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Fotografie

Spektrometer einer Diktatur? Geschlossene Gesellschaft – Künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989

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Geschrieben von Daniel Hirsch  -  Freitag, den 12. Oktober 2012 um 10:10 Uhr
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Spektrometer einer Diktatur? Geschlossene Gesellschaft – Künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989

Die aktuelle Ausstellung der Berlinischen Galerie liefert unerwartete Eindrücke der künstlerischen Arbeit mit dem Medium Fotografie aus einem Land vor unserer Zeit – Überraschend ist dabei allerdings nicht nur die visuelle Kraft der gezeigten Werke der DDR-Fotografie, auch die Dramaturgie der Ausstellung überzeugt.
Zwanzig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung haftet der Kunst des zweiten deutschen Staates in den öffentlichen Diskursen noch häufig der Nimbus der staatlichen Auftragskunst an. Dass die künstlerische Fotografie der DDR aber weit mehr zu bieten hat als die linientreue Verherrlichung des realsozialistischen Gesellschaftssystems, zeigen die in der Berlinischen Galerie präsentierten Positionen von rund dreißig Künstlern aus fünf Jahrzehnten.

Dabei setzt die Ausstellung weniger auf eine vermeintliche Vollständigkeit oder die für historische Überblicksausstellungen typisch chronologische Erschließung des Materials, sondern bietet gezielte Perspektiven auf die großen thematischen Spannungsfelder an, welche die künstlerische Auseinandersetzung der DDR-Fotografie mit dem eigenen Medium strukturieren. Dabei werden sowohl Veränderungen in Bildsprache und Vorlieben für bestimmte Sujets deutlich, gleichzeitig zeigen sie auch, wie unterschiedlich und teilweise widersprüchlich die Bildsprachen der Künstler untereinander sind.

Besonders im Ausstellungsschwerpunkt „Realität, Engagement, Kritik“, der sich den fotografischen Arbeiten widmet, die in der starken dokumentarischen Tradition der DDR-Fotografie in ihrer Suche nach der sozialistischen Lebenswirklichkeit stehen, wird dies deutlich. Während Christian Borchert mit seiner Serie von Familienportraits an einer Typologie der ostdeutschen Familien im Rahmen des privaten Heims ver-sucht – ein Unterfangen, das in seinem Duktus an August Sanders berühmte Sozialfotografien „Menschen des 20. Jahrhunderts“ erinnert – begibt sich Jens Rötzsch in seinen farbenfrohen Aufnahmen auf die Suche nach dem Individuum im Ornament der Masse. Die zahlreichen öffentlichen Großveranstaltungen der DDR, von den Maiparaden bis zum Turnfest, bilden für ihn die Kulissen, vor deren Hintergrund er dem einzelnen Menschen auf der Suche nach dem eigenen Platz in der sozialistischen Gesellschaft nachspürt.

Auch das Kabinett „Montage, Experiment, Form“ hält zahlreiche interessante Arbeiten bereit. Hier stehen weniger die Bildinhalte im Vordergrund als vielmehr die umfangreichen Versuche, das Medium in seinen Ausdrucksmöglichkeiten künstlerisch zu befragen: In der Auflösung von Bildkompositionen in abstrakte Gefüge, wie in den Arbeiten von Fritz Kühn, Formen der Collage und Überblendung bis zu Intermedia-Arbeiten und Fotografien als Teil von raumgreifenden Installationen. Zwar wirken die hier präsentierten künstlerischen Experimente aus heutiger Perspektive zum großen Teil nur noch wenig innovativ. Dennoch erstaunt das Ausmaß der intensiven medialen Selbstreferenzialität der DDR-Fotografie, die – als Formalismus gebrandmarkt – bis weit in den 1970er-Jahre hinein politisch unerwünscht blieb.

Die größte Überraschung bilden jedoch die Arbeiten unter der Perspektive „Medium, Subjekt, Reflexion“, die sich als Suche der jungen DDR-Fotografen in den 1980er Jahren nach einem neuen Selbstverständnis lesen lassen. In der Hinwendung der Fotografen zur eigenen Person und der Positionsbestimmung als Künstler innerhalb der gestalterischen Grenzen der sozialistischen Gesellschaft treten so Themen wie die eigene Körperlichkeit, Sexualität und Fetisch oder Rollenbild in den Vordergrund. In einer Reihe von Selbstportraits von Helga Paris aus den Jahren 1981 bis 1988 meint man etwa, aus dem abgekämpften Gesicht der Künstlerin gleichwohl eine feste Entschlossenheit zu erkennen, den eigenen Weg unbeirrt weiter zu gehen. Einen anderen Versuch unternimmt Matthias Leupold, der sich in minutiös gestalteten Szenerien in unterschiedlichen Rollen selbst inszeniert. In ihrer Komposition und dramatischen Ausleuchtung wirken seine Fotografien beinahe wie Filmstills und zeigen den Schöpfer in Anmutungen an ikonische Bilder als Partisane im Untergrund oder als Detektiv.

Insbesondere in diesem Teil der Ausstellung wird zugleich die künstlerische Stärke der DDR-Fotografie der 1980er-Jahre wie auch deren deutliche Überrepräsentierung innerhalb der Ausstellung deutlich. Es sind gerade die späten Arbeiten, die in der Phase einer zunehmend undogmatischeren DDR-Kulturpolitik entstanden, welche die Arbeiten der 1950er- und 1960er-Jahre mühelos an die Wand spielen. Zwar wird den Fotografien der 1980er-Jahre aus künstlerischer Sicht völlig zurecht ein derart breiter Platz eingeräumt, gleichwohl weckt der Titel der Ausstellung Erwartungen an eine ausgewogene Retrospektive des gesamten fotokünstlerischen Schaffens der DDR, die in dieser Form nicht vollständig erfüllt werden können.


Die Ausstellung „Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989“ ist zu sehen bis zum 28. Januar 2013 in der Berlinischen Galerie (www.berlinischegalerie.de), Alte Jakobstraße 124-128, Berlin.
Der Katalog zur Ausstellung ist erschienen bei Kerber und kostet 59,90 €


Header: Detail aus Jens Roetzsch, Pfingsttreffen, 1989
Galerie:
01. Fritz Kühn, Venedig, 1958
02. Evelyn Richter, An der Stanze, 1966
03. Helga Paris, Selbstporträts, 1981-1988
04. Ulrich Wüst, Berlin, 1982
05. Matthias Leupold, Im Kino, 1983
06. Sven Marquardt, Berliner Lust, 1986
07. Florian Merkel, Mann mit Frosch,1987
08. Matthias Hoch, Halle/Saale, 1988
 

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