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Film

„Winter’s Tale” – Von Engeln und Dämonen

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(371 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Anna Grillet  -  Dienstag, den 11. Februar 2014 um 10:52 Uhr
„Winter’s Tale” – Von Engeln und Dämonen 4.6 out of 5 based on 371 votes.
Winter's Tale

Ein romantisch philosophisches Fantasy-Drama von rührender Ernsthaftigkeit.
Akiva Goldsman inszeniert das surreale Großstadtmärchen ästhetisch virtuos als poetische Parabel über die Macht der Liebe. Nur leider geht dabei die fulminante literarische Vorlage, der gleichnamige Roman des amerikanischen Autors Mark Helprin, verloren.

New York, mythische Megapolis Anfang des 20. Jahrhunderts. Der irischstämmige Dieb Peter Lake (Collin Farrell) lebt auf der ständigen Flucht vor der Bande des diabolischen Gangsterboss’ Pearly Soames (Russel Crowe). In die Enge getrieben, rettet ihn im letzten Moment ein weißer Hengst, der von nun an sein Gefährte und Schutzengel ist. Das Pferd galoppiert mit kraftvoller Eleganz über die Brücken des Hudson, zugefrorene Seen, durch verschneite Parks, belebte Avenues und wenn notwendig erhebt es sich in die Lüfte.

Es kann auch bocken um seinen Willen oder den des Schicksals durchzusetzen. Beim Einbruch auf dem prachtvollen Anwesen des Zeitungsverlegers Isaak Penn (William Hurt) begegnet Peter Lake unerwartet dessen todkranker Tochter Beverly (Jessica Brown Findlay). Es ist für beide Liebe auf den ersten Blick. Ein ungleiches Paar: Er, der archaisch charmante Schurke mit Ganovenehre, der in einem geheimen Versteck unter der Kuppel vom Grand Central Station haust. Sie, die eigenwillige, eloquente Tochter aus reicher Familie, die wegen ihres hohen Fiebers in einem Zelt auf dem Dach des Hauses schläft und sich bis dahin nur den Sternen verbunden fühlte. Peter Lake hofft durch die Kraft seiner Gefühle Beverly am Leben halten zu können.

Am 7. Juli 2010 starb Rebecca Spikings, Akiva Goldmans zweite Frau, mit 42 Jahren an einem Herzinfarkt. Mark Helprins „Winter’s Tale” war schon seit der Studienzeit das erklärte Lieblingsbuch des Regisseurs. Der Wunsch es zu verfilmen bestand seit Jahrzehnten, die Rechte bereits erworben. Doch nun wurde das „Passion Project” zur einer fast existenzielle Notwendigkeit, vielleicht die einzige Möglichkeit in jenem Moment sich mit dem traumatischen Verlust auseinandersetzen. Goldsman hat sich in der Branche einen Namen gemacht als Produzent von Blockbustern wie „Mr. & Mrs. Smith” (2005), „I am a Legend” (2007) wie auch als erfolgreicher Drehbuchautor, „The Da Vinci Code- Sakrileg”(2006), „Illuminati “(2009). Für die Adaption von „A Beautiful Mind- Genie und Wahnsinn” erhielt er 2002 den Oscar und Golden Globe. Trotzdem zeigte sich Warner Bros. nicht besonders großzügig, kürzte das Budget 2012 radikal von angeblich 75 auf 46 Millionen Dollar. Auch die Dreharbeiten selbst wurden zu einer harten Belastungsprobe: Hurrikan Sandy sorgte für Verzögerungen, die ‚Rhythm & Hues Studios’ („Life of Pi- Schiffbruch mit Tiger”) verantwortlich für die Special Effects mussten im Februar 2013 Insolvenz anmelden.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz entstand ein ungewöhnlicher Liebesfilm ganz im Zeichen des magischen Realismus. Kameramann Caleb Deschanel kreierte einen Kosmos aus Licht und Farben wie einst Stanley Kubrick mit „Barry Lyndon”. Manche klagen, die Story wäre ihnen zu sentimental. Als Beverly stirbt, früher als erwartet durch ein Gift des Widersachers, gibt es nichts, was Peter Lakes Schmerz lindern kann. Das Böse in der Gestalt des von Zerstörungswut besessenen Soames siegt, er ist nicht der Teufel, aber er arbeitet für ihn. Dieses Mal sind die Gegner in der Überzahl, der Protagonist stürzt von der Brücke in die Tiefe des Hudson, der Hengst steigt in unbekannte Sphären auf. Es gilt das Schicksal anzunehmen, „nichts geschieht ohne Grund”, das wiederholt der 51-jährige Regisseur immer wieder, als müsste er sich selbst jeden Tag neu davon überzeugen. Die Fantasy-Effekte hat Goldsman bewusst auf ein Minimum beschränkt, deutet sie nur an. Wenn der weiße Hengst sich in die Lüfte erhebt, ist es wie eine Feder, die in Sekunden vom Wind davongetragen wird. Das Übersinnliche braucht hier keine Requisiten. Dieses Drehbuch hat einer geschrieben, der fest in seinen spirituellen Werten verwurzelt ist. Goldsman glaubt an „eine Welt hinter dieser Welt”, dass Vergangenheit und Gegenwart sich näher sind, als wir denken.

