Zum Anfang

Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 624 Gäste online

Neue Kommentare

Friedrich von der Lange zu „Snowden” – Patriot oder Verräter? : Von keinem anderen, als von Ollie Stone hätte ic...
Hein Daddel zu „Alice und das Meer” – oder das Ende der Treue: Ein starker Film über eine starke Frau. Sehr gut...
Gerhard P. zu OKRA – Piano & Field Recordings: Wunderbar und spitzfindig geschrieben. Macht Spa...
Hans G. Gohlisch zu Chefredakteur von ZEIT ONLINE spricht über "Community Engagement und New Storytelling: Eigentlich habe ich einen Bericht über David Hoc...
adarompf@gmx.de zu „Mahana – Eine Maori-Saga”. Zwischen Tradition und Tyrannei : In allen Facetten genaue Beschreibung des Films, ...

Anzeige

Spezial - Lange Nacht der Museen Hamburg 2016

Spezial - Hamburger Architektur Sommer 2015


Kultur und Management

Kreativbad Reichenhall

Drucken
(142 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Klaus von Seckendorff  -  Mittwoch, den 22. Oktober 2014 um 10:05 Uhr
Kreativbad Reichenhall 4.5 out of 5 based on 142 votes.
Kreativbad Reichenhall

Zur Kur erstaunlich viel Kultur: Meisterkurse bei Avantgardekünstlern, täglich Konzerte der Bad Reichenhaller Philharmonie und an der Kunstakademie in der Alten Saline eine Tagung zum Thema „Kreativität“.
Auch wenn Reichenhall, im Südosten Bayerns gelegen, seinen Status als Kur- und Badeort den Solequellen verdankt, deren salzgesättigtes Wasser im schmucken Backsteinbau der Alten Saline an die Oberfläche gepumpt wird – muss man deswegen als ortsansässiger Musiker sein Salonquartett „Reich an Hall“ nennen und im Rahmen eines Konzerts mit dem Motto „Alles Tango“ ausgerechnet „O sole mio“ spielen“?

Was auf den ersten Blick Kurmittel aus dem Kalauerkeller befürchten lässt, macht auf den zweiten durchaus Sinn, denn das mittelhochdeutsche Wort „Hall“ bedeutet Salz, und der Ortsname des Staatsbads geht tatsächlich auf „Reich an Hall“ zurück, weshalb dieser Spruch auch eine Pumpe ziert, die seit dem späten 18. Jahrhundert die „Salzbrühe“ aus den Felstiefen holt. Auf den dritten Blick erweist sich dann das hallreiche Salon-Ensemble als origineller Zusammenschluss gestandener Musiker/innen eines philharmonischen Orchesters, die sich nicht scheuen, „O sole mio“ auch mal im Wasser eines Brunnens stehend zu spielen und das ganze als Cold Water Challenge bei YouTube hochzuladen.

Ein sinfonisches Großensemble, dessen 40 Instrumentalisten jahraus, jahrein für 350 Konzerte sorgen – das hat noch nicht einmal das musikalisch verwöhnte Bad Kissingen zu bieten. Dort gibt es zwar vom Montag abgesehen täglich gleich zwei Konzerte, was man alpennäher „nur“ an sommerlichen Dienst- und Sonntagen geboten bekommt. Weshalb es übrigens die Bad Kissinger 2012 mit ihren 727 Auftritten als weltweit „meistspielendes Ensemble“ ins Guiness-Dings geschafft haben. Andererseits klingen die 13 Musiker von der Fränkischen Saale eher nach Kammerorchester und müssen Sinfonisches herunter dimmen, während weiter im Süden (Lockformel: „Durchatmen im Alpenklima“) die Seele auch bei Tschaikowskis Klavierkonzerten oder Mozarts Sinfonien gesunden kann, was schon mal Solisten wie Bruno Canino oder Natalie Gutman in die Konzertrotunde lockt.

Aber auch die orchestereigenen Solisten sind dem teils täglich (!) erscheinenden Stammpublikum so ans Herz gewachsen, dass auf Zetteln fürs Wunschkonzert statt Operetten-Potpourris oder dem obligatorischen Strauß-Walzer auch mal steht, man wolle unbedingt die Geigerin Cora Stiehler hören. Also bitte kein übergroßes Bedauern für „arme“ Orchestermusiker, die hier mit leichter Muse berieseln müssen. Im Repertoire von mehr als 600 Stücken (im Archiv lagern gar Noten für mehr als 6.000) findet sich neben den ihrerseits ja durchaus herausfordernden „Gustostückerln“ manch Anspruchsvolleres von Haydn bis Wagner.

Herausfordernd auch im quasi sportlichen Sinn – das mag nicht allen 120 Flötist(innen)en klar sein, die sich gerade auf eine der begehrten Stellen beworben haben. Kaum Proben, Berge von neuem Material (das insbesondere junge Dirigenten nur selten aus dem Studium kennen), da entspannt sich die Lage für Neulinge erst nach zwei, drei Jahren. Kleine Erleichterung: Wenigstens gibt’s bei den alltäglichen Kurkonzerten viel Moderation und kurze Pausen zwischen den Stücken.

