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Fotografie

Wanderarbeiter - Fotografien einer neuen Arbeiterklasse

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Montag, den 23. Dezember 2013 um 10:39 Uhr
Wanderarbeiter - Fotografien einer neuen Arbeiterklasse 4.6 out of 5 based on 138 votes.
Wanderarbeiter - Fotografien einer neuen Arbeiterklasse

„Wanderarbeiter“ – wie soll sich an diesem lakonischen Titel die Phantasie des flüchtigen Lesers entzünden?
Wer kommt auf den Gedanken, dass sich hinter so viel Trockenheit eine aufregende Fotografie-Ausstellung verbirgt?
Das Museum der Arbeit sollte sich am Bucerius Kunst Forum ein Beispiel nehmen. Dort hätten die Kuratoren so etwas wie „Zwischen Schrecken und Hoffnung – Knechtschaft in der Fremde“ gemacht und damit wieder einen Publikumserfolg gelandet. Und genau das verdient diese ungemein sehenswerte Dokumentation: Die Bildergeschichten der neun Fotografen, die das Thema seit den türkischen „Gastarbeitern“ der 60er-Jahre bis in die Gegenwart beleuchten, sind von einer Eindringlichkeit, Kraft und künstlerischen Qualität, die noch lange in Erinnerung bleiben.

Wie viele Menschen leben in Deutschland in einer Seifenblase des Wohlstandes? Wie viele nehmen kaum wahr, was außerhalb ihrer Welt geschieht und sind für diejenigen, die jenseits der Seifenblase leben, so unerreichbar wie ein ferner Stern? Dabei geschieht das, was die Schau „Wanderarbeiter“ vor Augen führt, nicht nur im fernen China, sondern unmittelbar vor unseren Augen. Mitten in Hamburg. Tag für Tag: Menschen, die ihre Heimat, ihre Familie, einfach alles, verlassen, in der Hoffnung, im allseits gelobten Land, einen Krumen vom Kuchen abzubekommen.
Kein neues Phänomen, natürlich. Schon vor 200 Jahren gab es „Armutsmigranten“, wie man sie heute nennt. Insbesondere zur Zeit der Industrialisierung strömten die Menschen vom Lande in die Städte, um unter menschenunwürdigen Verhältnissen das neue Proletariat zu bilden. Erschreckend ist nur, dass diese Auswüchse zu Beginn des Kapitalismus im neuen Jahrtausend nicht nachgelassen, sondern noch beständig zunehmen: Allein in der EU arbeiten heute mehr als 10,7 Millionen Menschen in der Fremde. Sie kommen aus Polen, Rumänien oder Bulgarien. Aus Albanien, Moldawien oder Tadschikistan. Sie arbeiten als Hilfsarbeiter auf dem Bau, in der Fleischindustrie oder als Zimmermädchen. Ihr Verdienst beträgt durchschnittlich drei Euro pro Stunde – und davon geht das meiste drauf für Unterkünfte, die jeder Mitteleuropäer als unzumutbar einstufen würde. Doch das Geschäft mit der Armut boomt: Allein aus Bulgarien leben in Hamburg 5.000 Wanderarbeiter und Arbeiterinnen.

Der gebürtige Argentinier Mauricio Bustamente, freier Fotograf in Hamburg und Mitarbeiter des Straßenmagazins „Hinz & Kunzt“, hat die bulgarischen „Wanderer zwischen den Welten“ begleitet und daraus eine atmosphärisch dichte Dia-Installation mit Überblendungen und Musik geschaffen, die den Zuschauer mit auf die Reise ins „gelobte Land“ nimmt. Die Tristesse der nordbulgarischen Stadt Russe, in der die Reise beginnt, stimmt melancholisch, doch sie ist zu verschmerzen. Die Pritschen und zellenartigen Kammern, die diesen Menschen nach mehr als 70 Stunden Busfahrt das neue Zuhause sein sollen, sind es nicht mehr. Aber auch das ist ein Stück Realität in der reichen Hansestadt Hamburg.

Neun Positionen sind im Museum der Arbeit zu sehen. Neun unterschiedliche Beispiele für beispiellose Ausbeutung in Deutschland, in Europa, in Asien – eine Ausstellung, die zum schulischen Pflichtprogramm gehören sollte.
So schildert der Düsseldorfer Fotograf Oliver Tjarden das Los der „Cargonauten“ (Tjardens Kunstwort aus Cargo und Argonauten) - der monatelang über und unter Deck schuftenden, billig eingekauften Seeleute auf den weltweit rund 50.000 Frachtschiffen, die täglich unterwegs sind. Sein Berliner Kollege Ingar Krauss porträtierte lebensgroß und in schwarz-weiß die schlecht bezahlten Erntehelfer und steht dabei künstlerisch Herlinde Koelbl in nichts nach. Der seit zehn Jahren in Bangkok lebende Ralf Tooten, dessen „Augen der Weisheit“ 2003 im Museum für Kunst und Gewerbe unvergessen sind, gibt mit hochästhetischen, von knallbunten Tüchern halbverhüllten Gesichtern Einblick in die katastrophalen Bedingungen, denen Wanderarbeiter und Arbeiterinnen in den Baugruben thailändischer Megastädte ausgesetzt sind. Und der Essener Hennig Christoph gewährt uns einen Einblick in Parallelwelt türkischer Kultur im Ruhrgebiet.

