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Fotografie

Mit dem Auto durch Afghanistan - Fotografien von Yvonne von Schweinitz aus dem Jahr 1953

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Freitag, den 25. Januar 2013 um 17:12 Uhr
Mit dem Auto durch Afghanistan - Fotografien von Yvonne von Schweinitz aus dem Jahr 1953 4.7 out of 5 based on 363 votes.
Mit dem Auto 1953 durch Afghanistan - Fotografien von Yvonne von Schweinitz - Dortmund

Reisen war in den frühen 1950er-Jahren nicht jedermanns Sache, schon gar nicht über Monate hinweg, quer durch Europa und Asien und schon überhaupt nicht für eine junge ledige Deutsche.
Die junge Gräfin Yvonne von Kanitz hatte von ihrem Vater eine Kamera geschenkt bekommen und schnell wurde die Fotografie ihre Leidenschaft. Längst hat sie hunderte von Fotos und tausende von Negativen in ihrem Archiv: von der Reise nach Marokko, im Jahr 1952, durch Zentralasien bis Pakistan, 1953 oder später, nach ihrer Heirat 1957 mit Victor von Schweinitz, von der Reise nach Thailand, Südamerika und vom Besuch beim König von Tonga in der Südsee.

Sicherlich hat die Entscheidung, einen Ausschnitt der Reise durch Zentralasien vor genau 60 Jahren zu zeigen, nämlich durch Afghanistan, etwas mit der tagesaktuellen Politik zu tun gehabt. Nichts wurde dazu beigetragen, das Land zu verstehen, uns die Geschichte, die Kulturen und Gebräuche oder die Menschen näher zu bringen. Bei uns kommt Krieg, der Einmarsch der sowjetischen Armee, Widerstand der Mudjahedin, Terror der Taliban und ein unglaublicher Vandalismus an. Wir sahen im Internet und im Fernsehen die Sprengung der Buddha-Statuen im Bamiyan-Tal im März 2001 und archaische Hinrichtungen im Stadion von Kabul. Das deutsche Mandat sorgt auch in unserem Land für Trauer und Schmerz und stellt uns wieder einmal vor die Frage, ob die richtigen Entscheidungen getroffen wurden, uns militärisch zu beteiligen.
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Afghanistan hat eine reiche Kultur, eine wechselvolle Geschichte und Menschen von sehr unterschiedlicher Herkunft. All das ist auf den Fotografien von Yvonne von Schweinitz zu sehen. Die Ausstellung „Gesichter Afghanistans“ bringt uns das Land auf eine ganz andere Weise näher als das heute die Massenmedien vermögen. Wir sehen friedliebende Menschen, Gastfreundschaft und gegenseitiges Interesse. Die Fotografin zeigt uns ihre feinfühlige Dokumentation, Beobachtungen, Annäherung und manchmal auch ganz stille, einfühlsame Bilder. Sie nehmen den Dialog mit uns auf, zeigen uns die Gesichter aus denen wir Freundlichkeit, Offenheit, respektvolles Vertrauen und Selbstbewusstsein aber auch hier und da Skepsis und Unsicherheit ablesen können.

Zugegeben, der Sommer 1953 muss noch ein friedlicher gewesen sein, eine Zeit in der Afghanistan von einem König, Schah Mohammed Sahir regiert wurde. In jenem Jahr nahm die junge Fotografin Yvonne von Schweinitz (damals noch ledige Gräfin von Kanitz) an einer insgesamt sieben Monate umfassenden Erkundungsfahrt durch den nahen- und mittleren Osten bis zum Hindukusch teil, als einzige Frau und Deutsche mit drei Journalisten verschiedener Nationalität. Für die männlichen Kollegen ergab sich der immense Vorteil, dass Yvonne von Schweinitz als Frau überhaupt und manchmal den einzigen Zugang zu den Frauen in muslimisch geprägten Gebieten hatte. Den mitreisenden Männern war dieser gänzlich verwehrt.

Man startete mit zwei Autos in Zürich und fuhr über den Balkan nach Kleinasien, durch das frisch gegründete Israel weiter über Jordanien nach Syrien. Zwei Journalisten gaben die Reise in Syrien auf, und so setzte Yvonne von Schweinitz mit dem Initiator der Reise, dem Schweizer Fotojournalisten Hans von Meiss-Teuffen, der damals für US-amerikanische Medien arbeitete, weiter fort. Er kannte die Länder und ihre Bräuche bereits von verschiedenen Reisen. Afghanistan war zunächst das Ziel. Eine bedeutende amerikanische Firma hatte dort in jenen Jahren zwei große Staudämme gebaut, um das trockene Land fruchtbar zu machen und Nomaden anzusiedeln. Diese Bauarbeiten sollten dokumentiert werden.

Aber noch einen Schritt zurück: In Teheran, der persischen Hauptstadt, lernte Yvonne von Schweinitz bei einem Empfang zum Nationalfeiertag der Schweiz, am 1. August den damaligen afghanischen Kulturattaché Abdul Ghafur Brechna kennen. Er ist wohl einer der bekanntesten Künstler seines Heimatlandes und studierte übrigens in Berlin Malerei bei Max Liebermann – sprach also Deutsch. Seine deutsche Ehefrau arbeitete in Kabul für die Firma Siemens. Er gab der Reisenden einen handgeschriebenen, aber abgestempelten Zettel für den Grenzübertritt mit, und ein Armband, welches Frau von Schweinitz seiner Frau übergeben sollte. Annähernd drei Monate dauerte der Aufenthalt in Afghanistan und auf der Landkarte in der Ausstellung, mit farbigen Punkten markiert, sieht man die Route und Orte, die im Land bereist wurden.