Der Film – genau wie der Roman – machen einen Zeitsprung. Kurz vor der Jahrtausendwende kehrt Peter Lake wieder zurück, kaum gealtert, er hat sein Gedächtnis verloren und damit auch jede Orientierung in New York. Noch ahnt er nicht welche übernatürlichen Kräfte er besitzt. Wie besessen malt er auf dem Straßenpflaster riesige suggestive Bildbotschaften, ohne zu wissen, was sie bedeuten. Es sind die roten Haare seiner Geliebten, ihre Symbolkraft erinnert an Alfred Hitchcocks „Vertigo”. Langsam kehrt die Erinnerung zurück.
2006 befragte die New York Times hunderte renommierter Kritiker, Schriftsteller, Verleger und andere Literaturexperten nach dem besten amerikanischen Roman der letzten 25 Jahre. Mark Helprins „Winter’s Tale” (1983) kam auf Platz 7 nach Toni Morrison („Menschenkind”, 1987), Don DeLillo („Unterwelt“, 1997), Cormac McCarthy („Die Abendröte im Westen”, 1985), John Updike („Rabbit in Ruhe”, 1995), John Kennedy Toole („Die Verschwörung der Idioten”, 1980) und Marilynne Robinson („Das Auge des Sees”, 1980).
Deutsche Leser kennen Philipp Roth, wenige aber nur Mark Helprin. Wäre er bei ‚Rowohlt’ oder ‚Kiepenheuer & Witsch’ erschienen, hätte er vielleicht eine Chance gehabt ins literarische Establishment aufzusteigen, bei ‚Bastei Lübbe’ tat er sich schwer und war danach lange Zeit vergriffen.

In Mark Helprins Roman „Winter’s Tale” wird das mythische New York zu einer arktischen Stadtlandschaft zwischen Utopie und Apokalypse. Akiva Goldsmans Lovestory greift nur einen Aspekt des 700 Seiten starken Fantasy-Epos heraus. Bei Helprin geht es vorrangig um Macht, Überleben, den Schrecken und die Schönheit des Maschinenzeitalters, aber auch die Kraft der Liebe. Alle Schicksale sind mit einander verbunden. Erbittert wird um die Herrschaft der Zukunft und ihre moralischen Werte gekämpft. Phantasie und Realität verschmelzen. Peter Lakes Eltern kommen als Emigranten auf dem Schiff nach New York, aber sie werden wegen ihrer Schwindsucht zurückgeschickt. Verzweifelt flehen sie die Beamten auf Ellis Island an, wenigsten den gesunden Sohn, noch ein Säugling, hier lassen zu dürfen. Vergeblich. Amerika ist für sie das Paradies – Ziel aller ihrer Hoffnungen. Heimlich betten sie den Kleinen in ein Modellschiff mit dem Namen “City of Justice” und lassen das winzige Boot über die Bordwand hinab in die stürmische See gleiten. Der Entschluss sich von ihrem Kind zu trennen, erinnert an die Transporte nach Auschwitz, an jene jüdischen Mütter, die ihre Säuglinge aus dem Zug werfen, um sie zu retten. Diese Szene taucht auch im Film auf. Die Stadt der Gerechtigkeit wird zum zentralen Thema.

