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Film

„Enemy” – Im Zeichen der Spinne

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Geschrieben von Anna Grillet  -  Dienstag, den 20. Mai 2014 um 09:56 Uhr
„Enemy” – Im Zeichen der Spinne 4.9 out of 5 based on 247 votes.
„Enemy” – Im Zeichen der Spinne

Ein rätselhafter surrealer Erotikthriller nach dem Roman “Der Doppelgänger” des portugiesischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers José Saramago.
Regisseur Denis Villeneuve inszeniert das klaustrophobisch absurde Verwirrspiel als Spurensuche nach dem eigenen Ich und finstre Parabel auf die heutige Gesellschaft. Eine Herausforderung für Zuschauer wie auch Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal.

Lethargie und erschreckende Gleichförmigkeit prägen das freudlose Leben des Geschichtsprofessors Adam Bell (Jake Gyllenhaal, „Prisoners”): Nach den Vorlesungen an der Universität korrigiert er daheim im sterilen Apartment die Arbeiten seiner Studenten, hat kurz recht lieblosen Sex mit Freundin Mary (Mélanie Laurent, „Nachtzug nach Lissabon”) und legt sich dann schlafen. Die Welt um ihn herum ignoriert er, würdigt sie kaum eines Wortes. Das ändert sich schlagartig, als er in einem ridikülen B-Movie einen Schauspieler entdeckt, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten scheint. Da steht er, dieser lächerliche Hotelpage, eigentlich nicht mehr als ein kläglicher Statist. Adam starrt ungläubig auf den Monitor des Laptops, beschließt den Doppelgänger aufzuspüren. Der Mann heißt Anthony St.Claire (ebenfalls Jake Gyllenhaal) und ist verheiratet mit der hochschwangeren Helen (Sarah Gadon, „Eine dunkle Begierde”). Adam folgt ihm heimlich, spricht am Telefon mit dessen Frau, sie hält ihn für Anthony. Die anfängliche Neugier wird schon bald zur Obsession und das bizarre Spiel schließlich tödliche Realität.

Bevor er mit den Dreharbeiten für „Prisoners” begann, wollte Regisseur Denis Villeneuve mit “Enemy” ein besseres Gespür für die englische Sprache entwickeln, bis dahin hatte der Kanadier immer nur in französischer Sprache gedreht wie „Die Frau die singt – Incendies” und „Der 32. August auf Erden”. Beim Lesen vom Saramagos Romans befiel den Regisseur nach eigenen Worten „ein heftiges Schwindelgefühl, so als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen werden. Dieses Gefühl ist schon immer Teil meiner schlimmsten Albträume gewesen”, schreibt er in den Produktionsnotizen, „aber auf unerklärliche Weise fühle ich mich davon auch angezogen.” Es geht um die Macht des Unterbewusstseins, welchen Einfluss es auf den Einzelnen und auf die Gesellschaft hat. „Das Chaos ist eine Ordnung, die entschlüsselt werden muss,” heißt es an einer Stelle im Film. Doch der düstere vielschichtige Psychothriller um Dualität und Identität ist seltsam resistent gegen jede Art von Deutung oder Analyse. Man kann sich nur treiben lassen, dem Tempo anpassen, alles scheint irgendwie verlangsamt, unwirklich, beängstigend wie ein nicht enden wollender böser Traum, verstärkt noch durch den Soundtrack von Danny Bensi und Saunder Jurriaans. Dumpfe Müdigkeit überkommt einen zuweilen, aber das bedrückende mysteriöse Melodram verliert nie ganz seine suggestive Kraft.

Adam versucht Kontakt aufzunehmen mit Anthony, der reagiert zunächst abweisend. Die beiden sind äußerlich identisch, sogar ihre Narben sind es. „Sich selbst zu begegnen, ist ein Phänomen, das bei Menschen die gleiche Wirkung auslösen sollte wie ein schwarzes Loch auf eine Galaxie, “ glaubt Villeneuve, er bezeichnet „Enemy” als „neurotischen Spionagethriller”. Aber wer verfolgt wen? Ist es Adam, der narzisstische unsichere Geschichtsprofessor, mit jener zwanghaften Sexualität, die wirkliche Intimität unmöglich macht und ihn damit jeder Hoffnung auf wahre Liebe beraubt? Wie ein Stalker dringt er in das Leben seines Doppelgängers ein. Oder ist es der scheinbar selbstbewusste sportliche Motorradfahrer Adam, der sich trotz seiner drittklassigen Rollen eine luxuriöse Wohnung leisten kann, Annehmlichkeiten ganz selbstverständlich zu genießen weiß, eine seltsam funktionierende Beziehung hat und bald ein Kind? Unmerklich übernimmt er die Kontrolle. Was in ihren Köpfen vorgeht, darüber verlieren die zwei Protagonisten kaum ein Wort. Der bedrückende existenzialistische Thriller lässt offen, was Wirklichkeit oder Täuschung ist. Die beiden Frauen, Mary und Helen, blonde Schönheiten nach Hitchcock-Manier, verkörpern die gegensätzlichen Weltbilder ihrer Männer: Mutter und Verführerin. Sie werden, jede auf ihre Weise, zum obskuren Objekt der Begierde des sogenannten Feindes. Das gespenstische Machtspiel wird immer gefährlicher. Erotik hat weniger mit Lust oder Sinnlichkeit zu tun sondern mit Sieg und Besitz. Manches erinnert an die von David Lynch entwickelten Archetypen in „Mulholland Drive”, seine assoziative Erzählweise, doch die Ästhetik (Fotographie: Nicolas Buldoc) ist eine völlig andere. Dies ist eine Welt in gelblich grauem Nebel gehüllt, eine Großstadt nur aus Glas und Beton von erschreckender Anonymität, hier werden am Ende vielleicht alle Menschen gleich aussehen. Eine stark stilisierte, bedrohliche Seelenlandschaft, wo selbst die Hochleitungsdrähte ein unentrinnbares Spinnennetz bilden.

