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Film

Mut zur Utopie, ein Relikt der Vergangenheit? – „Die Geliebten Schwestern”

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Geschrieben von Anna Grillet  -  Mittwoch, den 30. Juli 2014 um 09:47 Uhr
Mut zur Utopie, ein Relikt der Vergangenheit? – „Die Geliebten Schwestern” 4.6 out of 5 based on 341 votes.
Mut zur Utopie, ein Relikt der Vergangenheit? – „Die Geliebten Schwestern”

In Dominik Grafs unkonventionellem Historiendrama wird Dichterrebell Friedrich Schiller nicht zu unserem Zeitgenossen sondern wir zu seinem.
Die wahren Revolutionäre der Leidenschaft sind aber Frauen.

Im Sommer 1788, im thüringischen Rudolstadt beginnt die anrührende Ménage-à- trois zwischen dem Autor der “Räuber” (Florian Stetter) und den Schwestern Caroline von Beulwitz (Hannah Herzsprung) und Charlotte von Lengefeld (Henriette Confurius).

Das bewegende Liebesepos, ästhetisch virtuos in Szene gesetzt, erstickt nie im Pittoresken, im Gegenteil. Auch wenn so sinnlich betörend Federkiele nie zuvor über die Seiten kratzten, das Rascheln des Papiers die gleiche geheimnisvolle Magie entwickelt wie der tosender Wasserfall oder die nebelverhangenen Wege, auf denen Kutschen dem ungewissen Schicksal entgegen holpern. Die sehnsuchtsvoll drängenden Worte der Briefe ziehen den Zuschauer in ihren Bann, sie sind mehr als Geständnisse tiefer Gefühle: Auflehnung gegen Standesdünkel und Konvention. Der Geist der Aufklärung genau wie ihr radikaler Altruismus verbindet die drei. Eifersucht scheint in dieser Liaison nicht zu existieren. Zumindest in jenem Sommer.

Caroline hatte sich nach dem Tod des Vaters für Schwester und Mutter geopfert, mit 16 Jahren einen Mann geehelicht, der ihr nichts bedeutet, um so der verarmten adligen Familie weiterhin ein sorgenfreies wie standesgemäßes Leben zu garantieren. Charlotte reist 1787 nach Weimar zu ihrer Patentante, Freifrau von Stein (Maja Maranow), sie soll sich dort in eine perfekte Hofdame verwandeln. Die Mutter Louise von Lengefeld hofft insgeheim auch auf eine gute Partie für die jüngere schüchterne Tochter. Die fühlt sich aber in der höfischen Gesellschaft völlig fehl am Platze, klagt der Schwester immer wieder in Briefen ihr Leid. Für beide ist die Korrespondenz miteinander ihr eigentliches Leben, der einzige Freiraum, wo sie Überzeugungen und Gefühlen ungehindert Ausdruck verleihen können. Als Charlotte vom letzten ihrer Verehrer sitzen gelassen wird, ist sie am Boden zerstört. Nicht dass ihr etwas an dem vermeintlichen Heiratskandidaten gelegen war, nein, sie weint, weil sie der Familie keinen wohlhabenden Gatten präsentieren kann. Die Schwester, die zu Besuch kommt, tröstet sie: Sie soll nicht aus Rücksicht auf die Mutter einen Mann heirateten, sondern jemanden finden, der sie glücklich mache. Vor der Abreise entdeckt Caroline auf Charlottes Sekretär ein Briefchen von Friedrich Schiller. Sie schreibt dem skandalumwitterten Dichter, bittet ihn, sich um die kleine Schwester zu kümmern und lädt ihn nach Rudolstadt ein.

