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Von der Händlerkarte zur Visitenkarte, eine historische Entwicklung

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Sonntag, den 24. Oktober 2010 um 14:35 Uhr
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Von der Händlerkarte zur Visitenkarte, eine historische Entwicklung 

Die Frage nach dem Ursprung der Besuchs- oder Visitenkarte ist präzise nicht zu beantworten. Ebenso wie dem Exlibris hat man auch ihr ein antikes Alter zugeschrieben, hat ihre Spur im griechischen Altertum zu finden geglaubt, den Römern "schedulae Salutatoriae" zugetraut und ihre Benutzung durch die Chinesen schon vor über tausend Jahren feststellen wollen.
Gelehrte im Reich der Mitte haben Schießpulver, Porzellan und die Buchdruckkunst lange vor uns Europäern besessen - warum sollten sie, da sie zu den höflichsten Menschen gehören, nicht auch die Erfindung der Besuchskarte vor uns gemacht haben? Erste Nachweise über die Verwendung von Besuchskarten in China gibt es tatsächlich bereits aus dem 15. Jahrhundert. Europa erreichte diese Tradition etwa ab Mitte des 17. Jahrhunderts.

Mit unserer modernen Visitenkarte haben diese vermeintlichen oder wirklichen Vorläufer indes wenig zu tun. Wir haben unsere Besuchskarte ohne allen Zweifel weder von den Griechen noch von den Römern übernommen. Professionelle Forscher datieren das Auftauchen von Besuchskarten in Europa frühestens in die Renaissance, in der die Kunst des Lesens und Schreibens in Oberschichten der Bevölkerung allgemein geworden war und möglicherweise Visitenkarten eine Daseinsberechtigung hatten.

Indessen ist ein haltbarer Nachweis für die Benutzung jener Karten für die Zeit vor Ludwig XIV. (1638-1715) bislang nicht erbracht. Der Historiker und Journalist John Grand-Carteret (1850-1927) behauptet in seinem Buch ‚Vieux papiers, vieilles images’ (Paris 1896), dass deutsche Studenten der Universität in Padua um das Jahr 1550 bei ihren Professoren eine Karte abgaben, wenn sie diese bei ihren Besuchen nicht zu Hause antrafen, und dass die Besuchskarte damals in Italien bereits allgemein im Gebrauch war. Zum Beweis hierfür berief er sich auf zahlreiche gestochene Karten, die sich im Museo Civico in Venedig befänden. Mittlerweile konnte jedoch von Experten nachgewiesen werden, dass jene studentischen Besuchskarten nicht aus dem 16., sondern aus dem 18. Jahrhundert stammen. Ferner wies man nach, dass die Quelle der Grand-Carteret folgte, ein Brief des venezianischen Dogen Giacomo Contarinis (1536-1596) war, in dem erwähnt wurde, dass ein deutscher Student in Padua, der ihn selbst bei seinem Abschiedsbesuch nicht zu Hause angetroffen hätte, ihm eine Karte mit dessen Wappen und Namen zurückgelassen habe (una sua cartolina con la sua arma et il proprio nome). Derartige Karten sind uns aus jener Zeit in Deutschland zahlreich erhalten; über dem gezeichneten Wappen steht meist ein Lebens- oder Wahlspruch, darunter der Name und manchmal zusätzlich eine Widmung. Es handelt sich jedoch nicht um eine für den Zweck gedruckte Besuchskarte, sondern um eine Art überreichte Erinnerungsgabe der Freundschaft, wie sie in jener Zeit, als das Wappen noch Symbol seines Besitzers war vielfach verschenkt wurden, vergleichbar und in der gleichen Weise wie man heute eine gerahmte Fotografie von sich selbst verschenken würde.

