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Kultur und Management

Sprachen schützen vor dem „digitalen Aussterben“

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Geschrieben von Janina Gutermann  -  Freitag, den 15. Mai 2015 um 10:09 Uhr
Sprachen schützen vor dem „digitalen Aussterben“ 4.6 out of 5 based on 102 votes.
Dr. Georg Rehm

Welche Potentiale und Möglichkeiten hat Übersetzungstechnik heute? Wie kann eine kulturelle Ausgeglichenheit zwischen verschiedenen Sprachen in Europa hergestellt werden?
Diese und weitere Fragen stellten sich Fachleute, Delegierte und Software-Entwickler im Rahmen des „Riga Summit 2015“. KulturPort.De sprach mit dem Computerlinguisten und Sprachtechnologen Dr. Georg Rehm vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), Projekt-Büro Berlin „Language Technology Lab“, dem Veranstalter der Konferenz META-FORUM 2015, der den Riga Summit 2015 Ende April eröffnet hat.

KulturPort.DE (KP): „Kleine Sprachen“ mit vergleichsweise wenigen Sprechern werden bei der Entwicklung von Übersetzungstechnologien meist benachteiligt. Sehen Sie Trends und Möglichkeiten wie kleinere Sprachgruppen mehr an diesem Prozess teilhaben können?

Georg Rehm (GR): Es geht dabei nicht nur um Übersetzungsprozesse, sondern tatsächlich um grundlegende Technologien, die wir für unsere Arbeiten einsetzen. Es gibt eine ganze Reihe von grundlegenden Komponententechnologien in sprachverarbeitenden Systemen (so nennen wir diese Softwaretypen), in denen die einzelnen Komponenten bestimmte linguistische Vorverarbeitungsschritte durchführen wie z.B. Syntax- und Semantikanalysen. Das sind alles sehr sprachspezifische Analysen, die man für jede Sprache entsprechend entwickeln muss. Es gehören sehr viel linguistisches Know-How und computerlinguistische Verfahren dazu, um solche Werkzeuge überhaupt bauen zu können.

Natürlich gibt es für die „großen“ Sprachen mit vielen Sprechern wie das Englische, das Spanische und auch das Deutsche relativ viele Technologien – in den jeweiligen Ländern gibt es viele Forschungszentren. Es kommt aber noch ein weiterer Punkt hinzu: Im wissenschaftlichen Diskurs misst man sich gern mit Evaluationen. Bei diesen Evaluationen ist es von Vorteil, wenn man sich an einer gemeinsamen Sprache abarbeitet. Für die meisten Forschungszentren und Universitäten ist diese gemeinsame Sprache das Englische.

Es gibt Sprachen wie z.B. das Isländische mit seinen knapp 300.000 Sprechern, an dem vielleicht nur 10 bis 12 Personen an Übersetzungstechnologien arbeiten. Hier müssen wir uns verschiedene Dinge einfallen lassen. In der Studie mit dem Titel „Europas Sprachen im digitalen Zeitalter“ haben wir 2012 verglichen, welche Technologien für 31 europäische Sprachen jeweils existieren. Das wesentliche Ergebnis war, dass es eine ganze Reihe von Sprachen gibt, für die wenig bis überhaupt keine Technologien vorliegen.

Wir haben damals das Schlagwort vom „digitalen Aussterben“ geprägt, von dem diese Sprachen bedroht sind, weil es eben keine Technologien für sie gibt. „Digital Language Extinction“ ist ein großes Problem für diese Sprachen, weshalb wir dafür plädieren, Technologien nicht nur für die offiziellen EU-Sprachen, sondern auch für die vielen kleineren Sprachen zu bauen, zum Beispiel die kleinen regionalen Sprachen in Spanien. Naja, klein ist gut – Katalanisch zum Beispiel hat mehr Sprecher als so manche offizielle EU-Sprache!

Wie man das macht, kulturübergreifend, ist ein wichtiger Punkt. Wir wollen zum Beispiel versuchen, mit Kollegen beispielsweise in Malta und Estland intensiver zusammenzuarbeiten, wo genau wie schon in Lettland und Litauen sehr viele gute Arbeiten laufen. Hier möchten wir Forschungsförderungs- und Forschungstransferprojekte aufsetzen, um gemeinsam Technologien zu schaffen, die „kleine“ Sprachen weiter nach vorne bringen.

Man kann aber jetzt auch schon sehen, dass es durchaus Fortschritte gibt: Vor 3, 4 Jahren gab es praktisch keine Übersetzungstechnologien für das Lettische. Mittlerweile haben die Kollegen hier Technologien, die bessere Ergebnisse liefern als Google Translate zwischen Lettisch und Englisch.

KP: Wird diese Entwicklung politisch gefördert, oder sind es eher private Unternehmen, die daran interessiert sind?

GR: Einige private Unternehmen erkennen, dass man dringend tätig werden muss und selber viel in dieses Thema investieren, kleinere Forschungsabteilungen aufbauen und Technologien entwickeln. In der Europäischen Kommission, die ja für die Forschungsförderungsprogramme auf der europäischen Ebene zuständig ist, gibt es ebenfalls Bestrebungen. Anfang 2015 sind z.B. mehrere neue Projekte gestartet, die das Ziel haben, die Sprachbarriere zu knacken. Das DFKI leitet zwei dieser insgesamt sechs Projekte.

KP: Besteht auch ein dezidierter Wunsch nach einer Gleichberechtigung der Sprachen, die ja einen wesentlichen Teil der Identität von Kulturen und Bevölkerungsgruppen ausmachen?

