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Kultur und Management

Terreur der Khmer Rouge, Terror der RAF

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Freitag, den 13. Februar 2015 um 11:46 Uhr
Terreur der Khmer Rouge, Terror der RAF 4.5 out of 5 based on 111 votes.
Terreur der Khmer Rouge, Terror der RAF

Zwei Ausstellungen in Berlin über Terrorismus sparen die Gegenwart aus: „Die Roten Khmer und die Folgen“ und „RAF – Terroristische Gewalt“.
Terreur. Terror. Dschihadismus. Natürlich gibt es Verbindungen. Von den Roten Khmer zum Islamischen Staat. Nicht an der Oberfläche, nicht direkt. Doch mindestens entlang zweier Linien. Sie verlaufen auch über Deutschland.
Im Zentrum der einen, einer praktischen, steht der palästinensische Terrorismus, einer der Wegbereiter für den islamistischen Terror und für die radikale Linke nach 68 ein gemeinsamer Nenner zwischen ihrem als Antizionismus notdürftig getarnten Antisemitismus und der Bewunderung für als emanzipatorisch halluzinierte 3. Welt-Regimes antikolonialistischer Prägung wie dem der Roten Khmer. Solidarität, kitschte man damals über Gegenteiliges hinweg, sei „die Zärtlichkeit der Völker“. Die andere Verbindung ist ideologisch: die Verweigerung der Erkenntnis, dass aus dem „krummen Holz der Menschheit noch niemals ein gerades Ding gemacht wurde“ (Kant).

Das zu erstreben verbindet den Terror der RAF und den Terreur, also den zur Staatlichkeit gewordenen Terror, der Roten Khmer untereinander und mit dem Dschihadismus der Gegenwart. Daran kann kein Versuch vorbei, sich einen Begriff von diesen drei Phänomenen des Terrorismus zu machen. Die Frage danach stellt die Ausstellung „Die Roten Khmer und die Folgen“ nicht, die bis zum 1. März in der Akademie der Künste in Berlin gezeigt wird. In deren Westdomizil, genauer gesagt, alldieweil der etwas prätentiöse Glaspalast am Pariser Platz wenige Jahre nach Inbesitznahme bereits renovierungsbedürftig ist.

Am Hanseatenweg wird die „künstlerische Erinnerungsarbeit“ (Untertitel) in den Mittelpunkt gestellt. Drei kambodschanischen Künstlern stehen drei „internationale Positionen“ gegenüber, dazu gibt es ein umfangreiches Filmprogramm, das ganz zu sehen einen knappen Tag erfordert. Es ist gruppiert um „The Missing Picture“ des kambodschanischen Regisseurs Rithy Panh. Diese wohl aussagestärkste Arbeit im Kontext der Ausstellung ist allerdings nur einmal täglich zu sehen – als kinofilmlange Dokumentation ist sie (neben weiteren Filmen mit dokumentarischem Ansatz) impliziter Verweis auf die Problematik, sich dem genozidalen Terreur der Roten Khmer, dem rund 1,7 Millionen Menschen zum Opfer fielen, mit genuin künstlerischen Strategien – von denen sich der Dokumentarfilm auch dann absetzt, wenn er wie „The Missing Picture“ auf Praktiken der bildende Kunst zurückgreift – nähern zu wollen.

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Der Schlusssatz aus Wittgensteins „Tractatus logo-philosophicus“ lässt immerhin die Möglichkeit, darüber nachzudenken, warum auch „künstlerische Erinnerungsarbeit“ wohl über bestimmte Dinge nicht sprechen kann. Und vielleicht sind es genau die Leerstellen, die in diesem Nicht-sprechen-können deutlich werden, die Hinweise auf das Ungesagt-bleiben-müssende geben können.

