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Kultur und Management

Heinz Spielmann – Ein Leben für und mit der Kunst

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(89 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Mittwoch, den 10. Dezember 2014 um 11:12 Uhr
Heinz Spielmann – Ein Leben für und mit der Kunst 3.4 out of 5 based on 89 votes.
Heinz Spielmann Wachholtz Verlag

Ein Leben für und mit der Kunst: Unzählige Maler, Bildhauer und Keramiker hat Heinz Spielmann, langjähriger Direktor des Landesmuseums Schleswig-Holstein, im Laufe seiner Laufbahn kennengelernt. Viele davon „Aus der Nähe“, wie sein neues Buch heißt.

Isabelle Hofmann traf sich mit dem 1930 in Hattingen an der Ruhr geborenen Kunsthistoriker, der Architektur, Kunstgeschichte und Philosophie studierte. Nach seiner Station am Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg, ab 1960, wurde er 1986 Direktor des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums Schloss Gottorf, gründete das Jüdische Museum in Rendsburg und das Richard-Haizmann-Museum in Niebüll. Nach seiner Pensionierung 1998 blieb er weiterhin aktiv, kuratiert auch heute noch zahlreiche Ausstellungen und publiziert Kunstbücher. 2002 war er Gründungsdirektor des Bucerius Kunst Forum, das er bis 2005 leitete.

Isabelle Hofmann (IH): Herr Spielmann, „Aus der Nähe“ ist ein Mix aus Biographie und persönlich gefärbter Kunstgeschichte. Sie erzählen Ihren Werdegang anhand von mehr als 50 Künstlern, denen Sie begegneten, unter ihnen Emil Schumacher, Henry Moore, Alberto Giacometti, Oskar Kokoschka, Max Bill und Max Ernst, Horst Janssen und Paul Wunderlich. Welche dieser Persönlichkeiten hat rückblickend den stärksten Eindruck auf Sie gemacht?

Heinz Spielmann (HS): Kokoschka, natürlich!

IH: Wieso natürlich?

HS: Er war von allen derjenige, der am meisten er selbst war. Kokoschka war ein großer Maler. Aber für mich war er in erster Linie nicht der geniale Künstler, sondern ein genialer Mensch! Jemand, der mit sich und der Welt völlig im reinen war. Wenn Jeder er selbst wäre, sagte er mal, wären wir alle besser dran. Das ist es! Kokoschka ruhte völlig in sich, schlug sich an die Brust und sagte: „Ich weiß nur von mir“.

IH: Er war kein Zweifler wie Alberto Giacometti?

HS: Das kann man so sagen. Es gibt ja immer Künstler, die an sich selbst zweifeln, aber ich habe niemanden kennengelernt, der seiner Arbeit gegenüber so erbarmungslos skeptisch war, wie Giacometti.

IH: Sie haben ihn als Student 1955 mit einer Gruppe von Kommilitonen in seinem Pariser Atelier besucht. In Ihrem Buch erinnern Sie sich: „Der Bildhauer tauchte klein und fast immer gestikulierend wie ein unruhiger Gnom aus dem Halbdunkel dieses Raumes auf“.

HS: a, er war unglaublich nervös, sprach ständig und rauchte pausenlos, manchmal drei Zigaretten gleichzeitig.

IH: Drei Jahre zuvor hatten Sie schon Henry Moore kennengelernt, einen ganz anderen Bildhauer-Typus.

HS: „Moore ist wie Schweizer Käse. Das Beste daran sind die Löcher“, hat Kokoschka einmal gesagt. Henry Moore kam mir bei unserer ersten Begegnung vor, wie der Leiter einer englischen Bankfiliale. Elegant gekleidet und unglaublich korrekt.

IH: Damals waren Sie erst 22 Jahre alt. Woher rührt eigentlich diese frühe Liebe zur Kunst? Sie haben ja schon als Schüler „Die Kunst der letzten dreißig Jahre“ von Max Sauerland gelesen, des legendären Direktors des Museums für Kunst und Gewerbe, in dessen Fußstapfen Sie später traten.

HS: Ich glaube, das ist angeboren. Kunst war für mich schon immer der Zugang zur Welt.

IH: Haben Ihre Eltern Sie als Kind viel ins Museum geschleppt?

HS: Nein, gar nicht. Meine Eltern haben mich immer nur gewähren lassen. Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, bin ich jeden Sonntag in das Hagener Naturkundemuseum gegangen, um mir die Skelette von Höhlenbären anzuschauen. Das Sehen ist für mich der entscheidende Faktor, mit dem ich die Welt erfasse. Als Kokoschka mich porträtierte, sagte er: „Ich zeichne Sie mit den Augen als Lokomotive“.

IH: Das klingt nach riesigen Scheinwerfern.

HS: Man muss die Welt mit den Augen wahrnehmen. Das Intellektuelle kommt hinterher. Wenn man mit dem Intellektuellen anfängt, ist es schon verkehrt.

IH: Wie meinen Sie das?

HS: Ein richtiges Urteil bildet sich schnell und sofort. Wer das nicht hat, sollte es lassen.

IH: Der erste Künstler, den Sie 1949, vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, im Haus eines Schulfreundes kennenlernten, war Emil Schumacher, ein Jahr später kam Willi Baumeister hinzu. Die Moderne war unter den Nazis verfemt, verfolgt, verhöhnt. Wie entwickelt ein junger Mensch von 19 Jahren das Gespür, was Qualität hat und was nicht?

HS: Das war ganz einfach: In der Oberprima gingen wir mit unserem Zeichenlehrer ins Hagener Museum und sahen Aquarelle von Karl Schmidt-Rottluff aus der Zeit seiner Verfemung. Das hat eingeschlagen wie der Blitz. Die Blätter sehen – das war es.

