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Heiligenblut am Großglockner

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Freitag, den 22. Mai 2015 um 10:31 Uhr
Heiligenblut am Großglockner 4.4 out of 5 based on 91 votes.
Heiligenblut am Großglockner

Heiligendamm, Heiligenhafen, Heiligenkreuz. Es gibt viele Namen, die auf einen frommen Ursprung schließen lassen.
Kein Ort jedoch hat eine so phantastische Legende zu bieten wie Heiligenblut: Das kleine Dorf am Fuße des Großglockner bewahrt demnach das Blut Christi in seiner Kirche.

Skifahren, Bergsteigen, Rad-Trekking oder Sternwanderung – als Feriendomizil für Naturfreunde und Ausgangspunkt der Großglockner Hochalpenstraße hat sich Heiligenblut längst einen Namen gemacht. Fast vergessen dabei wird, dass der Alpenort inmitten des Nationalparks Hohe Tauern auch kulturelle Highlights zu bieten hat: Hier, auf 1.288 Metern Höhe, am oberen Ende des Mölltals, befindet sich eine der schönsten gotischen Kirchen Kärntens – die Wallfahrtskirche Sankt Vinzenz aus dem Jahr 1491. Und in dieser Kirche ruht eine der mysteriösesten Reliquien der Christenheit.

Ortstermin mit Maria Pichler, einer zierlichen, lebhaften Dame, die einfach alles über das 1,100 Bewohner umfassende Dorf und seine Geschichte zu wissen scheint. Vor 30 Jahren kam die passionierte Kirchenexpertin nach Heiligenblut. Der Liebe wegen, wie sie sagt – der Liebe zu ihrem Mann und zur Wallfahrtskirche Sankt Vinzenz, durch die sie nun schon seit etlichen Jahren interessierte Besucher führt.

Von außen wirkt die von einem pittoresken Friedhof umgebene Dorfkirche recht unscheinbar. Dabei ist sie längst weit über die Grenzen des Landes bekannt, birgt sie doch hinter dem rustikalen Spitzbogenportal eine der prachtvollsten spätgotischen Wandelaltäre Kärntens.

Bevor Maria Pichler mit einem riesigen Schlüssel die Kirchenpforte aufschließt, weist sie ihre Zuhörer auf den Heiligen Christophorus an der Nordseite des Langhauses hin. Das große Fresko ist zwar schon etwas verblichen, sein Alter von mehr als 500 Jahren sieht man ihm dennoch nicht an. „Damals hatten die Menschen vor nichts mehr Angst, als unvorbereitet zu sterben“, erklärt Maria Pichler. „Und der Heilige Christophorus beschützt vor dem plötzlichen Tod unterwegs, wenn man ihm fest in die Augen schaut“.

Also schnell noch einen Blick auf den Schutzpatron der Pilger (und somit aller Reisenden), ehe es in die sterngewölbte Kirchenvorhalle geht. Zugig und kalt ist es hier und ein merkwürdiges Möbel mit einem Gitter-Türchen zieht die Aufmerksamkeit auf sich. An diesem uralten „Opfertisch“ wurden einst die Gaben der Gemeinde für den (damals noch unbezahlten) Pfarrer hingestellt. Neben Brot, Speck und Käse waren es manchmal auch eine Henne oder ein Kaninchen – und die wurden dann in den kleinen Stall gesteckt.

Und dann dürfen wir ihn endlich betreten, den Kirchenraum mit dem prächtigen, elf Meter hohen Flügelalter von 1520. Mit seiner schier barocken Fülle an goldenen Figuren und dem filigran aufstrebenden geschnitzten Zieraufsatz (Gesprenge), zählt er zweifellos zu den Meisterwerken der sogenannten Bozener Schule. Im Zentrum steht die gekrönte Maria, umgeben von vier Heiligen; unter ihnen auch Vinzenz, der spanische Märtyrer und Namenspatron der Kirche. Zu Füßen der Gottesmutter Marias liegt der schlafende Jesse, aus dessen Brust der Stammbaum Christi wächst. Auch die Seitenflügel zeigen biblische Szenen: Christi Geburt, die Anbetung der heiligen drei Könige, Auferstehung und Himmelfahrt. Der Schöpfer dieses in seiner Opulenz geradezu barock anmutenden Altars ist nicht eindeutig belegt, es waren wohl mehrere Kunsthandwerker beteiligt, unter ihnen auch Wolfgang Halsinger, ein Schüler des bekannten Tiroler Bildschnitzers Michael Pacher (um 1435-1498), wie Maria Pichler weiß.

Doch wo ist nun das mysteriöse „Heilige Blut“, das dem Ort seinen Namen gab?
Das weißmarmorne Sakramentshäuschen schmiegt sich so unscheinbar an die nördliche Chorwand, dass man es glatt übersehen kann. Und selbst wenn man davor steht, lässt sich das Fläschchen mit dem kostbaren Gut hinter der dicken schmiedeeisernen Gittertür nur mehr erahnen.