GR: Dieser Wunsch ist noch nicht auf allen Ebenen der politischen Entscheidungsleiter angekommen, aber er wurde partiell bereits erkannt und wir versuchen jetzt, bis zur obersten Ebene zu kommen, um das Thema des mehrsprachigen digitalen Binnenmarktes so auf die Agenda der Europäischen Kommission zu hieven, dass sie realisiert, dass eine Unterstützung aller Sprachen wichtig ist, nicht nur der offiziellen Europäischen Unionssprachen, sondern auch der regionalen Sprachen, Minderheitensprachen, Migrantensprachen und Sprachen von wichtigen Handelspartnern – Chinesisch ist da natürlich ganz weit vorne auf der Liste. Die EU braucht diese Technologien, um Kommunikationsprozesse und Informationsprozesse besser zu unterstützen und überhaupt erst zu ermöglichen.

KP: Steve Renals, von der Universität Edinburgh, hat in seinem Vortrag davon gesprochen, dass Startups sehr wichtig sind für die Unterstützung der Entwicklung, auch in kleineren Ländern. Estland ist zum Beispiel bekannt für seine Startup-Szene, doch auf dieser Konferenz sehen wir vor allem westeuropäische Sprecher, viel mehr als aus dem baltischen oder generell osteuropäischen Raum. Wie sehen Sie die Rolle der Startups im Moment, besonders in den baltischen Ländern? Und wie könnte sich diese Situation in Zukunft entwickeln?

GR: Ich kann den Ausführungen von Steve Renals nur zustimmen. Wir müssen versuchen, die Diskussion mit Startups mehr in den Vordergrund zu stellen. Aus Erfahrung weiß ich: Wegen der oftmals unsicheren Finanzierungslage ist der Erfolgsdruck in einem Startup sehr hoch. Jedes Startup hat daher wichtigere Dinge zu tun, als mit der Europäischen Kommission zu sprechen. Zu diesem Thema sollten wir beim META-FORUM im nächsten Jahr in Lissabon, Portugal eine Session veranstalten. Vielleicht kann man Startups zusammen trommeln und über Möglichkeiten nachdenken, zum Beispiel strategische Partnerschaften zwischen estnischen und französischen oder auch irischen Startups aufzubauen, um gemeinsam Technologien zu bauen.

KP: Auf dem Programm sehen wir viele deutsche Namen. Wo sehen Sie die Gründe dafür?

GR: DFKI-intern haben wir schon oft darüber gesprochen, woran das liegt. Es gibt einige deutsche Kollegen, die in Bereich Übersetzungstechnologie und Übersetzungswissenschaften sehr erfolgreich sind. Das ist schon fast Zufall, glaube ich. Es könnte auch damit zusammenhängen, dass Deutschland als Land der Dichter und Denker einen direkteren Zugang hat zu den Befindlichkeiten für Übersetzungsprobleme und Übersetzungstechnologien. Aber es ist in der Tat so, dass z.B. das mittlerweile im Forschungszentrum ADAPT aufgegangene Center for Next Generation Localisation (CNGL) in Dublin von einem deutschen Kollegen aufgebaut wurde. Auch „Google Translate“ wurde maßgeblich von Kollegen aus Deutschland aufgebaut – es gibt eine ganze Reihe solcher Beispiele. Und daher sieht man relativ viele deutsche Namen auf dem Programm.

KP: Unsere nächste Frage schaut in die Zukunft: sehen Sie eine Zukunftsperspektive, dass auf einer Konferenz wie dieser alle Sprecher Beiträge in ihrer eigenen Sprache bringen? Gerade diese Konferenz würde ja die ideale Testplattform für Übersetzungstechnologien bieten.

GR: Genau, bei Startups gilt oft das Credo „eat your own dog food“, das heißt das Technologieportfolio, das man selber baut, sollte man auch selber benutzen. Bei uns sind wir einfach noch nicht soweit, dass man solche Konferenzen mit spontan produzierter Sprache noch nicht wirklich gut „on the fly“ übersetzen kann. Es existieren aber bereits Prototypen.

KP: Haben Sie schon auf dem Schirm, dass sie diese Prototypen einsetzen werden?

GR: Unbedingt! Ein gutes Beispiel: Bei dem Projekt „EU-Bridge“, das auch hier auf dem Summit präsentiert wird, wurden Prototypen gebaut, die im Europäischen Parlament eingesetzt wurden – als Übersetzungshilfen für die dort arbeitenden Simultanübersetzer, die Höchstleitungen vollbringen müssen. Es wurden Programme gebaut, die Spontansprache erfassen, transkribieren und auch übersetzen. Es wird jedoch noch ein paar Jahre dauern, bis wir so etwas haben, was wir gerne als „Translingual Spaces“ bezeichnen. Jeder Mensch im Raum befindet sich dann in einer „akustischen Blase“: Mikrofone nehmen seine Sprache auf. Lautsprecher, die nur er hört, versorgen ihn mit maßgeschneiderten Übersetzungen. So kann man zum Beispiel eine Person mit maltesischen Übersetzungen versorgen, eine andere mit lettischen, sodass jeder in seiner eigenen Sprache kommunizieren kann. Am besten natürlich in Echtzeit und fehlerfrei. Das ist eine der Visionen, die wir haben.

Weitere Informationen:
www.meta-net.eu
www.meta-net.eu
www.cracker-project.eu

Wissenschaftliche und textliche Beratung: Dr. Dagmar Reichardt
Lettische Kulturakademie Riga


Abbildungsnachweis:
Header: Dr. Georg Rehm beim Riga Summit 2015. Foto: Janina Gutermann

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