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Fotografie

Kunst oder Pornographie? "Die nackte Wahrheit und anderes" Aktfotografie um 1900

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Geschrieben von Christel Busch  -  Dienstag, den 23. Juli 2013 um 10:59 Uhr
Kunst oder Pornographie? "Die nackte Wahrheit und anderes" Aktfotografie um 1900 4.7 out of 5 based on 181 votes.
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Sie beflügelte die sexuelle Phantasie unserer Ur-Großeltern: die Aktfotografie um 1900.
Die Fotoausstellung "Die nackte Wahrheit und anderes" Aktfotografie um 1900 im Fotomuseum in Berlin zeigt Fotografien und Filme unbekannter, sowie deutscher und französischer Fotografen der Jahrhundertwende. Aufnahmen, welche den heutigen Betrachter zum Schmunzeln bringen. Dagegen riefen viele Fotos die damaligen staatlichen Sittenwächter auf den Plan, die mit gesetzlichen Verordnungen für Zucht und Anstand sorgten.

Auf Initiative Kaiser Wilhelm II. wurde im Februar 1900 das Gesetz "Lex Heinze" verabschiedet. Ein umstrittenes Gesetz zur Bekämpfung der Unsittlichkeit, das die öffentliche Darstellung unsittlicher Handlungen in Kunstwerken, Literatur und Theater unter Berufung auf Artikel § 184 des Strafgesetzbuches zensieren sollte. Verwunderlich, da in der Kunstgeschichte die natürliche Nacktheit des Körpers in Skulptur und Malerei seit Jahrhunderten etabliert war. Man denke nur an antike Statuen, Michelangelos David oder die schwellenden, weiblichen Körperformen eines Peter Paul Rubens. Aufgrund des öffentlichen Protestes wurden dann allerdings im Mai die sogenannten Kunst- und Theaterparagraphen ersatzlos gestrichen. Gleichwohl legte das Kriminal Museum Hannover um 1900 das Album "Unsittliche Darstellungen" an. Das in der Ausstellung präsentierte großformatige, in Leder gebundene Buch beinhaltet eine Sammlung unzüchtiger, sprich pornografischer Darstellungen, die von der Polizei konfisziert wurden. "Es muss die Gewähr dafür übernommen werden, dass die Sammlung sorgfältig unter Verschluss gehalten und nur zu amtlichen Zwecken zuverlässigen Beamten zugänglich gemacht wird", lautete dazu die Direktive des preußischen Innenministers.

Wie aber wurde der fotografische Akt in der nach außen hin prüden Gesellschaft des Kaiserreiches salonfähig? Darstellungen des nackten Körpers erfreuten sich um die Jahrhundertwende großer Beliebtheit. Ob als erotisches Einzelbild verschämt unterm Ladentisch gekauft, als Postkarte gedruckt und verschickt, in Büchern und Zeitschriften veröffentlicht oder als galanter Kurzfilm mit leicht bekleideten Damen, der unverhüllte menschliche Körper entsprach dem öffentlichen Interesse und dem modernen Zeitgeist. Dank preiswerter Herstellungs- und Reproduktionskosten stieg die Bildproduktion und entwickelte sich zu einem lukrativen Geschäft. Um die allgemeine Zensur zu unterlaufen und der Aktfotografie einen seriösen Touch zu geben, wurden - ganz im Dienste der Wissenschaft - ethnologische, medizinische, physiologische und anatomische Akte von Frauen und Männern hergestellt. Zudem entstanden Kinder- und Knabenakte in unschuldigen, verspielten Posen. Mit der Entwicklung der Chrono-Fotografie konnten Bewegungsabläufe von wohlproportionierten Damen sowie durchtrainierten Sportlern und Akrobaten - natürlich alle nackt - beim Gehen, Laufen, Speerwerfen, Turnen oder Ringen angefertigt werden. Ein Alibi für Nacktaufnahmen im Freien war der aufkommende Freikörperkult und die Lebensreform-Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts.

