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Film

"The Grandmaster" – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

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(387 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 17. Juni 2013 um 13:54 Uhr
"The Grandmaster" – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 4.6 out of 5 based on 387 votes.
The Grandmaster

Gesamtkunstwerk oder Blockbuster: Wong Kar-Wais melancholisches Martial-Arts-Epos verwirrt, fasziniert, bleibt unvergesslich.
Der Film erzählt vom Leben zweier Kung-Fu-Meister im China der 1930er-Jahre, von Verrat, Ehre, Liebe und Krieg. Inspiriert wurde Wong Kar-Wai zu “The Grandmaster” durch den legendären Wing Chun Lehrer Yip Man, der als Mentor von Bruce Lee gilt. Den Protagonisten spielt wie in “2046” und “In the Mood for Love” wieder Tony Leung Chiu-Wai. Als Yip Man ist er Erzähler und Chronist zugleich. “Kung Fu – zwei Worte, waagerecht und senkrecht. Nur der gewinnt, der stehenbleibt. Stimmst Du mir zu?” Der Zuschauer wird direkt angesprochen und am Ende der 123 Minuten soll er eine Entscheidung treffen. Regisseur Wong Kar-Wai, ein Virtuose der Abstraktion, geht es weniger um Körperbeherrschung oder Selbstverteidigung, sondern um die Philosophie und Ethik der Kampfkunst.

Wenn YiP Man mit weißen Panama Hut sich bei strömenden Regen im schummrigen Dunkel eines Hinterhofs gegen die Übermacht seiner Angreifer wehren muss, reißt jeder seiner Schritte das Wasser mit sich: es steigt langsam empor zu schwarz schillernden Fontänen, stürzt dann zurück in zögernden Kaskaden. Die Zeit wird sichtbar. Keiner beherrscht die Inszenierung von Slow Motion und den rasanten Wechsel von Perspektiven wie Wong Kar-Wai. Er habe Bilder sprechen hören wie bei einem Gedicht, gestand Jean-Luc Godard, als der chinesische Regisseur 1997 in Cannes für “Happy Together” den Regiepreis erhielt. Peitschender Regen, sanft schwebende Schneeflocken, zersplitterndes Glas werden zur persönlichen Aura der Akteure, enge Räume und weite Landschaften zum Spiegel ihrer Gefühle. Sie visualisieren wie bei “In the Mood for Love” von Anfang an ein tief melancholisches Lebensgefühl.

1936 lebt Yip Man mit seiner Frau und den beiden Töchter in Foshan (Guangdong), Südchina. Er kommt aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, gilt als unbesiegter Meister der Kampfkunst. Über seine grazile Ehefrau Zhang Yong-Chen (Song Hye-kyo) sagt der Protagonist: “Sie wusste um die Macht der Worte und sprach wenig. Wir verstanden uns ausgezeichnet.” Im “Gold Pavillon”, einem prunkvollen Bordell, “das erste mit einem Fahrstuhl”, treffen sich täglich die Vertreter der Kampfkunst. Großmeister Gong Bao-Sen (Wang Qing-Xiang) reist an, um offiziell seinen Rücktritt als führender Vertreter der Kampfkunstschulen Nordchinas zu erklären. Das Zeremoniell verlangt, dass Gong sich zum Abschied mit dem besten Kämpfer aus dem Süden misst. Yip Man gewinnt, doch die Tochter seines Gegners, Gong Er (Zhang Zi-Yi), fühlt sich durch die Niederlage gedemütigt und fordert ihn zum Duell heraus um die Familienehre zu verteidigen.

Jener Kampf ist der Beginn einer großen Liebe, die immer unerfüllt bleiben wird, wie könnte es anders sein bei Wong Kar-Wai. Yip Man und Gong Er schweben, stürzen, gleiten durch die engen Räume voll kostbaren Zierrats, die Treppen hinauf und hinunter. Es ist ein Taumel der Gefühle, doch voller Präzision, Grazie und von schmerzhafter Schönheit. Jeder Schlag, jeder Sprung wird zum zärtlichen Werben um Gunst und Respekt des Anderen. Dann plötzlich spaltet sich eine Holzstufe unter dem Gewicht von Yip Man, er hat verloren und wünscht sich von nun an nichts sehnlicher, als wieder gegen Gong Er antreten zu können. Sie bleiben in Kontakt, in ihren formellen zaghaften Briefen versuchen beide ihre Empfindungen zu verbergen, sie verbindet eine fast existenzialistische Resignation. Und so sind auch ihre Rollen angelegt.