Was die Ausstellung der Akademie der Künste angeht, so ist schon der zweite Teil des Titels „Die Roten Khmer und die Folgen“ Hinweis auf andere Schwierigkeiten, den Terreur der Tugend und des rechten Lebens in seiner kambodschanischen Ausprägung aus einen Begriff zu bringen. Große Teile der ohnedies eher kleinen Ausstellung handeln nicht von der Herrschaft der Roten Khmer, sondern vom Kambodscha der Gegenwart und vom dem, was den Khmer Rouge vorausging. Das allerdings wird kuratorisch mit Vandy Rattanas Fotoserie/Videodokumentation „Bomb Ponds“ auf die jahrelangen Bombardements des Landes durch die USA im Vietnamkrieg verengt. Die ruhigen Fotos Rattanas zeigen Scheinidyllen, von der Vegetation begrünte Krater, stille Seen, im Video berichten Zeitzeugen von Bombardierungen - ein Verweis darauf, dass Gruppen wie die Roten Khmer im Westen nicht euphemistisch, aber nicht völlig zu Unrecht, als „Befreiungsbewegung“ bezeichnet wurden. Wo es aber wie im Hanseatenweg um den Terreur gehen soll, erklärt der betonte Verweis auf das Inhumane ausländischer Mächte letztlich wenig, läuft eher Gefahr, den Blick zu verstellen. So wird die Dialektik der Aufklärung als Basis eines Versuchs sistiert, die schrecklichen Seiten der westlichen Zivilisation zu begreifen (und so den Weg zu einer weiteren Humanisierung der Welt zumindest zu denken), an ihre Stelle tritt im Verweis auf ein Inhumanes als irreguläres die Apologie eines regulär Inhumanen. Vielleicht nicht von Seiten Rattanas, wohl aber auf der der Kuratoren scheint mit der Auswahl dieser Fotos wieder auf, was schon den Blick der antiimperialistischen Linken auf jene grosso modo mit den Begriffen Stalinismus und Totalitarismus treffend beschriebenen Gruppen der 3. Welt bestimmte: der Wunsch nach manichäischen einfachen Weltbildern.

Der Rückgriff auf klare, in diesem Fall globalisierungskritische Weltbilder ist auch bei der Auswahl derjenigen Filme und Fotoserien festzustellen, die sich in der Ausstellung mit der Gegenwart Kambodschas befassen: Khvay Samnangs auch als Slideshow-Video präsentierte Serie neun unbetitelter Fotos, die die unkriegerische Zerstörung von Landschaften und Orten aufgreifen, Filme wie „The Girls of Phnom Penh“ oder „Fight for Areng Valley“ oder auch die Portrait-Fotos von Tim Page thematisieren soziale und kulturelle Situationen, die es nicvht ur in Kambodscha gibt. Ob es etwas Spezifisches gibt, das aus der Prägung des Alltags durch die Jahre des Terreurs resultiert, wird etwa aus Tim Pages als Portraits aussagekräftigen Fotos von Bauern nicht deutlich. Kann es vielleicht auch nicht.

Scheitert die Ausstellung so am Allgemeinen, an dem, was von Prostitution und Sklavenarbeit bis zur Umweltzerstörung den Alltag des Lebens Vieler prägt, so scheitert sie auch am Besonderen, an der Differenz, die aus der Prägung durch die Jahre des Terreurs resultiert. Letzteres allerdings nicht vollständig: Zwei Arbeiten gelingt es, die Herrschaft der Roten Khmer zumindest ansatzweise zu fassen. Da ist zum einen die Videodokumentation „The Continuum: Behind the Killing Fields“ des Regisseurs Ong Keng Sen aus Singapur. Sie konfrontiert eine Tänzerin des früheren kambodschanischen Hofballets, in den Jahren des Terreurs fast vollständig ermordet, und ihre Kunstform mit Orten der Erinnerung an die Massenmorde. So, im im gleichzeitigen zeichenhaften Verweis auf das Schöne und Humane und auf seinen Untergang im Tugendterror, wird erahnbar, wie tief die Zerstörung ging. Diese Ahnung zu setzen gelingt auch Günther Ueckers schon 1993 entstandenen Tuschzeichnungsserie „Wind der Seelen der Toten, für die Kinder Khmer“. Auf Portrait- oder Passfotos von Gesichtern, Bildern von toten Körpern, Zellenmauern und -inventar applizierte abstrakt-reduzierte Muster in Schwarz lassen die Spannung zwischen dem Individuum und seiner Auslöschung von Ferne erahnen. Das ist nicht wenig.

