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Film

„The Wolf of Wall Street” – Ekel, Guru oder Gangster?

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(386 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Geschrieben von Anna Grillet  -  Dienstag, den 14. Januar 2014 um 10:52 Uhr
„The Wolf of Wall Street” – Ekel, Guru oder Gangster? 4.6 out of 5 based on 386 votes.
„The Wolf of Wall Street” – Ekel, Guru oder Gangster?

Kapitalismuskritik als berauschendes obszönes Spektakel.
Martin Scorsese inszeniert dramaturgisch virtuos den Aufstieg und Fall des amerikanischen Finanz-Betrügers Jordan Belfort mit viel Zynismus und schwarzem Humor. 179 Minuten Gier, Größenwahn, Sex und Drogen, mittendrin Leonardo DiCaprio, der genüsslich den schmierigen machtbesessenen Gangster und charismatischen Clown mimt. Genial.

„Mein Name ist Jordan Belfort. In meinem 26. Lebensjahr habe ich bereits 49 Millionen Dollar gemacht. Was mich ziemlich angepisst hat, weil es immer noch etwas weniger als eine Million in der Woche war.” Das Geheimnis dieses Erfolgs? “Selling garbage to garbage men”, „Müll an Müllmänner verkaufen”, so erklärt es zumindest der Protagonist (Leonardo DiCaprio) mit unverwechselbarer zynischer Überheblichkeit. Gemeint sind damit Penny Stocks, billige Ramschaktien ohne Chance auf Gewinn. Er verhökerte sie an Briefträger, Pensionäre, Hausfrauen, alle jene, die ein geringes Einkommen und keine Ahnung von Risikopapieren haben. Obwohl, wie sich im Laufe des Films zeigt, auch Reichtum selten vor Dummheit schützt. Schon am ersten Tag an der Wall Street lernte Belfort von Senior Broker Mark Hanna (Matthew McConaughey), dass Geld nur in die eigene Tasche fließen darf, dem Kunden muss die Illusion wachsenden Wohlstands genügen. Unverzichtbar um Arbeitsmoral wie Umsatz zu steigern: Sex und Koks.

Doch am 19. Oktober 1987, dem legendären Schwarzen Montag, vernichtet ein Kurssturz innerhalb weniger Stunden fast ein Viertel des Aktienvermögens. Belfort ist seinen Job los und auf dem Arbeitsmarkt besteht kein Bedarf mehr an Brokern. Beinah hätte der spätere Multimillionär aufgegeben, dann entdeckt er eine winzige Anzeige in der Zeitung. Ein schäbiges Etablissement am Stadtrand sucht Verstärkung. Erschüttert stellt Belfort fest, dass es hier noch nicht mal Computer gibt, die Kollegen absolute Loser sind, aber die Provision beträgt 50 %. Ein Leuchten geht über sein Gesicht. Penny Stocks waren eine kaum kontrollierte Nische im Finanzgeschäft, ideal für jede Art von Betrug. Unser ehrgeiziger junger Börsenmakler gibt Kollegen und Zuschauern eine Kostprobe seines Könnens und zieht am Telefon den ersten Deal durch. Hinreißend, abscheulich, grandios. Grade noch rührte uns Leonardo DiCaprio als „Der große Gatsby” mit der romantisch literarischen Seite des Kapitalisten, jetzt zeigt er die vulgäre, dreiste.

Belfort gründet seine eigene Firma, schult eine Herde zwielichtiger Trottel zu ergebenen Gefolgsleuten, die ihn wie einen Guru vergöttern. Sie beherrschen irgendwann seine skrupellosen Verkaufstechniken am Telefon zur Perfektion. Nur fehlt ihnen sein Charme, sein Charisma, was sie aber alle verbindet ist die maßlose Gier nach Geld, Sex, Drogen und Selbstbestätigung. Die erste Niederlassung ist eine ehemalige Autowerkstatt. Die Zahl der Mitarbeiter wächst, der Umsatz steigt, das schmutzige Gewerbe mit der Gutgläubigkeit floriert, mutiert zum glamourösen Imperium und nennt sich nun ganz respektabel „Stratton Oakmont”. Das Prinzip bleibt unverändert, ’pump and dump’ (P&D): eine hohe Nachfrage wird simuliert, die Zahlen manipuliert bis die Aktie begehrt und teuer genug ist, um Riesengewinne bei ihrem Verkauf einzufahren. Dann wird die Luft wieder rausgelassen, die Aktie fällt ins Bodenlose. Der Gewinn landet bei der Maklerfirma, den Verlust tragen die Kunden. Belfort blickt derweil mit Stolz auf seine neu erworbenen Statussymbole: ein riesiges Anwesen auf Long Island, sechs Luxus-Karren, eine 50 Meter-Yacht, die einst Coco Chanel gehörte und nicht zu vergessen, die zweite Ehefrau, das blonde Lingerie Modell Naomi (Margot Robbie).

