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Fotografie

„Die Straße der Enthusiasten“

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Donnerstag, den 14. Juli 2011 um 12:47 Uhr
„Die Straße der Enthusiasten“ 4.4 out of 5 based on 175 votes.
Kultur - Kunst Die Straße der Enthusiasten - Tschernobyl, Block 4, Pripjat, Ukraine

Der Westwendische Kunstverein in Gartow nimmt sich eines Themas an, das in der Kunst des Westens selten auftaucht und wenn, dann meistens mit Mitteln des Mediums der Fotografie. Inhaltlich fokussiert diese den Moment einer Ästhetik des Verlassenen, eines menschenentleerten, verfallenden Ortes.
„Die Straße der Enthusiasten“ ist keine fiktive Namensgebung einer Allee, sondern Realität: Die ukrainische Stadt Pripjat, in unmittelbarer Nähe der Atomkraftwerks von Tschernobyl, wurde 1970 für die Beschäftigten gebaut. Zur damaligen Zeit eine sowjetische Modellstadt mit vielen Vorzügen und höherer Lebensqualität als in manch anderer Stadt. Am süd-östlichen Stadtrand zog sich eine breite Allee, die den Enthusiasmus und der Begeisterung der 1960er- und 70er-Jahre für Fortschritt, Technik und das Atomzeitalter in der Sowjetunion huldigte. „Die Straße der Enthusiasten“ war wie ein Kaleidoskop der sowjetischen Industrialisierung.

Am 26. April 1986 explodierte in Tschernobyl ein Atomreaktor, der sogenannte Block 4. Durch diese Explosion wurde Radioaktivität freigesetzt, verseuchte große Regionen der Ukraine, in Russland und Weißrussland und gelangte rasch in große Höhe und zog mit dem Wind als „die Wolke“ über halb Europa. Tschernobyl ist zum Synonym für den Super-GAU geworden. Tschernobyl ist aber auch Synonym für Verschleierung, Beschönigung und Verheimlichung geworden. Die Bevölkerung Pripjats wurde 16 Jahre nach Fertigstellung evakuiert, die Liquidatoren von Block 4 sind fast alle verstorben, die Stadt verfällt, wird überwuchert, blättert sich ab. Die Katastrophe war aber nicht nur eine, die die Natur, die Ökologie und Ökonomie betraf, sie betraf in besonderem Maße auch die Entwicklung der Kultur.

Die Ausstellung im alten Zehntspeicher ist in drei Bereiche geteilt: Was war? Was ist? Was könnte sein? Sie stellt nicht nur heutige Bilder und Filme des Ortes zur Disposition, sondern untersucht und stellt viele weitere Fragen: Mit „Pripjat.1 – die Zone“ (was ist?), zweitens „Pripjat.2 – Atomograd“ (was war?) und „Echo aus Charkow – Eco-Poster“ (was könnte sein?) formt die Expedition nach Tschernobyl eine Zeitachse und breitet sich ebenfalls wie eine Wolke aus – nur eine ganz anders geartete!

Nicht nur durch die weitere Katastrophe von Fukushima und den geplanten Atomausstieg in Deutschland ist das Ausstellungsthema aktuell, sondern schlichtweg auch deshalb, weil bis heute die „Zone“ messbar strahlt und dies auch noch über einen sehr langen Zeitraum tun wird. Das Thema ist aktuell, weil immer noch Menschen davon betroffen sind und noch einige Generationen die Verstrahlung in sich tragen und weitergeben. Und weil, wie es der Publizist Walter Mossmann in seiner Eröffnungsrede der Ausstellung in der Heinrich Böll Stiftung in Berlin formulierte, kein Gras darüber wachsen kann, weil dieses noch verstrahlt ist und unser Zeitbegriff nicht ausreicht, von heilenden Wunden sprechen zu können.