Im Studio des Museums für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund ist eine Choreographie dieser Reise in einzelnen Themenblöcken zusammengestellt – 74 Fotografien sind es zusammen. Sie fokussieren die Musala-Universität in Herat und die Wüstengebiete im Süden des Landes, es sind Aufnahmen aus Orten der sogenannten Alexander-Route wie Kandahar, Ghazni, Gardez, Charikar, Istalif und Jalalabad. Das Bamiyan-Tal, damals noch mit den riesigen und fast unzerstörten Buddha-Statuen ist zu sehen sowie die Bergregionen und fruchtbaren Agrartäler. Das Ländliche ist gleichgewichtig mit dem Urbanen. Im Mittelpunkt steht aber der Mensch in seiner Situation intensiver Präsenz.
Die beiden Reisenden erlebten im Stadion von Kabul landestypische Tänze und Spiele, Ring- und Widderkämpfe.

Das öffentliche Leben wurde und wird von Männern geprägt, dennoch findet der Besucher auch eine ganze Reihe von Fotos, die Frauen zeigen, unverhüllte Nomadinnen, Bäuerinnen bei der Arbeit und verhüllte Frauen in Herat, die vor den Überresten alter Minarett-Türme stehen.

Nicht nur in Kabul erhalten wir das Gefühl von Augenzeugenschaft der Fotografin, wenn sie in der Altstadt das Leben dokumentiert, den Trinkwasserverkäufer und den Briefeschreiber bei der Arbeit beobachtet oder den Kutscher der sein Gadi-Gespann wäscht. Yvonne von Schweinitz scheint pausenlos in Bewegung zu sein. Die Aufnahmen sind genau deshalb so spannend und aufschlussreich, weil wir permanent das Gefühl erhalten, da ist jemand mit wachen, offen Augen unterwegs, ist interessiert und beteiligt sich – aber unaufdringlich.
Die Betrachter sehen Bilder einer weiten Reise in einem weiten Land. Weite ist bei Yvonne von Schweinitz nicht einzig ein geographisches Maß, sondern diese muss in ihr sein, das sieht man den Fotos an. Ella Maillard, die bereits 1939/40 gemeinsam mit der Zürcher Journalistin Annemarie Schwarzenbach, ebenfalls im Automobil, das Land durchreiste schreibt passend dazu: „Nur wer Weite erfassen kann, kann sie besitzen“.

Informationstextfahnen geben den Besuchern der Ausstellung Auskunft über die Orte und deren Geschichte. Sie lesen von den Mogulkönigen, von Alexander dem Großen, den Briten und Russen, den verschiedenen Stämmen, von Kunst und Kultur, aber auch von Kampf und Krieg.
Es werden Fotografien gezeigt, auf denen die beiden Protagonisten selbst zu sehen sind und unter welchen Umständen gereist wurde: Schlafen unter freiem Himmel, Fahrten an heißen Tagen auf staubigen, wellblechratternden Wegen und man erahnt, wie angenehm eine Dusche unter einem Wasserfall mit ein wenig Verdunstungskühle im heißen Fahrzeug gewesen sein muss.


Die Ausstellung "Yvonne von Schweinitz: Gesichter Afghanistans - Erfahrung einer alten Welt. Fotografien von 1953" ist noch bis zum 1. April 2013 im Museum für Kunst und Kulturgeschichte zu sehen, Hansastraße 3 in 44137 Dortmund.
Kuratorenführung: So. 11.2.2013 um 11:30 Uhr. Dauer ca 75 Min.
Weitere Informationen.

Fotonachweis: © Yvonne von Schweinitz, 1953
Header: Yvonne von Kanitz vor dem großen Buddha im Bamiyan-Tal.
Galerie:
01. Nomadenfrau mit Kind am Shibar-Pass
02. Atan-Tänzer im Stadion von Kabul
03. Paschtunischer Bauer
04. Ein Keramiker und seine Tochter in Istalif
05. Ein blinder Musiker spielt auf einer Ruhbab
06. Laden der Mittagskanone außerhalb von Herat
07. Nomadenfamilie im Ghorband-Tal
08. Konferenz auf der Motorhaube, ein Lorri-Bus auf dem Weg nach Jalalabad.
09. Blick auf Kabul
10. Wasserlieferung in Kabul
11. Kunsthandwerker am Bazar in Ghazni.

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avatar Heiner Toenne
+3
 
 
ich war von 2004 bis Dezember 2010 in Afghanistan, als Entwicklungshelfer mit dem DED (Deutscher Entwicklungsdienst). War natürlich auch in Bamyan, in Jallalabad, bin mit dem Auto von Kabul nach Kunduz gefahren. Aber die Einschränkungen wurden (leider) immer mehr, hervorgerufen durch den Kampf gegen die Talibs. Das Land und die Menschen haben mich begeistert. Früher muß es noch viel schöner dort gewesen sein. Leider stellt sich das Land immer wieder "selbst ein Bein", das Land und auch die Menschen. Es ist zum verzweifeln. Aber es läßt einen nicht los.
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