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Film

“Das Große Heft” Oder die Parabel vom Ende der Menschlichkeit

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Geschrieben von Anna Grillet  -  Dienstag, den 05. November 2013 um 11:28 Uhr
“Das Große Heft” Oder die Parabel vom Ende der Menschlichkeit 4.8 out of 5 based on 286 votes.
“Das Große Heft” Oder die Parabel vom Ende der Menschlichkeit

Ungarn 1944. Krieg aus Sicht der Kinder. Verprügelt, gedemütigt, verhöhnt als “Hundesöhne” von der eigenen Großmutter, sehen die 13jährigen Zwillingsbrüder (András und Lázlo Gyémánt) nur einen Ausweg um zu überleben.
Mit atemberaubender Eindringlichkeit, fast erschreckender Präzision, inszeniert Regisseur János Szász ästhetisch virtuos das Coming of Age jener beiden Jungen als Allegorie auf die Folgen der barbarischen totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts. Der Film hält sich eng an seine Vorlage, den berühmten Roman der ungarisch-schweizerischen Autorin Ágota Kristóf, “Le grand cahier”.
Wie in einem alten Volksmärchen bleibt vieles vage, unbestimmt, die Akteure namenlos, es gibt den Offizier, den Schuster und die Großmutter (Piroska Molnár). Im Dorf wird sie nur “die Hexe” genannt, jeder weiß, sie hat ihren Mann vergiftet. Die Brüder sind ein scheinbar unzertrennliches “Wir”, das immer gemeinsam handelt und entscheidet. Während der Vater an die Front zurückkehrt, bringt die Mutter ihre Söhne aufs Land, glaubt sie dort in Sicherheit. Sie hätte es besser wissen müssen.

Die Zwillinge sind der Großmutter nie zuvor begegnet. Die boshaft-brutale schwergewichtige Matrone kennt kein Mitleid und außer Schlägen nur eine Regel: wer essen will muss arbeiten, hart arbeiten. Nach einer Nacht allein draußen in der Kälte packen die Jungen mit an, machen sich nützlich wo sie nur können auf dem verwahrlosten abgelegenen Gehöft nahe der streng bewachten Grenze. Sie bleiben höflich, immer eine seltsam diplomatische Antwort parat. Nichts erinnert hier oder im Dorf an die liebevolle Idylle ihrer behüteten bürgerlichen Kindheit, es ist die Hölle auf Erden. Doch die Mutter hat ihnen beim Abschied eingeschärft: Überleben und Lernen.

Die Brüder beschließen unempfindlich zu werden gegen jede Form von Gewalt oder Erniedrigung. Und so übernimmt einer den Part des Peinigers und prügelt auf den anderen ein bis zur Bewusstlosigkeit. Dann tauschen die beiden die Rollen. Unerbittlich demütigen, bepöbeln sie einander in ihren Übungsrunden, hungern, frieren, alles nur um sich abzuhärten. Mit naiv grausamer Logik planen sie ihre Zukunft, etablieren sich in einem Mikrokosmos ohne Moral, Vorbilder, ohne Ideale. Ja, die zehn Gebote kennen sie, bestätigen die Zwillinge dem Pfarrer, nur befolgt sie keiner, deshalb brauchen auch sie es nicht tun. Ihr Handeln ist ohne jeden Hass oder Emotion, rein zweckorientiert. Gefühle sind in dieser Welt nur hinderlich: “Wir müssen die zärtlichen Worte unserer Mutter vergessen, da niemand so zu uns spricht und die Erinnerung daran zu sehr schmerzt”. Und so verbrennen sie Briefe, Fotos, alles was sie bis dahin wie einen Schatz gehütet haben.

