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Grafik & Design

No Name Design

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Dienstag, den 01. März 2016 um 11:03 Uhr
No Name Design 4.5 out of 5 based on 76 votes.
Das Maß aller Dinge/Alles klar/Teile zusammenbringen. Foto: Hans Hansen

Messer, Gabel, Schere, Licht sind für kleine Kinder nicht, heißt ein deutscher Kinderreim. Man könnte stattdessen auch dichten: „...sind für die Designer Pflicht“. Denn genau das ist Aufgabe der Produktgestalter – Gebrauchsgegenständen eine Form zu geben, egal, wie banal sie auch sind.
Dass die alltäglichen Hilfsmittel im Haushalt, Garten oder in der Werkstatt zumeist ganz hervorragend gestaltet sind, zeigt gegenwärtig der Schweizer Designer und Dozent Franco Clivio im Museum für Kunst und Gewerbe: Seine riesige, rund 1000 Alltagsgeräte umfassende Sammlung an „No Name Design“ formiert sich hier zu einer veritablen Sehschule von geradezu enzyklopädischem Ausmaß.

Alles ist Gestaltung. Man weiß es, nimmt es jedoch kaum wahr. Wer begutachtet schon den Gulli-Deckel, Flaschenöffner oder Kartoffelschäler nach ästhetischen Kriterien? Die Dinge jenseits der offiziellen Design-Kultur müssen einfach gut funktionieren und das tut sie auch (zumeist jedenfalls): „form follows function“ heißt der internationale Gestaltungsgrundsatz, den spätestens seit dem Bauhaus jeder Designstudent im ersten Semester verinnerlicht hat. Die Form folgt der Funktion, das heißt konkret, sie reduziert sich auf das Wesentliche. Werkzeuge, wie Hammer, Harke, Besen oder Zange erfüllen genau diese Kriterien, doch die kreativen Köpfe, die diese Objekte entwickelt haben, bleiben meist anonym.

Franco Clivio, seit 20 Jahren Leiter der Abteilung Industrial Design an der Hochschule für Gestaltung in Zürich und selbst ausgebildet an der legendären Kaderschmiede des guten (Nachkriegs)Geschmacks in Ulm, war bereits als Kind von guter Gestaltung begeistert. „Ich sammele seit ich Hosentaschen besitze“, sagt der mitreißend dozierende Professor und erzählt von seinem ersten Taschenmesser, das er als 14-Jähriger von seinen Eltern geschenkt bekommen hatte und kurz danach wieder verlor. Doch der raffinierte, versteckte Öffnungsmechanismus des Messers ging ihm nicht wieder aus dem Kopf und wahr wohl der Auslöser seiner Sammelleidenschaft: Knapp 50 Jahre suchte Franco Clivio nach einem Messer mit gleichem Mechanismus. Seine Neugier auf Kisten und Kästen voller Krimskrams, volle Keller und Dachböden, Trödler und Flohmärkte, ist seitdem ungebrochen.

Die ungezählten Schätze, die er im Laufe seines Lebens zusammentrug, hat er nun gemeinsam mit dem Fotografen Hans Hansen thematisch geordnet und akkurat in Form gebracht. Die sechs meterlangen, beidseitig zu besichtigenden Vitrinen, in denen die Utensilien in 29 Kapiteln aufgereiht sind, hat er selbstverständlich selbst entworfen.

Nichts, was es hier nicht gibt: Angefangen von Utensilien aus Naturfasern, Horn und Holz (Pfalzbeine, Teppichklopfer, Rasierpinsel) über Objekte aus Draht und Gusseisen, bis hin zu Aluminium, Gummi und Kunststoffe aller Art.

Wenn man das Glück hat, Franco Clivio live zu erleben, kann man nur darüber staunen, wie mitreißend er von der Schönheit und Funktionalität der Dinge schwärmen kann. Von dem eleganten, luftig-leicht „gestrickten“ Untersetzter aus Metall beispielsweise, der nur 80 Gramm wiegt, aber 100 Kilo Gewicht tragen kann. Oder von der Brille, deren Gläser sich einzeln herunterklappen lassen, damit die Damen sich auch ordentlich schminken können.

Überhaupt liebt der 73-jährige Designer Objekte mit verborgenen Fähigkeiten, mit „integrierter Intelligenz und Aha-Effekt“, wie er sagt. Das sind natürlich die Objekte, die ihn zu eigenen Entwürfen, bzw. Weiterentwicklungen inspirieren. So entfaltet sich sein handlich-kleiner LAMY „Pico“ dank raffinierter Mechanik erst bei Druck zu einem ausgewachsenen Kugelschreiber. Den Vorläufer dazu gab es schon vor über hundert Jahren. Wirklich gute Dinge kommen halt nie aus der Mode.


No Name Design
zu sehen bis 3. April 2016 im Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz 1, in 20099 Hamburg.
Eintritt 10, ermäßigt 7 Euro, donnerstags ab 17 Uhr 7 Euro, Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren frei.
Weitere Informationen
YouTube-Video: Einblick in die Ausstellung "No Name Design" im Gewerbemuseum Winterthur, 2013


Abbildungsnachweis:
Header: Das Maß aller Dinge/Alles klar/Teile zusammenbringen. Foto: Hans Hansen
Galerie:
01. Ausstellungsansicht. Foto: Michaela Hille
02. Der Rasierpinsel ist ein Standardprodukt. Diese Pinsel bestehen aus einem Griff aus Knochen und Borsten aus qualitätvollem Tierhaar. Interesssanterweise ergeben mehrere von Ihnen eine harmonische Struktur. Foto: Hans Hansen
03. Dieser Bücherständer ist ein kinematisch komplexes Objekt. Öffnet man die Scheren auf der Vorderseite, klappt sie der Ständer durch die Anbringung der einzelnen Glieder aus. Foto: Hans Hansen
04. Poster „No Name Design“. Foto: Hans Hansen
05. Franco Clivio. Foto: Lena Kern
06. Die Herstellung von Gummihandschuhen verlangt Gussformen mit fehlerfrei glatten Oberflächen. Keramik eignet sich ideal. Die Form wird in Latex getaucht; wenn das Material getrocknet ist, lässt sich der Handschuh abziehen. Foto: Hans Hansen
07. Die Natur kann es am besten. Foto: Hans Hansen
08. Glas ist unverzichtbar in der Beleuchtungsindustrie, da es transparent, luftdicht und hitzebeständig ist. Das Rohmaterial erlaubt verschiedene Formen, die mit Gas gefüllt werden können oder leer bleiben. Foto: Hans Hansen
09. Es gibt eine Vielzahl an Messgeräten um den Innenumfang von Dingen zu messen. Dieses Objekt wird benutzt um Hutgrößen festzustellen. Foto: Hans Hansen.

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