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Fotografie

Boris Mikhailov: "Time is out of joint". Fotografien 1966–2011

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Geschrieben von Christel Busch  -  Dienstag, den 28. Februar 2012 um 10:21 Uhr
Boris Mikhailov: "Time is out of joint". Fotografien 1966–2011 4.7 out of 5 based on 159 votes.
Boris Mikhailov:

„Meine Aufmerksamkeit zielt auf das Gewöhnliche und Alltägliche. Ich suche nach formalen Lösungen, dieses Alltägliche in der Fotografie abzubilden“, so der Ukrainer Boris Mikhailov.
Dieses Alltägliche präsentiert die Retrospektive „Boris Mikhailov: Time is out of joint. Fotografien 1966-2011“ in der Berlinischen Galerie und ehrt damit einen der wichtigsten und prominentesten Fotografen der Gegenwart. Die Ausstellung dokumentiert ein facettenreiches Spektrum seiner Fotokunst, von den Anfängen in seiner Heimatstadt Charkow bis zur aktuellen Bildserie aus seiner Wahlheimat Berlin.

Ausgebildet als Ingenieur, wendet sich Mikhailov (*1938) erst mit achtundzwanzig Jahren der Fotografie zu. Als Hobbyfotograf hält er das Leben der Menschen seiner Geburtsstadt Charkow mit der Kamera fest. Mikhailov findet Gefallen an der Fotografie. Sie wird seine Passion. Er beginnt den ganz normalen Alltag der Sowjetbürger abzulichten. Nicht gesellschaftskritisch – das kommt später, sondern als stiller Beobachter des sozialistischen System. Er sei durch die Straßen gegangen und habe das Leben aufgenommen, sagt er später. Erst mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, der die Ukraine ins wirtschaftliche und soziale Chaos stürzt, bekommt seine Arbeit eine sozialkritische Attitüde.

In seinen frühen Arbeiten „Black Archive“ und „Rote Serie“ erfasst sein fotografischer Blick sowohl das private als auch das öffentliche Leben mit seinen Massenkundgebungen. Die Farbe Rot, welche die Sowjetunion als Symbol für ihre kommunistische Ideologie konnotiert hatte, dominiert. In geradezu penetranter Manier wird sie in Szene gesetzt: Rot sind Kleidung und Schärpen, die flatternden Fahnen bei Volksparaden und die Reklamewände mit den Staatsparolen. Parallel zu dieser Werkgruppe experimentiert er mit dem Medium Fotografie, wie die ironisch aber auch humorvoll-poetisch wirkenden Serien von nachkolorierten Schwarz-weiß Aufnahmen oder seine doppelt belichteten Farbfotos „Superimpositions for the 60s/70s“ beweisen. Im Unterschied zu seinen dokumentarischen Aufnahmen erinnern sie an die Kultur der Pop-Art im Westen.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion führt zum Zerfall von Industrie und Landwirtschaft. Die daraus resultierende Massenarbeitslosigkeit sowie der Rückgang von Sozialleistungen hat eine Verelendung von Teilen der Bevölkerung zur Folge. Diese menschlichen Tragödien prangert Mikhailov in seiner Serie „Case History“ an. Etwa fünf Jahre nach dem Kollaps der Sowjetunion entstanden, zeigt sie die Schattenseite der Perestroika in seiner Heimatstadt: marode Häuser, Straßenzüge und Fabrikanlagen sowie gescheiterte Existenzen – obdachlose Kinder, Frauen, Männer. Es sind gerade die Fotografien dieser Gestrandeten, die in ihrer brutalen, provokanten und soziopathischen Realität bis an die Schmerzgrenze des Betrachters gehen. „Ich weiß“, sagt er, „dass die Leute solche Fotos nicht betrachten wollen, aber erst wenn man das Elend im Bild sieht, beginnt man es auch auf der Straße wahrzunehmen.“ Es sind jedoch keine Schnappschüsse, sondern arrangierte Bildkompositionen. Seine Bilder tragen keine Titel; die Protagonisten bleiben anonym. Dennoch sind es keine voyeuristischen Aufnahmen sondern sensible Dokumente von außergewöhnlicher Ästhetik, wie das Foto eines vom Alkohol gezeichneten Paares: Es ist Winter. Ein Mann sitzt mit nacktem Oberkörper vor dem großen Loch eines Baumes. Über dem Herzen hat er eine Tätowierung von Lenin. Die dreckigen und verfrorenen Hände ruhen auf seinen Oberschenkeln. Eine Frau, angetan mit dicker Mütze und zerschlissenen Mantel, lehnt sich an den schrägen Baumstamm. Beide fixieren mit ruhigem Blick den Fotografen, sprich: den Betrachter. Rund vierhundert Fotoarbeiten entstehen, die Mikhailov 1999 in seinem Bildband „Case History“ veröffentlicht. Diese Publikation macht ihn im Westen schlagartig berühmt. Der Ukrainer erlangt als sozialkritischer Fotokünstler internationale Reputation.

