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Mapping Berlin – Auf den Spuren des handgezeichneten Stadtplans

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Freitag, den 18. Oktober 2013 um 10:09 Uhr
Mapping Berlin – Auf den Spuren des handgezeichneten Stadtplans 4.6 out of 5 based on 147 votes.
Mapping Berlin – Auf den Spuren des handgezeichneten Stadtplans

„Stadtpläne dienen traditionsgemäß der Navigation. Das Internet und moderne Technologien haben diese Funktion jedoch drastisch verändert,“ sagt Jenni Sparks zu ihrem neuen Kunstprojekt.
Dass Google Maps Stadtpläne obsolet werden lässt, ist einer der Gründe, warum die junge Londoner Illustratorin in die deutsche Hauptstadt gereist ist um einen handgezeichneten Stadtplan von Berlin zu erstellen.
Ich treffe Jenni Sparks im „Schraders“ einem Café im Stadtteil Wedding. Bei meiner Ankunft umringen Berliner einen Grundriss der Stadt und die Engländerin Sparks zeichnet. Vier Tage lang sammelt sie Informationen über die Lieblingsorte der Einwohner und verewigt diese in ihrer Skizze. „Unser Ziel ist es, ein persönliches Berlin zu präsentieren auf das Eingeweihte stolz sind“, sagt Jenni Sparks.


„Die Atmosphäre und die Erfahrungen, die eine Stadt wie Berlin dir bieten kann, vermittelt Google Maps nämlich nicht.“ Aus diesem Grund ist Berlin nach New York und London bereits die dritte Metropole welche Sparks für den Kunstdruckhändler Evermade.com anfertigt. Die handgezeichneten Metropolen entsprechen einem besonderen Zeitgeist.


Alle Pläne orientieren sich an farbenfrohen U-Bahnnetzen und zeigen ein Schwarz-Weißes Häusermeer, durchzogen von grünen Parks und blauem Wasser. Die Charakteristik der jeweiligen Berliner Bezirke findet ihren kontrastreichen Ausdruck in unterschiedlichen Baustilen und Symbolen. Während die Hauptmerkmale der Ostbezirke Friedrichshain und Kreuzberg aus Graffitis, Flyern und politischen Schriftzügen bestehen, dominieren im westlichen Charlottenburg Diamanten und Eurozeichen. In Wilmersdorf erinnert der Union Jack an die ehemalige Besatzungszone der Briten und auf dem Prenzlauer Berg regiert der Kinderwagen. Kultur und Kunst werden in allen Bezirken hervorgehoben.

Die dunkle Geschichte und die hohe Arbeitslosigkeit ist Jenni bei ihren Recherchen besonders aufgefallen: „Berlin zu zeichnen erscheint mir bisher wesentlich rauer und wilder als New York und London. Aber genau das gefällt mir an der deutschen Großstadt.“

Die Illustrationen von London und New York wurden vielfach online veröffentlicht und die britische Tageszeitung „The Guardian“ kontaktierte Sparks bezüglich eines „Mapping-Trends“. Sie publizierten Jenni Sparks New York Map als Aufmacher des Online-Artikels: „Why hand-drawn maps are back in the picture“.

Der Guardian verfolgt eine heiße Spur. In den letzten Jahren wurden diverse Bücher veröffentlicht, welche den Bezug zwischen Stadtplänen und der realen Welt thematisieren. Das Buch „Mapping Manhattan“ besteht aus Umrissen des Big Apple, welche Bewohner mit visuellen Erinnerungen füllten. Im Vorwort heißt es „Stadtpläne und Erinnerungen stehen zueinander in einem Verhältnis wie Songs und Liebesaffären.“ Der Stadtplan vermag es demnach als Medium komplexe Erinnerungen zu umschließen und zu lagern.

Tatsächlich existieren handgezeichnete Pläne welche die Emotionen ganzer Epochen konserviert haben. So auch die internationalen Pläne der US-Amerikanischen „Assoziation für handgezeichnete Stadtpläne“ (Engl.: „HDMA“), welche online zur Verfügung stehen. In der Rubrik „Deutschland“ existiert ein handgezeichneter Lageplan der Stasi zur Überwachung eines Ehepaars. Er erinnert an eine Zeit in der Menschen überwacht und häufig aus Liebe zur Freiheit eingesperrt wurden. Der Plan existiert als Überrest einer Zeit, welche er als greifbares Artefakt lebensecht reanimiert.

Sparks empfindet eine große Verantwortung gegenüber ihrer Aufgabe eine gesamte Hauptstadt authentisch reflektieren zu wollen. Die Bewohner haben ihr erklärt, dass in Berlin heute der Blick nach vorne unabdingbar ist, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. „Aus diesem Grund habe ich die Berliner Mauer so gezeichnet wie ich sie vorfand, als kleine Teile, welche sich quer durch die Stadt ziehen ohne zu stark aufzufallen“, so Jenni Sparks. Die Geschichte Berlins hat die Engländerin subtil in das Stadtbild eingearbeitet, wodurch ohne jegliche Wertung neben der Ästhetik auch Informationen transportiert werden.

Möglicherweise ist auch das Artefakt welches er bildet ein Grund dafür, dass der handgezeichnete Stadtplan während des Aufkommens der Haptik entzogener Medien an Popularität gewinnt. Jenni ist jedenfalls überzeugt, dass ein greifbarer, handgezeichneter Stadtplan einen wertvollen Besitz darstellt: „Ich finde es toll wenn irgendwo eine Party stattfindet und Freunde dir einen kleinen Stadtplan auf ein Taschentuch zeichnen. Dieser Plan hat dann eine tiefere Bedeutung für mich.“

Der Stadtplan entspricht nicht lediglich einer Erinnerung an ein Erlebnis. Er ist ein Teil des Erlebnisses als welcher er fortbesteht. In „Mapping Manhattan“ heißt es, der Stadtplan sei: „eine stärkere Version einer Reise als es ein Video es je sein könnte; er ist beinahe eine stärkere Version einer Reise als die Reise selbst.“

Aus diesem Grund haben die Illustratorin Jenni Sparks und der Händler Evermade den Stadtplan als Medium wiederentdeckt, denn er vermag es komplexe Lebenserfahrungen komprimiert und greifbar darzustellen. In einer zunehmend kosmopolitischen Welt gewinnt dieses „echte“ und verloren geglaubte Medium wieder an Bedeutung.


Fotonachweis:
Alle Abbildungen und nähere Informationen: Jenni Sparks
Weitere Fotoquelle: Evermade.com
Header: Map Berlin
Galerie:
01. Künstlerin Jenni Sparks mit London Map. Foto: Stephan Roggendorf
02. Arbeiten im Café "Schraders". Foto: Stephan Roggendorf
03. Wo ist was? Besucher im Café Schraders. Foto: Stephan Roggendorf
04. Map New York
05. und 06. Map New York (Detail)

07. Map London
08. Map London (Detail)

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