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Kultur und Management

Berlin braucht Platz für eine enzyklopädische Sammlung des 20. Jahrhunderts

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Geschrieben von André Chahil, Christian Speelmanns  -  Dienstag, den 14. Juli 2015 um 10:05 Uhr
Berlin braucht Platz für eine enzyklopädische Sammlung des 20. Jahrhunderts 4.4 out of 5 based on 125 votes.
Ehepaar Pietzsch - Foto Pietzsch

Der Unternehmer und Kunstsammler Heiner Pietzsch vermachte zusammen mit seiner Frau Ulla dem Land Berlin eine bedeutende Kunstsammlung von gut 300 Bildern, Skulpturen und Photographien der klassischen Moderne: Meisterwerke vorwiegend des Surrealismus – beispielsweise von Pablo Picasso, Max Ernst, René Magritte, Salvador Dalí, Joan Miró und Yves Tanguy.
Nach langem Ringen und vielen Verhandlungen ist ein Neubau für die Kunst des 20. Jahrhunderts, welches neben anderen auch die Sammlung Pietzsch beherbergen wird, innerhalb des Ensembles des Berliner Kulturforums Ende 2014 beschlossen worden. Wie das Museum der Moderne einmal aussehen wird, ist noch ungewiss. Nach der geplanten Fertigstellung bis zum Jahr 2020 kann dann die Sammlung der Staatlichen Museen zu Berlin sowie die Sammlung Pietzsch dort in größerem Umfang präsentiert werden.
Der Kunsthistoriker André Chahil und der Architekt Christian Speelmanns fragten Heiner Pietzsch nach seinen persönlichen und architektonischen Präferenzen.

André Chahil, Christian Speelmanns (AC/CS): Herr Pietzsch, Sie und Ihre Frau haben in über einem halben Jahrhundert eine bedeutende Kunstsammlung aufgebaut. Ihre Sammlung zählt zu den herausragenden deutschen Privatsammlungen der Klassischen Moderne. Können Sie sich noch an den entscheidenden Impuls erinnern, der aus ein paar dekorativen Bildern eine Leidenschaft werden ließ, die bis heute anhält?

Heiner Pietsch (HP): Ich war ein 16-jähriger Schüler in der zerstörten Stadt Dresden ein Jahr nach Kriegsende, als wir in eine Ausstellung geführt wurden, mit dem Titel: „Ist es entartete Kunst?“ Die völlig anderen Sehgewohnheiten des Heranwachsenden führten zu dem vorschnellen Urteil: Darüber kann man nicht streiten, natürlich ist das entartete Kunst! Es war aber etwas geschehen, das dazu führte, dass ich fünf bis sechs Mal alleine die Ausstellung besuchte, mich mit einzelnen Bildern und Künstlern befasste. Und dort ist wohl die Initialzündung für das spätere Interesse entstanden.

AC/CS: Eine große und umfangreiche Kunstsammlung ist häufig mit dem Charakter eines Sammlers verbunden. Wie würde Ihrer Auffassung nach eine optimale architektonische Umsetzung für Ihre Sammlung aussehen?

HP: Das kann ich mir nicht wünschen, ich sehe auch keine Möglichkeit, dass das Museum des 20. Jahrhunderts mit der Kunst eines Sammlers verbunden sein kann. Zu umfangreich ist die eigene Sammlung der Werke des 20. Jahrhunderts der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

AC/CS: Gibt es vielleicht einige Begrifflichkeiten, die diesen Bau beschreiben könnten, wenn auch nur der Stimmung nach?

HP: Die Lage des neuen Museums zwischen Philharmonie und Mies van der Rohe-Bau (Neue Nationalgalerie) sollte eine verbindende Architektur und eine Zusammenfassung der jetzigen Solitäre sein. Das neu entstehende Ensemble muss dann später richtungsweisend für die Sanierung des gesamten Areals werden.

AC/CS: Licht, Raumhöhe und Materialien haben einen starken Einfluss auf die Wahrnehmung von Kunst. Haben Sie konkrete Vorstellungen, wie Licht und Materialien im Kontext speziell für Ihre Sammlung wirken sollen?

HP: Nach Mies van der Rohe: Es muss so einfach werden, wie es geht, koste es was es wolle!

AC/CS: Tageslicht oder Kunstlicht? Seitenlicht oder Oberlicht? Gibt es hierbei Präferenzen Ihrerseits?

HP: Es geht wahrscheinlich nur um eine gelungene Mischung aus gutem Design und die dazu jeweils entsprechende Form des Lichtes.

AC/CS: Beton, Glas, Stahl… oder gleich lieber Fachwerk? Gibt es Materialien, die Sie im Kontext Ihrer Sammlung eher in Betracht ziehen würden?

HP: Erneut – nach Mies van der Rohe: Es muss so einfach werden, wie es geht, koste es was es wolle!

AC/CS: In Deutschland gibt es zahlreiche Unternehmer, die sich als Mäzene, sinnstiftend mit dem Bau eines eigenen Museums, in der Öffentlichkeit eingebracht haben. Vorweg seien beispielsweise die Sammlung Würth oder die Sammlung Falckenberg genannt. Gibt es etwas, das Sie bei der Realisierung gänzlich anders als Ihre Vorgänger umsetzen würden – und sich in Architektur oder in einer Form der Museumskultur ausgedrückt?

HP: Ein eigenes Museum ist genau das, was wir nicht wollen. Berlin braucht Platz für eine enzyklopädische Sammlung des 20. Jahrhunderts!

AC/CS: Gibt es Ihrer Auffassung nach zeitgenössische Museumsbauten, die Sie für nicht sonderlich gelungen halten?

HP: Wenn schon, dann das Museum für Kunstgewerbe im Tiergarten.

AC/CS: Und welche Museen/Sammlungen besuchen Sie immer wieder gerne?

HP: Nahezu alle.

AC/CS: Angenommen, wir gehen einen Gang Ihrer Sammlung im neuen Museumsbau gemeinsam und nehmen anschließend im Museumscafé ein gutes Glas Rotwein zu uns. Was würden Sie sich aus dieser Erfahrung für uns wünschen. Mit welchem Gefühl soll der Museumsbesucher den Bau wieder verlassen?

HP: Hier wird entscheidend sein, dass die Kuratoren mit Ihrer Hängung den Charakter der jeweiligen Kunstrichtung, aber auch die Gestaltung des Baues erfasst und zu einer guten Übereinstimmung gebracht haben. Bei einem guten Museum mit einer guten Sammlung sollte sehr darauf geachtet werden, dass der abschließend zu sich genommene Rotwein der Qualität des Hauses entspricht.


In Kooperation mit und Dank an: André Chahil und Christian Speelmanns


Abbildungsnachweis:
Header: Heiner und Ulla Pietzsch. Foto: © Pietzsch
Galerie:
01. Mies van der Rohe mit dem Modell der Crown-Hall, Chicago. Quelle: © Enzyclopaedia Britannica
02. Kunstgewerbemuseum, Berlin. Foto: Susanne Börkey

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