Ihre Fortschritte und Erlebnisse dokumentieren die Jungen minutiös in einem großen Heft. Einziges Kriterium zur Beurteilung der Aufsätze: sie müssen “wahr” sein. “Der Adjutant ist nett” kann nicht als Wahrheit durchgehen, weil jener Offizier vielleicht zu Gemeinheiten imstande ist, von denen sie nichts wissen: “Wir werden also schreiben: Der Adjutant gab uns Decken”. Der lakonische, streng objektive nur an Tatsachen orientierte Stil ist in seiner spröden Naivität faszinierend wie erschütternd. So wird der Krieg hautnah mit archaischer Kompromisslosigkeit geschildert, ohne dass er selbst in Szene gesetzt werden muss. Gelungen die Animation des Heftes selbst: eine skurrile Mischung aus vergilbten Fotos (wie das der Großmutter als anmutige junge Frau), alten Postkarten, Listen getöteter Tiere, gepressten Blumen, kindlich-krakeligen Zeichnungen von Vernichtungslager und Galgen, präzis-leidenschaftslos genau wie die Texte, ungelenkes Daumenkino, rührend, wären die Sujets nicht so grausig.

Die goldenbraunen Erdtöne, das leicht ausgewaschene Grün der ländlichen Wildnis in der Tradition von Andrei Tarkowski betonen das märchenhaft universelle Element der Erzählung. Unschuld ist allein Privileg der Natur. Die Zeit scheint hier stehen zu bleiben, so als würde sich niemals etwas ändern in einer Welt, in der sich alles um Macht und Gewalt dreht. Nur wenige Nahaufnahmen: Cinematographer Christian Berger (“Das weiße Band”) geht auf Distanz, auch um die Zwillinge immer beide gleichzeitig im Bild zu haben. Die wie aus Holz geschnitzten Gesichter der Dorfbewohner erinnern an die Schwarz-Weiß-Fotografien von Robert Bresson. So grausam klar die Texte sind, so rätselhaft verschwommen ist manchmal das Licht: die Gründe für die Verbitterung der Großmutter, ihre finstren Geheimnisse genau wie die Perversionen des Offiziers bleiben im Dunkel, verborgen im Schatten.

So wie sie täglich brav Diktat üben, lernen die Zwillingsbrüder lügen, stehlen, betteln, oft wollen sie nur wissen, wie es sich anfühlt, wie die Menschen reagieren. Den Pfarrer erpressen sie, doch das Geld ist nicht für sie sondern für ihre Freundin Hasenscharte (Orsolya Toth) und deren blinde, taube Mutter bestimmt. Wenn sie helfen, geschieht es nicht aus Mitleid oder Freundlichkeit, sondern weil sie es für eine existenzielle Notwendigkeit erachten. Sie werden rebellischer, selbstbewusster, können sich auch gegenüber der herrischen Großmutter behaupten. Die Jungen entwickeln ihre eigene radikale Moral fern jeder Konvention. Abscheu, Angst, oder Ekel kennen sie deshalb nicht, ihre Loyalität gehört der widerspenstigen Hasenscharte, dem jüdischen Schuster, aber auch der kranken Großmutter. Der Vater hatte sie einst gelehrt: “Wer etwas Schlechtes tut, muss dafür bestraft werden. Nur so lernt er dazu.“ Nach dieser Maxime handeln sie. Töten ist damit legitimiert. Reue oder Gnade kennen sie keine. Sie sind unbestechlich, schrecken vor nichts zurück.

János Szász und Co-Autor Andras Szeker haben die extremsten Szenen aus dem Roman nicht ins Drehbuch übernommen: “Was dem Mädchen im Film widerfährt, ist sehr hart, was bei Ágota Kristóf passiert, ist für mich unverfilmbar”, erklärt der ungarische Regisseur. Zu Recht, hier fallen die letzten Tabus. Sie gehören zu den quälendsten Momente der Lektüre. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Kinder über Missbrauch, Sadismus oder Sodomie sprechen, illustriert erschreckend in welchem Ausmaß Krieg und Armut sie innerlich zerstört haben. Doch auch der Zuschauer im Kino spürt trotzdem nur zu deutlich, wie die sexuelle Attraktion zwischen dem deutschen Offizier, der auf dem Bauernhof logiert, und den Brüdern eskaliert. Als die Mutter nach Ende des Krieges die Söhne abholen will, weigern sich die Jungen mit ihr das Land zu verlassen, sie wollen bei der Großmutter bleiben. Die Situation endet tragisch.