Der Film beruht auf der gleichnamigen Biographie von Jordan Belfort, doch Drehbuchautor Terence Winter („Boardwalk Empire”, „The Sopranos”) und Regisseur Martin Scorsese nehmen sich für ihr opulentes Satire-Epos jede erdenkliche Freiheit heraus, leider entspricht trotzdem erschreckend viel der Wirklichkeit. Exzess ist das Credo von Belfort und seinen Leuten. Keine Party, die nicht als Orgie endet, die Gier wird zum gespenstischem Rummel, ein Jahrmarkt des Wahnsinns mehr als der Eitelkeiten. Koks immer und überall, dazu eine Menge Quaaludes, beliebte Pharmadroge seit Anfang der Siebziger. Karnevalsartige Marschmusik-Kapellen marschieren durch die Office-Etagen (in Unterhosen, versteht sich). Überall Prostituierte jeder Preisklasse, der Protagonist erklärt uns ausführlich Tarife und Vorzüge der verschiedenen Kategorien, zieht mit einem Schimpansen auf Rollschuhen herum. Statt Darts werden Kleinwüchsige auf eine Zielscheibe geworfen, keine Geschmacklosigkeit wird ausgelassen. Ein Hinweisschild auf den Toiletten versucht Geschlechtsverkehr zeitlich zu reglementieren. Vergeblich. Wenn es einen Goldfisch zu verschlingen gilt, ist der unansehnliche Donnie Azoff (Jonah Hill, „Cyrus”, „Moneyball”), Belforts Partner, gern mit dabei, in puncto Drogenkonsum, sexuellen Exzessen und hässlichen Klamotten kaum zu übertreffen. Die Millionen von Dollar, auf schamlose Weise verdient, werden auf noch viel schamlosere Weise wieder ausgegeben.

Ausschweifung ist nicht Selbstzweck oder Lachnummer wie in Nicholas Stollers „Männertrip” aus dem Haus Judd Apatow, sondern Thema und Stilelement. Im Gegensatz zu seinen Filmen wie „Taxi Driver” (1976), „Raging Bull” (1980), „Goodfellas” (1990) oder „The Departed”(2006) muss sich Altmeister Martin Scorsese hier von der dunklen, ernsten, kargen, rüden Poesie der Straße lösen, dort spürte der Zuschauer Verbundenheit, seine Empathie für Protagonisten wie Jake LaMotta oder Travis Bickle. Hier ist es nur leise Verachtung. Mit einem geschickten, dramaturgischen Kniff geht der Regisseur auf Distanz, klinkt sich aus, lässt Belfort direkt das Publikum ansprechen: Von nun an ist das eine Sache zwischen Schurke und Zuschauer. Leonardo DiCaprio läuft schauspielerisch zu Höchstform auf, grade in den Szenen, wo er als Wolf der Wallstreet seinen Schützlingen Schritt für Schritt beibringt, wie man Kunden effizient über den Tisch zieht. Er kreist sie ein, versperrt den Weg, blockt jedes Ausweichmanöver ab, sieht alle Reaktionen vorher, präsentiert sich nach Bedarf warmherzig, professionell, knallhart oder verständnisvoll. Seiner Eloquenz, Überzeugungskraft, psychologischen Raffinesse lässt sich nur schwer widerstehen. Zugleich mokiert sich der Broker in grotesker Slapstick Manier über den Menschen am anderen Ende der Telefonleitung, wie dumm, zögerlich, berechenbar er ist, eben typisch Schaf. Belfort, der clowneske Charmeur, verzaubert alle mit seiner prahlerisch listigen Komik, Opfer, Komplizen, Zuschauer und triumphiert am Ende meist. Er wagt sich nun auch an vermögende Kunden heran wie Schuhproduzent Steve Madden.

Der Sohn eines Buchhalters aus Queens hat sein Leben so gestylt, wie er es von TV-Serien und Boulevardpresse her kennt. Als Egomane genießt er es, seine Geschichte zu erzählen, greift korrigierend in die Handlung ein, ein roter Ferrari setzt auf der Leinwand grade zum Überholen an, „nein, mein Ferrari ist weiß, wie der von Don Johnson in ‘Miami Vice’”, und schon wechselt der Wagen seine Farbe. Der Protagonist, nur ein ordinärer Gordon Gekko der Vorstadt, wird nie das Savoir Vivre der Oberen Zehntausend haben, aber seine wahnwitzige Wortkanonaden lassen jene Proklamation “Gier ist gut. Gier ist richtig. Gier ist gesund.” als fade schnell vergessen. Belfort ist weniger Wolf als Hyäne, ein echter Proll und eigentlich armseliger Kerl, auch wenn er zuletzt Geschäfte mit den Reichen macht, seine Millionen sich auf Nummernkonten in der Schweiz stapeln.

