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Film

“Jung & Schön” – Wo Liebe nur stört

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(347 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 12. November 2013 um 11:04 Uhr
“Jung & Schön” – Wo Liebe nur stört 4.8 out of 5 based on 347 votes.
“Jung & Schön” – Wo Liebe nur stört

Ungewohnt behutsam inszeniert Regisseur François Ozon das Porträt einer 17jährigen Schülerin, die sich selbst zum obskuren Objekt der Begierde stilisiert. Hinreißend: Marine Vacth als geheimnisvolle “Belle de Jour”.
Wenn etwas in diesem Film zu provozieren vermag, dann jene raffiniert unspektakuläre Selbstverständlichkeit mit der François Ozon seine Geschichte erzählt und die Protagonistin ihre Entscheidungen trifft.
Sommerferien mit der Familie am Meer. Aus dem Urlaubsflirt mit einem jungen Deutschen macht Isabelle (Marine Vath) sich wenig. Sie schläft trotzdem mit ihm – für sie ist es das erste Mal. Ein Ereignis, das sie seltsam kalt lässt. Sie steht daneben, beobachtet sich selbst, so wie es sonst manchmal der kleine Bruder tut, wenn er ihr nachspioniert. Als das neue Schuljahr beginnt, richtet Isabelle eine Website ein, bietet ab 300 Euro ihre erotischen Dienste als Escort an. Das Geld versteckt sie im Kleiderschrank zwischen den Pullovern. Weder Freunde noch Familie ahnen, was sie an den Nachmittagen treibt.

Die Gründe für ihr Doppelleben? Die 17jährige kommt aus einem finanziell privilegierten Umfeld, Mutter (Geraldine Pailhas) wie Stiefvater (Frédéric Pierrot) sind verständnisvoll, vielleicht etwas zu fürsorglich. Die üblichen psychologischen Erklärungen greifen nicht. War der Auslöser jene ernüchternde Nacht am Strand? Der abwesende Erzeuger? Die Antwort zu suchen, überlässt Ozon dem Zuschauer. Er liefert Hinweise, aber die Schlüsse müssen wir selber ziehen: “Dieses junge Mädchen ist auch für mich ein Rätsel,” gesteht er. “Ich bin ihm nicht voraus, ich folge ihm einfach, wie ein Entomologe, der sich allmählich in das Lebewesen, das er beobachtet, verliebt. Isabelle bedient sich der Sehnsucht anderer, da sie ihre eigene erst noch entdecken muss.” Freiheit oder Leere? Vielleicht beides, zumindest garantiert die Vermarktung ihres Körpers der Protagonistin die erwünschte Distanz zu ihrer Umwelt.

In einer Gesellschaft, wo alle bemüht sind aufzusteigen, nimmt sie sich den Luxus heraus das Gegenteil zu tun. Das Geld rührt sie nicht an, hortet es nur. Rebellion im 21. Jahrhundert: kein radikales ostentatives Ausbrechen, sondern ein eher sanftes diskretes Aufbrechen, Ziel unbekannt. Isabelle fasziniert Erotik als Geheimnis, Gefahr, nicht als menschliche Nähe. Es geht um Macht, weniger um Sex, sie genießt die Kontrolle, die sie über Männer erlangt. Später wird sie es als “Spiel “ bezeichnen. Beim Akt selbst fühlt sie nicht viel, doch wenn sie daheim oder in der Schule daran denkt, weiß sie, sie wird es wieder tun. Ozon glaubt, “Isabelle hätte genauso gut Drogen nehmen oder magersüchtig werden können, so lange es etwas Heimliches, Verborgenes, Verbotenes ist”. Selbstfindung durch Selbstzerstörung?

Marine Vacth (23) verkörpert jenen Typ klassischer Schönheit, der uns in Sekunden verzaubert, eine Mischung aus äußerlich kühler Überlegenheit und innerer Verletzbarkeit. Sie machte als Model Karriere, es ist ihre erste Hauptrolle, aber sie hat unzweifelhaft großes Talent. Ihre Sinnlichkeit, dieses völlig natürliche betörende Lächeln steht in absurdem Gegensatz zu der, von der Rolle geforderten Indifferenz. Sie ist Verführerin und Verführte zugleich. Oft wirkt sie zerbrechlich, unglaublich jung, fast unschuldig, im nächsten Augenblick dann wieder routiniert unangreifbar, extrem selbstbewusst, diabolisch. Grade in dieser Unnahbarkeit und Widersprüchlichkeit liegt die Spannung des Films. Ozon gelingt damit das eigentlich Unmögliche: Auf die Melodramatik der Leidenschaft als Stilmittel verzichten zu können. Gefühle werden in unserer Zeit auf der Leinwand oft und in solchem Überfluss bemüht, dass am Ende subtile Zurückhaltung uns tiefer berührt als jene seelische Apokalypsen. Hier bei Isabelle scheint alles noch offen, in der Schwebe, voller Herausforderungen, kann sich in jede Richtung entwickeln. Doch vielleicht ist ihr Schicksal längst entschieden.

