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Fotografie

Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch

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Dienstag, den 20. September 2016 um 09:13 Uhr
Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch 4.4 out of 5 based on 132 votes.
Ars apodemica – Foto-Text-Reisen mit Boris von Brauchitsch

„Manchmal fotografiert man die Welt, um sie und sich selbst besser verstehen zu können, eignet sich Dinge durch Abbilder an, um sie sich zu gegebener Zeit vergegenwärtigen und darüber nachdenken zu können. Sind es nicht oft die besten Bilder, die man intuitiv macht, die entstehen, weil Dinge einen für den Moment unsagbar seltsam berühren?“

al-iksīr
Reisen ist ein Elixier für Boris von Brauchitsch, dies wird aus dem obigen Zitat deutlich, das zu Beginn des Künstlerbuchs „9“, welches im September im Kehrer Verlag erscheinen wird, als Türöffner fungiert, um 37 Orten zu begegnen. In Blöcken von 3x3 Schwarz-Weiß-Fotografien entführt uns von Brauchitsch quer über Kontinente von Amerika über Asien nach Afrika und zurück nach Europa.
Wer einmal mit Boris von Brauchitsch unterwegs war, weiß, dass der Fotograf und Autor seit Jahrzehnten konsequent vermeintliche Nebenschauplätze beachtet und zu schätzen weiß. Er sieht nicht nur, er nimmt wahr und gibt jenen Motiven eine Existenzberechtigung, die im alltäglichen Funktionalismus lediglich hingenommen werden.

Ars apodemica
„Das ist das Angenehme auf Reisen, daß auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe in seiner Italienischen Reise (Kap. 33), am 9. März 1787.
Gewöhnliches zeigt auch von Brauchitsch häufig: Mülltonnen, morbide Eingänge, Kronkorken eingedrückt in Bitumen, Baumschatten, Brandwände, schwarze Plastikfolien im Geäst, Straßenschilder und Duckdalben. In der Banalität der einzelnen Objekte liegt – ganz im Sinne Goethes – durch künstlerische Auswahl, Zusammenstellung, Reihung und Perspektivwechsel der Reiz und das Entdecken der Neuheit und der Überraschung. Es ist letztlich gar nicht die Reise, die der Fotograf fokussiert, es ist das Unvermutete, die Auswahl des Vorgeführten, die Wiederholung des Nicht-Wahrgenommenen und die Zeichnung in der Fotografie.
Die Ortsnamen sind mit Datum versehen, die kurzen Texte darüber Tagebuch-artig. Nichts ist aufklärerisch, selten erklärend, eher fragend und selbstreflektierend.
Möglicherweise handelt es sich letztendlich gar nicht um Reisefotos, sondern um Foto-Text-Streifzüge innerhalb einer solchen. Das fast quadratische Buch „9“ erinnert an Wege des Erinnerns. Es sind Streifzüge durch seine und letztendlich auch übertragbar unsere Erinnerungen, und diese sind häufig an Abbilder geknüpft und nicht an Originale. Der Diskurs der fotografisch-textlichen Praxis hinterlässt keine Orte, sondern Spuren.

Kontrapunkte
Das gesamte Buch ist mindestens so ausschnitthaft wie die Fotoserie „Barcelona 2004“ darin: Der Blick in Rückspiegel von Zweirädern hebt das einzelne Bild mit einem Gegenentwurf aus der Welt. Kontrapunkte durchziehen die Bildserien. „Riga 2015“ zeigt in seiner Morbidität den Zynismus und gleichzeitig den Zahn der Zeit. Zynismus, weil Holzhäuser gut brennen und im Kriegsfall angezündet, als Brache rund um die Stadt, diese besser zu verteidigen war, so Zar Peter. Später – das ist nicht erwähnt – standen diese Holzhäuser in der sogenannten Moskauer-Vorstadt und waren umzäuntes Ghetto. Der Zahn der Zeit, weil in der abplatzenden Farbe und den Verkrustungen Historie abzulesen ist, indifferent zwar, aber Häuser und Fenster murmeln Geschichten.
Archaische Zeichen in der Lagune „Venedig o.J.“, bis auf eines, alle im Gegenlicht. Jede Duckdalbe mit Möwe bestückt, Skulptur und Sockel, schwarze Kalligraphie im glitzernden Wellengang. Auch „Polen 2014“ spielt mit der Dualität. Antennen und Kreuze, Wetterfahnen und Übertragungsmasten im Selbstverständnis zwischen Senden und Empfangen. Sendemasten neben Kirchturmspitzen – die Nachrichten werden übermittelt in jedwede Richtung.

Layout
315 ästhetisch geordnete, fotographische, und 36 textliche Widmungen sind in diesem Buch brillant ausgesucht und erarbeitet. Mit dem Berliner Graphikdesigner Detlev Pusch, der u.a. für die Gestaltung der Publikationen: „Felix Gonzalez-Torres. Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart“ und „Lillian Bassman & Paul Himmel. The First Retrospective, Deichtorhallen Hamburg“ zeichnete, hat sich Boris von Brauchitsch einen Altmeister an seine Seite geholt.
Geradezu liebevoll ist der Innenteil: warmer Papierton, Typographie-Wechsel und angenehmer Satzspiegel vereint in einer wohldurchdachten und überzeugenden Reduktion.
Leider ist hingegen das tiefe Schwarz des Buchumschlags wenig innovativ und die Prägungen auf Front- und Rückseite kaum einladend, das wirkt, gegenteilig zum Innenleben, annähernd charakterlos. Auch hätte das Buch ein Leseband verdient.

Boris von Brauchitsch: 9
Fotografien und Texte, 120 Seiten
Gestaltung: Detlev Pusch
Kehrer Verlag, Heidelberg
ISBN: 978-3-86828-714-1
Preis: 35 Euro
Weitere Informationen
Weitere Informationen zu Boris von Brauchitsch


Abbildungsnachweis:
Header: Buchcover und Paris 2008
Galerie:
01. Barcelona 2004
02. Tartlabasi 2013
03. Venedig o.J.
04. New York 1993
05. Amsterdam 2011
06. Irland 1999
07. Einzelfoto aus Jurmala 2015

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