Alle diese Bilder sind beklemmende Dokumente einer Gesellschaft, die wir so gar nicht haben wollen – und die existiert, weil immer noch die meisten Menschen einfach wegschauen. Und, wie fast immer, tragen die Kinder das meiste Leid, wie Andrea Diefenbach in „Land ohne Eltern“ zeigt. Die Fotografien berichten aus Moldawien, einem der ärmsten Länder Europas. Ein Viertel aller erwerbsfähigen Moldauer arbeitet jenseits der Grenzen. 31 Prozent des Bruttoeinkommens überweisen sie in ihre Heimat. Doch zu welchem Preis! Die Kinder bleiben zurück, im besten Fall bei den Großeltern, oft jedoch allein. Diefenbach hat die Kinder und ihre Restfamilien besucht, so auch Dumitru Crudu und seine Brüder, deren Eltern vor sechs Jahren nach Rom gingen. Seitdem besuchen sie ihre Kinder einmal im Jahr – aber immer getrennt. Nun ist die Oma gestorben und „zum ersten Mal sind sie zusammen gekommen“, erzählt Dumitru. „Aber sie sind getrennt weggefahren. Zuerst Papa, dann ging Mama weg. Jetzt wohnen wir bei einer Tante und warten, dass sie zurückkommen. Wer wird wohl zuerst kommen?“


„Wanderarbeiter – Fotografien einer neuen Arbeiterklasse“, zu sehen bis zum 2. März 2014 im
Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, 22305 Hamburg
Geöffnet: Mo 13-21 Uhr, Di-So 10-17 Uhr, Fr und So 10-18 Uhr.

Rahmenprogramm:
Arbeits- und Lebenswelten chinesischer Wanderarbeiter/innen Außen- und Innenansichten Montag, 13. Januar 2014, 19 Uhr
Vortrag von Prof. Dr. Bettina Gransow, Freie Universität Berlin
Kosten: Museumseintritt

Cargonauten. Zur aktuellen Situation von „Wanderarbeitern zur See“ Montag, 20. Januar 2014, 19 Uhr
Jan Oltmann, Clubleitung Duckdalben – Deutsche Seemannsmission Hamburg-Harburg e.V. und Oliver Tjaden, Fotograf
Kosten: Museumseintritt

Chinatown in Hamburg. Zur Migration von chinesischen Seeleuten im 20. Jahrhundert Montag, 27. Januar 2014, 19 Uhr
Vortrag von Dr. Lars Amenda, Universität Osnabrück
Kosten: Museumseintritt

Land ohne Eltern Montag, 10. Februar 2014, 19 Uhr
Andrea Diefenbach, Fotografin, und Susanne Krieg, GEO-Redakteurin, im Gespräch über ihre Reise nach Moldawien
Kosten: Museumseintritt

Ausgeliefert! Über Arbeitsbedingungen von Saisonarbeitern beim Online-Versandhändler Amazon Montag, 17. Februar 2014, 19 Uhr
Film und Erfahrungsbericht mit Peter Onneken, freier Fernsehjournalist
Kosten: Museumseintritt


Fotonachweis:
Header: Mauricio Bustamante: Rushti Yazar im Bus auf dem Weg nach Düsseldorf, 2011
Galerie:
01. Ausstellungsplakat Motiv: Cargonauten, Bremerhaven. Foto: Oliver Tjarden
02. H.R. Uthoff: Abfahrt Bhf Istanbul Richtung Ruhrgebiet. Die ersten türkischen Gastarbeiter, 1965
03. H.R. Uthoff: Ankunft Bhf Dortmund. Die ersten türkischen Gastarbeiter, 1965
04. Henning Christoph: Ein türkischer Gastwirt mit einem Foto von sich als er vor 6 Jahren am Hochofen zu arbeiten begonnen hatte, 1980
05. Brigitte Krämer: Der italienische Eisdielenbesitzer Josef Betoriin Essen-Werden, 1986
06. und 07. Ralf Tooten: Asian Workers, 2006-2008
08. Ingar Krauss: Beelitz, 2007
09. Oliver Tjarden: Cargonauten, Hansaport Hamburg-Altenwerder, 2008
10. Andrea Diefenbach: Land ohne Eltern - Carolina, 2008
11. Andrea Diefenbach: Land ohne Eltern - Olga, Carolina und Sabrina, 2008
12. Wolfgang Müller: Xu Fang, Müllrecyclerin, 2012
13. Wolfgang Müller: Müllsammler Li Chen und Zhou Dong, Peking, 2012
14. Mauricio Bustamante: Yazar und Kemal in ihrer Heimatstadt Russe (Bulgarien) träumen von einem besseren Leben in Deutchland, 2013

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