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Der Schellfischtunnel – Ein Abstieg in die Unterwelt von Hamburg-Altona

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Mittwoch, den 28. Juni 2017 um 10:05 Uhr
Der Schellfischtunnel – Ein Abstieg in die Unterwelt von Hamburg-Altona 4.1 out of 5 based on 112 votes.
Der Schellfischtunnel – Ein Abstieg in die Unterwelt von Hamburg-Altona

Es ist ein schöner Sommertag im Juni 2017 mit mehr als 30 Grad. Die Sonne knallt vom blauen, wolkenlosen Himmel. Eine frische Brise spendet etwas Abkühlung. Eine Gruppe von etwa dreißig Leuten wartet geduldig am Check-In-Schalter der Autozugverladung in der Präsident-Krahn-Straße in Hamburg-Altona. Geplant ist eine Führung durch den sogenannten Schellfischtunnel.

Nicht Hades, der Gott der Unterwelt, nein eine freundliche Dame und ein Herr vom Verein „Hamburger Unterwelten e.V.“ nehmen die Wartenden mit auf die Wanderung durch die Altonaer Unterwelt, gelegen unter der heutigen Max-Brauer-Allee. Bewaffnet mit Taschenlampen und angetan von derben Schuhen geht es los.

Durch eine hohe Eisenpforte unter dem Intercity-Hotel am Altonaer Bahnhof tritt die Besuchergruppe in die komplette Dunkelheit des Tunnels ein. Direkt hinter dem Zugangstor beginnen die Schienen, welche dem heutigen Besucher als Orientierungspunkt dienen. Nur das Licht der Taschenlampen beleuchten die unebenen Eisenbahnschwellen, die zwischen und neben den Schienen liegende Schottersteine. Die Lampen beleuchten die Wände und den zurückgebliebenen Müll der Obdachlosen, die hier wohl irgendwie hineinkönnen. Es ist ruhig. Verklungen ist der hektische Straßenlärm von Kraftfahrzeugen und Passanten. Dafür ist es deutlich kühler, als an der Oberfläche. Kein Lüftchen regt sich. Es riecht muffig nach abgestandener Luft. Alle fünfzig Meter befindet sich eine Einbuchtung im Mauerwerk, zur Sicherung der damaligen Arbeiter. Heute findet hier ein kleiner Zwischenstopp statt. Anhand historischer Bilder und Daten erklären die Führer die Lagepunkte und die Geschichte des Tunnels. Es sei der nördlichste Eisenbahntunnel Deutschlands, erzählt uns der Führer. Während des Zweiten Weltkriegs sei der Tunnel als Luftschutzbunker für die Altonaer Bevölkerung genutzt worden. Ungefähr in der Mitte der Tour hört der Besucher ein anhaltendes Grummeln: es ist die Hamburger S-Bahn, die weit über der Gruppe verläuft. Das Geräusch vermischt sich mit dem Wasser, das von den Tunnelwänden tropft. Ab und an tauchen an den Betonwänden – nur vereinzelt hat sich das historische Mauerwerk aus Klinker erhalten – gesprühte Graffiti aus der Dunkelheit auf. Dann eine Holzwand, die angeblich für einen Film eingezogen und dessen Abriss vergessen wurde. In einer langen Rechtskurve winden sich die Bahngleise in Richtung Hafen. Höchste Konzentration ist angesagt! Bloß nicht den Vormann oder die Vorderfrau verlieren!

Dann, endlich: das berühmte Licht am Ende des Tunnels. Unser Ziel, der südliche Ausgang zum Hafen und zur Altonaer Innenstadt ist erreicht. Ein hohes, eisernes Gittertor mit dem Emblem der Hafenbahn sichert den Ausgang. Die knapp einstündige Führung ist beendet.

Einmal im Jahr, am Tag des offenen Denkmals oder zu den Tagen der Industriekultur am Wasser, ist der Schellfischtunnel im Rahmen einer Führung zu besichtigen. Der Name des Tunnels, den er im Volksmund bekommen hat, hängt mit dem Schellfisch zusammen, der schnellstmöglich vom Kutter zu den Verbrauchern musste. Eigentlich heißt der Tunnel offiziell „Hafenbahntunnel Altona“. Mit einer Länge von 961 Metern verläuft er unterirdisch vom heutigen Bahnhof Hamburg-Altona zu dem 30 Meter tiefer an der Elbe gelegenen Altonaer Fischereihafen. 1876 in Betrieb genommen und 1993 geschlossen, ist er heute, selbst bei den Hamburgern fast in Vergessenheit geraten.

