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Werner Bokelberg: „Mein Dortmund vor 100 Jahren"

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Dienstag, den 29. August 2017 um 08:33 Uhr
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Werner Bokelberg: Mein Dortmund vor 100 Jahren

Einer Umfrage des Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte zufolge gibt es in Dortmund immer mehr Jugendliche, die keine Ahnung haben, was „Maloche im Pütt“ wohl heißen mag. Sie sind in einem Dortmund aufgewachsen, das sich in den vergangenen 20 Jahren zu einem international renommierten Technologie- und Wissenschaftsstandort entwickelte.
Kohle, Stahl und Bier beherrschen diese Stadt längst nicht mehr, die letzte Zeche auf Dortmunder Stadtgebiet wurde 1987 geschlossen, Fördertürme und Fabrikschlote sind entweder verschwunden oder zu Museen umfunktioniert. Und der Titel „Europas Bierstadt Nr. 1“ gehört auch schon eine Weile der Vergangenheit an.

Dennoch ist Dortmund Inbegriff der Industriemetropole geblieben, die sie über einhundert Jahre lang tatsächlich war. Der Aufstieg dieser Stadt zu einem der wichtigsten Stahl- und Eisen-Exporteurs im deutschen Kaiserreich war atemberaubend. Noch um 1800 beschrieb ein preußischer Gesandter Dortmund als ärmliches Städtchen von rund 800 Häusern, deren Bewohner vorwiegend vom Ackerbau leben. In jener Epoche war nichts mehr von der einstigen Blütezeit im 14. Jahrhundert zu spüren, da Dortmund als autonome Reichsstadt und stolze Hansestadt zu den wichtigsten Handelsdrehscheiben Europas zählte. Der Dreißigjährige Krieg hatte alles ruiniert. Die Stadt und die Wirtschaft lagen am Boden.

1802 ging auch noch die Autonomie verloren. Kurz: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts deutete nichts darauf, dass dieses „Dorf mit Mauern“ je wieder irgendeine Bedeutung erlangen könnte.

Mit Erfindung der Dampfmaschine jedoch sah die Welt auf einmal ganz anders aus: ausgerechnet Dortmund wurde zum Motor der industriellen Revolution im Ruhrgebiet. Bergbau, Eisenindustrie und der Dortmunder Doppelbahnhof als erster Eisenbahnknotenpunk des entstehenden Ruhrreviers schufen zwischen 1850 und 1876 die Grundlagen einer modernen Großstadt, deren Einwohnerzahl förmlich explodierte. Um den Bedarf an Arbeitskräften in den Bergwerken und Zechen gerecht zu werden, wurden zunehmend Menschen außerhalb der Region angeworben, vor allen in Ostpreußen, später auch in Polen. Um 1905 waren nur noch 66 Prozent Dortmunder waschechte Westfalen. Die Bierbranche boomte: neben der uralten Kronenbrauerei, eröffneten zahlreiche weitere Brauereien, die mittlerweile längst in der „Dortmunder Actienbrauerei“, kurz DAB (seit 1868) aufgegangen sind.

Soziale Missstände, das Anwachsen einer starken Arbeiterbewegung und Arbeiterkultur, die ersten Gewerkschaften und die ersten großen Streiks im Ruhrgebiet charakterisieren die Gründerjahre. Gleichzeitig veränderte sich das Stadtbild dramatisch. Die vielen Zugezogenen brauchten Wohnungen, sauberes Wasser, Kanalisation und Infrastruktur – und das Großbürgertum wollte der ehemaligen Reichsstadt wieder architektonischen Glanz verleihen.
Wer von diesem Dortmund der Gründerzeit keine Vorstellung hat, der wird angesichts historischer Fotografien seinen Augen kaum trauen: hochherrschaftliche Straßenzüge im Stil des Historismus, Patrizierhäuser mit prächtigen Schmuckgiebeln, elegante Geschäfte mit Baldachinen und meterhohen Glasvitrinen, nicht zu vergessen der Marktplatz mit dem prächtigen, romanisch-(neu)-gotischen Rathaus (dem damals ältesten steinernen Rathaus im deutschen Sprachraum nördlich der Alpen) setzten die architektonischen Akzente. Die Dortmunder City um die Wende zum 20. Jahrhundert besaß ein Flair, das sich vor Berlin und Paris nicht zu verstecken brauchte.

Um heute noch etwas von dem historistischen Dortmund zu finden, muss man lange suchen. Das markante Gesicht der Stadt ging im Zweiten Weltkrieg komplett verloren. Nach zwei Großangriffen der Alliierten im März 1945 waren nicht nur die industriellen „Rüstungsschmieden“ zerstört, auch der alte Stadtkern war ausgelöscht. Das Trümmerfeld umfasste 7,5 Millionen Kubikmeter Schutt. So viel, dass es nach Kriegsende ernsthafte Überlegungen gab, die Stadt außerhalb ihres historischen Kerns neu aufzubauen.
Erinnerungen an das Vorkriegs-Dortmund bewahren heute der Nachwelt noch die kostbaren historischen Fotografien und Postkarten um 1900.

Werner Bokelberg, international renommierter Fotograf und Sammler mit Sitz in Hamburg und Paris, hat die beeindruckenden Aufnahmen zusammengetragen und in einer Schmuckkassette neu aufgelegt. Sie beinhaltet idyllische Ansichten vom alten Marktplatz, von der Marienkirche, von der Kaiser- und der Brückstraße, vom Hafen und von den ehemaligen Prachtbauten der Stadt: der Synagoge, dem Stadttheater, der Bibliothek und dem Bahnhof.

Kombiniert sind diese Einblicke in die (groß)bürgerliche Welt mit Aufnahmen von Industrieanlagen, deren eigentümliche Ästhetik eigentlich erst das Fotografenpaar Bernd und Hilla Becker in den 1970er- und 80er-Jahren erkannt und zurück ins ästhetische Bewusstsein gerufen hat. Auf den historischen Fotografien befinden sich die Fördertürme und Fabrikhallen, Hochöfen und Kohlebunker der Zechen, Eisen- und Stahlwerke gleichsam noch in ihrem Urzustand. Ob die Fotopioniere damals schon den spröden, Schlot-rauchenden Charme der Industriearchitektur erkannten, ist ungewiss. Sicher ist, dass diese Bilder die gesellschaftlichen Zustände zur Zeit der Hochindustrialisierung spiegeln – und damit auch von den Klassenkämpfen in Dortmund vor 100 Jahren erzählen.

Werner Bokelberg „Unser Dortmund vor 100 Jahren“
48 Postkarten (17x11cm) mit Motiven aus Dortmund in einer attraktiven Weißblech-Box (18x12cm)
gibt es für 19,80 Euro im Buchhandel oder direkt online im Bokelberg-Shop.
ISBN: 4260241480337


Abbildungsnachweis: Bokelberg.com
Header: Weißbleck-Box von oben. Dortmund
Galerie: 12 Dortmund-Ansichten

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