Fotografie

The Day Will Come When Man Falls – Phillip Toledanos ganz persönliche Zukunftsvisionen

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Dienstag, den 04. August 2015 um 09:08 Uhr
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The Day Will Come When Man Falls – Phillip Toledanos ganz persönliche Zukunftsvisionen

Das Bauchgefühl meldet sich auf Anhieb, beim ersten flüchtigen Blick durch den zentralen Ausstellungsraum: Irgendetwas ist merkwürdig an diesen wahnsinnig tollen Fotos von Menschen aller sozialen Schichten und Altersgruppen.
Genauer gesagt: Von Männern. So zusammengewürfelt und zufällig, wie sie hier nebeneinander erscheinen, sind sie nicht, das spürt man sofort. Nur was verbindet sie? Was hat das Riesenporträt von dem feisten Typ mit dem wohlgefälligen Grinsen an der Stirnwand gemein mit dem smarten, graumelierten Dandy im Smoking? Was verbindet den Obdachlosen mit dem vornehmen Herrn im Morgenmantel, der mit seinem Hündchen einsam die Suppe schlürft? Was den frustriert dreinblickenden Büroangestellten in der unordentlichen Lagerhalle mit dem eingeschlafenen Alten im Rollstuhl?

Es dauert eine ganze Weile, bis man Phillip Toledano (47) drauf kommt: Jede dieser Personen ist er selbst. Von Maskenbildnern verwandelt bis zur Unkenntlichkeit. Die letzten verräterischen Spuren der hoch artifiziellen Inszenierungen mit Photoshop bereinigt.

Phillip Toledano ist ein genialer Fotograf und ein genialer Schauspieler. Was der gebürtige Engländer, der heute in New York lebt und arbeitet, an Aufwand betreibt, um überhaupt erst die Voraussetzungen für ein Foto zu schaffen, macht sprachlos. Tage, Wochen hat er die Bewegungsmuster der Persönlichkeiten studiert, in deren Haut er schlüpft, Stunden dauern die Sitzungen beim Maskenbildner, nach denen ihn seine eigene Familie nicht mehr erkennt.

„May be“ heißt die Serie, die Toledano 2011 begann und die 2015 noch andauert, auf Deutsch „Vielleicht“. Es sind seine Zukunftsvisionen. All die Schicksalsschläge, die dem sympathischen Fotografen in den kommenden Jahren zustoßen könnten... Die ihm Wahrsager und Kartenleger prophezeit haben: Fettsucht, Schlaganfall, Aufstieg in die High Society, ein Leben auf der Straße, eine Karriere als Heilsbringer, das Versinken in der Bedeutungslosigkeit. Die Bandbreite ist enorm und ein Großteil davon sind existentielle Ängste, die einen jeden umtreiben. Toledano hat sie in vollen Zügen ausgelebt. Selbstironisch und provokativ zeigt er dabei wie unter dem Vergrößerungsglas die Muster unseres auf Macht, Erfolg, Jugend und Schönheit basierenden Systems.
„May be“ entstand gleichsam zwangsläufig nach einer anderen Serie, die den Fotografen drei Jahre lang beschäftigte und die ihn stark mitnahmen: „Days With My Father“ (2006-2009), nun ebenfalls in den Deichtorhallen zu sehen, ist ein Abschied in Bildern vom demenzkranken Vater. Es sind zweifellos Todedanos bislang intimsten und berührendsten Fotografien: Bilder voller Liebe und Respekt. Voller Traurigkeit, Resignation, manchmal aber auch voller Humor und Fröhlichkeit. In ihrer Ruhe, Klarheit und sanften Melancholie haben diese Aufnahmen mitunter schon etwas Transzendentales. Dazu Toledanos tagebuchartigen Aufzeichnungen und Kommentare, die noch einmal unterstreichen, wie innig die Beziehung von Vater und Sohn gewesen sein muss.

Alter und Abschied, Individualität und Zukunft beschäftigen Phillip Toledano, seit er 2002 seinen gutbezahlten Job in der Werbeindustrie an den Nagel hing und sich ganz für die Kunst entschied. Gesellschaftlich relevante Themen, die andere gern ausklammern, die aber hervorragend mit dem Leitthema „The Day Will Come“ der VI. Triennale der Photographie korrespondierte (18. bis 28.6.2015), zu der Todedano eingeladen wurde. Ein würdiger Auftakt für die erste große Ausstellung in Deutschland, die Sabine Schnakenberg ausgezeichnet kuratierte. Diese unerhört sehenswerte Schau macht deutlich, wie breit Toledanos Spektrum ist und wie groß sein Interesse an Außenseitern der Gesellschaft: So zeigt „A New Kind of Beauty“ (2008-2010) Personen, die sich zigfach unters Messer gelegt haben, um gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen. Vor dunklem Grund im Halbprofil aufgenommen, hat der Fotograf sie zu hellenistischen Helden-Skulpturen und madonnengleiche Heiligenbilder stilisiert. Die Serie „Phonesex“ (2008-2009) dagegen besticht durch die Lockerheit und das lässige Selbstbewusstsein, mit der sich 30 Telefonsex-Anbieter an ihrem Arbeitsplatz präsentieren.
Auch das gehört zu Phillip Toledanos Qualitäten: Menschen zu zeigen, die man normalerweise nie zu Gesicht bekommt.

„The Day Will Come When Man Falls” – Phillip Toledano
ist bis 6. September 2015 zu sehen in den Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstraße 1-2, 20095 Hamburg.
Infos unter www.deichtorhallen.de


Abbildungsnachweis:
Header: Phillip Toledano: aus der Serie "Days With My Father", 2006-2009, © Phillip Toledano
Galerie:
01. Phillip Toledano. Foto: Isabelle Hofmann
02.
Phillip Toledano: aus der Serie "Days With My Father", 2006-2009, © Phillip Toledano
03. und 04. Phillip Toledano: "Untitled", aus der Serie "Maybe", 2011-2015, © Phillip Toledano
05. Phillip Toledano: "Nikki", aus der Serie "A New Kind Of Beauty", 2008-2010, © Phillip Toledano
06. Phillip Toledano: "Tiana", aus der Serie "A New Kind Of Beauty", 2008-2010, © Phillip Toledano
07. Phillip Toledano: "Derek", aus der Serie "Phonesex", 2008-2009, © Phillip Toledano
08. Phillip Toledano: "Sally", aus der Serie "Phonesex", 2008-2009, © Phillip Toledano
09. Phillip Toledano: aus der Serie "When I Was Six", 2013-2015, © Phillip Toledano
10. Phillip Toledano vor "Big Phil". Foto: Isabelle Hofmann

 

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