Der 2010 verstorbene José Saramago („Die Stadt der Blinden”) ist ein Meister der Abschweifung, das ist die Faszination aber auch Bürde seiner Romane. Auf unnachahmliche Weise verstört er den Leser, reißt ihn heraus aus den konventionellen festgefahrenen Strukturen der klassischen Literatur, die er doch selber so virtuos beherrscht und vorführt. Bewusst zerstört er die epische Illusion, verwickelt den Leser in unzählige ironische Fachsimpeleien: „...so verführerische Begriffe wie Schicksal, Verhängnis und Bestimmung haben in diesem Diskurs nichts zu suchen” und provoziert mit langatmiger Selbstkritik bis zum Überdruss. Der Doppelgänger, ob bei E.T.A. Hoffmann, Fjodor Michailowitsch Dostojewski oder Jorge Luis Borges, ist immer Symptom für eine stark verunsicherte Persönlichkeit und bei dem überzeugten Marxisten, der schon die Salazar-Diktatur seines Landes engagiert bekämpfte, auch Indiz für eine kranke Gesellschaft. Regisseur Denis Villeneuve und Drehbuchautor Javier Gullón folgen glücklicherweise nicht der komplexen Erzählweise Saramagos, sondern versuchen einen Zugang über eine symbolische Ebene: Ganz am Anfang des Films tanzt eine nackte Frau vor einer kleinen Gruppe von Männern, eine Klientel mit offensichtlich besonders makabren Wünschen. Die Gesichter sind entstellt von Lüsternheit, darunter auch Adam (oder Anthony?). Eine riesige lebendige Vogelspinne wird auf einem silbernen Tablett serviert. Bevor sie in Aktion tritt, kommt der Schnitt. Von nun an geistert sie durch Adams Albträume als sexuelles Motiv, halb Frau halb Tier. Die Spinne beherrscht den Film ganz in Tradition von Franz Kafka aber auch David Cronenbergs.

In vielen Kulturen oder Mythologien verkörpert die Spinne das Schicksal. Im Hinduismus ist es Maya, welche die Illusionen der Welt webt. In Nordamerika bei den Hopi gilt die Spinne Koyang Wuuti als die Urgroßmutter aller Wesen und nimmt in der Schöpfungsgeschichte eine zentrale Rolle ein. Der Ursprung des indianischen Traumfängers geht auf Iktumi zurück. Das Netz soll alle guten Ideen, Gedanken, Vorhaben und Träume einfangen und festhalten. Die Nornen galten als Schicksalsweberinnen, die nicht nur die Fähigkeit besaßen, Lebensnetze miteinander zu verbinden sondern auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. In der griechischen Mythologie ist Arachne eine verwandelte Frau, die einen menschlichen Oberkörper besitzt und die Beine einer Spinne. Ihr begnadetes Talent als Künstlerin wie Weberin ruft den Neid Athenes hervor, der Göttin des Kampfes und der Weisheit. Die wohl erfolgreichste Spinne auf der zeitgenössischen Kunstszene wurde „Maman”, jene monumentale Bronzeskulptur der französisch US-amerikanischen Künstlerin Louise Bourgeois (1911-2010). Schlüsselfigur ihres Oeuvres und Hommage der Bildhauerin an ihre Mutter, die in Paris als Restauratorin von Tapisserien arbeitete. Bourgeois sah in der Spinne einen Freund, beschützend und hilfreich. Drehbuchautor Javier Gullón erklärt: „In unserem Film weist sie auf die Mutterschaft hin, aber ich denke, dass die Menschen letztendlich ihre eigene Bedeutung finden werden. Jeder Zuschauer wird etwas anderes darin sehen und entdecken.” „Enemy” ist nicht darauf ausgerichtet Antworten zu liefern, sondern den Weg für Assoziationen zu öffnen und Reaktionen zu provozieren. Verblüffend, wie es Jake Gyllenhaal gelingt in seiner Doppelrolle die beiden zwar äußerlich identischen aber sonst so konträren konkurrierenden Protagonisten mit gleicher Intensität und Überzeugungskraft zu spielen. Sympathisch werden sie zu keinem Zeitpunkt, es ist kein Film, der über diese Form der Identifikation funktioniert.



Originaltitel: Enemy
Regisseur: Denis Villeneuve
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Sarah Gadon, Isabella Rossellini
Produktionsland: Kanada, Spanien, 2013 Länge: 90 Min.
Verleiher: Capelight Pictures
Kinostart: 22. Mai 2014

Fotos & Video: Copyright capelight pictures

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