IH: Sie haben dann aber nicht bildende Kunst studiert, sondern Architektur und Kunstgeschichte, sowie Philosophie bei Max Bense in Stuttgart.

HS: Zum Künstler hätte es nicht gereicht. Ich hatte zwar in der Schule eine Ausstellung – der einzige Besucher war übrigens Emil Schumacher – doch mir wurde bald die Unzulänglichkeit meiner Produktion bewusst. Zum Abitur habe ich alles an Lehrer und Mitschüler verschenkt.

IH: Nach dem Studium, das Sie mit einer Promotion über den über den Renaissance-Baumeister Andrea Palladio abschlossen, wurden Sie in Hamburg Leiter der Modernen Abteilung am Museum für Kunst und Gewerbe. Wenn Sie die 26 Hamburger Jahre Revue passieren lassen, worauf sind Sie besonders stolz?

HS: Dass es mir gelungen ist, die größte Sammlung angewandter Kunst des 20. Jahrhunderts in Deutschland aufzubauen. Als ich 1960 kam, bestand der Jugendstil aus eineinhalb Räumen, als ich 1986 ging, gab es davon 13 Räume.

IH: Es waren goldene Museumszeiten, oder? Sie konnten so richtig gut einkaufen.

HS: Das Museum war gar nicht sonderlich gut dotiert. Das zeitgenössische Design habe ich mir von den Firmen schenken lassen und ein Jugendstil-Zimmer von Peter Behrens oder Henry van de Velde gab es damals schon für 5.000 Mark. Eine Picasso-Keramik ab 3.000 Mark. Unikate wohlgemerkt.

IH: Unvorstellbar heute.

HS: Ich sage ja, man muss mit dem Urteil schnell sein. Wer langsam ist, hat schon verloren. Es ging mir auch darum, systematisch zu sammeln. Die wichtigste Zeit der Moderne war schon vorbei. Ich wollte diese letzte Zeit effektiv nutzen, das war in den 60er-Jahren gerade noch möglich.

IH: Nachdem Sie 1986 nach Schleswig-Holstein kamen, leuchtete Gottorf lange Zeit als musealer Stern im Norden. Aber Hand aufs Herz - wären Sie nicht doch lieber in Hamburg Direktor geworden?

HS: Das habe ich mir gar nicht überlegt. Gottorf war ja ein sehr attraktives Schloss, in dem man ein Gesamtkunstwerk einrichten konnte – von der Gotik bis zum Barock. Eine schönere Aufgabe hätte ich mir kaum vorstellen können.

IH: Warum sind Sie eigentlich nicht bei der Architektur geblieben?

HS: Ich habe schnell gemerkt, dass man in der Architektur den Zwängen der Gewinnmaximierung unterworfen ist und selten das machen kann, was man für richtig hält. Im Studium habe ich aber mit meinen Entwürfen ganz gut Geld verdient. Damit konnte ich noch mein Philosophiestudium finanzieren.

IH: Star-Architekten wie Frank Gehry oder Herzog und de Meuron können sich doch sehr wohl verwirklichen und visionäre Bauten wie das Guggenheim Museum in Bilbao oder die Hamburger Elbphilharmonie realisieren.

HS: Bilbao muss bereits repariert werden und die Elbphilharmonie hat schon jetzt erhebliche technische Probleme. Dahinter steckt eine nach außen gewölbte Pappdeckel-Mentalität. Statik, alles was zum Bauen gehört, findet doch gar nicht mehr statt! Die gesamte Architektur krankt daran, dass sie nicht mehr von den Gesetzmäßigkeiten des Bauens ausgeht, sondern von einem Pseudo-Individualismus der Architekten. Alle Weltarchitektur der vergangenen 4000 Jahre lebt davon, dass sie auf Dauer bestehen kann – und zwar ästhetisch wie physikalisch.

IH: Die Elbphilharmonie gehört nicht dazu?

HS: Bestimmt nicht! Deren Probleme werden erst richtig anfangen, wenn sie fertig ist. Wie will man sie füllen und die laufenden Kosten finanzieren? Das geht nur so, wie bei den meisten Fernsehsendern: Runter mit dem Niveau, damit die Einschaltquoten hoch sind.

IH: So, wie Sie jetzt gegen die Elbphilharmonie wettern, wetterten Sie vor 34 gegen einen Künstler, der damals wie ein Heiliger verehrt wurde: Joseph Beuys. Er erhielt 1977 den Lichtwark-Preis der Hansestadt Hamburg, Sie waren im Vorstand der Lichtwark-Gesellschaft und distanzierten sich mit deutlichen Worten von ihm. Wie sehen Sie das heute?

HS: Genauso: Beuys ist langweilig.

IH: Er hat den Kunstbegriff erweitert. Seine Kunst war im Kern auch eine philosophische Leistung.

HS: Es ist doch klar, dass eine Gesellschaft, die an die Gleichheit glaubt, jemanden anhimmelt, der predigt, jedermann sei ein Künstler!
Kunst ist immer das Besondere, das Außergewöhnliche.

IH: Sie wurden damals als Reaktionär beschimpft.

HS: Ein Stück Wachs ist ein Stück Wachs und ein Spint ist ein Spint. Punkt!
Oder, um es mit Immanuel Kant zu sagen: „Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen“.


Heinz Spielmann, „Aus der Nähe – Mein Leben mit Künstlern“
Wachholz Verlag, 24.80 Euro
383 Seiten mit Abb.
ISBN: 9783529034336
Leseprobe


Abbildungsnachweis:
Header: Heinz Spielmann. Foto: Wachholtz-Verlag
Galerie:
1. Buch-Cover
2. Hein Speilmann in seinem Arbeitszimmer. Foto: Isabelle Hofmann

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