Umso spannender die Legende aus dem 10. Jahrhundert, die in großen Bildtafeln das Kirchenschiff schmückt und die Maria Pichler nun in aller Ausführlichkeit erzählt: Briccius, ein dänischer Prinz, gläubiger Christ und erfolgreicher Feldherr, kämpfte im Dienst des byzantinischen Kaisers gegen die Sarazenen. Als er nach Dänemark zurückkehren wollte, gewährte ihm der Kaiser als Lohn für seine treuen Dienste einen Wunsch – und Briccius erbat sich die kostbare Reliquie aus der Hagia Sophia in Konstantinopel: Ein Fläschchen Blut. Dieses Blut soll aus einem Kruzifix geflossen sein, das ein ungläubiger Soldat „zur Probe“ durchstochen hatte.

Nun also zog der Feldherr nach Norden, das Fläschchen hatte er zum Schutz vor Räubern wohlweißlich in seine Wade eingenäht. Beim Überqueren der Alpen, dort, wo heute die Briccius-Kapelle steht, kam er durch eine Schnee-Lawine ums Leben. Bauern, die das Winterfutter von Alm holten, entdeckten drei frische Getreideehren im Schnee – und darunter den Leichnam des Feldherren, den sie auf einem Ochsenkarren ins Tal beförderten. An der Stelle, wo die Kirche heute steht, seien die Ochsen stehengeblieben, und dort wurde Briccius beerdigt. Allerdings streckte er immer wieder sein Bein aus dem Grab, bis man das Fläschchen fand und der Salzburger Bischof seine Bedeutung erkannte.

Wie oft Maria Pichler diese recht gruselige Legende schon erzählt hat, kann sie nicht sagen. Weit mehr als hundert Mal sicherlich, doch die Begeisterung für Briccius steht ihr immer noch ins Gesicht geschrieben. Mit ihrem fundierten historischen Wissen lässt sie das Mittelalter in Heiligenblut vor den Augen ihrer Zuhörer aufleben: Die Zeit, in der die Säumer, „die Fernfahrer der Frühzeit“, Wein und Gewürze über den Tauern ins Salzburger Land brachten und von dort das Salz zu den venezianischen Häfen. Die Region war damals ausgesprochen dicht besiedelt. Der Grund: Es gab Gold! Schon die alten Römer wussten, dass sich in den Hohen Tauern Gold und Silber abbauen ließ. Münzen aus der Zei mit der Prägung „metallum noricum“ belegen es. Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert gab es dann einen regelrechten Goldrausch. Zum Teil wurde bis in Höhen von 2900 Metern gegraben. Alte Schächte, sowie das Freilichtmuseum Fleißtal mit dem rekonstruierten Goldgräberdorf zeugen heute noch von den schwierigen Bedingungen, unter denen die Bergleute hier bis ins 18. Jahrhundert hinein schufteten.

Aber zurück nach Heiligenblut und dem frommen Briccius, dessen Grabmal in der wunderschön ausgeschmückten Gruft der Pfarrkirche zu finden ist. Leider versperrt auch hier ein eng geschmiedetes Gitter den Blick auf das geschnitzte Konterfei des Wundertäters, den die katholische Kirche bis heute weder heilig noch selig sprach. Doch für die Heiligenbluter, daran lässt Maria Pichler keine Zweifel, ist der Mann, der ihnen das Blut Christi brachte, selbstredend der „Heilige Briccius“. Das ist auch der Grund, warum sein Grabmal nun umgittert ist. Es gab schon eine erste Holzfigur, doch die wurde im Laufe der Jahrzehnte dünner und dünner. Die Pilger schnitten sich mit einem Messer kleine Stücke ab. Die Frauen kochten sogar einen Tee daraus, um schwanger zu werden. Als schließlich auch der Kopf angegriffen war, gab die Gemeinde einen neuen Briccius in Auftrag und legte das Gitter darüber.

Für das aktuelle Problem des Ortes, den Kindermangel, hat Maria Pichler deshalb auch ein ganz einfaches Rezept: „Tut’s das Gitter weg, dann habt’s wieder mehr Kinder in der Schule“.

Information zu Kirchenführungen:
Info- & Buchungscenter Heiligenblut am Großglockner
Telefon: +43 4824 2700
Frau Maria Pichler-Stachl
Telefon: +43 4824 2214


Abbildungsnachweis:
Header: Heiligenblut und Großglockner. © Österreich Werbung. Foto: Herzberger
Galerie:
01. Heiligenblut mit Großglockner. © Österreich Werbung. Foto: Popp Hackner
02. Maria Pichler-Stachl. Foto: Isabelle Hofmann
03. Christophorus-Fresko an der Nordwand. Foto: Isabelle Hofmann
04. und 05. Kirchenraum mit Hochaltar und Kanzel. Fotos: Isabelle Hofmann
06. Hochaltardetail mit Heiliger Familie. Foto: Isabelle Hofmann
07. Blick auf die Blut-Reliquie. Foto: Isabelle Hofmann

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