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Film

Wenn der Zuschauer zum Komplizen werden soll: “Trance – Gefährliche Erinnerung”

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Geschrieben von Anna Grillet  -  Mittwoch, den 07. August 2013 um 09:00 Uhr
Wenn der Zuschauer zum Komplizen werden soll: “Trance – Gefährliche Erinnerung” 4.9 out of 5 based on 407 votes.
Wenn der Zuschauer zum Komplizen werden soll: “Trance – Gefährliche Erinnerung”

Mit “Trainspotting”, “Slumdog Millionaire”, “127 Hours” avancierte Danny Boyle zum Kult-Regisseur.
Sein Grundsatz: Jeder Film ein anderes Genre. In dem raffiniert rasanten Neo-Noir-Thriller “Trance” lehrt er die hohe Kunst der Manipulation.

Raubüberfall auf das Londoner Auktionshaus Delancy`s, Francisco de Goyas legendäres Gemälde “Flug der Hexen” verschwindet spurlos. Was wie ein scheinbar gewöhnliches Heist-Movie beginnt, entwickelt sich innerhalb von Sekunden zum dramatischen bizarren Psychothriller.

Simon (James McAvoy), Auktionator und Charmeur, wird von den Gangstern zusammengeschlagen. Aus aus dem Koma erwacht, feiern ihn die Medien als Helden. Was nur wenige wissen: Simon hat eine Schwäche für Poker, dementsprechend hohe Spielschulden und war Komplize der Kunsträuber. Doch er hat heimlich das wertvolle Bild für sich beiseite geschafft. Problem: Er entsinnt auf Grund seiner Verletzung nicht mehr, wo er es versteckt hat. Franck (Vincent Cassel), Chef der Bande, ist jedes Mittel Recht, um an den Goya heran zu kommen und Simon eine Lektion zu erteilen, aber nach einigen erfolglosen Versuchen muss er einsehen, bei einer Amnesie nützt auch die grausamste Folter nicht. Einzige Lösung: Hypnose.

“Trance” ist das Gegenstück zu Christopher Nolans surrealistischem Cyber-Epos “Inception”. Was dort logisch durchkonstruiert ist, inszeniert Danny Boyle mit frappierender Leichtigkeit als vermeintlich unbeherrschbaren atemberaubenden Bilderstrom. Die Jagd nach Tätern, Geheimnissen, möglichen Erklärungen führt in erbarmungslosem Tempo durchs labyrinthische Handlungsgeflecht. Immer neue Twists, Windungen, Abzweigungen, Flashbacks, jedes Bild ist trügerisch, kann eine falsche Fährte sein oder das entscheidende Puzzleteil. Simon spricht vom ersten Moment den Zuschauer direkt an, blickt grade in die Kamera, schaut uns in die Augen wie einem Komplizen, kumpelhaft, vertraulich, etwas dreist. Amnesie als zentrales Thema hat Tradition: Alfred Hitchcock (“Spellbound”, 1945) und Otto Preminiger (“Whirlpool”, 1949) entdeckten schon früh Sigmund Freud als Lehrmeister fürs Unbewusste.

Rosario Dawson spielt die Therapeutin Elizabeth, die Simon durch Hypnose helfen soll, sich an das Versteck des Diebesgutes zu erinnern. Schwierig, wenn man eigentlich nicht sagen darf, was man sucht. Die ausgeklügelten Pläne der Gangster geraten etwas kläglich. Elizabeth durchschaut sie schnell, verlangt einen Anteil von der Beute. Die Nebenfigur bewegt sich vom Rand der Handlung weg ins Zentrum, hat bald alle Fäden in der Hand. Manipulation ist ihr eigentliches Metier. Wer hier welche Rolle spielt, wird immer unklarer. Die Analytikerin arbeitet sich in Simons Vergangenheit vor. Der Arme verliert fast Herz und Verstand, auch Franck verfällt der mysteriösen Femme Fatale. Die Spannung lässt nie nach. Traum und Realität vermischen sich immer mehr, die verschiedenen Ebenen lösen sich auf. Selbst der Zuschauer glaubt langsam Kontrolle wie Überblick zu verlieren, kann kaum noch unterscheiden, was er gesehen hat, oder glaubt gesehen zu haben. Jede Spur führt in die Irre, oder doch nicht?

Dies ist wahrlich kein klassisches Gaunerstück, mehr ein ästhetisch virtuoser, schwindelerregender bonbonfarbener Höllentrip durch Vergangenheit und Gegenwart. Ironisch, cool, stylish, brutal, grandios fotografiert von Anthony Dod Mantle (“Slumdog Millionaire”, “Antichrist”). Exzentrische Kompositionen, verzerrte Bildausschnitte, schräge Blickwinkel wie im Avantgardekino der 20iger Jahre, hyper-saturierte Farben, schnelle Cuts, verwirrende Spieglungen, futuristischer Design. Im Gegensatz zu manch anderem Independent-Film endet ‘Trance’ nicht als ambitionierte visuelle Stilübung. Seine Stärke ist die komplexe Erzählstruktur, der verblüffende Einfallsreichtum. Das Drehbuch schrieben Joe Ahearne und John Hodge.

Sein Film “Trance” und Goyas Ölgemälde “Flug der Hexen” (1797/98) ergänzen sich nach Ansicht von Danny Boyle perfekt. “Goya gilt als Vater der modernen Kunst, weil er in die Psyche, die Seele eintrat,” so der britische Regisseur. Autor John Hodge erklärt: “Es ist eine starke offene Gewalt in Goyas Arbeit, und das passte zu der Story. ‘Flug der Hexen’ vermittelt das Gefühl von übernatürlicher Kontrolle, die über allem schwebt. Alle drei Akteure, zu verschiedenen Momenten der Geschichte agieren außerhalb ihres eigenen Willens. Alle drei Akteure, zu verschiedenen Momenten der Geschichte sind gefangen in Situationen, wo man das Gefühl hat, Geister schweben über ihnen.”

Produktionsdesigner Mark Tildesley ist fasziniert, wie der Symbolismus des Bildes den Unterton von “Trance” trifft: “Es ist ein exotisches, sonderbares Gemälde von einem Menschen der von drei Hexen mit hohen Hüten hochgehoben wird. Sie steigen in die Luft, wie in einem Traum. Unten bleiben drei Kreaturen. Eine Person, die sich in Agonie windet, ein Esel, der den Wahnsinn oder die Torheit symbolisiert und ein Mann, der davon rennt, eine Decke über dem Kopf.” Genau dieser Mann erinnert Regisseur Boyle an James McAvoy in der Rolle des Simon.

 

(ca. 6.00 Min.) B-Roll


Originaltitel: Trance
Regisseur: Danny Boyle
Darsteller: James McAvoy, Vincent Cassel, Rosario Dawson
Herstellungsland: Großbritannien
Länge: 101 Minuten
Kinostart: 8. August 2013
Verleih: Twentieth Century Fox

Fotos/Video: © 2013 Twentieth Century Fox

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