Auch „By the ground“ und „At Dusk“, entstanden in den frühen 1990er-Jahren, zeigen die Schattenseiten der Gesellschaft. In Kiew und Charkow hat Mikhailov mit einer Horizont-Kamera versteckt aus der Hüfte panoramaartige Bilder geschossen. Morbide Häuser und Straßen, Kinder und Erwachsene, die dem Leben etwas Normalität abtrotzen. Während die Brauntönung von „By the Ground“ historische Assoziationen erwecken soll, taucht die zweite, nachträglich blau kolorierte Serie das trostlose Elend in ein kaschierendes Licht.
Das Freizeitvergnügen der Sowjetbürger zeigen dagegen „Crimean Snobbery“ und „Salt Lake“. Während beim Strandleben an der Krim die besser Betuchten für den Fotografen posieren, tummeln sich die einfachen Menschen im Wasser und am Ufer eines Sees, in den aus großen Röhren die Abwässer der umliegenden Industrieanlagen fließen. Auch die bräunliche Sepia-Tönung, die den Aufnahmen einen historisch-nostalgischen Aspekt verleiht, kann nicht über die Umweltzerstörung hinweg täuschen.

Im Rahmen eines Stipendiums des DAAD (Deutschen Akademischer Austauschdienst), kommt Mikhailov 1996 für vier Jahre nach Berlin. Er bleibt im kapitalistischen Westen, denn hier hat er bessere Berufschancen und materielle Sicherheit. Seitdem pendelt er zwischen Charkow und Berlin. Ob er inzwischen in Deutschland heimisch geworden ist, sei dahingestellt. Auch hier geht er durch die Straßen, beobachtet und fotografiert das Alltägliche. Doch, in welchem Kontrast steht die Berliner Fotoserie „In the Street“ zu den Bildern aus der ehemaligen Sowjetunion. Die aktuellen Arbeiten beinhalten – bis auf den Kirschen essenden Obdachlosen – kein sozialkritisches Sujet; sie sind eher Momentaufnahmen des urbanen Lebens in der deutschen Hauptstadt. Es sind überdimensionale und bunte Fotos einer Kultur, die Mikhailov fremd ist und deren Sprache er nicht beherrscht. Seine neuen Protagonisten sind jetzt wohlgenährte und gut gekleidete ältere Menschen, die durch die Straßen flanieren. Eine Reminiszenz an das eigene Alter? Immerhin ist der Dreiundsiebzigjährige selbst im Rentenalter. Dennoch vermitteln seine Senioren keinerlei Angst um ihre nackte Existenz. Gestik und Mimik erwecken den Eindruck von Langeweile, Frustration und Resignation. Auffallend ist, dass sie scheinbar nicht posieren und den Blickkontakt zum Fotografen meiden.
Viel lebendiger und quirliger wirkt dagegen das Foto einer Hochzeitsgesellschaft am Ufer eines Gewässers. Die junge Braut hebt zur Freude der Gäste ihr Hochzeitskleid und will mit nackten Füßen ins Wasser steigen. Bemerkenswert an der Berliner Fotostrecke ist wieder die Präsenz der Farbe Rot: mal taucht sie in der Kleidung auf, mal in der Reklame oder den Tischdecken. Das Großformat und die Rahmung einiger Fotografien wirken jedoch irritierend. Auf der einen Seite erinnern sie an Gemälde, auf der anderen Seite an grell-bunt gerahmte Werbeplakate.

Mit den Fotosequenzen seiner Heimat ist Boris Mikhailov in der globalen Medienwelt ein künstlerischer Chronist seiner Zeit. Obwohl die Fotografie in der Sowjetunion als subversive Kunst galt, war sie im privaten Raum frei von Zwängen und Regularien. Öffentliche Präsentationen waren dagegen verboten und Repressalien ausgesetzt. Mit seiner Kamera dokumentiert und kritisiert Mikhailov das politische System mit all seinen negativen Facetten. Seine Aufnahmen fungieren als Zeitzeugen der sowjetischen und postsowjetischen Ära und fokussieren die ungeheuren Veränderungen. Bereits William Shakespeare lässt Hamlet im ersten Akt sagen: „The time is out of joint“. Passgenau auch für Mikhailovs Fotowerke.
Schade nur, dass keine Vergleichsgrößen mit aktuellen Bildern des sozialen Lebens in der Ukraine gezeigt werden. Der Besucher fragt sich unweigerlich: Was hat sich in den letzten Jahrzehnten dort verändert?


„Boris Mikhailov Time is out of joint. Fotografien 1966-2011“
Zu sehen bis zum 28. Mai 2012 in der Berlinischen Galerie - Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jacobstraße 124-128, 10969 Berlin
Öffnungszeiten: Mi-Mo, 10 bis 18 Uhr
www.berlinischegalerie.de


Bildnachweise Boris Mikhailov:
Header: Detail aus "Salt Lake (Salzsee)", 1986 / 1997, Leihgabe der Kunststiftung Bernhard Sprengel und Freunde
Galerie:
01. Rote Serie, 1968-75, © the artist, Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin
02. Black Archive, 1968-79, © the artist, Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin
03. Rote Serie, 1968-75, © the artist, Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin
04. Rote Serie, 1968-75, © the artist, Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin
05. Untitled, 1997-98, aus der Serie „Case History“, © the artist, Sammlung Berlinische Galerie
06. Superimpositions for the 60s/70s, © the artist, Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin
07. Untitled, 1997-98, aus der Serie „Case History“, © the artist, Sammlung Berlinische Galerie
08. Untitled, 1997-98, aus der Serie „Case History“, © the artist, Sammlung Berlinische Galerie
09. By the Ground (Am Boden), 1991, Leihgabe des Künstlers
10. At Dusk (Dämmerung), 1993, Leihgabe des Künstlers
11. In the street, Berlin, 2001-2003, © the artist, Sammlung Berlinische Galerie
12. In the Street, Berlin, 2001-2003, © the Artist, Courtesy Galerie Barbara Weiss, Berlin
13. Boris Mikhailov während der Pressekonferenz in Berlin, 23. Februar 2012. Foto: Christel Busch.

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