Privat wie beruflich überschätzt er sich selbst unendlich und genau da setzt FBI Agent Patrick Denhem (Kyle Chandler, „Zero Dark City”, „Argo”) an. Er weiß, wie man solche Kandidaten aus der Reserve lockt, kennt ihre verbale Kriegsführung. Doch wer siegt am Ende? Unser schwadronierender Anti-Held sitzt keine 22 Monate im Gefängnis, und fühlt sich auch dort durchaus wohl. Alles ist käuflich, die Regel gilt im Knast ganz besonders. Für ein mildes Urteil hat er jeden verraten, der ihm je über den Weg lief. Also wieder ein formidabler Deal. Agent Patrick Denhem scheint da fast wie ein Relikt aus Frank Capras Filmen der Vierziger Jahren. Aber es gibt sie noch die Gerechten. Nur die Schwindeleien eines Belforts zu entlarven war einfach verglichen mit den Machenschaften heutiger Banker. Scorsese belohnt den FBI Agenten mit der einzigen ruhigen und poetisch atmosphärisch starken Szene, einer Fahrt mit der Subway. Öffentliche Verkehrsmittel symbolisieren für Belfort Armut par excellence.

Der Film besteht aus unzähligen kleinen Mosaikteilchen, die zusammen ein schrilles, scheußliches Sittengemälde unserer Zeit ergeben. Scorsese nimmt den Zynismus der Akteure, macht ihn zu seinem eigenen, um die Schwindler zu entlarven, schlägt sie also mit den eigenen Waffen. Hinter der grellen, lauten, kreischenden Fassade ist nichts als Leere. Man mag kein Mitleid haben mit diesen Figuren, schon gar nicht als Frau. Der eitle, klägliche Belfort, der nach 11 Sekunden Penetration sich wundert, dass seine Partnerin keinen Orgasmus hat und auch keine Lust verspürt Begeisterung zu heucheln, ist wahrlich kein Traummann. Diese Typen werden halt nur wegen ihres Geldes geliebt, weshalb auch sonst? In jener Welt dreht sich alles nur um materielle Werte, Gier, Berechnung, sind die eigentlichen Maßstäbe menschlichen Zusammenseins. Der 71jährige Scorsese schildert es mit der gleichen radikalen Kompromisslosigkeit wie Regisseur Neill Blomkamp in seinem Science Fiction Epos „Elysium”. Das Resultat: eine gnadenlose Zweiklassengesellschaft.

„Die Geschichte von Jordan Belfort erinnerte mich an eine moderne Variante von Caligula,” erklärt Leonardo DiCaprio. Er selbst hat jahrelang für dieses Projekt gekämpft, für ihn ist die Parallele mit dem römischen Kaiser, der als der verkommenste und zügelloseste der Imperatoren galt, offensichtlich. „In den späten achtziger und neunziger Jahren war Wall Street so unkontrolliert und anarchisch wie eine neue Form des Wilden Westens,” so DiCaprio, der genau wie Scorsese auch Produzent des Films ist. Seiner Meinung nach spiegelt der Protagonist den Geist dieser Epoche. Was ihn an Belfort fasziniert, “ist seine radikale Offenheit, mit der er über seine immer verrückteren Unternehmungen sprach. Er versuchte seine Gier nach Reichtum und seine Maßlosigkeit im Verprassen nicht zu beschönigen”.

Heute ist Jordan Belfort (51) erfolgreicher Motivationstrainer, seine Strategien, sein Know How als Unternehmensberater (Wealth Building Strategies) sind gefragt und werden gut honoriert. Die Biographie wurde ein Beststeller. Noch immer erhoffen sich viele von Belforts Anhängern durch seine Ratschläge wirtschaftlichen Erfolg. Der Amerikaner hat Tausende von Anlegern abgezockt, angeblich wurde erst ein Zehntel der vereinbarten Entschädigungssumme gezahlt. Ungeachtet seiner Verurteilung wegen Geldwäsche und Wertpapierbetrug soll er auch sehr illustre Firmen zu seinen Kunden zählen, so zitiert ihn die ‚Bloomberg Businessweek’, wo er angibt, dass er als Berater und Coach für Delta Air Lines, Virgin Airline und die Deutsche Bank tätig war. Nun, Informationen von ihm sind vielleicht mit Vorsicht zu genießen. Wer auf die Website von JB geht, glaubt bei Universal Pictures zu sein. Realität und Fiktion vermischen sich in gespenstischer Weise. Von Reue ist bei ihm wenig zu spüren. Sein Talent ist alles schön zu reden. Ekel, Guru oder Gangster? Alles in einer Person, und vor allem ein Kind unserer Zeit.



Originaltitel: „The Wolf of Wall Street” – Ekel, Guru oder Gangster?
Regie: Martin Scorsese
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew Mc Conaughey, Kyle Chandler
Produktionsland: USA, 2013
Länge: 179 Minuten. Verleih: Universal Pictures International Germany
Kinostart: 16. Januar

Fotos & Trailer: Copyright Universal Pictures International Germany

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