Im 18. Jahrhundert und vor allem später, in der Zeit der Industrialisierung, kamen sogenannte kleinformatige Trade Cards, Handelskarten auf. Sie wiesen häufig neben dem Namen des Unternehmens oder Ladens auch Abbildungen der Produkte auf und dienten primär der Kundenorientierung, da das heutige formale System der Straßennamen, Hausnummern und Postleitzahlen zur damaligen Zeit noch unbekannt war. Dies hat sich übrigens in Japan und China bis dato erhalten. Visiten- und Geschäftskarten sind rückseitig mit kleinen vereinfachten Karten versehen, auf denen Straßen und markante Gebäude abgebildet sind und so das Finden der Adresse vereinfacht.

Lange Zeit, insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert galt es als Etikette, seine Besuchskarte zunächst einem Hausangestellten auf sein Tablett zu legen – wir kennen diese Szene aus Filmen; eine besondere Form des Knickes der Besuchskarte verriet dem Hausherren oder der Dame den Grund und die Wichtigkeit des wartenden Gastes.
In ostasiatischen Ländern hat die Visitenkarte noch heute wichtige Etikette-Funktionen. Sie ist das Zeichen der Achtung und des Respekts eines Besuchers. So gilt es als unhöflich, keine Karte bei sich zu tragen, die man überreichen kann. Außerdem ist es üblich, die kleine Karte mit beiden Händen zu überreichen. Diese steckt man dann auch nicht sofort ein, sondern lässt sie für einen gewisse Zeit vor sich liegen.

Im Westen werden Visitenkarten überwiegend zum Austausch von geschäftlichen oder privaten Kontaktdaten verwendet und sie sind längst in digitale Form umgewandelt. Auch wenn bei uns die Visitenkarte nichts mehr mit Etikette zu tun hat, so hat sie einen gestalterischen Wert und kann durchaus - bei gutem Design - als persönliche und charakterisierende Identität angesehen werden.


Der Text basiert auf unterschiedlichen analogen und digitalen Quellen. Insbesondere: „Vom Kunstgewand zur Höflichkeit“ von Walter von zur Westen. Teile des Werks sind in digitaler Form bei Frese Edeldesign in Düsseldorf unter der Homepage: www.frese.de zu finden. Weitere Quellen sind: The Business Card Site (Australia), Business Card Design (USA), artofmanliness.com (USA), ancestorville.com (USA), San Diego Archaeological Center (USA).

Abbildungen: Diverse Händler-, Besuchs- und Visitenkarten zwischen 1730 und 1999 aus Europa, Asien und den USA.

Bildnachweise: (Header) Um 1900: Wilhelm, Deutscher Kaiser und König von Preußen, Quelle: Privatsammlung USA / 1730: Trade Card des Stuhlbauers und Polsterers Christopher Gebfore, London (Nähe "St. Paul's Church") / 1789: Besuchskarte des Baron de Braun mit Aufzählung seiner Tätigkeiten / Um 1840: Händler- und Orientierungskarte des in Köln ansässigen Eau de Cologne-Herstellers John Maria Farina (in englischer Sprache) / Um 1880: Visitenkarte des Arztes José Rizal in Hongkong (Ophthalmologist Business Card of Dr. José Rizal (Filipino National Hero 1861-1896) from Hong Kong) / Ca. 1885: Trade Card der Casavant Brothers (Casavant Frères) Claver und Samual, (kanadische Orgelbaufirma aus Québec) / 1895: Business Card des US-Attorneys Charles M. Wright, aus Iowa, spezialisiert auf Pensionsfälle. Quelle: SSA History Archives, USA / 1914: Business Card des Midway Restaurants und Saloons in New Orleans, mit Bild des Inhabers John Querella, Quelle: www.stphilipneri.org (New Orleans History), USA / Ca. 1920: Händlerkarte der Firma G. Peruzzi Silberwaren aus Florenz (in englischer Sprache) / 1925: Visitenkarte der Galerie D'Art Du Bon Marché, Brüssel Belgien / 1999: Rückseite der Visitenkarte eines Restaurants in Kyoto, Japan, Quelle: Privatbesitz.
Quelle: Diverse von Wikipedia ohne Copyrights.

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