Dass sie es vermeidet, den Blick über das Unmittelbare hinaus auf das Allgemeine und die Gegenwart des Terrors zu richten, verbindet die Ausstellung „RAF – Terroristische Gewalt“ im Deutschen Historischen Museum (bis 26. April) mit der in der Akademie der Künste. Doch ruft diese mindestens implizit die Probleme ins Bewusstsein, die der Versuch mit sich bringt, Terror und Terreur auf ihren Begriff zu bringen, stellt die Ausstellung im DHM diesen Problemen positivistisch die kruden Fakten gegenüber (wobei immerhin, nicht unbedingt selbstverständlich, ein Schwerpunkt auf die von der RAF ermordeten Subalternen, der Fahrer, Passanten und GIs gelegt wird). Der Verweis auf die schlussendliche Auflösung des Sonderwegs RAF in einer heilen Welt dialogisierender Wohlgesinnter entspricht dabei dem Rekurs auf „künstlerische Erinnerungsarbeit“ in der Akademie. Warum es so ist, dass „der Versuch, den Himmel auf Erden zu errichten“, der, so Karl Popper, „stets die Hölle“ erzeugt mit einem Attentat auf die Berliner Synagoge beginnen sollte, was er mit dem Terreur der Vergangenheit und der Gegenwart des Islamischen Staates zu tun und was die damalige autoritäre Wende einer sich noch kurze Zeit vorher als libertär gerierenden neuen Linken im Westen vielleicht doch über die Ideologien und Utopien solcher Ideale aussagt, davon schweigt die DHM-Ausstellung.

Die Roten Khmer und die Folgen
Zu sehen bis 1. März 2015 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin-Tiergarten. Geöffnet: Mo.-So. 11-19 Uhr
RAF – Terroristische Gewalt
Zu sehen bis 26. April 2015 im Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin. Geöffnet: täglich 10-18 Uhr


Abbildungsnachweis:
Header: Ong Keng Sen, The Continuum: Beyond the Killing Fields, Kambodscha/Frankreich, 2001. Aufzeichnung der Doku-Performance von International Festival of Arts & Ideas, New Haven, Connecticut, USA (2001), 59 min. © TheatreWorks (S) Ltd
Galerie:
01. Tim Page, Schneiderin, 2013, Serie Fotografische Vermessung, C-Print, 120x99 cm. © Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH and the artist
02. Khvay Samnang, Untitled, 2011, Digital C-Print, 80 x 120 cm. The image courtesy the artist & SA SA BASSAC
03. Rithy Panh, The Missing Picture, France-Cambodia, 2013, 96 min. © CDP productions
04. Tim Page UN-sponsored chopper carries Prince Norodom Ranaridth away from campaigning at Prey Veng during UNTAC election, May 1993 , C-Print, 180x252 cm. © Tim Page
05. Günther Uecker , Wind der Seelen der Toten, für die Kinder der Khmer, 1993; 62 Blätter, Tusche, Pinsel auf Fotografien, je 19x24,5 cm. Repro: Bogomil J. Helm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
06. Plakat "RAF - Terroristische Gewalt"
07. Fahndungsplakat: Anarchistische Gewalttäter, Mai 1972, Fahndungsplakate des Bundeskriminalamts appellierten an
die Bürger, der Polizei zu helfen. Verhaftete Personen wurden durchgestrichen. © Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart
08. Wrackteil vom Sprengstoffanschlag auf den Atomwissenschaftler Karl Heinz Beckurts und seinen Fahrer Eckhard Groppler vom 9. Juli 1986, es steht für die unaufgeklärten Verbrechen der RAF.. © Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart
09. Vollzugsanstalt Stammheim im Bau in den 1960er Jahren. © Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart; Foto: Ingeborg Liebewein. alt

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