Die Aktfotografie der sogenannten "guten alten Zeit" deckte somit das Spektrum menschlicher Neigungen ab; die Interessen von Lesben, Homosexuellen und Pädophilen wurden gleichermaßen bedient. Lust und Laster lagen dicht beieinander.

Aber wo liegt die Grenze zwischen sittlichen, unmoralischen und künstlerisch wertvollen Aktbildern? In den 1880er-Jahren begann der Siegeszug der Aktfotografie. Sie wurde öffentlich. Der "Camera-Club" stellte bereits 1894 in Wien Aktaufnahmen aus. Die Cover von Sportzeitungen zierten muskulöse, spärlich bekleidete Athleten. "Lehnert & Landrock" betrieben einen Versandhandel mit erotischen Postkarten und Fotografien, vorzugsweise mit orientalischen Motiven. Die junge Schauspielerin Olga Desmond posierte nackt als lebende Marmor-Skulptur vor geladenem Publikum. Nur mit einem langen, schmalen Gürtel bekleidet, sorgte ihr Schwertertanz für einen Skandal im Kaiserreich. Der preußische Innenminister Friedrich von Moltke verbot daraufhin 1909 weitere Auftritte ohne Kostüm. Trotz Verbotes fotografierte der Berliner Hoffotograf Otto Skowranek die Tänzerin in acht Posen des Schwertertanzes. Als riesige Reproduktion empfängt seine "Olga Desmond - Schwertertanz" den Besucher der Ausstellung.

Die Sehnsucht nach Arkadien - einer Ideallandschaft, in der Menschen im Einklang mit der Natur leben - erfüllte der auf Sizilien lebende deutsche Fotograf Wilhelm von Gloeden. Seine sorgfältig inszenierten Akte sizilianischer Knaben in antikisierenden Posen dürften vor allen Dingen das Herz homosexueller Betrachter erfreut haben. Die Fotografien waren Bestseller und wurden in der ersten homoerotischen Zeitschrift "Der Eigene" publiziert.
Einer der bekanntesten Vertreter der Aktfotografie war um 1900 der Wiener Berufsfotograf und Verleger Otto Schmidt. Neben Portraits, Serien von "Wiener Typen" sowie Vorlagewerken für Kunst und Wissenschaft spezialisierte er sich auf die Herstellung und den kommerziellen Vertrieb von Nacktaufnahmen. Viele seiner erotischen Fotos standen jedoch auf dem Index; er selbst wurde mehrfach strafrechtlich verfolgt. Der Handel und Verkauf von Aktbildern fand daher unter dem Ladentisch an gut situierte Sammler und Liebhaber statt.

Zu den ersten Nutzern des künstlerischen Aktes gehörten dagegen die Kunstakademien. Um kostspielige Modelle zu ersetzen, legten die Akademien Kataloge und Handapparate von Aktstudien an, die Malern und Bildhauern als Vorlagen für ihre Kunstwerke dienten. Erotische oder pornografische Szenen waren im akademischen Lehrbetrieb verpönt. Eine fotografische Studie ist unter anderem Paul Richers "Weibliches Aktmodell", welche eine junge Dame in verschiedenen Posen zeigt.

Ohne Zweifel zählen Fotografien im Stil des Piktorialismus zur künstlerischen Avantgarde. Eine Stilrichtung, die sich an der Kunst des Expressionismus und des Symbolismus orientierte. Die Piktoristen manipulierten und gestalteten die Negative im Nachhinein mit Stichel und Zirkel, Schaber oder Pinsel. Die Konturen wurden dadurch unscharf, die Übergänge fließend. Sie benutzten Weichzeichner und experimentierten mit Pigment-, Bromöl- oder Gummidruck. Dadurch schimmern die aufwendig hergestellten Fotografien in samtenen Farben. Ein Vertreter der neuen Kunstfotografie war der in New York geborene und München lebende Frank Eugene Smith. Seine Arbeiten, darunter "Adam and Eve" wurden 1910 in der Zeitschrift "Camera Work" publiziert.