Pripjat.1 – die Zone
Zwei außergewöhnliche Fotografen erkunden die menschenleere Stadt Prypjat und die verlassenen Dörfer der Zone. Der Ältere, der Kanadier Robert Polidori, konstatiert Zerstörung und Verfall, streng, dokumentarisch. Für den Jüngeren, den in Berlin und Leipzig lebenden Russen Andrij Krementschouk, ist Tschernobyl eine vollendete Tatsache, er schaut sich um und sucht die Begegnung mit Menschen. Zwischen den beiden Fotoserien erschließt sich eine dritte Sichtweise, ausgedrückt in Versen der ukrainischen Dichterin Lina Kostenko - zwei Kreationen aus ihrer Sammlung "Kurz wie die Diagnose". Im Gegensatz zu den zugereisten Fotografen weiß sie genau, was sie in der Zone verloren hat, denn sie lebt im Oblast Kiew:

"Alles verseucht
Jetzt gilt die Quarantaine
Für euch Felder
Für dich, harzige Kiefernkrone
Kann sein, hier härtet sich schon der Bernstein
Aber die Menschheit weiß es nicht."


Prypjat.2 – Atomograd
In der Stadt Prypjat galt in den 16 Jahren ihrer Existenz geradezu eine fromme Fortschrittsgläubigkeit, der Glaube an die Sowjetunion und deren unbegrenzten Möglichkeiten: Träumerische Plakate vom schönen, neuen Atomzeitalter aus den 70ern reihen sich neben Panoramafotografien des begeisterten Fotografen Sergej Nechajew aus der Aufbauzeit, eine Stadt quasi aus dem Boden gestampft. Dokumentarisches Filmmaterial aus den 1970ern und 80ern mit einer heute schmerzenden optimistischen Ahnungslosigkeit – kurz vor der Katastrophe. Wladimir Majakowskijs Text „Wir – sind die Edisons der unerhörten Hochflüge, Energien, Lichter...“ ist zu lesen und historische sowjetische Plakate, u.a. das Filmplakat von Dziga Vertovs Tonfilm „Enthusiasmus: Die Donbass-Symphonie“ aus dem Jahr 1931 sind ausgestellt.

Echo aus Charkow – Eco-Poster
Eine Antwort auf die Frage „Was folgt aus Tschernobyl?“ kommt aus einer Industriestadt im Osten der Ukraine, aus Charkow. Dort hat der Grafiker und Hochschullehrer Oleg Veklenko mit seinen Mitarbeitern schon 1991 eine Internationale Triennale für Eco-Poster der Gruppe „BLOCK4“ entwickelt. Aus dem ungeheuren Fundus dieser Plakat- und Graphiksammlung sind eine große Auswahl an Plakaten aus aller Welt, zum Teil in der Papier-Version, zum Teil auf einer elektronischen Plakatsäule präsentiert. Im Gegensatz zum zweiten Bereich der Ausstellung ist Veklenko wichtig, dass die Eco-Poster als demokratische Kunst verstanden werden und zu denken geben.


Zu sehen vom 23. Juli bis 3. September 2011 im Westwendischen Kunstverein e. V., Zehntspeicher, Quarnstedt in 29471 Gartow (Wendland).
Fotografien von Robert Polidori (2001), Andrij Krementschouk (2010), Sergij Nekhajew (1980 bis 1983); sowjetische Plakate um 1930; Eco-Poster der Gruppe BLOCK4 aus Charkow (1991 bis 2009); Lyrik von Lina Kostenko, Kiew (1993).
Eine Wanderausstellung des Morat-Instituts Freiburg/Br.

Fotonachweis:
Header: Detail aus Robert Polidori, „Pripjat“, 2001
Galerie:
1. Filmplakat für Dziga Vertov: „Enthusiasmus. Die Donbass Symphonie“, 1931
2. Eco-Poster der Triennale BLOCK 4 von Burku Koken, 2006. © www.4block.org
3. Fotografie von Andrij Krementschouk aus der "Zone"
4. Sowjetisches Werbeplakat für Atomkraft
5. Eco-Poster der Triennale BLOCK4 von Jurij Torejew. © www.4block.org
6. Robert Polidori, „Schule in Pripjat“, 2001alt

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avatar Lucy
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Sehr guter Beitrag. Großes Kompliment. Könnte und sollte mit dem Westwendischen Kunstverein verlinkt werden.
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