Die würde ein Kreativitätsforscher wie der Philosoph Karl-Heinz Brodbeck auch bei Konzerten auf höchster musikalischer Ebene vorziehen: Nachwirkung statt Beifall, der unmittelbar auf den letzten Ton folgt. „Achtsamkeit“ lautete sein Zentralbegriff, als er Mitte Oktober einen Vortrag hielt auf Bad Reichenhalls erstem Kreativ-Wochenende. Eingeladen ins Industriearchitektur-Ambiente gleich neben der Solepumpe hatte die Kunstakademie der Stadt. 1996 mit bescheidenen Sommerkursen gestartet, konnte sie bis heute 25.000 Teilnehmer verzeichnen, und die mittlerweile 120 Dozenten für 220 Kurse sind gestandene Vertreter der Gegenwartskunst. Nicht alle so prominent wie Markus Lüpertz, der hier bis 2013 unterrichtet hat, aber auch die im Durchschnitt um die 50 Jahre alten Kursteilnehmer haben Erfahrung und Ambition genug, um von erfahrenen Dozenten wie Franz Hitzler, Jerry Zeniuk oder Heribert C. Ottersbach als „Kollegen“ empfunden zu werden.
„Dranbleiben ist mindestens so wichtig wie Talent“, betonte Ottersbach auf der Wochenendtagung zum Thema Kreativität. Auch die Herren von der forschenden Zunft waren sich einig, dass schöpferisches Tun bei allem Wert von Ein- und Zufällen nicht ohne manche Fertigkeiten auskommt, selbst beim „Genie“ nicht, das als Erklärungsmodell sowieso ausgedient hat. Sind wir nun alle Kreative, schon weil wir Eindrücke ganz individuell verarbeiten, selbst wenn wir nur durch den Kurpark laufen? Oder wird das Fetischwort inflationär gebraucht, selbst bei ausdrücklich schöpferischen Ambitionen im Volkshochschul-Aquarellkurs?

Einig waren sich die Vortragenden, dass sich Handfestes noch am ehesten zu den „Begünstigungsbedingungen“ für Kreativität sagen lässt. Musik zum Beispiel „lockert den Sparren“ (Holger Noltze). Einig waren sie sich nach drei Tagen zwischen den Atelierräumlichkeiten der Akademie und einem Photowalk auf dem 1614 Meter hohen Predigstuhl auch, dass Bad Reichenhall kulturell für manche Überraschung gut ist, so dass man beim Fremdenverkehrsamt auf die Lust an Musik und Bildender Kunst setzen kann, statt nur um – ist das nun Kreativität? –Einfälle zu ringen, wie man „für alle Sinne“, Seelengebaumel und „Erleben“ in einem Satz unterbringt, der nicht allzu abgedroschen klingt. Wir wär’s stattdessen mit „Weil Kur kreativ macht und Kreativität kuriert“, ganz zu schweigen vom Bad Reichenhaller „Begünstigungsklima“? Sorry, so kann’s enden, wenn einem beigebracht wird, dass man fast alle Einfälle zulassen soll.


Abbildungsnachweis:
Header: Alte Saline. Foto: © Max Köstler
Galerie:
01. Reich an Hall
02. Bad Reichenhall. Foto: © Goldmann Public Relations
03. Alte Saline. Foto: © Goldmann Public Relations
04. und 05. Philharmonisches Ensemble der Bad Reichenhaller Philharmonie „Resch und Fesch“. Foto: © Goldmann Public Relations
06. Galerie der Kunstakademie Reichenhall. Ausstellung Jutta Kowatsch "In between". Foto: © Goldmann Public Relations
07. Kunstakademie Reichenhall. Malkurs bei Heribert C. Ottersbach. Foto: © Goldmann Public Relations
08. Fachtagung Zukunftspotential Kreativität, Karl-Heinz Borbeck. Foto: © Goldmann Public Relations
09. Fachtagung Zukunftspotential Kreativität. Foto: © Goldmann Public Relations
10: Fachtagung Zukunftspotential Kreativität, Wolfgang Welsch. Foto: © Goldmann Public Relations
11. Fachtagung Zukunftspotential Kreativität, Holger Notze. Foto: © Goldmann Public Relations

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Mehr auf KulturPort.De

Knauer, Safaian, Schumacher: Zeitloses Treiben in Bachs Notenmeer
 Knauer, Safaian, Schumacher: Zeitloses Treiben in Bachs Notenmeer



In der CD-Reihe „Neue Meister“ präsentieren Arash Safaian, Sebastian Knauer und Pascal Schumacher die Musik nach Motiven von Bach so, wie der Meiste [ ... ]



Reeperbahn Festival 2016: Auf der Suche nach der Kunst
 Reeperbahn Festival 2016: Auf der Suche nach der Kunst



Die Autorin dieses Beitrags ist begeisterte Reeperbahn Festival-Besucherin, schaut sich aber neben dem umfassenden Konzertangebot besonders gerne im „Arts& [ ... ]



Die Zauberflöte in Hamburg: Herzattacke in der Staatsoper
 Die Zauberflöte in Hamburg: Herzattacke in der Staatsoper



Radikal entschlackt, mit großen Lichtvorhängen ins Computerzeitalter gebeamt, lässt Regisseurin Jette Steckel die Neuinszenierung von Mozarts Opernhit „ [ ... ]



„Snowden” – Patriot oder Verräter?
 „Snowden” – Patriot oder Verräter?



Das Schlachtfeld heißt Cyberspace, und für US-Regisseur Oliver Stone ist sein Protagonist ein Widerstandskämpfer mit Vorbildfunktion. Ziviler Ung [ ... ]



Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch
 Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch



„Manchmal fotografiert man die Welt, um sie und sich selbst besser verstehen zu können, eignet sich Dinge durch Abbilder an, um sie sich zu gegebener Zeit [ ... ]



Saisonstart mit philharmonischem Glück und symphonischem Tiefgang
 Saisonstart mit philharmonischem Glück und symphonischem Tiefgang



Die Hamburger Philharmoniker mit Kent Nagano punkten bei ihrer Saisoneröffnung mit Brahms’ Erster. Die Symphoniker Hamburg holen mit Thomas Adè [ ... ]



Weitere aktuelle Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.