Die in der Schau präsentierten historischen Fotodokumente geben nicht nur einen Einblick in die erotischen Phantasien unserer Ur-Großeltern, sondern sie belegen auch die rasante Entwicklung der Fotografie und des Cinematographen, ohne die der Siegeszug privater und professioneller Aktfotos nicht möglich gewesen wäre: die Vereinfachung technischer Verfahren, das Aufkommen der Kollodium-Trockenplatte, das Bromsilber-Gelatine-Verfahren für Negative und die Aristotypie für Abzüge. Seit etwa 1888 gibt es Sofortbildkameras mit Rollfilmen, die bekannteste ist die der Firma Kodak, und später die Autochromplatte. Filme hatten eine höhere Lichtempfindlichkeit als Glasnegative. Sofortbilder konnten in einer 40stel Sekunde aufgenommen werden. Hinzu kam die Mobilität der neuen Fotoapparate, die immer neue Standorte und Perspektiven erlaubte.

Kunst oder Pornographie? Eine Frage, die für den heutigen Betrachter nicht relevant sein dürfte, angesichts der Reizüberflutung von nackten Körpern in den Medien oder Pornozeitschriften.

Die informative Ausstellung "Die nackte Wahrheit und anderes" Aktfotografie um 1900 ist bis zum 25. August 2013 im Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, 10623 Berlin zu besichtigen.
Die Öffnungszeiten sind Dienstag - Sonntag von 10 bis 18 Uhr.
Ein Katalog ist erschienen.
www.smb.museum.de

Fotonachweis:
Header: Detail aus Otto Skowranek „Olga Desmond – Schwertertanz“, 1908, Silbergelatinepapier. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek
Galerie:
01. Frank Eugene (Smith): „Adam und Eva“, 1898/99 (veröffentlicht in: Camera Work, 1910), Heliogravure. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek
02. Albert Londe 15 Chronofotografien von Charcot fils / Charcot spielt Fußball, um 1890, Silbergelatinepapier. © École nationale supérieure des beaux-arts, Paris; Reprofoto: Jean-Michel Lapelerie
03. Fotograf unbekannt. Zwei Frauen auf einem Karussell-Schwein, um 1900, Silbergelatinepapier. © Collection GERARD LEVY, Paris
04. Fotograf unbekannt. Max Lorenz Nielsen (?). Männlicher Akt im Baum
um 1900, Silbergelatinepapier. © Berlinische Galerie
05. Wilhelm von Gloeden „Sizilianische Knaben bei Taormina“, 1896, Albuminpapier. © Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte
06. Léon Gimpel „Beim Bildhauer“, 1911, Autochrom. © Société française de photographie, Paris
07. Fotograf unbekannt. Akt beim Kopfstand, vor 1905, Silbergelatinepapier. © Universität der Künste Berlin, Universitätsarchiv
08. Fotograf unbekannt. Die 250 Pfund-Riege des 1. Männer-Stemm-Klub, München-Au. Aus: Illustrierte Athletik-Sportzeitung, 19.1.1907. © Niedersächsisches Institut für Sportgeschichte, Hannover
09. Rudolf Lehnert & Ernst Landrock „Transparenz“, 1904, Salzpapier. © Münchner Stadtmuseum
10. Heinrich Kühn „Weiblicher Akt“, um 1906, Bromölumdruck. © Estate of the Artist / Galerie Kicken Berlin
11. Fotograf unbekannt. Postkarte mit Aktmotiv, frankiert und mit Poststempel
1906, Lichtdruck. © Sammlung Robert Lebeck, Berlin
12. Otto Skowranek „Olga Desmond – Schwertertanz“, 1908, Silbergelatinepapier. © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek.

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