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Fotografie

Rosemarie Clausen, Theaterfotografien

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Geschrieben von Isabelle Hofmann  -  Mittwoch, den 23. Dezember 2015 um 15:06 Uhr
Rosemarie Clausen, Theaterfotografien 4.9 out of 5 based on 78 votes.
Rosemarie Clausen, Theaterfotografien

Sie ist eine Legende, ihr Vermächtnis ein kulturhistorischer Schatz. Doch es scheint, als haben das die Hamburger bislang noch nicht so richtig begriffen. Bislang, wohlgemerkt, denn nun präsentiert die Galerie Multiple Box eine Retrospektive der Hamburger Fotografin Rosemarie Clausen (1907-1990), die mit ihren Aufnahmen Theatergeschichte schrieb.

In den Wirtschaftswunderjahren der jungen Bundesrepublik war sie die Hamburger Theaterfotografin. Ach was, Die deutsche Theaterfotografin: Käthe Dorsch, Gustaf Gründgens, Elisabeth Flickenschild, Marianne Hoppe, Bernhard Minetti, Will Quadflieg, Tilla Durieux, Theo Lingen, Heinz Rühmann, Friedrich Schütter – seitenweise ließe sich die Liste fortführen. Generationen von Schauspielern hat Rosemarie Clausen in einem halben Jahrhundert intensiver Arbeit mit der Kamera eingefangen. Immer in Schwarz-Weiß, fast immer hochdramatisch ausgeleuchtet und vor schwarzem Hintergrund.

Wenige konnten mit Licht und Schatten so gut 'malen', wie die Pfarrerstochter aus Großziehten bei Berlin, die eigentlich Kunst studieren wollte und schon im Nazi-Deutschland mit ihrer expressionistischen, an Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau geschulter Bildästhetik für Aufmerksamkeit sorgte. Keiner verstand die Menschen so gut in Szene zu setzten, mit einer Emotionalität und Überhöhung, die ganz ausgezeichnet in das nationalsozialistische Selbstverständnis passte. Bis in höchste Parteikreise reichte ihr Ruf. Hermann Göring beauftragte die junge Fotografin mehrmals, Fotos von sich und seiner Familie zu machen, die später als Postkarten gedruckt wurden.

1945 dann die Zäsur: Berlin in Trümmern, ihr Mann gefallen, das Fotoarchiv im Bombenhagel vernichtet. Die junge Witwe flieht mit ihren drei kleinen Kindern nach Hamburg, baut sich eine neue Existenz auf, ist überall präsent, wo Theater gespielt wird: In den Kammerspielen, am Thalia Theater und – natürlich – am Deutschen Schauspielhaus. Als Gustaf Gründgens 1955 die Intendanz übernimmt, wird sie seine Haus- und Hof-Fotografin, darf sogar in der Garderobe und bei Proben fotografieren, was sonst niemandem erlaubt ist.

Auch nach Ende ihrer aktiven Zeit bleibt sie eine Institution in Hamburg, verehrt von jungen Kollegen, die sich von ihr Rat und Urteil erbeten. Einer von ihnen ist Friedemann Simon, mittlerweile 65 Jahre alt und selbst renommierter Theaterfotograf. Mit seinen ersten Aufnahmen von Marcel Marceau 1979 wagt er es, bei ihr anzuklopfen – um sie sechs Jahre später zu seiner ersten großen Fotoausstellung über das Internationale Sommertheater auf Kampnagel einzuladen. „Ganz große Klasse“, schreibt Rosemarie Clausen 1985 in das Gästebuch, auf diesen „Ritterschlag“ ist Friedemann Simon noch heute stolz!

Als die betagte Fotografin kurz darauf ins Altersheim umzieht, lädt sie den jungen Kollegen ein, sich aus den Kartons voller Fotografien zu bedienen. „Ich war damals nicht besonders bescheiden“, gesteht Simon lächelnd. Ein Foto nach dem anderen fischt er aus den Kartons, der Stapel, den er schließlich nach Hause schleppt, ist 27 Zentimeter hoch. 30 Jahre lang hat er seinen Schatz an Vintage-Prints gehütet, jetzt zeigt er eine Auswahl in der Fotogalerie von Siegfried Sander. Hinreißende Porträts. Allen voran Gustaf Gründgens als Mephisto 1960 am Deutschen Schauspielhaus, Samuel Beckett, 1969 im Profil mit Zigarre. Oder Wolfgang Borchert kurz vor der Uraufführung von „Draußen vor der Tür“ 1947, die der 26jährige Schriftsteller nicht mehr erleben sollte. Keine Frage: Wenn wir uns an die großen Schauspieler und Schriftsteller der 40er- bis 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts erinnern, sehen wir sie durch die Augen von Rosemarie Clausen. Endlich sind diese Ikonen der Theaterfotografie wieder zu sehen. Und das Beste daran: Man kann sie kaufen.

Rosemarie Clausen, Theaterfotografien, 1950er bis 70er Jahre
Vintage Prints
Zu sehen bis 29. Februar 2016 bei Multiple Box Hamburg, Admiralitätsstraße 76, in Hamburg.
Öffnungszeiten: Di - Fr 11 bis 19 Uhr, Sa 11 bis 17 Uhr, u.n.V.
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Alle Fotos: Rosemarie Clausen
Header: Detail aus Kontaktbogen mit Fotografien von Maximilian Schell als Hamlet
Galerie:
01. Gustaf Gründgens als Mephisto in Johann Wolfgang von Goethes "Faust I"
02. Gustaf Gründgens, 1957, in "Der Entertainer" von John Osborne
03. Marianne Hoppe als Gertrude in "Hamlet" von William Shakespeare
04. Ella Büchi, Elisabeth Flickenschildt und Pinkas Braun
, 25.9.1969, in "Ganze Tage in den Bäumen" von Marguerite Duras. Das junge Theater Hamburg
05. Bernhard Minetti als Krapp in "Das letzte Band" von Samuel Beckett
06. Tilla Durieux als Olah, chinesische Mutter in "Die chinesische Mauer" von Max Frisch
07. Hans Richter und Heinz Reincke, um 1959
08. Martin Held als Lumpensammler in "Die Irre von Chaillot" von Jean Giraudoux
09. Marcel Marceau
10. Wolfgang Borchert, 1947

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