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Fotografie

Ara Güler – Das Auge Istanbuls

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Geschrieben von Claus Friede  -  Montag, den 20. Oktober 2014 um 10:08 Uhr
Ara Güler – Das Auge Istanbuls 4.9 out of 5 based on 186 votes.
Ara Güler – Das Auge Istanbuls

Dem türkisch-armenischen Fotografen Ara Güler (geb. 1928) widmet der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus in Berlin eine Retrospektive mit Werken aus den Jahren 1950 bis 2005.

Er ist einer der ganz großen Reportage-Fotografen unserer Zeit und einer der wenigen, der seine Heimatstadt Istanbul über einen Zeitraum von mehr als 60 Jahren dokumentiert. Berühmt sind seine Serien von Schwarz-Weiß-Aufnahmen vom Leben in der Millionenmetropole am Bosporus. Wenn er die Stadt mit seiner Leica fotografiert, so lichtet er immer die Menschen ab: Pferdefuhrwerke auf Kopfsteinpflaster, das Treiben auf der Galata-Brücke, Fischer in ihren Booten vor der Stadtkulisse, Frauen beim Wasserholen, Straßenverkäufer in den engen Gassen Cihangirs, im Bezirk Beyoğlu, spielende Kinder in Fethiye, Männer, die Tee trinken oder beim andächtigen Gebet in einer der Moscheen knien.

Er ist zuweilen ein geradezu liebevoller Beobachter. Seine Fotos sind dicht am Leben, haben eine unverwechselbare Selbstverständlichkeit und sind atmosphärisch dichte Statements. Verwunschene Gärten, morbide Innenhöfe und alte Villen und Stadthäuser gehörten ebenso in sein Repertoire. Obwohl er schon in den 1960er-Jahren in Farbe fotografiert, so sind gerade seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen diejenigen, die sich international durchgesetzt haben.

Auch gibt es neben den Alltagsszenen eine politisch-historische Wirklichkeit: so dokumentiert er beeindruckend die Unruhen und Protestversammlungen während des Militärputsches im Mai 1960: Panzer, bewaffnete Polizei und Soldaten sowie die großen Versammlungen und Umzüge. Er zeigt fliehende Demonstranten und die Toten und Schwerverletzten vom Arbeiterfest des 1. Mais 1977 am Taksim-Platz; als ob ein Tsunami sie weggespült hätte, um sie schließlich in den Gassen tot aufzutürmen.

Er ist das kulturelle Gedächtnis Istanbuls, er ist – wie er selbst sagt – ein „visueller Historiker“.

Schon in den 1950er-Jahren fotografiert er für internationale Magazine, u.a. für das „Time-Life Magazine“, „Paris Match“ und den „Stern“; er ist Mitglied der Agentur Magnum in Paris und befreundet mit den großen Fotografenkollegen: Eugène Atget, Henri Cartier-Bresson, Sebastiao Salgado und Anselm Adams. Orhan Pamuks Roman „Istanbul – Erinnerungen an eine Stadt“ entsteht größtenteils im Fotoarchiv von Güler, zwischen all den Schachteln voller Fotos und gerahmten Werken. Er hat der Stadt ihre eigene Erinnerung vermacht, ihre Veränderung aufgezeigt und über die Tragik des Verschwindens sinniert. „Alles an der Türkei ist tragisch“, sagt Güler in einem Interview leicht melancholisch.
„Aus meinen Bildern müssen Ausstellungen werden, aus meinen Archiven, Bücher“. Ziel erreicht! Unzählige Ausstellungen und über 60 Bildbände haben sein Werk in der Welt bekannt gemacht.

Der oft mit Preisen geehrte Ara Güler liebt Menschen und er beharrt darauf, nur eine guter Fotograf sein zu können, weil dem so ist. Es gibt viele weitere gute Zitate von ihm, die zeigen welch großartiger Kopf er außerdem ist: „Nur wenn Du die Welt selbst entdeckst kannst Du sie neu fotografieren.“ Er hat die Welt auch für uns neu entdeckt.

In der Berliner Ausstellung sind neben seinen farblosen auch farbige Reportagen zu sehen: aus der antiken Stadt Aphrodisias (1959/1960), seine Serie „Arche Noah“ vom Berg Ararat und jene vom Berg Nemrut (1960) – sie gehören zu den drei wichtigsten Fotoserien überhaupt – wie er sagt.
Auch ist er weltweit im Auftrag und als Korrespondent unterwegs. Beispiele vom Kaspischen Meer sind zu sehen, aus Ägypten, Pakistan, Indonesien und Eritrea.

Ein weiteres Kapitel widmet sich den Portraitfotografien. Viele der abgelichteten Personen sind Künstler, zu denen Güler per se ein gutes Verhältnis hat, weil er sie für wichtiger hält als Politiker. Die Regisseure Jean Renoir, Alfred Hitchcock und Elia Kazan, Schauspieler Dustin Hoffman und Kollegin Sophia Loren, die Maler Pablo Picasso, Marc Chagall und Salvador Dali, die Schriftsteller Tennessee Williams, Orhan Kemal und Arthur Miller, die Sängerin Maria Callas und der Papst.

Sehenswert ist die Ausstellung allein deshalb, weil man bei Ara Güler ein Gefühl für die Gewichtung von Abstand und Nähe zu seinen fotografierten Protagonisten bekommt. Keines der Portraits ist aufdringlich, keines nicht auf Augenhöhe und keines katapultiert sie aus ihrer eigenen Welt hinaus.


Die Ausstellung „Ara Güler – Das Auge Istanbuls“ – Retrospektive von 1950 bis 2005 ist noch bis zum 15. Januar 2015 im Willy-Brandt-Haus, Stresemannstraße 28 in 10963 Berlin zu sehen. Eintritt frei (Ausweis erforderlich).
Weitere Informationen
Filme von Jim Rakete und Erdal Buldun geben in der Ausstellung einen weiteren Einblick ins Werk und nähern sich der Person Ara Güler.
Geöffnet: Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr. Die Ausstellung ist vom 24. bis 26.12., sowie am 31.12.2014 und 1.01.2015 geschlossen.
Ein umfangreiches und lohnendes Katalogbuch ist im Nicolai-Verlag erschienen (deutsch/türkisch). ISBN: 978-3-89479-906-9


KulturPort.De dankt der DB Bahn für die Unterstützung.


Abbildungsnachweis: © Ara Güler,
Header: Straßenszene, Istanbul, 1958
Galerie:
01. Galata-Brücke, Istanbul, 1954
02. Fischer, Istanbul, 1950
03. Blick in die Ausstellung im Willy-Brandt-Haus, Berlin. Foto: Claus Friede
04. Galata-Brücke im Winter, Istanbul, 1958
05. Blick in die Ausstellung im Willy-Brandt-Haus, Berlin. Foto: Claus Friede
06. Fischer, Istanbul, 1950
07. Maria Callas, 1957
08. Blick in die Ausstellung im Willy-Brandt-Haus, Berlin. Foto: Claus Friede
09. Ara Güler: Dokumentation der Geschichte
10. Ara Güler, Selbstportrait, 2014

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