August 1921 wird über die Aushebung von zwei Opiumhöhlen berichtet: „Der Polizei gelang es, zwei dieser gefährlichen Stätten ausfindig zu machen, und zwar Hafenstraße 126 und Pinnasberg 77. Unter dem Deckmantel eines Grünwarengeschäftes beziehungsweise einer Wäscherei waren im Keller versteckt die Lasterhöhlen aufgeschlagen worden und erfreuten sich größten Zuspruchs.“
Auch die Legende von einem geheimen Tunnelsystem der Chinesen in der Schmuckstraße bleibt spekulativ. Denn seit Jahrhunderten befindet sich in der Hamburger Unterwelt ein unterirdisches System aus Tunneln, Sielen und Bunkern, Kasematten und Katakomben, das auch für Schmuggelgeschäfte genutzt wurde. Vielleich waren die Keller der Häuser in der Schmuckstraße mit diesen bereits existierenden Tunneln verbunden, so dass man von der Talstraße bis zur Großen Freiheit oder der katholischen Barockkirche St. Joseph gelangen konnte.

Die meisten Hamburger Chinesen führten ein ganz normales Leben, hatten eigene Lokale und Geschäfte, verdienten ihr Geld im Hafen und an den neu ankommenden Landsleuten. Viele aus dem Land der Mitte lebten in einer festen Partnerschaft mit deutschen Frauen, die, wenn sie sich mit einem Asiaten einließen, schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten diskriminiert wurden.
Mit der Machtübernahme von 1933 und der damit verbundenen Rassenideologie verschärften sich die Diskriminierungen gegenüber der chinesischen Bevölkerung. Zu Beginn der Nazi-Diktatur befahlen die neuen Machthaber, dass von deutschen Reedereien ausländische, sprich chinesische Matrosen, auszumustern seien. Stattdessen sollten deutsche Seeleute angeheuert werden. Zunächst hielten sich die großen Reedereien wie die Hamburger HAPAG und der Norddeutsche Lloyd in Bremen daran, stellten später aber wieder chinesische Matrosen ein.
Ab 1936 gerieten chinesische Bürger verstärkt in das Visier Hamburger Behörden, die ihnen illegalen Devisenhandel und Rauschgifthandel unterstellten. In dem Erlass von Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamts in Berlin, heißt es im Januar 1938 unter anderem „Die paß-, ausländermelde- und gewerbepolizeilichen Bestimmungen sind gegenüber Chinesen, vornehmlich gegenüber chinesischen Händlern, besonders scharf anzuwenden. Selbst bei geringsten Verstößen gegen diese Bestimmungen haben Bestrafung und Reichverweisung zu erfolgen.“ Weiter heißt es, dass „Chinesen, die mit deutschen Frauen zusammenleben oder mit ihnen uneheliche Kinder erzeugt haben, nach Verweigerung einer weiteren Aufenthaltserlaubnis aus dem Reichsgebiet auszuweisen seien.“
Während des Zweiten Weltkriegs verschlechterte sich die Situation der Chinesen weiter: Im Dezember 1941 erklärte die Nationalregierung der Republik China unter Chiang Kai-shek dem Deutschen Reich den Krieg. Die in der Hansestadt lebenden Chinesen genossen daher keinen diplomatischen Schutz mehr – sie waren Staatsfeinde. Der Konflikt gipfelte in Hamburg im Mai 1944 in einer Säuberungsaktion, der sogenannten „Chinesenaktion“.
Über die Ereignisse am 13. Mai 1944 schreibt Lars Amenda: „Unter Leitung der Gestapo sperrten Beamte der Kriminal- und Ordnungspolizei einige Straßen in St. Pauli ab, in denen chinesische Männer lebten oder Geschäfte und Lokale besaßen.“ Der Befehl für diese Aktion kam von Albert Schweim, dem Leiter des Gestapo-Referats IV 1 c, das für die Überwachung der Ausländer zuständig war. Die Ausführung unterstand dem Gestapo-Beamten Erich Hanisch. In der großangelegten Razzia verhafteten Polizei und Gestapo rund 130 chinesische Männer. Sie wurden zunächst auf die Davidwache, später in das Konzentrationslager und Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel gebracht, dort misshandelt und gefoltert. Eine Gruppe von 60 bis 80 Chinesen kam in das „Arbeitserziehungslager Wilhelmsburg“, wo diese unter katastrophalen Zuständen Zwangsarbeit leisten mussten. Aufgrund des Terrors, der mangelhaften Ernährung, der fehlenden Hygiene, den Misshandlungen und der harten Arbeit starben etliche chinesische Männer. Die im Zuge dieser Aktion verhafteten deutschen Frauen, die mit Chinesen liiert waren, Mischlingskinder hatten oder „Beziehungen zu reichsfeindlichen und artfremden Ausländern unterhielten“, wurden in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück in der Provinz Brandenburg überstellt.

Nach Kriegsende blieben lediglich dreißig Chinesen in Hamburg, die anderen chinesischen Überlebenden kehrten nach China zurück. Eine Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht und die rassistische Verfolgung verwehrten offizielle Stellen der frühen Bundesrepublik mit der Begründung, die „Chinesenaktion sei ein normales polizeiliches Vorgehen gegen verdächtige Ausländer“ gewesen.
Das Chinesenviertel rund um die Schmuckstraße wurde 1944 mit der gewaltsamen „Chinesenaktion“ ausgelöscht und verschwand aus dem kollektiven Gedächtnis der Hamburger. Eine leidvolle Geschichte, die bis heute ein dunkles Kapitel Hamburger Geschichte ist.


Abbildungsnachweis:
Header: Fotomontage mit den chinesischen Schriftzeichen für Hamburg (Han Bao) und einer Fotomontage eines unbekannten Chinesen vor einem Kellerrestaurant in der Schmuckstraße 18, um 1930 (Foto: Ludwig Jürgens. Quelle: Archiv Günther Zint)
Galerie:
01. Das Chinesenviertel in St. Pauli. Zweisprachige Gedenktafel an der Schmuckstraße/Talstraße. Foto: Claus Friede
02. Chinesen in der Schmuckstraße, um 1930. (Foto: Ludwig Jürgens. Quelle: Archiv Günther Zint)
03. Chinesisches Restaurant auf St. Pauli, um 1968 Foto: Günther Zint
04. Karte des Chinesenviertels in Hamburg um 1944. Quelle: Wikipedia (CC / NordNordWest)
 

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