Der Zuschauer wartet weiter geduldig auf eine Eskalation (die nie eintritt), während Isabelle als Lea in unauffälligem Kostüm und High Heels ihre Kunden aufsucht. Dazu trägt sie nicht ohne Boshaftigkeit Mutters gute Seidenbluse. Das Metier will gelernt sein, bald kennt die Protagonistin die Regeln, gezahlt wird vorher, auf Abstand gehen, wenn jemand gewalttätig wird. Ohne Blessuren geht das nicht ab. Jeden Tag klopft sie an eine andere Hoteltür. Der rituelle Aspekt reizt sie, das Abenteuer des Unerlaubten, die Monotonie des Teenagerdaseins zu durchbrechen. Nur ein Mann unter den Freiern ist anders, George (Johan Leysen), 50 Jahre älter als sie, trotzdem attraktiv, sensibel, erotisch, er hat ein markantes, ausdrucksvolles Gesicht. Ihre Begegnungen sind einfühlsam, zärtlich. Zum ersten Mal empfindet Isabelle Nähe nicht als störend.

“Jung & Schön” ist kein Update von Vladimir Nabokovs “Lolita”(1955) und ähnelt nur entfernt an Luis Buñuels “Belle de Jour” (1967) mit Catherine Deneuve. Wenn auch der Titel des Films auf Isabelle zutrifft: im Französischen ist es eine Bezeichnung für die am Tage arbeitende Prostituierten im Unterschied zur “belle de nuit”. Dem Rhythmus der vier Jahreszeiten folgend beschreibt Ozon mit unnachahmbarer Leichtigkeit und sanfter Ironie das Coming of Age seiner Protagonistin. Jede Jahreszeit beginnt mit dem Blickwinkel eines anderen Charakters: Im Sommer Isabelles Bruder, im Herbst der Kunde, im Winter die Mutter, im Frühjahr der Vater, doch die Kamera kehrt immer sofort wieder zu Isabelle zurück. Nach “Träume” in “Tropfen auf heiße Steine” und “Message” in “8 Frauen” ist es dritte Mal, dass der Regisseur die melancholischen Chansons von Françoise Hardy wie Interpunktionen einfügt. Die Essenz jugendlicher Liebe, Schmerz, Ernüchterung, Romantik als Gegensatz zu der quälenden Emotionslosigkeit der Anti-Heldin. “Tief innen sehnt sich Isabelle danach, dieses sentimentale, idealisierte Modell von Adoleszenz anzunehmen, das sich auch ihre Eltern für sie wünschen, “ erklärt der Regisseur. “Aber sie muss sich erst selbst finden und ihren Widersprüchen stellen, bevor sie sich verlieben kann.”

In Isabelles Schule steht Arthur Rimbauds Gedicht “Roman” auf dem Stundenplan: “On n’est pas serieux, quand on a dix-sept ans”. Francois Ozon arbeitete in dieser Szene nicht mit professionellen Schauspielern, sondern vorwiegend mit Schülern. Nachdem sie das Gedicht vorgetragen hatten, bat sie der Regisseur, es für ihre Lehrerin zu analysieren, zu schildern, was sie dabei empfinden. Nichts davon stand im Skript. Er drehte die Szene wie für einen Dokumentarfilm, wollte, wie er sagt, in “Jeune & joli” “die Realität verankern”, die Meinung der Jugendliche hören, “um herauszufinden, ob sie die Welt genauso sehen wie ich, als ich 17 war”. Das Gedicht und die Chansons werden zu einer zweiten Ebene, die indirekt das Verhalten der verschlossenen, wortkargen Protagonistin kommentieren. Als Arthur Rimbaud 17 Jahre alt war, prägten Krieg und Revolution sein Leben und Werk.

George stirbt während seines Treffens mit Isabelle im Hotel an einem Herzinfarkt. Sie flüchtet. Es ist das letzte Mal, dass sie sich als Escort verdingt. Doch irgendwann steht die Polizei vor der Tür. Vor allem die Mutter ist schockiert, verletzt, kann das Verhalten ihrer Tochter nicht begreifen. Sie glaubt einer Fremden gegenüber zu stehen und vergisst dabei, dass auch sie das gegenseitige Vertrauen enttäuscht hat. Ihre Affäre mit einem anderen Mann hatte sie der Tochter gegenüber natürlich nie erwähnt, die aber schon lange davon wusste. Isabelle bricht auch jetzt ihr Schweigen nicht. Erst beim Psychiater beginnt sie zu sprechen, öffnet sie sich ein wenig. Ihre Beziehungen zu Jungens normalisieren sich. Oder spielt sie nur wieder eine Rolle? Die Erinnerung an jene Zeit als Callgirl bleibt. Am Ende taucht Charlotte Rampling als Witwe von George auf. Vielleicht wird dieses Gespräch (oder Vision?) entscheidend für die Entwicklung der Protagonistin.



Originaltitel: Jeune & jolie (Jung & Schön)
Regie/Drehbuch: François Ozon
Darsteller: Marine Vacth, Géraldine Pailhas, Frédéric Pierrot, Charlotte Rampling, Johan Leysen.
Länge: 94 Min.
Produktionsland: Frankreich, 2013
Kinostart: 14. November 2013
Verleih: Weltkino Filmverleih GmbH


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