Die letzte und schwierigste Prüfung der Zwillinge: Die Trennung. Der ultimative Härtetest, das Aufbrechen der Zusammengehörigkeit soll sie für immer unverwundbar machen: Und so überquert ein Bruder die hermetisch gesicherte Grenze, steigt über den Leichnam des Vaters und wird von nun an in der Fremde leben, der andere kehrt zum Haus der verstorbenen Großmutter zurück.

“Einsamkeit, Exil, Entwurzlung” sind nach den Worten der Autorin “das Triptychon” ihrer Romane. Ágota Kristóf, 1935 in Ungarn geboren, floh 1956 während des Aufstands mit ihrem Mann und der vier Monate alten Tochter in den Westen, fand am Ende im Schweizer Neuchâtel eine Bleibe. Lange Zeit kämpfte sie hart ums materielle Überleben, arbeitete in Kaufhäusern oder Fabriken. Der Verlust der Heimat war auch der Verlust der Sprache. Sie begann erst spät mit dem Schreiben, über die Dialogform in Hörspielen und Theaterstücken fand sie zu der reduziert minimalistischen nüchternen Prosa mit der sie 1986 erst in Frankreich, dann auch in Deutschland über Nacht berühmt wurde.

“Das große Heft” ist der erste Band einer Trilogie über jene Zwillingsbrüder, deren unbarmherzigen Blick nichts entgeht, und die alles was sie erleben, sofort niederschreiben. In “Der Beweis” (1989) und “Die dritte Lüge”(1993) haben sie die anagrammatischen Namen Claus und Lucas, gelten als Alter Ego der Autorin, Spiegel ihrer inneren Zerrissenheit zwischen Ost und West. “Nur wenn man schreibt, lebt man wirklich” soll die Schriftstellerin einmal gesagt haben. Sie ist selbst in so einem kleinen ungarischen Dorf nahe der Grenze zu Österreich aufgewachsen. Dem Krieg folgte der Stalinismus. Der Vater wird verhaftet und verschwindet für Jahre im Gefängnis. Es sei kein autobiographischer Roman, wird Ágota Kristóf später oft in Interviews erklären, aber sie sei “darin enthalten”. Am 27. Juli 2011 starb die Schriftstellerin.

Grandios die schauspielerische Leistung von András und Lázlo Gyémánt, sie haben genau jene Mischung aus Charisma, Cleverness, stoischem Trotz, Härte und moralischer Sensibilität, die ihre Rolle erfordert. Zwei Jungen, deren Kindheit abrupt geendet hat, und die entschlossen sind, um jeden Preis zu überleben.Die Brüder Gyémánt stammen aus einer sehr armen Region Ungarns, kommen, wie der Regisseur sagt, aus “schwierigen Verhältnissen. Harte körperliche Arbeit gehört zu ihren täglichen Erfahrungen. Ich musste ihnen nicht erklären, was ein schweres Leben ist, das wussten sie besser als ich. Sie kennen jeden Aspekt dieses Lebens aus eigener Erfahrung.”  





Originaltitel:  A nagy füzet 
Regie: János Szász 
Darsteller: András Gyémánt, Lázlo Gyémánt, Piroska Molnár, Ulrich Matthes, Orsolya Toth, Ulrich Thomsen  
Länge:  112 Min.  
Produktionsland: Ungarn, Deutschland
Kinostart: 7. November 2013 
Verleih Pfiffl Medien GmbH  Arne Höhne

Romanvorlage  Originaltitel: Le grand cahier, 1986  Autorin: Ágota Kristóf Rotbuchverlag: ISBN 978-3-86789-178-3 gebunden, 159 Seiten.

Fotos & Videos Header/Galerie: Copyright Piffl Medien

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