Es lohnt sich, die Geschichte des Schellfischtunnels einmal kurz Revue passieren zu lassen, zeigt sie doch wie sich Stadtbild, Arbeit und politische Situationen verändert haben:
Der einstige Altonaer Bahnhof – Altona war eine eigenständige Stadt, gehörte zunächst zum Dänischen Königreich und wurde später Preußisch – war ursprünglich im Gebäude des heutigen Altonaer Rathaus untergebracht, am westlichen Ende der Palmaille. Hier wurden über eine Rampe die Eisenbahnwagen aus dem 400 Meter langen Tunnel mittels Seilwinden an die Oberfläche befördert, auf Rollböcke umgesetzt und mittels einer Standseilbahn über den Geesthang zum Altonaer Bahnhof von Pferden gezogen. Bis 1849 erfolgte der Antrieb des Seilzuges mit Hilfe eines Pferdegöpelwerks, später übernahm eine Dampfmaschine diese Aufgabe. Die Waggons, die am Kai mit Fisch und anderen leicht verderblichen Gütern beladen worden waren, gelangten dann vom dänisch-verwalteten Altona weiter nach Hamburg. Nach der Altonaer Hafenerweiterung und der Verlegung des Altonaer Bahnhof an seinen heutigen Standort, wurde der Tunnel auf 961 Meter verlängert. Waren es zunächst Pferde, kamen später die ersten Dampf-Lokomotiven und ab 1911 E-Loks zum Einsatz. Der Altonaer Hafen boomte. Vor allen Dingen wegen des Fischs und seiner fischverarbeitenden Industrie – 1913 war Altona Deutschlands größter Umschlagplatz für Fisch. Im Januar 1911 eröffnete die Hafenschleppbahn Altona, welche bis 1949 in Betrieb war. 1933, mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann der Niedergang Altonas, der Niedergang der Hafenbahn und damit des Tunnels. Durch das Groß-Hamburg-Gesetz verlor Altona seine Selbstständigkeit und wurde 1937 ein Teil des Landes und der Freien und Hansestadt Hamburg. Zudem bestimmte Adolf Hitler Hamburg zur „Führerstadt“. Gigantischen Bauten sollten im Zentrums Altonas und am Elbhang – ein Gauhochhaus, die Volkshalle und die „Große Elb-Hochbrücke“ – nach den persönlichen Plänen des Führers gebaut werden. Die Hafenbahn gehörte unter den Nazis zur Deutschen Reichsbahngesellschaft. Jedoch war die Anlage veraltet und wirtschaftlich nicht mehr rentabel, denn die Gleisabmessungen entsprachen nicht den modernen Standards für E-Lokomotiven. Hinzu kam, dass der Güterverkehr immer mehr von der Schiene auf die Straße verlegt wurde. Und, der wichtigste Grund: der Verzehr von Fisch ging aufgrund der internationalen Konkurrenz zurück. Der Schellfisch war für ‚Fischstäbchen’ zu teuer geworden.
Der Betrieb des Tunnels wurde deshalb 1992 eingestellt und sein Südportal am Fischereihafen mit einem Metallgitter verschlossen. Seit 1993 steht der Tunnel leer. Zwar gibt es unterschiedliche Pläne für eine Neunutzung, aber verwirklicht wurde bis heute keiner.

Die Geschichte des Schellfischtunnels steht also in direktem Zusammenhang mit der Altonaer Hafenbahn, der Fischindustrie und dem Hafen – er war der erste im deutschsprachigen Raum, der über einen Eisenbahnanschluss verfügte. Die Altonaer Hafenbahn prägte etwa 150 Jahre als technisches Gesamtkunstwerk das Altonaer Stadtbild. Der Tunnel gilt heute als Denkmal aus der Frühzeit des modernen Verkehrswesens, heißt es in dem Artikel „Der Schellfischtunnel – (k)ein Geistertunnel in Altona?“ von Christine Lindner.

„Hafenbahntunnel Altona“ (Schellfischtunnel)
Die Kulturbehörde Hamburg/Denkmalschutzamt und der Verein „Hamburger Unterwelten e.V.“ haben sich des Tunnels angenommen. Ein bis zweimal im Jahr öffnen sich die Tore des Schellfischtunnels zur Besichtigung.

Weitere interessante Führungen und Projekte zur Hamburger Unterwelt finden Sie im Internet unter www.hamburgerunterwelten.de.


Abbildungsnachweis:
Header: Schellfischtunnel. Quelle: Wikipedia (CC)
Galerie:
01. Bahnhof Altona um 1850, Stich von Julius Gottheil (1810–1868). Am rechten Rand ist ein Pferdegespann erkennbar, das eine Fracht vom Hafen herauf auf Schienen zum Bahnhof befördert. Quelle: Wikipedia
02. Auf der geneigten Ebene wurden in Altona Waren zwischen Elbe und Bahnanschluss transportiert, circa 1855. Quelle: Stadtteilarchiv Ottensen, Der Stuhlmannbrunnen, Hamburg 2000, S. 75 (CC)
03. Historische Aufnahme Blick auf den Altonaer Elbberg mit dem Tunnelausgang Süd, um 1895. Foto: Archiv
04. Eine Mitarbeiterin des "Hamburger Unterwelten e.V." führt durch den Schellfischtunnel und erläutert die Historie. Foto: Christel Busch
05. Südportal des Tunnels zu heutiger Zeit. Quelle: Stadtgeschichten (CC)
06. Schienenverbindung vom Bahnhof Altona zum „Elbquai", Ausschnitt aus Karte, ca. 1890. Quelle: Wikipedia

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