Im Jahr darauf bricht im Norden Chinas der Krieg mit Japan aus. Invasion, Besatzung: Yips Töchter sterben, er verliert sein Vermögen, flieht nach Hongkong, seine Frau bleibt zurück, er wird sie nie wiedersehen. Nur mit wenigen kargen Worten aus dem Off werden die Ereignisse kommentiert. “The Grandmaster” ist kein nostalgischer Genre-Mix aus Kriegsdrama, Liebesfilm, Action-Epos oder gar Bio Pic. Wong Kar-Wai hat seine eigene unverwechselbare Sprache. Die fragmentarische Erzählstruktur einer Collage aus Erinnerungen, Episoden und flüchtigen Impressionen diktiert den Rhythmus. Die Kampfszenen zelebriert der Regisseur als poetische Bewegungsstudien, symbolische Begegnungen. Die Liebe verdrängt die Außenwelt von der Kinoleinwand. Krieg, Untergang, Armut, die Sehnsucht ist stärker. Wong Kar-Wai rekonstruiert keine historischen Abläufe, er greift einzelne Momentaufnahmen heraus, verzichtet bewusst auf dramatische Zuspitzungen. Stimmung statt Spannung. Feuer, Rauch, Nebel sind seine Metaphern für Gewalt und Tod. Die Bilder von Kameramann Philippe Le Sourd zeugen von der verstörender, düstrer, delikater Schönheit. Butterfarbenes Sepia, ausgewaschene, fast monochrome Farben. Jede Einstellung ein Gemälde.

Ma San (Zhang Jin), designierte Nachfolger des Großmeisters Gong kollaboriert mit den Japanern und tötet im Streit seinen ehemaligen Lehrer. Gong Er schwört Rache für ihren Vater. Sie verweigert sich dem Fortschritt, nur die Tradition zählt für sie, der Ehrenkodex ihrer Vorfahren. Sie fordert Ma San zum Kampf heraus. Ihre Entscheidung bedeutet, dass sie nicht heiraten kann, kinderlos bleiben wird. Stattdessen praktiziert sie als Ärztin. Entsagung, Verzicht macht sie zu ihrem Schicksal. 1952 treffen sich Gong Er und Yip Man in Hongkong. Zum ersten Mal gesteht sie ihre Liebe, aber nur um sich für immer zurückzuziehen. Im Opiumrausch wird die Vergangenheit wieder Gegenwart und sie das kleine pummelige Mädchen, das im tief verschneiten Garten jene gefährlichen Kampfbewegungen übt, die ihr Vater nie jemandem anvertrauen wollte. Yip Man unterrichtet in einer Kung-Fu Schule. Einer seiner Schüler ist ein gewisser Bruce Lee.

Wong Kar-Wai verbindet Kompositionen von Umebayashi Shigeru mit Titeln, die an westliche Kultur- und Kinomythen erinnern sollen. “Stabat Mater Dolorosa” von Stefano Lentini, “The Chase” von Bruno Coulais aus Mathieu Kassovitz’ “The Crimson Rivers”, Ennio Morricones “Deborah’s Theme” und “La Donna Rustica” aus dem Gangster-Epos “Es war einmal in America”. Auch dort bei Sergio Leone geht es um eine unerfüllte Liebe, verlorene Zeit und einen einsamen melancholischen Helden. Ansonsten könnten die beiden Filme nicht verschiedener sein.

“The Grandmaster” ist eine Hommage an alle jene, die ihre Heimat verloren haben genau wie einst Wong Kar-Wai.

 

(ca. 2.58 Min.) Erinnerungen an die Kindheit
 


Originaltitel: Yi Dai Zong Shi Regie: Wong Kar-Wai, 123 Minuten
Darsteller: Tony Leung Chiu Wai, Zhang Ziyi, Wang Qing-Xiang, Song Hye-kyo
Produktionsland: Hongkong, China, Frankreich
Verleih: Wild Bunch Germany GmbH
Kinostart: 27.06.2013 

Fotos/Video Copyright: Wild Bunch Germany GmbH

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