Muschelfischer eines archaischen Naturvolkstammes unweit von New York entdecken den Säugling auf einer Sandbank. Sie nehmen den Jungen bei sich auf, er lernt jagen, fechten, Balzrituale und die Geheimnisse ihrer Mythologie. Dort über den Sümpfen vor der Stadt rast der dröhnende Wolkenwall, hinter dem die Grenzen von Zeit und Raum sich auflösen, der Tod seine Endgültigkeit verliert. Mit zwölf Jahren kommt Peter Lake nach Manhattan, für ihn der erste Kontakt mit der Zivilisation. Jene unwirklich erscheinende Metropole mit Bandenkriegen und Feuersbrünsten beschreibt der Autor nun oft aus der Sicht des Jungen. Peter Lake ist sofort fasziniert von dieser neuen unbegreiflichen Welt, besonders von den sich ständig bewegenden Maschinen, fremde, ihm unbekannte Lebewesen. Auf den Straßen hunderttausende elternloser Kinder, tagsüber schlafen sie in Mülltonnen oder verlassenen Kellerlöchern, nachts versuchen sie sich irgendwo ein paar Cent zu verdienen. Der geldgierige Reverend Overweary leitet ein Heim für geistig behinderte Jugendliche. Die Jungen werden als ungelernte Arbeitskräfte für fünf Dollar am Tag vermietet, von dem Geld erhalten sie selbst nichts. Hier strandet Peter Lake und obwohl er wie ein Sklave 16 Stunden am Tag geschunden wird, bleibt er dort wegen Reverend Mootfowl. Ein Mann, der keine Begierden oder Gefühle kennt, seine ganze Leidenschaft gilt der Metallverarbeitung, dem Schmieden, dem Konstruieren von Maschinen. Er ist ein Genie im Umgang mit Werkzeugen und als solcher ein hervorragender Lehrmeister.

Die grotesk-burlesken Gestalten, die Helprins New York bevölkern, erinnern an Charles Dickens, der moralische Idealismus an Lew Tolstoi. Verwahrlosung, Ausbeutung, Armut, brennende Slums, es entsteht ein magisch grausames Purgatorium in der Tradition von Dante Alighieris „Göttliche Komödie”. Doch ein Szenenwechsel genügt, ein anderer Blickwinkel und schon eröffnet sich eine Kulisse von atemberaubender Schönheit wie unter der Kuppel des Grand Central Station oder am Ufer des verzauberten Sees der Coheeries. Für den legendären Brückenbauer Jackson Mead empfindet Mootfowl eine fast andächtige Verehrung: „ein Glanzstück der Ingenieurskunst, diese vollkommene Balance zwischen Rebellion und Gehorsamkeit, eines jener irdischen Dinge, die Gottes Handschrift tragen [...] Seht nur, die ganze Insel wird zu einer Kathedrale.” Was damals noch keiner weiß, Jackson Mead plant eine Regenbogenbrücke gradewegs ins Jenseits. Er will den Weltenverlauf verändern, die Zeit anhalten, die Toten wieder aufzuerwecken.

Reverend Mootfowl begeht auf grausame Weise Selbstmord, für seinen Tod macht die Polizei Peter Lake verantwortlich. Er muss untertauchen und schließt sich den ‚Short Tails’ an, der Bande des berüchtigten Pearly Soames. Zehn Jahre bewährt er sich als Einbrecher, Falschspieler, Kurier, Spitzel, Panzerknacker. Doch dann kommt der Tag, an dem der Gangsterboss beschließt, den Stamm der Sumpfmänner auszurotten, die für Peter zwölf Jahre wie eine Familie gewesen waren. Er warnt sie und in einem unerbittlichen, blutigen Kampf sterben alle Bandenmitglieder außer Soames, der aber sofort wieder eine neue Gang barbarischer, gesichtsloser Söldner gründet. Religiöser Pathos wechselt mit Poesie, Komik, Ironie, ausschweifenden moral-philosophischen Diskursen, Träumen, Visionen und unnachgiebiger Kapitalismuskritik. Schnee, Eis, Sterne oder Maschinen – Helprin findet für alles immer neue lyrische Bilder. Sein magischer Realismus wird mit dem von Luis Borges verglichen, er selbst hört das nicht gerne, seine Vorbilder sind Shakespeare, Melville, Dante und Mark Twain. Vieles im Roman klingt heute wie eine Prophezeiung. Anderes scheint unwirklich, hat sich aber zugetragen. Collin Farrell und Russel Crowe kann man sich auch im Roman durchaus als Protagonisten vorstellen, sie sind die perfekte Besetzung.

„Eine Ode an New York” nennt der 66-jährige Autor „Winter’s Tale”. Nach seinem Studium in Harvard, Princeton und Oxford, diente Helprin in der israelischen Armee. Seine erster Roman „Er wird sie läutern wie Gold” erschien 1977.



Originaltitel: Winter’s Tale
Regie/Drehbuch: Akiva Goldsman
Darsteller: Colin Farrell, Jessica Brown Findlay, Russel Crowe, William Hurt, Will Smith
Produktionsland: USA, 2013. Länge: 129 Minuten. Verleih: Warner Bros. GmbH
Kinostart: 13. Februar 2014

„Wintermärchen“ Autor: Mark Helprin ab 17.02.2014
Verlag: Goldmann. ISBN: 978-3-442-48111-8

Fotos & Trailer: Copyright Warner Bros. GmbH

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