Regisseur und Drehbuchautor Dominik Graf, 10facher Grimme-Preisträger, drehte mit Götz George, Gudrun Landgrebe „Die Katze”, für das deutsche Fernsehen erfand er das Genre des Polizeifilms neu. Er ist einer der gerne etwas riskiert wie in dem Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens”. Für „Die Geliebten Schwestern” wechselt er nun radikal Stil und Tempo. Keine schnellen, harten Schnitte mehr, keine verrissenen Schwenks, die ewige Unrast hat ein Ende. Hier spielt die Zeit selbst eine tragende Rolle, nicht nur politisch, sondern auch die gefühlte. Jeder Moment muss ausgekostet werden. Die Menschen damals waren ganz anderen Gefährdungen ausgesetzt als heute, die größere Nähe zum Tod prägt ihr Dasein. Sie denken mutig in großen Visionen, gesellschaftlichen Utopien auch in der Liebe. Die kleinbürgerlichen Sehnsüchte des 21. Jahrhunderts, zu oft nur auf die eigene ökonomische Absicherung bedacht, wirken kläglich dagegen. Dominik Grafs Protagonisten leben nicht nur ihre Leidenschaften, sie sind vor allem auf beeindruckende Weise fähig, diese Empfindungen zu verbalisieren fern jeder Sentimentalität. Ihr Traum von der Liebe zu dritt ist voller Zuversicht, trägt aber auch die schmerzliche Möglichkeit des Scheiterns immer in sich und erhöht so unwillkürlich die Spannung des Films. Graf selbst, als Off-Sprecher, kommentiert das Geschehen.

Charlotte und Caroline haben einst den Pakt geschlossen, alles miteinander zu teilen. Die Unzertrennlichen werden nun auf eine harte Probe gestellt. Schiller trifft ein, von der Mutter misstrauisch beäugt als aufrührerischer Habenichts, seinem Charme und literarischen Erfolgen kann auch sie letztendlich nicht widerstehen. Auf dem gemeinsamen Spaziergang mit den Schwestern entlang der Saale stürzt sich der Dichter in die Fluten, um ein kleines Mädchen zu retten. Nur leider kann er nicht schwimmen, gelungene Metapher eines falsch verstandenen Idealismus, der nicht nur für jene Epoche kennzeichnend ist. Die Schwestern befreien ihn von seinem nassen Gewändern, in gemeinsamer Umarmung wärmen die zwei jungen Frauen den Frierenden zwischen ihren Reifröcken. Der ohnehin gesundheitlich angegriffene Schiller muss in den nächsten Wochen das Bett hüten, die Schwestern besuchen ihn und er macht beiden eine Liebeserklärung. Charlotte verkörpert für ihn “die Weisheit”, Caroline “die Glut”. Konspirative Treffen folgen, für den täglichen Briefwechsel entwickelt Schiller einen geheimen Code. Caroline, die Verschwörerische, schmiedet Pläne: Charlotte soll Schiller heiraten, um ihre Liebe zu dritt zu ermöglichen. Historisch belegt ist das nicht, Charlotte wird zwar Friedrich Schillers Ehefrau, sie haben vier Kinder zusammen, aber von der amourösem Beziehung zu Caroline zeugt nur ein Brief. ( Dazu gehen die Meinungen der Fachleute auseinander). Alles andere entstammt der Phantasie des Filmemachers. Nur ist es so authentisch, bravourös geschildert, dass man von ganzem Herzen wünscht, es soll wahr sein. Graf hat intensiv über die Weimarer Klassik recherchiert, jedes Detail ist frappierend überzeugend, die Geschichte wie ihr Umfeld in sich so stimmig, kompliziert wie logisch, dass sie einen zutiefst bewegt. Grade die weißen Flecken in den historischen Quellen haben die Imagination des Regisseurs herausgefordert.

Was auch immer wirklich geschah, der Film, die Fiktion überzeugt mehr als jede Realität. Und keiner wüsste das mehr zu schätzen als Friedrich Schiller selbst, der Autor von „Maria Stuart”, „Don Carlos” oder „Wallenstein”. Das Verblüffende: der Zuschauer muss kein Kenner des Sturm und Drangs sein, um dieses Melodram in vollen Zügen genießen zu können, es löst aber ebenso Begeisterung aus bei dem, der über Goethes Naturbegriff promoviert hat. Es geht nicht vorrangig um den Philosophen, Dichter, Historiker, sondern um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Liebe, vor allem jedoch um Sprache. Die Sprache, die Reflektion wird hier zum Synonym für Liebe und umgekehrt. Das Epos hat bei aller Eleganz genau jene Direktheit, die Dominik Graf so an Friedrich Schiller bewundert, manchmal blicken Charlotte oder Caroline dem Zuschauer genau in die Augen. Die adligen Frauen sind es hier, die die Initiative ergreifen, die Ehe scheint für sie kein Hindernis zu sein einen anderen Mann zu begehren. Der bürgerliche Dichter dagegen ist eher zögerlich, die Rolle als männliche Mätresse seiner Gönnerin Charlotte von Kalb missfällt ihm sichtlich. Akribisch, amüsant und nicht ohne Ironie beschreibt der Filmemacher wie die drei ihre Gefühle gegen alle Hindernisse verteidigen. Charlotte schreckt nicht vor der clever inszenierten Intrige eines gefälschten Briefes zurück, um die Nebenbuhlerin von Kalb auszuschalten. Trotzdem, der Kern der Beziehung ist von ungeheurer Zärtlichkeit, einer Bedingungslosigkeit die an Goethes “Werther” erinnert. Irgendwann verdunkeln sich die luftigen weiten Landschaften zu tristen engen Innenräumen. Charlotte bekommt ihr erstes Kind, Caroline schreibt ihren ersten Roman. Die Utopie zerbricht an der Realität. Die Schwestern sehen einander plötzlich als Konkurrentinnen. Aus anfänglichem Verzicht wird Flucht, aber es ist noch lange nicht das Ende dieser großen Liebe.



Originaltitel: Die Geliebten Schwestern
Regie/Drehbuch Dominik Graf
Darsteller: Hannah Herzsprung, Henriette Confurius, Florian Stetter, Claudia Messner, Ronald Zehrfeld
Produktionsland: Deutschland, Österreich, 2013/2014, Länge: 139 Minuten
Edition Senator, Verleih: Central Film Verleih GmbH

Fotos & Video: Copyright Senator Entertainment AG
Kinostart: 31. Juli 2014

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avatar Gudrun
-8
 
 
Wie kann man so eine unsägliche Schmonzette nur so in den Himmel loben? Der Film war 140 Minuten schrecklich kitschiges Kostümtheater.
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avatar Anna Grillet
+12
 
 
Die Zeit, 24. Juli 2014: “Drei Menschen, ein Gefühl ...bewegende Dreiecksgeschichte....Denn Sprache, Schrift, Druck bedeuten, wie diese Liebe: Es entsteht eine neue Welt.”(Elisabeth von Thadden). Variety, 8. Februar 2014: “...an exquisitely detailed, unusually brainy costume drama...an enthralling, gorgeously mounted depiction of the relationship..,”(Scott Foundas). epd Film, 31. Juli 2014: “...versprüht der Film viel Leidenschaft vor allem dann, wenn es um Sprache geht”. (Martina Knoben).

Da ich ganz augenscheinlich die Frage von Gudrun nicht überzeugend beantworten konnte, hier drei bekannte Kritiker, die noch ausführlicher und prägnanter in ihren Rezensionen auf Dominik Grafs Film eingehen, - das, was die LeserIn "Gudrun" vielleicht unter “in den Himmel loben” versteht. Persönlich finde ich es bedauerlich, wenn man im Netz nicht seinen vollen Namen nennt, grade wenn es sich um eher negative oder polemische Kritik handelt. Den Mut sollte man haben, denn ich tue es ja auch. Der Wert einer Aussage hängt zum Teil davon ab, wer sie macht. Hinter Vornamen, Kürzeln, Pseudonymen kann sich ein frustrierter Kollege, der Ex-Lover von vor 17 Jahren verbergen, ein geborener Manipulator oder natürlich auch ein ernst zu nehmender Kritiker. Dass es Situationen, Länder gibt, wo Autoren nur unter großen Gefahren ihre Meinung veröffentlichen können, ist natürlich etwas ganz Anderes. Die meisten Kommentare in dieser Rubrik werden mit vollem Namen gezeichnet und sind konstruktiv wie informativ.
Noch ein Ratschlag: Trailer anschauen, dann weiß man in der Regel schon, das ist kein Film für mich (=Gudrun).
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